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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Verleihung des Deutschen Lehrerpreises

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 30. November 2011

in Berlin

Sehr geehrte Frau Heraeus,

Frau Prof. Porsche,

Herr Joussen,

Herr Ellerbeck,

Herr Meidinger,

liebe Ministerinnen, Frau Löhrmann und Frau Henzler,

liebe Lehrerinnen und Lehrer,

liebe Schülerinnen und Schüler,

meine Damen und Herren,

liebe Frau Gerster, in Ihren Kindern scheint sich ja mein Leben irgendwie widerzuspiegeln: Der eine denkt wegen eines guten Physiklehrers darüber nach, Physik zu studieren – damit bildet er sozusagen mein erstes Leben ab –, und Ihre Tochter überlegt sich, ob sie Bundeskanzlerin werden will, womit sie sozusagen mein zweites Leben abbildet. Also, herzliche Grüße. Nach dem, was Sie eben über Ihren zunächst angeblich nicht physikbegabten Sohn, die Interaktion mit dem neuen Physiklehrer und unvorhergesehene Begabungen gesagt haben, wissen wir nicht, ob wir mit Ihnen nicht auch ein Physikgenie gewonnen hätten, wenn Sie nur einen ordentlichen Lehrer gehabt hätten.

Meine Damen und Herren, ich bin heute sehr gerne hierher gekommen. Der Philosoph Karl Jaspers hat gesagt: „Das Schicksal einer Gesellschaft wird dadurch bestimmt, wie sie ihre Lehrer achtet.“ Ich glaube, damit hat er ein wahres Wort gesprochen. Ich glaube auch, dass unser Land, wenn dieser Spruch wahr ist – ich glaube, er ist wahr –, zuversichtlicher als noch vor einigen Jahren sein kann, denn das Ansehen von Lehrerinnen und Lehrern verbessert sich allmählich. Ihre Wertschätzung wächst. Deshalb finde ich es wunderbar, dass das pädagogische Wirken der Lehrer auch durch diesen Lehrerpreis ausgezeichnet wird. Ich denke, er ist noch nicht so alt, als dass er nicht noch weitere Verbreitung finden könnte. Vielleicht wird ja auch diese Veranstaltung und manche Medienberichterstattung dazu beitragen. Ganz herzlichen Dank all denen, die auf die Idee kamen, einen solchen Preis zu verleihen.

Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer mit Leidenschaft. Lehrer entscheiden mit ihrer Arbeit über die Qualität einer Schule und damit im Grunde über einen weiten Teil der Jugend eines Menschen. Wenn man sich einmal überlegt, wie viele Stunden man in der Schule verbringt, dann wird klar, dass dort die Sicht auf die Welt geprägt wird. Dass die Welt durch Lehrer verständlicher wird, dass man Freude am Entdecken haben kann, dass Wissen und Können vermittelt werden – das ist den Lehrerinnen und Lehrern zu verdanken.

Lehrer übernehmen natürlich auch Erziehungsverantwortung, viele Lehrer sind Vertrauenspersonen für die Schülerinnen und Schüler. Es lohnt sich, darüber zu sprechen, wie viel wir denn auf diesem Gebiet von ihnen erwarten. Ich glaube, Lehrerinnen und Lehrer wertzuschätzen, heißt nicht, alles von ihnen zu erwarten, denn es gibt auch noch ein paar andere Menschen im Leben eines Kindes, die Verantwortung übernehmen sollten. Die Familie ist auch durch Lehrer nicht zu ersetzen. Das sage ich nicht, um die Leistung der Lehrerinnen und Lehrer kleinzureden, sondern um deutlich zu machen: Wir dürfen sie nicht überfordern.

Natürlich hat sich die Schule in unserem Land auch massiv verändert. Ich nehme es mir manchmal heraus, in Schulen zu gehen. Neulich wollte ich die Kultusministerkonferenz besuchen und habe sie dann versetzt; ich hoffe, ich darf noch einmal einen Anlauf nehmen. Aber den Schulbesuch davor habe ich noch geschafft. Und ich muss sagen: Das Schulleben unterscheidet sich massiv von den Erfahrungen, die ich damals noch im Sozialismus machen musste. Aber selbst damals war die Persönlichkeit eines Lehrers für ein Kind von besonderer Bedeutung und – insbesondere, was den Sportlehrer anbelangte – angesichts meiner mangelnden Sportbegabung für mich von allergrößter Bedeutung. Es ist schon erstaunlich, was man schafft, wenn man einen guten Lehrer hat, obwohl man nicht dafür prädestiniert ist.

Auf den Schulen lastet natürlich – auch angesichts der Erwartungen vieler Eltern und ihrer Kinder – ein unglaublicher Rechtfertigungsdruck, ein Veränderungsdruck, ein Konkurrenzdruck. All das darf man nicht übersehen, aber es hat natürlich auch etwas Anspornendes. Lehrerinnen und Lehrer haben immer ein Auge auf die jeweilige Zeit. Sie beobachten, wie sich Dinge verändern. Sie haben immer junge Menschen um sich, deren Anliegen und Interessen sich im Zeitablauf verändern. Das bedeutet allerdings auch, dass wir nie vergessen dürfen, nicht nur die Kinder zu bilden, sondern auch den Lehrern Chancen für Weiterbildung zu geben. In einer Welt, die sich – wenn ich allein an die Informationstechnologie denke – so massiv ändert, muss man auch darauf achten, dass nicht zum Schluss die Schüler den Lehrern Unterricht geben müssen, sondern dass die Lehrer eine faire Chance bekommen, die Schüler zu unterrichten. Aber gegenseitiges Lernen kann ja auch anspornen.

Meine Damen und Herren, Umfragen zufolge würden sich die meisten Lehrer wieder dafür entscheiden, Lehrer zu werden. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat festgestellt, dass 76 Prozent sagen würden: Ich habe den richtigen Beruf gewählt. Das, finde ich, ist eine Ermutigung auch für junge Menschen, die vielleicht darüber nachdenken, den Beruf eines Lehrers zu ergreifen.

Bildung ist ein Schlüsselthema. Die Anforderungen an Schulen und an unsere Lehrerinnen und Lehrer werden sicherlich nicht geringer, sondern eher noch komplexer werden. Auf der einen Seite lasten hohe elterliche Erwartungen auf den Kindern und damit auch auf den Lehrerinnen und Lehrern. Wenn wir uns unseren Bevölkerungsaufbau anschauen, dann stellen wir fest, dass es auf der anderen Seite einen höheren Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund geben wird. Damit ist die Bereitschaft der Lehrer gefordert, Vielfalt anzunehmen und vielfältige Brücken zwischen Kindern unterschiedlicher Herkunft zu bauen. Es ist in der Tat so, dass alles mit allem zusammenhängt und dass man möglichst viel von der Welt verstehen muss.

Ich glaube, Lehrerinnen und Lehrer sind immer dann gut, wenn sie auf neue Kinder neugierig sind. Auch ich komme mit sehr vielen Menschen zusammen. Aber in jedem Jahr wieder neue Schülerinnen und Schüler zu haben, einen Überblick über eine ganze Schule mit 600, 700 oder 800 Schülern zu behalten und jedem gerecht zu werden – das auch noch fünf Tage in der Woche und möglichst den ganzen Tag lang, wie wir es heute gerne hätten –, ist nicht immer einfach. Deshalb ist dieser Preis mehr als gerechtfertigt, meine Damen und Herren.

Der Bund hat in der Bildungspolitik eine sehr beschränkte Kompetenz. Deshalb ist meine Bildungsreise, die ich vor zwei, drei Jahren gemacht habe, erst einmal mit Argusaugen betrachtet worden. Es ist gefragt worden: Was will die da? Einer der befreundeten Ministerpräsidenten sagte später sogar einmal, ich solle mich doch lieber um die Schlaglöcher in den Autobahnen kümmern als Schulen besuchen. Aber ich muss sagen: Wohin auch immer ich gegangen bin, ist die Freude darüber, dass sich die „große Politik“ auch einmal um die Arbeit an einer Schule kümmert, unbeschadet aller Zuständigkeiten groß gewesen. Ich finde, es ist gerechtfertigt – wenn ich nur daran denke, auf wie vielen Wirtschaftstagungen und bei wie vielen Straßeneinweihungen ich schon gewesen bin –, dass man ab und zu einmal dorthin geht, wo auch für die Zukunft unseres Landes hart gearbeitet wird.

Meine Damen und Herren, wir haben – das möchte ich ausdrücklich hervorheben – ein besseres und auch unkomplizierteres Miteinander von Bund und Ländern gefunden. Die Kinder durchlaufen, bis sie Erwachsene werden, auf ihrem Weg durch vorschulische Einrichtungen, also Kindergärten und Kinderkrippen, Schulen, Berufsausbildung oder Universität die verschiedensten Zuständigkeiten. Das ist dem Kind meistens – ich würde sagen: Gott sei Dank – nicht bewusst. Aber es ist wichtig, dass wir versuchen, die Übergänge zwischen den verschiedenen Zuständigkeiten so sinnvoll wie möglich zu gestalten.

An dieser Stelle möchte ich mich bei all den vielen Stiftungen bedanken, auch bei den politischen Entscheidungsträgern, die viel dafür tun, dass Grundschullehrer und Erzieher in den Kindergärten zusammenkommen, dass wir einen Zutritt der Berufsbildung zu Schulen haben und dass wir heute ein vielfältigeres Bildungssystem haben, das sehr viel durchlässiger geworden ist. Ich glaube, all das ist für das Gelingen des Lebens von jungen Menschen sehr wichtig. Wir sind Partner, wenn es darum geht, den Weg von der Schule in die Berufsausbildung zu ebnen. Wir sind auch Partner, wenn es darum geht, Kindern aus Familien, die Arbeitslosengeld II beziehen, ein Bildungspaket zukommen zu lassen.

Ich möchte noch einen Punkt erwähnen, der mir am Herzen liegt. Bildung, Schule, Schulunterricht und die Wirkungen, die sich aus Veränderungen ergeben, brauchen zum Teil einen relativ langen Atem. Wenn ich manchmal sehe, wie bei uns Entscheidungen schon für falsch erklärt werden, obwohl sie sich noch gar nicht richtig entfaltet haben, dann glaube ich, dass uns ein Stück mehr Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit guttäte. Schauen wir uns einfach einmal das Bildungspaket für Kinder von Arbeitslosengeld-II-Empfängern an. Wenn das Paket im Frühjahr verabschiedet wurde, aber schon zur Ferienzeit gesagt wird, dass noch nicht viel passiert sei, und wenn man jetzt im Herbst sagt, dass außer an Essenskosten an gar nichts gedacht werde, dann kann ich nur sagen: Es ist doch selbstverständlich, dass man erst gegen Mitte des Schuljahrs anfängt zu überlegen: Wo sind Nachhilfestunden notwendig, wo kann ich das Bildungspaket in vollem Umfang ausschöpfen?

Deshalb werbe ich gemeinsam mit vielen anderen dafür, dass wir auch Langzeitentwicklungen im Blick haben, wenn wir Druck in Richtung einer gewollten Erneuerung machen. Wir dürfen Lehrerinnen und Lehrer sowie Kinder und Eltern nicht unablässig mit Reformen zuschütten und uns anschließend wundern, dass gar nichts mehr zum Erfolg führt. Ein Stück Ruhe und Kontinuität kann helfen. Es gibt zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen Schulkompromisse, bei denen man sagt: Das ist für eine bestimmte Zeit das, was Eltern sowie Schülerinnen und Schüler erwarten können. Ich halte das für richtig, meine Damen und Herren.

In Zeiten des Barock schrieb der Dichter Andreas Gryphius: „Verlangt ein Lehrer jetzt, verdienten Dank zu haben, der suche schwarzen Schnee und fange weiße Raben.“ Nun will ich keine Rede über durch die Industrie verschmutzten Schnee und durch Gentechnologie veränderte Raben halten. Vielmehr möchte ich einfach sagen: Gut, dass wir nicht mehr im Barock leben, sondern im 21. Jahrhundert. Hier gibt es einen verdienten Dank für Lehrer.

Mittwoch, 30. November 2011