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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Festaktes „25 Jahre Deutsches Historisches Museum“

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 23. Oktober 2012
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrter Herr Professor Koch,
sehr geehrter Herr Professor Stolte,
sehr geehrter Herr Professor Stölzl,
sehr geehrter Herr Staatsminister Neumann,
sehr geehrter Herr Vizepräsident des Deutschen Bundestages,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

Auftrag und Anspruch eines jeden historischen Museum ist es, Vergangenes zu erschließen und dessen Bezüge zur Gegenwart lebendig zu vermitteln. Nicht anders verhält es sich beim Deutschen Historischen Museum. Es überzeugt viele mit vorbildlichen Ausstellungen, modernen Präsentationen, anspruchsvollen Veranstaltungen. Auch die eigene Geschichte dieses Hauses erzählt dabei viel über unser Land inmitten Europas.

Am 28. Oktober 1987 – es wurde uns eben sehr plastisch geschildert – wurde die Urkunde zur Gründung des Deutschen Historischen Museums unterzeichnet. Das Datum hatten Bundesregierung und der West-Berliner Senat mit Bedacht gewählt. Berlin feierte sein 750-jähriges Bestehen und das Deutsche Historische Museum galt als Geburtstagsgeschenk des Bundes.

Das Reichstagsgebäude bot einen würdigen, aber auch denkwürdigen Rahmen für die Gründungsvereinbarung. Nur wenige Meter von diesem Schauplatz der Geschichte entfernt verlief die Berliner Mauer. Die Teilung Berlins, Deutschlands und Europas schien damals noch für viele Jahrzehnte fest zementiert zu sein. Dass schon bald ein gesamtdeutsches Parlament in den Reichstag einziehen sollte, war kaum vorstellbar – ich vermute, nicht einmal für Bundeskanzler Helmut Kohl. Doch er war jemand, der sich stets dem Ziel der Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands verpflichtet sah, zu der das Grundgesetz das gesamte deutsche Volk auch aufforderte.

Die geteilte Stadt war Helmut Kohl Mahnung. Bereits in seiner Regierungserklärung im Mai 1983 machte er deutlich: „Berlin ist keine Stadt wie jede andere. Die geteilte Stadt ist Symbol der deutschen Frage. Berlin ist eine nationale Aufgabe.“ Daraus leitete er auch seine Fürsprache für ein Deutsches Historisches Museum ab und konkretisierte dessen Bau als „nationale Aufgabe von europäischem Rang“.

Zweifellos war für ihn das Bauvorhaben in der Mitte Berlins unweit der Mauer mit dem Bekenntnis zur Einheit Deutschlands und Einigung Europas verbunden. Doch sein Anliegen, mit dem Museum das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen in Ost und West zu beleben, rief auch etliche Skeptiker auf den Plan.

Kaum ein Museum erlebte eine solch breite und heftige öffentliche Kontroverse um seine Existenzberechtigung und seine Aufgabe – Herr Stölzl hat es uns eben auch gesagt. Die einen befürchteten eine staatlich gesteuerte Ausstellungskonzeption, die anderen warnten vor einer Geschichtsschreibung mit reaktionärer Tendenz. Beide Positionen kann man sich noch ungefähr vorstellen.

Wie anders waren doch die Voraussetzungen für das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Es war 1852 entstanden. Der Ruf nach Einheit in Freiheit von 1848/49 hallte noch nach und befeuerte die Sehnsucht nach einem Nationalstaat. So diente das Germanische Nationalmuseum zunächst auch dazu, deutsche Identität überhaupt erst sichtbar zu machen.

Auf das Engagement für ein Deutsches Historisches Museum hingegen fiel ein völlig anderes Licht. Inzwischen waren Deutschlands dunkelste Geschichtskapitel geschrieben. Zwei verheerende Weltkriege und der Zivilisationsbruch der Shoah waren von Deutschland ausgegangen. Darauf sollte in der alten Bundesrepublik der Historikerstreit Mitte der achtziger Jahre Bezug nehmen.

Auch und gerade vor diesem Hintergrund erwies sich die konsequent europäische Ausrichtung des Deutschen Historischen Museums als Schlüssel zum Erfolg als international anerkannte Einrichtung. Die tiefe Überzeugung, dass zur deutschen Identität immer auch die europäische Bestimmung gehört, bringt das Gründungsprogramm von 1987 auf den Punkt. Demnach dient das Deutsche Historische Museum „der Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Europäern“.

Wie sehr und wie eng deutsche und europäische Entwicklungsgänge zusammenhängen, sollte sich schließlich auf eindrucksvolle und einzigartige Weise in den Umbrüchen der Jahre 1989/90 zeigen. Denn die Wiedervereinigung unseres Landes war nicht denkbar ohne europäische Einigung. Helmut Kohl – wir erinnern uns alle – pflegte hierbei stets von zwei Seiten ein und derselben Medaille zu sprechen.

Der Fall der Mauer brachte auch die ursprünglichen Pläne für einen Museumsneubau zu Fall. Das Deutsche Historische Museum zog schließlich ins Zeughaus Unter den Linden ein. Allein diese Tatsache bietet Stoff für eine einzigartige Geschichtsstunde.

Das Zeughaus gilt als ältestes Gebäude des historischen Boulevards Unter den Linden. Der Grundstein für das repräsentative Waffenarsenal wurde Ende des 17. Jahrhunderts gelegt. Preußens Könige ließen dort allerhand Kriegsgerät zur Schau stellen, um militärische Stärke und staatliches Vormachtstreben zu demonstrieren. Die Nationalsozialisten machten das Zeughaus zu einem Ort der Heldenverehrung. Der DDR-Führung diente das Haus zur ideologischen Interpretation historischer Begebenheiten, um so etwas wie sozialistisches Bewusstsein zu prägen. Gelungen ist es nicht.

Die Geschichte lehrt: Starre und künstlich verengte Welt- und Geschichtsbilder können sich für ein Staats- und Gemeinwesen nie als einträglich erweisen. Ohne Möglichkeiten kritischer Selbstreflektion wird ein Land zunehmend sich selbst fremd. So ist es in letzter Konsequenz auch eine Frage der nationalen Identität und damit der Zukunftsfähigkeit einer Nation, ob sich eigene Zugänge zur Vergangenheit finden lassen.

Diese Schlussfolgerungen spiegelten sich auch in Helmut Kohls Zielsetzung für das Deutsche Historische Museum wider. Noch einmal ein Zitat: „Die deutsche Geschichte soll so dargestellt werden, dass sich die Bürger darin wiedererkennen – offen für kontroverse Deutungen und Diskussionen, offen für die Vielfalt geschichtlicher Betrachtungsmöglichkeiten.“ In der Tat zeichnet sich ein modernes und selbstbewusstes Land dadurch aus, Ereignisse auch aus verschiedenen Blickwinkeln nachzuzeichnen. So lassen sich über neue Ansichten stets auch neue Einsichten gewinnen.

Deshalb blieb das Deutsche Historische Museum dem Anliegen treu, den europäischen Kontext der deutschen Geschichte in all seiner Vielfalt zu beleuchten. Die erste Ausstellung zur Eröffnung des Pei-Baus hieß: „Idee Europa – Entwürfe zum ‚Ewigen Frieden‘“. Auch die Ständige Ausstellung hat den Wandel der Zeiten auf dem gesamten Kontinent im Blick – teilweise sogar weit darüber hinaus. Schließlich hat die Geschichte eines jeden Landes ihre internationalen Bezüge. Das gilt allemal auch für Deutschland mit seiner wechselvollen Geschichte ständiger Zu- und Abwanderung – und gerade auch heute als weltoffenes Land und weltweit agierende Volkswirtschaft in Zeiten zunehmender Globalisierung.

Das Ende des Kalten Krieges leitete eine neue Ära des Miteinanders ein – in ganz besonderer Weise für Europa. Wir Europäer sind enger zusammengerückt. Die Europäische Union hat sich erweitert. Verflechtung und gegenseitige Verantwortung nehmen immer weiter zu. Und folgerichtig haben wir auch hier daran gedacht, als wir das Jubiläum der Römischen Verträge gefeiert haben und als Mitglieder der Europäischen Union miteinander gesagt haben: „Wir Europäer, wir sind zu unserem Glück vereint.“

Im Vordergrund mögen globales Wirtschaften und buchstäblich grenzenlose Reisemöglichkeiten stehen. Doch im Kern gilt es immer wieder, aufbauend auf dem Fundament unverbrüchlicher Werte, die uns tragen, Geschichte zusammen fortzuschreiben und eine friedliche Zukunft zu gestalten. Dies als gemeinsame Aufgabe jenseits nationaler Egoismen zu verstehen, resultiert auch aus dem Bewusstsein gemeinsamer kultureller Wurzeln, aus der Selbsterkenntnis Europas als Schicksalsgemeinschaft.

Es ist diese vielfältige Vermittlung von Geschichte, die uns Europa vor Augen führt. Sie schafft damit Voraussetzungen, gemeinsame Herausforderungen auch gemeinsam anzunehmen und anzugehen.

Diesen Anspruch lebt und belebt das Deutsche Historische Museum geradezu idealtypisch. Es setzt Maßstäbe, wie Geschichte und Geschichtsinterpretation modern und ansprechend zu präsentieren sind. Es zeigt beispielhaft, wie sich der Gedankenaustausch über Ereignisse und ihren historischen Stellenwert immer wieder anregen lässt. So erweist sich das Deutsche Historische Museum auch als international vielbeachtetes Forum, als Ort des Austauschs und der Begegnung, als wertvoller Träger politisch-kultureller Bildungsarbeit.

25 Jahre sind angesichts der präsentierten zwei Jahrtausende zwar fast gar nichts, kaum ein Wimpernschlag der Geschichte. Doch ohne das heutige Zeughaus Unter den Linden würde in der deutschen Museumslandschaft eine große Lücke klaffen. Das Deutsche Historische Museum steht uns Deutschen wahrlich gut zu Gesicht.

Allen, die an der Erfolgsgeschichte dieses Hauses mitgeschrieben haben – auch zu Zeiten, als es noch kontrovers herging –, danke ich auf das Allerherzlichste, genauso wie denen, die heute hier arbeiten und Verantwortung tragen. Herr Professor Koch, sagen Sie dies bitte auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiter. Denn es kann mit vollem Recht gesagt werden: Sie haben Deutschlands Bild in der Welt maßgeblich mitgeprägt und tun das noch heute.

Herzlichen Dank dafür!

Dienstag, 23. Oktober 2012