Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Eröffnung des Materialforschungszentrums der Merck KGaA 

Sehr geehrter Herr Kley,
sehr geehrter Herr Wilhelm,
Herr Ministerpräsident, lieber Volker Bouffier,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Herr Landrat,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Bundes-, Landes-, und Kommunalparlamenten,
Herr Parlamentarischer Staatssekretär,
sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
die zum Teil auch per Live-Stream dabei sind – wie könnte es in einem Hightech-Unternehmen auch anders sein? –,
meine Damen und Herren,

„Chemie macht Zukunft“ – so hieß eine umfassende Kampagne des Verbandes der Chemischen Industrie. Es scheint so, als ob für dieses Motto die Merck-Gruppe Pate gestanden hätte. Hier, im neuen Materialforschungszentrum, wird, wie ich glaube, Zukunft gemacht. Deshalb bin ich auch gerne in dieses Traditions- und Hightech-Unternehmen und in dieses wunderschöne Bundesland gekommen, Herr Ministerpräsident, und natürlich in diese wunderschöne Stadt, um den Oberbürgermeister auch noch einmal zu nennen. Ich begrüße natürlich auch die Mitglieder der Familie Merck.

Die Investitionen hier am Stammsitz von Merck folgen einer langen Tradition des Familienunternehmens. Der Betriebsratsvorsitzende hat es eben gesagt: Es ist ein Familienunternehmen, das Werte lebt und das auch im täglichen Handeln zeigt. Von den Wurzeln, die bis 1668 zurückreichen, war schon die Rede. Was damals mit einer Apotheke begann, gilt heute als ältestes Pharma- und Chemieunternehmen mit Weltruf. Ein anschauliches Beispiel für die langfristig orientierte Unternehmensführung ist die bereits vor über 100 Jahren – man mag es gar nicht glauben – begonnene Entwicklung von Flüssigkristallen. Diese sorgen heute unter anderem für die Bildqualität unzähliger Bildschirme – ob beim Computer, beim Handy und vielem anderen mehr. Das zeigt also, dass es sich lohnt – und das ist ja auch Deutschlands Stärke –, in großer Kontinuität Entwicklungen fortzuschreiben. Deshalb ist es auch so wichtig – dabei habe ich mich sehr über die Worte des Betriebsratsvorsitzenden gefreut –, dass Innovation als etwas Notwendiges gilt, um den Wohlstand von morgen zu sichern. Wir dürfen uns keine Aussetzer auf diesem Weg leisten, sondern müssen kontinuierlich weitermachen, allemal in einer globalisierten Welt, weil die anderen um uns herum nicht schlafen.

Ich glaube, dass Merck ein Unternehmen ist, das pars pro toto für Deutschlands Innovationskraft steht. Es ist ein Spitzenunternehmen in der Gruppe der Besten. So war es auch nur eine Frage der Zeit, dass Sie auch einmal eine Auszeichnung bekommen. Ich glaube, der „IMD - Global Family Business Award“ war im letzten Jahr eine Auszeichnung, die all das umfasst hat, was hier gelebt wird. Da ist zuallererst das Thema Personalpolitik zu nennen, die Motivation der Menschen, die hier arbeiten; und zwar alle, die ihren Beitrag in einer Kette von Entwicklungen leisten. Merck wurde im letzten Jahr von einer Fachzeitschrift auf Platz 6 der weltweit besten Arbeitgeber der Biotechnologie- und Pharmabranche gewählt. Ich glaube, daran zeigt sich, was Sie hier vor Ort leisten.

Zum guten Ruf trägt auch bei, dass Sie neben der Kernarbeit auch immer eine Bindung in die Gesellschaft hinein gepflegt haben. Hier ist zum Beispiel das Spendenprogramm zur Bekämpfung von Tropenkrankheiten bis hin zur Kulturförderung zu nennen. Wir freuen uns, dass wir nachher die „Philharmonie Merck“ hören. Meine herzliche Bitte: Sei der Globalisierungsdruck auch noch so stark, vergessen Sie diese gesellschaftliche Anbindung nicht. Ich glaube, langfristig wird es sich auszahlen. Das ist dann auch – heute begehen wir ja den „1. Hessischen Tag der Nachhaltigkeit“ – ein Stück Nachhaltigkeit im wahrsten Sinne des Wortes.

Meine Damen und Herren, was Merck voranbringt, ist letztlich gut für unser ganzes Land. Um auch in Zukunft ein führender Technologiestandort zu sein, brauchen wir aufgeweckte junge Menschen, die sich für Technik und Naturwissenschaften begeistern. Hier gehen Sie mit gutem Beispiel voran – sei es mit Schulpartnerschaften oder über das langjährige Mitwirken beim bundesweiten Wettbewerb „Jugend forscht“. Ich habe gerade gestern die Besten dieses Wettbewerbs im Bundeskanzleramt zu Gast gehabt. Der Altersaufbau unserer Gesellschaft und die Tatsache, dass die Zahl der jungen Menschen leider nicht größer, sondern eher kleiner wird, machen die Frage von Bildung und Forschung zu einer zentralen Frage für den Standort Deutschland. Deshalb ist ein frühzeitiges Engagement der Unternehmen, bei jungen Menschen Freude und Initiative hinsichtlich der Forschung zu entwickeln, natürlich außerordentlich wertvoll und ergänzend zu dem, was wir staatlicherseits tun.

Nun ist hier durch den Betriebsratsvorsitzenden schon eine kleine Bewertung der verschiedenen Aktivitäten der Bundesregierung vorgenommen worden. Wenn wir vielleicht nicht in allem einig sind, so können wir, glaube ich, doch sagen: Es geht in die richtige Richtung, dass wir jetzt in dieser Legislaturperiode 12 Milliarden Euro mehr für Bildung und Forschung ausgeben. Das zeigt, dass wir den Fokus auf die Zukunftsfähigkeit Deutschlands legen.

Denn wir wissen: Unternehmen wie zum Beispiel Merck und andere, auch viele kleine und mittelständische Unternehmen – Herr Wilhelm hat auf verschiedene Start Ups hingewiesen –, brauchen heute sicherlich immer wieder staatliche Anreize, um in der Forschung voranzukommen. Wir können unternehmerische Tätigkeiten niemals ersetzen, aber wir erleben überall auf der Welt, dass Staat und Unternehmen eng zusammenarbeiten, wenn es um die Ausrichtung von Forschung und Technologie geht. Ich glaube, mit der Hightech-Strategie, die die Bundesforschungsministerin entwickelt hat, haben wir einen sehr, sehr guten Rahmen geschaffen, um Forschung voranzubringen und in dem wir auch Wissenschaftsallianzen mit Unternehmen bilden.

Auch dieses Materialforschungszentrum ist mit Themen befasst, die in der Hightech-Strategie eine Rolle spielen. Organische Elektronik ist etwas, das ungeahnte neue Möglichkeiten eröffnet. Die so genannten „organic light emitting diodes“ – es gibt ja heute fast keine deutschen Begriffe mehr –, also OLED-Displays, sind sehr präsent. Was das bedeutet, werden wir nachher unten noch sehen. Die Erwartungen, was diese organische Elektronik noch schaffen kann, sind sehr groß. Ich glaube auch, dass es hier noch viele intelligente Anwendungen geben kann. Wir haben damit an dieser Stelle wirklich etwas, das Deutschland als Weltmarktführer auszeichnet und natürlich konsequent weiterentwickelt werden muss.

Wir können insgesamt auf unsere Stärken bei Physik, Chemie, Material- und Ingenieurwissenschaften sehr stolz sein. Allerdings – dafür bin ich dem Unternehmen auch dankbar – müssen wir immer wieder für diese Bereiche werben, weil in vielen Diskussionen die Ausrichtung auf die Frage, welches Risiko etwas beinhaltet, bei uns manchmal den Vorrang vor der Frage hat, welche Chancen darin liegen. Ich will nicht die Risiken von Forschung und Entwicklung kleinreden. Sie müssen betrachtet werden. Aber man darf dabei die Chancen wirklich nicht außer Betracht lassen. Dies hier ist ein Unternehmen, das auch in Partnerschaft von Unternehmensleitung und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern diese Chancen immer gesehen hat.

Die Wirtschaftspartner der Innovationsallianzen zu organischen Leuchtdioden und zur organischen Photovoltaik haben zugesagt, bis zum Jahr 2015 800 Millionen Euro zu investieren. Das ist das Fünffache der öffentlichen Förderung, also ein sehr gutes Beispiel von staatlicher und privater Forschungskooperation. Ich glaube, auf dieser Grundlage können wir das Gebiet der organischen Elektronik, das eine sehr große Bedeutung hat, auch fortentwickeln.

Ich könnte viele, viele Beispiele aus der Hightech-Strategie nennen. Ich will hier nur noch einmal das Thema Elektromobilität nennen, weil hier Merck an der Batterie von morgen mitarbeitet. Ich vermute, dass man in diesem spannenden Wettlauf auch einen ziemlich langen Atem braucht. Die Erwartungen, die die Gesellschaft manchmal hinsichtlich bestimmter Forschungsbereiche hat, können ja sehr, sehr groß sein. Andere werden gar nicht so in den Fokus gerückt. Die Frage, wie wir in der Entwicklung neuer Elektrolytmaterialien vorankommen, um die Leistungsfähigkeit und Lebensdauer von Lithium-Ionen-Batterien zu verbessern, wird in der Zukunft über vieles entscheiden. Deshalb wünsche ich Merck eine glückliche Hand, um hier bei der Entwicklung vorne mit dabei zu sein.

Merck ist ja ein interessantes Unternehmen: Die Bereiche Chemie und Pharma sind vertreten und gut entwickelt. Insoweit glaube ich, dass es an der Zeit ist, auch wenn wir heute mehr auf der Materialseite tätig sind, noch einmal zu sagen, dass auch der Pharmastandort Deutschland immer eines unserer Aushängeschilder war und auch in Zukunft sein sollte. Ich glaube, für die Akzeptanz von Forschung und Entwicklung sind gerade die Produkte der Pharmabranche von allergrößter Bedeutung, denn in einer Gesellschaft, die immer mehr ältere Menschen hat, ist das Nachdenken über Gesundheit und darüber, wie man Krankheiten heilen kann, eine der zentralen Fragen.

Da wir gerade gestern wieder eine neue Gesundheitsreform verabschiedet haben, die die üblichen kritischen Begleittöne erzeugt hat, möchte ich hier an dieser Stelle noch einmal in vollem Ernst sagen: Ein Land, das ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem erhalten will, ein Land, das eine Bevölkerung hat, deren durchschnittliches Lebensalter steigt, wird bereit sein müssen, mehr Geld für eine gute medizinische Versorgung auszugeben. Wenn diese Bereitschaft nicht da ist, werden wir in Richtung einer Zwei-Klassen-Medizin abrutschen. Das möchte ich nicht. Deshalb ist meine herzliche Bitte an alle, die gerade auch im Pharmabereich arbeiten, sehr deutlich zu machen, dass uns eine gute Gesundheitsversorgung wirklich etwas wert sein kann. Wir werden in der Welt um unser Gesundheitssystem beneidet. Wir wollen weiter im Pharmabereich führend sein. Aber das setzt auch voraus, dass wir bereit sind, den Menschen zu sagen, dass dafür ein fairer Preis gezahlt werden muss.

Meine Damen und Herren, Merck ist eines der Unternehmen – ich hoffe, Herr Kley ist jetzt nicht traurig, wenn ich Merck unter andere erfolgreiche Unternehmen in Deutschland einordne –, die dazu beigetragen haben, dass wir gut durch eine sehr, sehr schwierige wirtschaftliche Zeit gekommen sind. Das ist deshalb möglich gewesen, weil wir auf Innovationen setzen und weil wir in Deutschland eine gelebte Sozialpartnerschaft haben. Die Tatsache, dass Herr Kley und Herr Wilhelm heute hier gemeinsam aufgetreten sind, zeigt die Bereitschaft dazu.

Wir haben in dieser Wirtschaftskrise an vielen Stellen gesehen, wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sehr viel Verständnis für die schwierige Situation aufgebracht haben. Wir haben gesehen, wie Politik und Wirtschaft zusammengearbeitet haben, um über bestimmte Möglichkeiten, so zum Beispiel über Kurzarbeit, in vielen Betrieben das zu erhalten, was unser Schatz ist, nämlich das Fachwissen der Ingenieure, der Facharbeiter und der Meister, und um ihnen eine Brücke zu bauen und zu sagen: Es werden auch wieder bessere wirtschaftliche Zeiten kommen. Ich denke, auf diesem Weg sollten wir weitergehen. Wir sollten den Blick in die Zukunft richten und die Chancen sehen. Dann hat Deutschland nach meiner festen Überzeugung alle Möglichkeiten, auf der Welt weiter ein führendes Land zu sein.

Aber es gibt auch Gefahren. Die Gefahren bestehen darin, dass wir es uns bei vielen Projekten heute nicht ganz einfach machen. Ich will heute hier nicht über umstrittene Projekte reden, weil es in Hessen auch erfreuliche Beispiele gibt – wenn ich zum Beispiel an den Ausbau des Frankfurter Flughafens denke –, wobei man sich ganz bewusst für die Zukunft entschieden hat. Aber wir können kein Land werden, das zum Beispiel eine Energiewende mit erneuerbaren Energien vollzieht, wenn keiner mehr eine Hochspannungsleitung bauen will. Wir können keine moderne Energieversorgung haben, wenn wir sozusagen an jeder Stelle erst nach den Risiken fragen.

Deshalb ist es so wichtig, dass Merck hier heute ein Zeichen für die Zukunft setzt, dass Merck ein Zeichen für Forschung und Innovation setzt und dass hier 50 Millionen Euro für die Zukunft ausgegeben wurden. Ich glaube, das ist gut für das, was an Produkten entsteht, es ist aber auch gut für die Menschen. Denn wer Arbeit hat, wer sich für die Gesellschaft engagieren kann, hat an ihr teil. Das trägt zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei.

Hessen ist ein guter Heimatort für Merck. Bleiben Sie bei aller Globalisierung, bei allem Umsatz außerhalb des Landes Ihrer Heimat treu. Das freut nicht nur die deutsche Bundeskanzlerin, das freut nicht nur den Ministerpräsidenten und den Oberbürgermeister, das freut vor allen Dingen die Menschen, die hier Arbeit haben und die mit ihrer Leistung dazu beitragen, dass hier Wunderbares geleistet wird. Herzlichen Glückwunsch zur Einweihung dieses Zentrums.