Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem 48. Historikertag

Sehr geehrter Herr Professor Plumpe,

sehr geehrter Herr Lautzas,

sehr geehrter Herr Professor Markschies,

sehr geehrte Frau Professorin Spiegel,

sehr geehrter Herr Botschafter,

sehr geehrter Herr Staatssekretär Schmitz,

meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, gemeinsam mit Ihnen den 48. Deutschen Historikertag in Berlin eröffnen zu können. Als Physikerin ist es mir ja nun wirklich nicht in die Wiege gelegt worden, einmal am größten geisteswissenschaftlichen Fachkongress Europas teilzunehmen. Insofern weiß ich, dass Sie, die Mitglieder des Historikerverbandes, Ihr diesjähriges Motto „Über Grenzen“ sehr ernst nehmen. Zudem sind amtierende Regierungschefs als Festredner auf Historikertagen eher selten. Der letzte vor mir war Helmut Schmidt. Er eröffnete 1978 den 32. Deutschen Historikertag in Hamburg; und das ist bereits Geschichte – ob neueste oder neuere.

Ich fühle mich deshalb sehr geehrt, hier sprechen zu dürfen. Aber ich bin natürlich auch vorgewarnt, denn aus Sicht der Historiker bedürfen auch Politikerreden immer einer kritischen Prüfung und Einordnung. Andererseits ziehen Historiker auch manchmal den Verdacht auf sich, im Nachhinein immer klüger zu sein. Deshalb stehe ich einigermaßen selbstbewusst hier.

Einer der Großen Ihres Fachs, der 2006 verstorbene Reinhart Koselleck, war der Ansicht, es sei die Hauptaufgabe eines Historikers – ich zitiere –, „zunächst einmal davon auszugehen, dass immer alles anders war als gesagt“. Das klingt im ersten Moment kritisch gegenüber allen, die etwas sagen oder tun, das später als historisch relevant angesehen wird. Doch er hat noch eine zweite goldene Regel formuliert, dass nämlich – ich zitiere noch einmal – „alles immer anders ist als gedacht“. Ich glaube, an diesem Punkt unterscheiden sich geisteswissenschaftliche und naturwissenschaftliche Methodik im Kern nicht voneinander. Reinhart Koselleck forderte zu Recht eine professionelle Skepsis, die wissenschaftliches Selbstbewusstsein mit Selbstkritik verbindet. Das könnte ich als Naturwissenschaftlerin unterschreiben; und es sollte auch permanent Einzug in das politische Handeln finden – aber aller bitte.

Das Faszinierende an der Geschichtswissenschaft ist für mich, dass man sich die Handlungsspielräume früherer Akteure vergegenwärtigen kann. Historiker können Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln nachzeichnen. Auf diese Weise gelangen sie zu neuen Einsichten und erschließen auch immer wieder neue Quellen.

Nun gab und gibt es in Ihrem Fach, wie in anderen Fächern auch, immer wieder Diskussionen über Methoden und Herangehensweisen. In diese Diskussionen mische ich mich heute natürlich nicht ein. Wenn ich aber eine Parallele zu meinem alten Fachgebiet ziehen darf: Max Planck oder Lise Meitner und Otto Hahn haben ihre bahnbrechenden Erkenntnisse nicht als Mitglieder einer zentral gesteuerten Forschergruppe erzielt. Aber sie haben als Forscher von den Bedingungen profitiert, die ihnen gewährt wurden. Ich glaube, auch in den Geisteswissenschaften können große Werke und echter Erkenntnisgewinn nur begrenzt geplant und zentral strukturiert werden. Am Ende ist es doch meist eine unabhängige Forscherpersönlichkeit, die neue Erkenntniswege aufzeigt. Das kann in verschiedenen Formen sein, etwa in Spezialstudien, die zum Meilenstein eines Forschungsgebiets werden, oder – wofür Nichthistoriker dann auch dankbar sind – in Form von Überblicksdarstellungen, die auch von Nichthistorikern mit Genuss und Gewinn gelesen werden.

Meine Damen und Herren, es ist eine Binsenweisheit, dass die Beurteilung historischer Ereignisse oft leichter fällt, wenn sie eine gewisse Zeit zurückliegen, wenn Quellen gesichtet werden konnten und verschiedene Zusammenhänge immer deutlicher zutage treten. Ich finde es faszinierend, genau solch einen Vorgang besonders angesichts der Jubiläen in diesem und im letzten Jahr miterleben zu können, nämlich den Übergang von Gegenwart in Zeitgeschichte. Wir alle sind ja wahrscheinlich glückliche Menschen, weil wir nicht nur auf interessante historische Ereignisse zurückblicken können, sondern weil wir auch in unserem Leben mit Sicherheit interessante historische Ereignisse erlebt haben. Im vergangenen Jahr haben wir auf vielen Veranstaltungen 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland und den 20. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Es waren für uns alle sicherlich bewegende Momente.

Am 9. November 2009 hatte ich die Gelegenheit, mit den Vertretern der Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie der Vereinigten Staaten von Amerika und Russlands vor dem Brandenburger Tor der historischen Ereignisse vor 20 Jahren zu gedenken. Besonders berührt hat mich, dass viele gekommen waren, die damals Geschichte mit geschrieben haben. Stellvertretend möchte ich Lech Wałęsa, Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher nennen.

Bereits am Nachmittag des 9. November bin ich gemeinsam mit vielen ehemaligen Oppositionellen und Zeitzeugen noch einmal den Weg über die Bösebrücke von Ost- nach West-Berlin nahe der Schönhauser Allee gegangen. Dort, am Grenzübergang Bornholmer Straße, fiel vor 20 Jahren der erste Schlagbaum, nachdem die DDR-Bürger Herrn Schabowski beim Wort genommen hatten. Das Wort Freiheit hatte damals eine sehr konkrete Bedeutung; es hatte vor allen Dingen eine konkrete Kraft, gegen die das Politbüro ebenso machtlos war wie die befehlshabenden Soldaten.

Im Mittelpunkt dieses Jubiläumsjahres steht natürlich der kommende Sonntag, an dem wir 20 Jahre Deutsche Einheit feiern werden. Seit Jahren beklagen ja viele zu Recht eine um sich greifende verfehlte DDR-Nostalgie. Vor den Feierlichkeiten waren vor allem wieder Stimmen lautstark vernehmbar, denen zufolge der ganze Einigungsprozess falsch angepackt worden sei. Interessanterweise verstummt dieses Gemurmel, je mehr seriöse Erinnerungsarbeit geleistet und je vernehmbarer die Stimme der zeitgeschichtlichen Forschung wird.

Es sind viele wichtige Bücher zur friedlichen Revolution 1989 und zur Wiedervereinigung 1990 erschienen. Sie schildern nicht nur die Ereignisse vor 20 Jahren, sondern auch deren Vorgeschichte und Ursachen. Es kommt mir so vor, als ob wir nunmehr einen klareren Blick auf diese wichtige Phase unserer Nation haben. Deshalb möchte ich Ihnen, den Historikern, den Geschichtslehrern und auch den vielen Ausstellungsmachern und Museumsmitarbeitern in Deutschland für Ihre Arbeit rund um das Doppeljubiläum im vergangenen und in diesem Jahr ganz herzlich danken.

Die Ereignisse werden einerseits langsam Geschichte. Andererseits treten die Fakten und ihre weitreichende Bedeutung deutlicher zutage. Heute zum Beispiel ist sehr deutlich, dass der Staatsvertrag, in dem die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion festgeschrieben wurde, nicht nur enorme Veränderungen für die Länder der damals noch bestehenden DDR mit sich brachte, sondern auch eine gesamtdeutsche Zäsur bedeutete. In ihm wurde zum ersten Mal die Soziale Marktwirtschaft staatsrechtlich als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung für ganz Deutschland festgeschrieben. Jetzt, 20 Jahre später, geht es ja um die praktische Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft.

Ich sprach vorhin davon, wie faszinierend es ist, mitzuerleben, wenn bewegende Ereignisse langsam Geschichte werden. Nicht minder herausfordernd – das darf ich mit Blick besonders auf meine Arbeit der letzten zwei Jahre sagen – ist es, wenn man mittendrin in historischen Prozessen steckt. So ist die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise sicherlich auch ein historisch einschneidendes Ereignis, aber eben noch lange nicht Geschichte. Sie ist noch nicht überwunden, denn es muss national wie international noch viel getan werden, um die Krise tatsächlich hinter uns zu lassen und – noch viel wichtiger – aus ihr die richtigen Lehren für die Zukunft zu ziehen. Das heißt, die Soziale Marktwirtschaft braucht Regeln und einen Staat, der ihre Einhaltung durchsetzt.

In der Sozialen Marktwirtschaft ist der Staat der Hüter der Ordnung. Davon waren die geistigen und politischen Väter der Sozialen Marktwirtschaft überzeugt. Deswegen haben sie auch viel über gesellschaftliche Fragen nachgedacht. Die Finanz- und Wirtschaftskrise zeigt einmal mehr, wie Recht sie hatten. Zwar war das Krisenmanagement diesmal erfolgreicher als bei der Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren, denn wir haben die Lehren von damals beherzigt und konnten die Erschütterungen weitgehend abfedern. Doch der Preis, den wir alle dafür zahlen müssen, ist hoch. Auch Staatsschulden schlagen mit Zins und Zinseszins zu Buche; das engt künftige Handlungsspielräume schmerzhaft ein.

Die Notwendigkeit, einen neuen globalen Ordnungsrahmen für die Finanzmärkte zu schaffen, ist nur ein Aspekt des Strukturwandels, den wir gegenwärtig zu meistern haben – und auch nur ein Aspekt der zukünftig erforderlichen globalen Zusammenarbeit in sehr vielen Fragen. Eine zweite Aufgabe von durchaus historischer Bedeutung ist die dauerhafte Stabilisierung unserer öffentlichen Haushalte. Es geht dabei nämlich um mehr als einen ehrgeizigen Sparkurs. Es geht darum, die volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Substanz so zu stärken, dass wir in Deutschland den demografischen Wandel und den verschärften globalen Wettbewerb bewältigen können und dabei unseren Wohlstand nicht aufgeben müssen.

Wirtschaftskrisen sind Zeiten der Bewährung – und es sind Zeiten der Korrekturen. Deshalb verstehe ich diese Krise als Chance. Es steht die Frage im Raum: Wo stehen wir? Zur Beantwortung brauchen wir, glaube ich, nicht nur einen Blick auf Zahlen, Statistiken und Prognosen. Auch eine historische Einordnung hilft. Sie, lieber Herr Professor Plumpe, haben mit Ihrem Buch „Wirtschaftskrisen: Geschichte und Gegenwart“ gezeigt, was und wie man das beurteilen kann. Darin schreiben Sie etwas, was auf den ersten Blick erstaunlich ist. Sie schreiben nämlich, dass Wirtschaftskrisen unvermeidlich zur modernen Wirtschaft gehören und sie für Fortschritt und Entwicklung sogar wichtige Funktionen erfüllen. Dass eine solch wissenschaftliche Bewertung nicht zynisch werden muss, wie man vielleicht auf den ersten Blick denken mag, wird an den Schlussfolgerungen deutlich. Denn es geht nicht darum, sich einfach mit einem normalen zyklischen Auf und Ab der Konjunktur abzufinden, sondern es geht in der Konsequenz darum, dass sich Staaten nicht verleiten lassen dürfen, sich Wirtschaftswachstum über Schulden erkaufen zu wollen. Ich glaube, Herr Professor Plumpe, Sie haben aus historischer Perspektive ein wichtiges Fazit für wirtschaftspolitisches Handeln in der Gegenwart und in der Zukunft gezogen.

Meine Damen und Herren, eingedenk sowohl der aktuellen politischen Herausforderungen als auch der historischen Ereignisse vor 20 Jahren war es sicherlich eine gute, um nicht zu sagen, eine notwendige Wahl, Berlin, die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands, als Konferenzort für den Deutschen Historikertag zu wählen. Das lässt sich ebenso zur Humboldt-Universität als idealem Gastgeber sagen, denn schließlich gilt die 1810 gegründete Berliner Hochschule noch heute als Vorbild moderner Universitäten. – Herr Professor Markschies war bezüglich seiner Wünsche an die verschiedenen staatlichen Institutionen heute sehr zurückhaltend, was vielleicht dem Grußwort geschuldet war. – Darüber hinaus ist die Humboldt-Universität ebenso wie die Stadt Berlin untrennbar mit dem Namen Leopold von Rankes verknüpft, einem der Gründerväter der modernen Geschichtswissenschaft.

Ich freue mich darüber, dass die Humboldt-Universität den Historikertag in ihr Festprogramm zu ihrem 200. Gründungsjubiläum aufgenommen hat. Ebenso freut es mich, dass die Vereinigten Staaten von Amerika das diesjährige Partnerland des Historikertages sind. Die Rolle der Vereinigten Staaten, besonders in den Monaten, in denen die deutsche Wiedervereinigung verhandelt wurde, bleibt für uns Deutsche unvergessen.

Meine Damen und Herren, ich bin davon überzeugt, dass man aus der Geschichte lernen kann, wenn man sie nur ehrlich genug befragt und Ähnlichkeiten wie Unterschiede zur Gegenwart herausarbeitet. Weil das so ist, kann ich es nur begrüßen, dass Sie den Historikertag gemeinsam mit Geschichtslehrern abhalten. Deren Arbeit an den Schulen ist von überragender Bedeutung. Kindern Geschichte nahe zu bringen, ist wesentliche Voraussetzung für eine gelingende Zukunft. – Was ich dazu aber heute gehört habe, kann mich noch nicht ganz beruhigen. Das gebe ich aber an Herrn Schmitz zurück; dafür muss er sorgen, das ist nämlich Ländersache. –

Wir brauchen nicht nur als Menschen eine persönliche Geschichte. Wir brauchen auch als Nation Geschichtsbewusstsein – das Wissen, wie es gewesen ist und warum es so gewesen ist. Nur dieses Verständnis von uns selbst verleiht uns die nötige Kraft, im Wortsinne selbstbewusst in die Zukunft zu blicken, sie zu gestalten, Dinge zu verändern und als Gesellschaft integrativ zu sein.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen anregenden, Gewinn bringenden Kongress, von dem wir alle profitieren können. Herzlichen Dank dafür, dass ich heute hier sein durfte.