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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der 60-Jahr-Feier der Atlantik-Brücke e. V. im Deutschen Historischen Museum

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Montag, 02. Juli 2012
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, lieber Friedrich Merz,
sehr geehrte Familie Warburg,
sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schmidt,
Exzellenzen,
liebe Mitglieder und Freunde der Atlantik-Brücke,
meine Damen und Herren,

im März 1946 kam Konrad Adenauer in einem Brief an den nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die USA emigrierten früheren SPD-Politiker William Sollmann zu dem Schluss – ich zitiere: „USA kennt Europa nicht.“ In dieser Formulierung drückte sich die große Sorge Adenauers aus, dass sich die Vereinigten Staaten von Amerika, nachdem der Zweite Weltkrieg und der Nationalsozialismus ein Ende gefunden hatten, nun weniger für Europa interessieren könnten. Adenauer fährt in seinem Brief an Sollmann fort: „Helfen Sie doch, die Überzeugung in USA zu verbreiten, dass die Rettung Europas nur mit Hilfe von USA erfolgen kann und dass die Rettung Europas auch für USA wesentlich ist.“ In diesem einen Satz sagt Konrad Adenauer all das, was seither für die transatlantischen Beziehungen entscheidend ist – wir können es in drei Worten zusammenfassen: Wir brauchen einander.

Adenauers Befürchtungen sollten sich zum Glück zerstreuen. Die Vereinigten Staaten wie auch Kanada überließen das kriegszerstörte Europa nicht seinem Schicksal. Im Gegenteil, sie halfen unserem geschundenen Kontinent nach Kräften, eine Zukunft in Frieden und Freiheit zu gewinnen. Diese Verantwortung nahmen sie auch und besonders für Deutschland auf sich – für ein Land, das unsägliches Leid über Europa und die Welt brachte, für ein Land, das den unfassbaren Zivilisationsbruch der Shoah zu verantworten hatte. Tausende US-amerikanische und kanadische Soldaten verloren während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben, als sie die Welt zusammen mit ihren Alliierten von der Barbarei des nationalsozialistischen Deutschlands befreiten. Deutschland nach diesen Schrecken bei seinem Wiederaufbau, bei seinem Neuanfang in der Demokratie, auf seinem Weg zurück in die freiheitliche Staatengemeinschaft zur Seite zu stehen, zeugt von beispielloser Größe und Weitsicht.

Hiervon tief beeindruckt hielt Konrad Adenauer, kaum zum Bundeskanzler gewählt, in seiner ersten Regierungserklärung 1949 fest – ich zitiere ihn nochmals: „Ich weiß, dass unzählige Amerikaner aus echter, persönlicher Teilnahme und Nächstenliebe uns Deutschen in unserer schwersten Not […] in rührender Weise geholfen haben. Das deutsche Volk wird das dem amerikanischen Volk niemals vergessen dürfen, und es wird das auch nicht vergessen.“

Heute, über 60 Jahre später, verbindet sich große Dankbarkeit mit dem tiefen Bedürfnis, das Bewusstsein dafür wach zu halten, welch unermessliches und keinesfalls selbstverständliches Geschenk es ist, in Frieden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Wohlstand in Deutschland und Europa leben zu dürfen. Der Wiederaufbau Deutschlands auf dem Fundament von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wäre nicht möglich gewesen ohne Vertrauen gerade auch der Vereinigten Staaten in die freiheitlichen Kräfte unseres Landes.

Vertrauen, das ist auch heute die Grundlage für eine politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit, die einen starken Pfeiler unseres Wohlstands und unserer Sicherheit bildet. Ein solches Vertrauen erwächst aus Verstehen und Verständnis, aus einem Offensein füreinander und einem Miteinander- statt Übereinanderreden. Amerika zeigte diese Offenheit, als sie notwendiger war denn je. Amerika reichte die Hand zu Versöhnung und Wiederaufbau. Aus Hilfe und Unterstützung in Zeiten der Not wurde ein vertrauensvolles Miteinander – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Aus einstigen Kriegsgegnern wurden schließlich Partner, ja, Freunde.

Auf dem Weg, diese Partnerschaft und Freundschaft über den Atlantik hinweg zu knüpfen, sollte sich die Gründung der Atlantik-Brücke als Glücksfall erweisen. Sie hat sich in den 60 Jahren ihres Bestehens wie kaum eine andere nichtstaatliche Institution in Deutschland um die transatlantischen Beziehungen verdient gemacht. Deshalb nutze ich gerne die Gelegenheit, zum Jubiläum zu gratulieren und all denen, die am Erfolg der Atlantik-Brücke in diesen 60 Jahren mitgewirkt haben, ein ganz herzliches Dankeschön zu sagen. Ich richte diesen Dank an alle, die das völkerverbindende Werk der Atlantik-Brücke vorangetrieben und begleitet haben.

Ein besonderer Willkommensgruß gilt unseren Freunden aus den Vereinigten Staaten sowie aus Kanada, die heute Abend mit uns feiern und für die stellvertretend auch die Botschafter sowie Bob Kimmitt gesprochen haben. Herzlich willkommen.

Noch einen Gast möchte ich hervorheben: Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schmidt, es freut mich sehr, dass Sie den Eric-M.-Warburg-Preis entgegennehmen. Das ist eine große Ehre, wie ich denke, für beide Seiten: für Sie wie für die Atlantik-Brücke. Über Jahre hinweg haben Sie sich für den transatlantischen Dialog eingesetzt. – An meiner Universität hat der Bundeskanzler zwar keine Abschlussrede gehalten, aber dafür an Ihrer, Herr Botschafter. Ich habe aber seinen Besuch in der damaligen DDR, in Güstrow, angeregt verfolgt. So unterschiedlich waren die Zeiten. – Sie haben die deutsch-amerikanische Partnerschaft, lieber Herr Schmidt, immer wieder belebt und auch persönlich gelebt. Ich will natürlich nicht die Laudatio vorwegnehmen, möchte Ihnen aber einen großen Dank und einen herzlichen Glückwunsch als Preisträger im Jubiläumsjahr der Atlantik-Brücke sagen.

Wir feiern in diesem Jahr nicht nur den 60. Geburtstag der Atlantik-Brücke. Wir denken auch daran, dass sich in diesem Jahr der Vorschlag des damaligen US-amerikanischen Außenministers George Marshall, die wirtschaftlichen und damit auch politischen Verhältnisse in Deutschland und Europa zu stabilisieren, zum 65. Mal jährt. Mit der Umsetzung des Marshallplans nahm das Vertrauen in ein zukunftsfähiges Deutschland eine konkrete, eine praktische Gestalt an. Wir erinnern uns in diesem Jahr auch an die große, an die visionäre Rede von US-Präsident Ronald Reagan am Brandenburger Tor, nicht weit von hier. „Mr. Gorbachev, open this gate! […] Tear down this wall!“ – Seine Worte vor 25 Jahren bleiben ebenso unvergessen wie das Bekenntnis von Präsident John F. Kennedy zur Freiheit Berlins vor fast 50 Jahren.

Wenn ich das einfließen lassen darf: Wie viele von Ihnen haben 1987 wohl daran geglaubt, dass die Mauer fallen würde? Ich war auf der anderen Seite; und ich gebe zu, nicht daran geglaubt zu haben. Hier, an dieser Stelle, war damals ein Geschichtsmuseum, das mit der Wahrheit der Geschichte wenig zu tun hatte. Aber daran, dass wir alle heute hier zusammen sein können, erkennen wir, dass der Mauerfall zu den Wundern gehört, die von Menschen durch ihre Überzeugung bewirkt wurden. Viele von Ihnen waren dabei. Auch dafür ein herzliches Dankeschön.

All die Persönlichkeiten, die ich genannt habe, stehen für das Bekenntnis, dass Amerika immer entschlossen auf der Seite der Freiheit stand und immer entschlossen auf der Seite der Freiheit stehen wird. Für viele Menschen, die wie ich im unfreien Teil Deutschlands aufgewachsen sind, war Amerika stets ein Ort der Sehnsucht, der Inbegriff von Freiheit. Ich habe schon mehrfach darüber gesprochen: Mein Reiseziel mit Eintritt ins Rentenalter – für Frauen in der DDR mit 60 Jahren – war klar: Durchgangsstation Bundesrepublik, Abgabe des DDR-Ausweises, Inanspruchnahme eines Westpasses und sofortiger Flug in die Vereinigten Staaten von Amerika. Das hat dann aber schon vorher geklappt.

Ich werde nie vergessen, dass es auch Amerika war, das tatkräftig half, den Weg hin zu Einheit, Demokratie und Freiheit für ganz Deutschland zu ebnen. Heute kann man manchmal den Eindruck gewinnen, dass die deutsch-amerikanische Partnerschaft genau aus dieser Erfahrung heraus für viele eine Art Selbstläufer ist, um den man sich nicht groß kümmern müsse. Doch wie jede Partnerschaft ist auch die transatlantische stets zu pflegen, damit sie auch in Zukunft Früchte trägt. Dazu muss es Gelegenheiten zum Austausch und zur Begegnung von Schülern und Studenten, von Politikern und Unternehmern, von Sportlern und Künstlern geben. Nur über persönliche Begegnungen entwickeln wir ein Gefühl dafür, wie nahe wir uns trotz großer räumlicher Entfernung sind und worüber wir mehr miteinander sprechen müssen, um einander besser zu verstehen. Nur so stärken wir auch die Überzeugung, dass wir miteinander mehr erreichen können als nebeneinander oder gar gegeneinander.

Es bleibt also unvermindert wichtig, dass die transatlantische Idee auch über die Atlantik-Brücke Herz und Verstand erreicht. Deshalb danke ich all denen, die heute für diese Atlantik-Brücke oder, auf der anderen Seite, für die amerikanische Organisation arbeiten. Ich danke all jenen, die immer wieder Zeit dafür einsetzen, denn obwohl wir länger leben, wird Zeit scheinbar zu einem knapper werdenden Gut, weshalb wir sie sorgsam einteilen müssen. Deshalb ein herzlicher Dank all denen, die Zeit in diese Freundschaft investieren.

Die einzigartige Partnerschaft Deutschlands und Europas mit den Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada ist heute genauso bedeutsam, wie sie es vor dem Fall der Mauer war. Sie lebt heute weniger aus der Vergangenheit heraus, sondern speist ihre Lebendigkeit aus den gemeinsamen Herausforderungen, vor denen wir heute stehen. Und davon gibt es wahrlich genug. Ich möchte nur einige nennen.

Denken wir an Afghanistan. Dort wird unsere Aufgabe mit unserem Truppenabzug bis Ende 2014 nicht enden. Auch nach vollständiger Übergabe der Verantwortung für die eigene Sicherheit werden wir Afghanistan auf seinem Weg der Stabilisierung und wirtschaftlichen Entwicklung begleiten, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass auch außerhalb unserer Länder unsere Freiheit bedroht werden kann. Deshalb sind wir in Afghanistan; und deshalb haben wir Verantwortung für Afghanistan.

Als transatlantische Partner bemühen wir uns auch weiterhin um eine diplomatische Lösung des Konflikts durch das iranische Nuklearprogramm. Denn dieses Programm bedroht nicht etwa nur Israel, nein, es bedroht uns und die freie Welt als Ganzes. Deshalb müssen wir dem Einhalt gebieten und alles daran setzen, die Verhandlungen konsequent fortzusetzen. Mit großer Sorge verfolgen wir in diesen Tagen die dramatische Entwicklung in Syrien. Wir dringen gemeinsam darauf, der Gewalt endlich Einhalt zu gebieten. Es sind nur wenige Krisenherde, die ich hier genannt habe. Ich könnte weitere Beispiele nennen aus dem Kosovo und Bosnien-Herzegowina, aus dem Kongo und vielen anderen Regionen der Welt.

Der amerikanische Wunsch nach einer besseren Lastenteilung – das will ich ausdrücklich sagen – ist durchaus nachvollziehbar. Eine starke Europäische Union muss bereit und in der Lage sein, vor allem für den europäischen Kontinent und in unserer Nachbarschaft sicherheitspolitische Verantwortung zu übernehmen. Und wie man sieht, haben wir da alle Hände voll zu tun, um die letzten Probleme – und das sind viele; sei es im Kosovo, in Serbien, Bosnien-Herzegowina und anderswo – zu lösen.

Gleichzeitig sind die europäischen und atlantischen Strukturen enger zu verzahnen. NATO-Aktionen und europäische Engagements im Rahmen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik müssen aufeinander abgestimmt sein und einander sinnvoll ergänzen. So können wir mehr Synergien schaffen, wovon wir gemeinsam profitieren. Wir sollten uns jedenfalls bewusst sein: Europas Bedeutung für Nordamerika dürfte maßgeblich davon abhängen, welche Rolle unser Kontinent bei der Bewältigung globaler Herausforderungen einnimmt. Das ist die Aufgabe unserer politischen Generation auf der europäischen Seite.

Die Europäische Union und Nordamerika stehen auf einem gemeinsamen Wertefundament von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten. Wenn wir uns einmal überlegen, dass heute sieben Milliarden Menschen auf der Welt leben und die Europäer und Amerikaner zusammen nicht einmal eine Milliarde ausmachen, allerdings immer noch annähernd 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Welt erwirtschaften, dann wissen wir, dass es gut ist, in vielen Fragen auch in Zukunft zusammenzuhalten und unser Wertefundament gemeinsam zu vertreten. Wenn wir in der Welt des 21. Jahrhunderts mit einem weiterhin rapiden Bevölkerungswachstum unsere Werte und Interessen behaupten sollen, dann müssen wir gemeinsam für sie werben und für sie eintreten. Es ist so, wie Bob Kimmitt es eben gesagt hat: Wir haben sicherlich unsere eigenen Interessen, aber wir sollten darauf achten, wo wir unser gemeinsames Fundament auch gemeinsam vertreten können. Hierbei ist es von großer Bedeutung, dass wir uns auch wirtschafts- und finanzpolitisch so eng abstimmen wie noch nie. Das haben der G8-Gipfel in Camp David und der G20-Gipfel in Los Cabos einmal mehr verdeutlicht.

Anknüpfend an Adenauer möchte ich sagen: Aus amerikanischer Perspektive die Europäische Union und die Euro-Zone zu verstehen, ist sicherlich nicht trivial. Aber auch dabei spüre ich das Bemühen – und wir tragen auch dazu bei –, uns einander verständlich zu machen. Gerade auch in der Krise haben wir gelernt, uns gegenseitig mehr zu verstehen. Wir müssen also auch in Wirtschaftsfragen unsere Zusammenarbeit unter den Bedingungen der Globalisierung regelmäßig auf den Prüfstand stellen. Denn der rasante Aufstieg von Volkswirtschaften wie China, Indien und Brasilien – ich könnte auch andere nennen – bleibt nicht ohne Einfluss auf die transatlantischen Beziehungen. Ich beobachte sehr genau, wie diese Schwellenländer auch aus unserer Art des Zusammenwirkens lernen und ebenfalls Bündnisse schmieden. Auch deshalb hat die transatlantische Beziehung in Zukunft eine große Bedeutung.

Als Deutschland im Jahr 2007 die EU-Ratspräsidentschaft innehatte, haben wir den Transatlantischen Wirtschaftsrat ins Leben gerufen. Ich möchte allen danken, die darin mitwirken. Wenn es uns besser gelingen würde, jenseits der tarifären Handelshemmnisse auch beim Abbau der nichttarifären noch ein bisschen mehr gemeinsam zu agieren, könnten wir in einer Welt, in der auch andere erstarken – ich bin davon zutiefst überzeugt –, vieles für unsere Wirtschaft gewinnen, etwa durch gemeinsame Standards bei der Elektromobilität, Nanotechnologie, bei erneuerbaren Energien und vielem anderen mehr.

Es lohnt sich also, Sinn und Zweck mancher Investitions- und Handelshürden infrage zu stellen und, mehr noch, auch über Möglichkeiten für ein umfassendes transatlantisches Freihandelsabkommen zu sprechen. Ich bin überzeugt, das können wir nur schaffen, wenn nicht nur die Politik darüber redet, sondern auch viele Vertreter aus der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft immer wieder werbend dafür eintreten und die Sinnhaftigkeit eines solchen Projekts deutlich machen. Dieses Projekt ist schon alt, aber wir arbeiten jetzt gerade wieder mit etwas neuem Elan daran. Deshalb bitte ich auch die Atlantik-Brücke ganz herzlich, dabei mitzuwirken, aber natürlich auch insgesamt weiterhin als Forum in einer Welt zu agieren, in der wir einander brauchen.

Deshalb noch einmal Dank an alle Mitglieder und Freunde der Atlantik Brücke und der Wunsch: Machen Sie weiter, damit die transatlantische Partnerschaft und Freundschaft das bleiben können, was sie waren und was sie sind: unentbehrliche Garanten für Frieden, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag und weiter viel Tatkraft, viel Elan und viel Freude an der gemeinsamen Arbeit.

Herzlichen Dank.

Dienstag, 03. Juli 2012