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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Besuchs der Dow Olefinverbund GmbH

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Donnerstag, 27. Januar 2011

in Schkopau

Liebe Mitarbeiterinnen, liebe Mitarbeiter,

lieber Herr Liveris,

lieber Herr Minister Haseloff,

meine Damen und Herren,

ich freue mich, heute am Standort Schkopau bei DOW Chemical zu Gast zu sein. Ich kann mich noch gut an die Zeit von 1973 bis 1978 erinnern, als ich in Leipzig Physik studiert habe. Die Stadt war von „wunderbaren“ Chemiefirmen und von Braunkohle-Ausbeutungsstätten umgeben. Für jemanden, der aus der Uckermark nördlich von Berlin kam, war es hier zwar gut zum Studieren, aber die Landschaft – das war mein Eindruck – war durch die Umweltschäden schwer beeinträchtigt.

Wenn man heute durch dieses Gebiet fährt, sieht man eine saubere, umweltfreundliche Firma mit modernem Produktionsprofil, die zeigt, dass man hier rational vorgeht, dass nicht alles zugebaut wird, dass nicht alles durcheinandergeht. Die Älteren werden noch wissen, wie schwierig das damals in der DDR war, obwohl trotz der schwierigen Umstände auch viel, viel Gutes geschaffen wurde. Die Improvisationskraft, die wir uns in der DDR angeeignet hatten, ist eine gute Voraussetzung für DOW Chemical gewesen, hier – Herr Haseloff hat es soeben gesagt – auf erfahrene Facharbeiter, Ingenieure und Leute zu stoßen, die die Chemie gelebt haben, die ihre Produkte geliebt haben und die gesagt haben: Wir wollen jetzt unter neuen, unter freiheitlichen Bedingungen etwas schaffen. Wir wissen, dass viele diese Chance nicht bekommen haben, aber wir sind dankbar dafür, dass die Chemie hier weiterleben kann. Das hat DOW Chemical ermöglicht.

Daraus ist nunmehr eine Win-Win-Situation geworden. Denn ich glaube, DOW hat auch von diesen Standorten, von dem, was Buna früher war, sehr profitiert. Das, was ich heute von Herrn Liveris gehört habe, deutet darauf hin, dass eine große Zufriedenheit mit der Kraft, die die Mitarbeiter einbringen, herrscht. Bei einem Gespräch mit ihm – das Board von DOW Chemical war im letzten Jahr bei mir zu Besuch – haben wir uns ausführlich über die besonderen Stärken unterhalten.

Wir haben seit 1989 einen großen Wandel erlebt, auch viel Unsicherheit, bis sich 1995 und danach einiges klärte. Wir mussten lernen, dass aus riesigen Einheiten erst einmal viel weniger wurde, dass diese langsam wieder wachsen und es viel Kooperation mit anderen Unternehmen hier auf dem Campus gibt, im „ValuePark“ zum Beispiel, der viele Anschlussunternehmen hat.

Ich habe die Bitte an Sie, dass Sie das, was Sie in den letzten Jahren immer wieder gezeigt haben, und zwar die Fähigkeit zum Wandel und dazu, Neues anzufangen, nicht verlernen. Wer in der Welt von heute stillsteht, der wird morgen zurückfallen. Es ist völlig klar, dass sich die Chemie wandelt, dass die Beziehungen zwischen den Produzenten, wie Sie es sind, und denen, die Kunden sind, immer enger, immer spezifischer werden. – Wir haben uns heute den Automotive-Teil angesehen. Ich habe hier bei einem Blick auf die Logistik gesehen, wie die Verteilung an die jeweiligen Kunden funktioniert. – Die Fähigkeit, sich immer wieder zu verändern, immer wieder nach Neuem zu suchen, immer wieder etwas Spannendes zu tun – das ist das, was ein Unternehmen in einem Land wie Deutschland stark hält.

In meinen Gesprächen in den letzten Monaten – neulich hatte ich beispielsweise den algerischen Präsidenten zu Besuch – habe ich erfahren, dass immer mehr Unternehmen aus Deutschland zum Beispiel in Kooperation mit den Golfstaaten in neuen Märkten Geschäfte tätigen. Auch hierbei sieht man: Das, was Deutschland stark macht, ist die Innovationskraft, unsere gute Bildung, unsere gute Ausbildung und Berufsausbildung – ich habe hier auch junge Leute getroffen – und das, was an Können und Wissen akkumuliert und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das macht uns stark. Das müssen wir erhalten. Wir müssen neugierig bleiben. Wir müssen um Akzeptanz werben – ich habe gehört, dass viele tausend Besucher jedes Jahr hierher kommen –, denn nichts ist schlimmer, als wenn die Umgebung das Ganze nicht akzeptiert, wenn es Proteste gibt.

Ich bitte Sie, Ihre Stärken zu erhalten. Ich habe den Eindruck, dass es hier prima läuft. Ich freue mich, dass ich heute hier sein kann, dass Sie deswegen Ihre Arbeit kurz unterbrochen haben oder einfach noch nicht nach Hause gegangen sind, obwohl Sie das schon längst hätten tun können. Danke schön dafür. Ich danke DOW dafür, dass Sie hier in Deutschland einen modernen Standort geschaffen haben. Wir sind auch stolz darauf – das will ich ausdrücklich sagen –, dass dies eine Säule der transatlantischen Kooperation ist.

Ich habe mich, als wir die EU-Präsidentschaft hatten, sehr dafür eingesetzt, dass wir einen Transatlantic Economic Council bilden, um mit den Vereinigten Staaten von Amerika danach zu suchen, wo wir bei der Normierung, bei Umweltvorschriften und bei Standards besser zusammenarbeiten können, damit wir z.B. nicht alles dreimal testen müssen, sondern in modernen Technologien – dazu gehört Elektromobilität, dazu gehören erneuerbare Energien und vieles andere – gemeinsame Standards entwickeln und damit auf den Weltmärkten wettbewerbsfähiger werden. Wir wissen, es gibt noch mehr Leute auf der Welt, die vorankommen wollen.

Danke schön. Es war hier spannend, es war interessant. Sachsen-Anhalt kann stolz darauf sein, solch eine Firma zu haben. Das sind Sie auch. Ihnen allen sage ich ein herzliches Dankeschön. Leisten Sie weiter gute Arbeit und seien Sie weiter ein starkes Stück Deutschlands.

Donnerstag, 27. Januar 2011