Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Auftaktveranstaltung zum Girls‘ Day

Liebe Schülerinnen,

liebe Frau Kollegin Kristina Schröder,

sehr geehrte Unternehmensvertreter,

meine Damen und Herren,

ich freue mich, Sie und Euch heute zum Girls‘ Day 2010 ganz herzlich willkommen zu heißen. Das hat eine sehr gute Tradition im Bundeskanzleramt. Diese Veranstaltung ist sozusagen der Auftakt. Denn der richtige Girls‘ Day findet erst morgen statt. Aber damit morgen alle wissen, dass er stattfindet, leisten wir heute schon ein bisschen Vorarbeit.

Tausende von Betrieben, Werkstätten und Laboren werden morgen offen sein, damit Mädchen sie besuchen können. 2010 findet der Girls‘ Day zum zehnten Mal statt. Deshalb begrüße ich ganz herzlich die Bundesfamilienministerin, die auch für Jugend und Frauen verantwortlich ist.

Den Unternehmensvertretern möchte ich ein herzliches Dankeschön sagen, insbesondere Herrn Schwaderer von der Initiative D21. Es ist sehr schön, dass sich auch die Unternehmen bereit erklären, für die Mädchen ihre Türen zu öffnen.

Was bedeutet der Girls‘ Day? Der Girls’ Day bedeutet Neugier, Wissen und die Nutzung von Chancen. Bei der Neugier sollt Ihr in Berufe schnuppern, die Ihr vielleicht noch nicht so kennt, wo Ihr ein bisschen seht, was man dort machen könnte, die interessant und spannend sind, aber auf die man vielleicht nicht gleich kommt, wenn man sich unter Freundinnen einmal unterhält, was man werden könnte.

 

Eure Chance heute ist, dass Ihr Wissen von Experten erhaltet, von denen Ihr erfahrt, was man für einen Beruf wissen muss, was man können muss und welche Eigenschaften man braucht. Damit schnuppert Ihr auch in ein Feld hinein, wo sich vielleicht ganz ungeahnte Chancen für eure Berufswahl ergeben. Wenn man sich einmal für einen Beruf entscheidet, stellt man schon ein bisschen die Weichen für sein Leben. Man kann ja nicht jeden Tag eine neue Entscheidung treffen.

Deshalb sollt Ihr heute ganz bewusst kennenlernen, was klassischerweise immer noch Männerberufe sind. Ich darf aber darauf hinweisen: Ich habe schon Physik studiert und mich immer wieder mit vielen Studenten über die physikalischen Dinge unterhalten. Ich darf Euch versichern: Auch Mädchen können das. Keine Angst! Das Einzige ist: Wenn man Experimente macht, sollte man manchmal sagen: „Lasst mich allein, ich versuche es auf meine Art.“ Man sollte sich nicht gleich verdrängen lassen. So habe ich es jedenfalls immer bei den Experimenten im Physikstudium gemacht.

Es geht also letztlich heute insgesamt bei dem Girls‘ Day um Berufsperspektiven. Ich darf gerade im Lichte meines Besuches auf der HANNOVER MESSE sagen, dass die Berufe der Zukunft ganz wesentlich im technischen, mathematischen und ingenieurwissenschaftlichen Bereich liegen. Es gibt viele spannende und schöne Berufe, wo Menschen etwas mit Menschen zu tun haben: Erzieher, Pfleger und viele andere Berufe mehr. Die kennt man alle. Der Girls‘ Day hat die Absicht, Euch auch mit der anderen Seite der Berufsmöglichkeiten bekannt zu machen.

 

Es ist spannend, nicht nur zu wissen, dass man, wenn man einen Stecker in eine Steckdose steckt, an elektrischen Strom kommt, sondern sich vorstellen kann, wie solcher Strom erzeugt wird, was es für klassische Möglichkeiten gibt, Strom zu erzeugen, was es für neue Möglichkeiten bei erneuerbaren Energien gibt, wie man Energie einsparen kann und was man dafür für technische Voraussetzungen braucht. Genauso spannend ist es, einmal zu wissen, wie ein Handy wirklich funktioniert, was man tun und was man zusammenbauen muss und was man können muss, damit man dann später rasch eine SMS schreibt und auch schnell wieder eine Antwort bekommt. Es ist natürlich auch spannend zu überlegen, wie ich auf der Welt gute Ernährung gewährleisten kann und wie ich mehr für die Umwelt tun kann.

 

Wir wissen, dass Mädchen dafür gut geeignet sind. Mädchen haben – man möchte es gar nicht sagen, denn wir sind ja zur Gleichberechtigung verpflichtet – im Allgemeinen bessere Schulnoten und Schulabschlüsse als Jungen – wir müssen bald einen Boys‘ Day einführen, glaube ich. Es gibt in unserer Gesellschaft inzwischen auch schon eine ganze Menge Vorbilder, die zeigen, was man als Frau alles schaffen kann. Deutschland hat zum Beispiel eine Nobelpreisträgerin, nämlich Frau Nüsslein-Volhard auf dem Gebiet der Biochemie. Wir haben auch sonst viele Frauen in ganz spannenden und interessanten Berufen.

Mit dem morgigen Tag werden seit 2001 im Rahmen des Girls‘ Day über eine Million Mädchen an insgesamt etwa 60.000 Veranstaltungen teilgenommen haben. An die Unternehmen und an die Initiative D21 richte ich noch einmal ein herzliches Dankeschön. Sie haben ein Augenmerk darauf gelegt und sind bereit, durch ihre Unterstützung viele Frauen und Mädchen zu ermutigen, neue Wege zu gehen. Ich glaube, das ist für uns ganz wichtig. Die Politik kann das begleiten, sie kann es unterstützen, wir können hier im Kanzleramt etwas machen. Aber die Berufe selber können natürlich nur die Unternehmen anbieten. Sie können damit auch ein deutliches Zeichen setzen.

Wir versuchen seitens der Politik, die Forschung und die Entwicklung, die Naturwissenschaften genauso wie die Geisteswissenschaften zu unterstützen. Bildung wird auch in unserer Arbeit der nächsten Jahre ein ganz großer Schwerpunkt sein. Die Bundesbildungsministerin Annette Schavan wäre eigentlich auch hier gewesen, aber sie muss im Parlament Rede und Antwort stehen, weil wir heute etwas Interessantes im Kabinett beschlossen haben, nämlich zum Beispiel ein Stipendienprogramm. Wenn man sich während des Studiums also anstrengt, kann man durch ein Stipendium ausgezeichnet werden. Wir haben heute auch noch einige andere wichtige forschungspolitische Schwerpunkte gesetzt.

Zurück zu euch Mädchen: Euch wurde eine Preisfrage gestellt. Wer sie gewinnt, kann mit seiner Klasse für einen Tag zur phæno Experimentierlandschaft nach Wolfsburg fahren – das hört sich irgendwie nach VW an. Die Frage lautete: 2009 wurden insgesamt 5.163 Ausbildungsverträge für den Beruf Fachinformatiker oder Fachinformatikerin für Systemintegration abgeschlossen – wie viele von diesen Auszubildenden waren weiblich? Die Antwort lautet: 274. Gewinnerin ist Jamila Schwarz aus der Hans-Bredow-Schule im Wedding. Du hast für die ganze Klasse – also auch für die Jungs – etwas gewonnen. Ich glaube, damit hast Du ein gutes Werk getan. Ich wünsche euch viel Spaß bei Eurem Besuch in Wolfsburg. Herzlichen Glückwunsch und alles Gute!

Es ist ja doch erschütternd: 5.163 Ausbildungsverträge und nur 274 Mädchen. Hatte jemand von Euch über 1.000 getippt? Ihr habt einen guten Glauben an die Zukunft – tragt etwas dazu bei, dass wir uns den 1.000 nähern!

Herzlichen Glückwunsch noch einmal, und ein herzliches Dankeschön an die Initiative D21, dass Sie das Ganze so unterstützen!

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