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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Eröffnung des Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsforums

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Freitag, 03. Februar 2012
Ort:
Kanton

in Kanton

Sehr geehrter Herr Gouverneur,
sehr geehrter Herr Löscher,
sehr geehrter Herr Sindemann,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

dass die Provinz Guangdong Station auf meiner diesjährigen China-Reise ist, hat sehr gute Gründe. Denn das Perlflussdelta hat in den vergangenen Jahrzehnten einen unglaublich tiefgreifenden Umbruch erlebt – ich glaube, man darf sagen, einen Umbruch wie kaum eine andere Region der Welt. Dafür gibt es hier viele Beispiele. Eines davon ist Shenzhen: Ende der 70er Jahre lebten dort rund 20.000 Menschen, inzwischen sind es rund 15 Millionen. Die Provinz zählt zu den wichtigsten ökonomischen Zentren Chinas. 

Wenn wir auf 40 Jahre diplomatische Beziehungen zurückblicken, dann ist der Bezugspunkt Anfang der 70er Jahre einer, an dem man gut erkennen kann, wie viel sich verändert hat. Die Wirtschaftsleistung der Provinz Guangdong ist inzwischen ungefähr so groß wie die des ganzen Landes Indonesien. Fast ein Drittel aller chinesischen Exporte stammt aus dieser Provinz. Und rund ein Fünftel der ausländischen Direktinvestitionen in China fließt in diese Region.

Auch die deutsche Wirtschaft hat einen wichtigen Anteil an dieser Entwicklung. Über 400 Unternehmen aus meinem Land sind in Guangdong präsent. Mit Investitionen von über einer Milliarde Euro haben sie zur industriellen und technologischen Leistungsfähigkeit der Provinz beigetragen und viele gute Arbeitsplätze geschaffen. Unser Handelsvolumen mit Guangdong lag 2010 bei rund 23 Milliarden Euro. Das entspricht in etwa dem deutschen Handel mit der Republik Korea.

Guangdong ist Vorreiter und Modell der chinesischen Reform- und Liberalisierungspolitik und der schrittweisen Öffnung des Landes. Deshalb zeigt sich in Ihrer Provinz auch exemplarisch, vor welchen Herausforderungen ganz China steht. Die rasante Urbanisierung hat tiefgreifende Folgen für die Umwelt und die Lebensverhältnisse der Menschen. Deshalb ist es gut, dass gerade auch diese Megatrends hier auf diesem Wirtschaftsforum diskutiert werden. Das Bevölkerungswachstum ist sehr dynamisch. Man braucht leistungsfähige Verkehrs-, Energie- und Telekommunikationsinfrastrukturen, man braucht eine funktionstüchtige Kreislaufwirtschaft, man muss effizient mit den Ressourcen umgehen. Außerdem – auch das ist ein Kennzeichen einer höheren Entwicklung – gibt es ein rasch steigendes Lohnniveau. Deshalb muss die Produktivität steigen, müssen sich die technologischen Fertigkeiten erweitern und die Produkte eine höhere Wertschöpfungsstufe erreichen. Die Art und Weise, wie Ihre Provinz Guangdong dies schafft, wird später exemplarisch für viele andere Provinzen in China sein, die Ihrem Beispiel folgen werden. 

Ich darf Ihnen sagen – das deuteten auch die Unternehmer, die heute in meiner Delegation dabei sind, an: Deutsche Unternehmen stehen bereit, Guangdong dabei zu unterstützen. Wir haben herausragende technologische Kompetenzen. Wir haben Erfahrungen gerade im Umweltschutz, in der Energieeffizienz und in modernen Technologien. Deshalb könnte die Region auch noch stärker als heute Vorbildcharakter für die deutsch-chinesische Zusammenarbeit haben. Dabei können wir an die sehr gute Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren anknüpfen.

China zählt inzwischen zu Deutschlands wichtigsten Wirtschaftspartnern. Unser Handelsvolumen hat im letzten Jahr 140 Milliarden Euro erreicht – in Dollar hört sich das noch besser an; da sind es rund 180 Milliarden. Die deutschen Exporte nach China haben sich im vergangenen Jahr erneut deutlich erhöht, und zwar um rund 20 Prozent auf ungefähr 65 Milliarden Euro. Seit 2008 hat sich dieser Wert damit fast verdoppelt. Einigen Prognosen zufolge könnte China noch im laufenden Jahr zu unserem wichtigsten Exportmarkt außerhalb der Europäischen Union werden.

Der rasante wirtschaftliche Aufstieg Chinas wird aber an manchen Stellen auch mit Argwohn verfolgt. Ich sage ganz deutlich: Ich sehe das anders. Zum einen birgt der Wandel die Chance, dass sich mehr Menschen ein vernünftiges Ein- und Auskommen sichern können. Zum anderen wächst mit zunehmender wirtschaftlicher Leistung auch die Nachfragekraft Chinas, was auch anderen weltoffenen Volkswirtschaften zugute kommt. Deutschland freut sich über den Erfolg Chinas, weil wir darin Chancen auch für uns genauso wie für Sie sehen, was klassischerweise als Win-win-Situation zu beschreiben ist.

Als wirtschaftsstarke und bevölkerungsreiche Nation gewinnt China in der bilateralen und internationalen Zusammenarbeit an Gewicht. Dementsprechend kommt auf das Land auch neue Verantwortung in der Welt zu. Im deutsch-chinesischen Verhältnis eröffnet die Entwicklung Chinas die Chance, die Zusammenarbeit unserer beiden Länder noch enger zu gestalten. Mit Premierminister Wen Jiabao habe ich darüber in den letzten Tagen und Stunden gesprochen.

Wir wollen unsere Investitionsbeziehungen vertiefen, und zwar in beide Richtungen. Wichtig ist für uns dabei, dass wir verlässliche Rahmenbedingungen haben und dass wir in China ein „level playing field“ haben, dass also unsere deutschen Unternehmen mit den chinesischen Unternehmen gleichgestellt werden. Daraus wird sich dann eine bessere Zusammenarbeit ergeben. Genau solche Chancen eröffnen wir in Deutschland chinesischen Unternehmern – das will ich ausdrücklich sagen. Auch darüber haben wir eben im Wirtschaftsgespräch mit dem chinesischen Premierminister gesprochen.

Das heißt also, die deutschen Unternehmen stehen bereit, hier in China zu investieren. Deshalb sind in unserer Wirtschaftsdelegation große Unternehmen vertreten, die in Ihrem Land noch viel vor haben – Sie haben einige dieser Unternehmen schon erwähnt. In unserer Delegation sind auch Mittelständler und Familienunternehmer. Wir haben uns heute ein Beispiel eines solchen Familienunternehmens angeschaut und konnten feststellen: Auch dort werden sehr gute technische Lösungen angeboten. Ich denke, in China werden sich Schritt für Schritt mit weiterem wirtschaftlichen Erfolg gerade auch der Mittelstand und die kleineren Unternehmen mit ihren Spezialisierungen entwickeln.

Ich glaube, dass China eine herausragende Chance haben wird, sich auch in diesem Jahr in Deutschland zu präsentieren, nämlich auf der Hannover Messe – der weltweit größten Industriemesse. China ist dort Partnerland und wird dort ein Bild seines Könnens und seiner Fähigkeiten abgeben. China bzw. die chinesischen Unternehmen, die dort ausstellen, haben dabei auch die Chance, Deutschland besser kennenzulernen. Unsere Erfahrung ist immer: Im Wettbewerb werden wir alle stärker, wenn es ein fairer Wettbewerb ist, wenn es ein Wettbewerb ist, in dem das geistige Eigentum geschützt ist, und wenn es ein Wettbewerb ist, der auf verlässlichen rechtlichen Rahmenbedingungen aufbaut.

Guangdong war immer ein Vorreiter in Weltoffenheit. Herr Gouverneur, das soll die Provinz auch in Zukunft bleiben. Ich glaube, dann wird es auch eine noch intensivere Zusammenarbeit zwischen Ihrer Provinz und Deutschland geben. All den deutschen Unternehmen, die hier tagein, tagaus mit dafür Sorge tragen, dass sich dieser Teil der Welt gut entwickelt und gleichzeitig auch „Made in Germany“ einen guten Klang hat, möchte ich ein Dankeschön sagen. Wir kommen seitens der Politik nicht alle Tage nach Guangdong, deshalb ist das für mich auch eine gute Gelegenheit, zu sagen, dass wir stolz auf das sind, was Sie hier in dieser Region schaffen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und einen guten Verlauf des Wirtschaftsforums. Ich glaube, dass das ein Beitrag dazu ist, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und China im wirtschaftlichen Bereich noch enger, noch vertrauensvoller werden und wir daraus auch gemeinsam lernen und gemeinsam gewinnen können.

Herzlichen Dank.

Freitag, 03. Februar 2012