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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der 3. Falling Walls Conference

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 09. November 2011

in Berlin

Sehr geehrter Herr Professor Turner,

Herr Bundespräsident,

Exzellenzen,

werte Gäste, meine Damen und Herren,

 

ich bin gerne wieder zu Ihnen gekommen. – Im Augenblick sind weder 40 Staats- und Regierungschefs bei mir zu Gast noch besuche ich 40 Staats- und Regierungschefs. – Ich bin gerne hier bei dieser Konferenz, die als Falling Walls Conference am 9. November schon eine Tradition ist. Das, was Sie heute schon besprochen haben, zeigt, dass die Welt eigentlich ganz einfach sein könnte, wenn alle diese „breakthroughs“ eintreten. Aber ich habe keine besonders einfache Lösung. Dennoch glaube ich, dass es wichtig ist, die Welt immer wieder neu zu betrachten.

 

Dieser Tag und dieser Ort sind symbolisch genug, um uns unsere Aufgaben, die wir haben, noch einmal vor Augen zu führen, sie einzuordnen und auch Perspektiven für Lösungen zu finden. Der 9. November ist ein Tag von großer Bedeutung in der deutschen Geschichte. Der 9. November 1938 steht für eine Katastrophe, die größer als alles ist, was wir uns heute vorzustellen vermögen. Es war ein Tag der Schande, ein Vorbote des Zivilisationsbruchs, der Shoah. Deutsche verfolgten Deutsche, weil sie Juden waren. Dieser Irrsinn mündete in ein beispielloses Verbrechen. Er verwüstete den Kontinent und kostete Millionen Menschen rund um die Erde das Leben. Wenn wir hier und heute über die Zukunft sprechen, dann tun wir das auch und gerade im Gedenken an die Opfer dieses Wahns – eines Wahns, der in unserem Land, in Deutschland begann.

 

Mit dem 9. November 1989 verbinden Menschen aller Welt hingegen ein unbeschreibliches Glück: das Glück vom Fall der Mauer hier in Berlin. Es ist ein Glück, das zum Ende des Kalten Krieges geführt hat. Der Drang nach Freiheit und der Mut der Menschen waren stärker als Beton. Berlin, einst Symbol für Teilung und Stillstand, wurde zum Symbol des Durchbruchs in die Freiheit. Jeder sieht, wenn er in den Straßen Berlins ist, dass wir heute eine der lebendigsten Hauptstädte der Welt haben.

 

Die jedes Jahr am 9. November stattfindende Falling Walls Conference schlägt nun den Bogen von der Reflexion der Vergangenheit über den Austausch in der Gegenwart zur Gestaltung der Zukunft. Das macht auch das Besondere dieses Forums aus. Es sucht Antworten auf die Fragen unserer Zeit. Es geht um zukünftige Durchbrüche, zu denen uns vergangene Durchbrüche ermuntern.

 

Daran hier im Radialsystem Berlin eine kurze Zeit teilzuhaben, ist mir eine große Freude. Der Veranstaltungsort ist ein guter Rahmen, denn er steht für zwei Aspekte, die besonders wichtig sind: Kreativität auf der einen Seite und Vielfalt auf der anderen Seite. Beides fördert den Austausch von Wissen, Informationen und Gedanken. Wechselseitiges Lernen ist die Voraussetzung, um Grenzen zu überwinden und auch für sich selbst neue Horizonte zu erschließen.

 

Wissenschaftliche Fortschritte sind entscheidend, um Herausforderungen globaler Natur sinnvoll anzugehen. – Das haben Sie heute an einigen Beispielen auch schon getan. – Deshalb ist es so wichtig, dass Deutschland Wissenschaftsstandort bleibt, ja sogar an Attraktivität gewinnen muss. Wenn wir uns einmal vor Augen führen, was unsere Chancen und unsere Vorzüge sind, dann sehen wir, dass das Wissen, der Erfindungsreichtum, die Kreativität unsere großen Ressourcen sind. Wir sind weder reich an Bodenschätzen noch lässt unsere demografische Situation erwarten, dass wir ein wachsender Markt in wahnsinnigen Größenordnungen sind. Wenn man von uns Geld haben will, müssen wir auch eher auf unsere Schulden verweisen. Unser Schatz sind also unsere Köpfe, unsere Fähigkeiten, unsere Geschichte und unsere Tradition, aus der wir etwas machen können. Deshalb investieren wir in kluge Köpfe. Wir wissen, dass sich das auf Dauer auszahlt.

 

Es geht um Bildungschancen. Wir müssen unser Bildungssystem durchlässiger machen. Wir müssen forschungsfreundliche Strukturen haben. Wir brauchen neue Formen der Kooperation; das wird gerade in der Hauptstadt verhandelt und vielleicht auch erprobt. Wir brauchen eine systematische Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Dass es auch hier um Nachwuchsförderung geht, finde ich sehr ermutigend. Denn mit gefallenen Grenzen und Mauern ist die Welt auch für junge Leute offen. Man muss seine wissenschaftliche Tätigkeit nicht in Deutschland vollbringen, man kann das überall. Deshalb brauchen wir gar nicht so viel Angst zu haben, dass uns die Talente dieser Erde überrennen und alle nach Deutschland wollen, sondern wir müssen stattdessen sehr dafür werben, dass manche Talente der Welt zu uns kommen und nicht alle Talente Deutschlands in die Welt hinausrennen und nicht wieder zurückkommen.

 

Meine Damen und Herren, das historische Ereignis des Mauerfalls zum Anlass zu nehmen, den Blick nach vorne zu richten und zu fragen, welche Mauern als nächstes fallen – das ist die brillante Idee dieser Konferenz. Wir alle spüren, dass unsere heutige Lebenswelt von großer Dynamik und wachsender Komplexität ist. Jeder Tag bringt neue Antworten auf die verschiedensten Fragen. Zugleich wirft jede Antwort eigentlich schon wieder mindestens eine neue Frage auf, wenn nicht mehrere. Der Wandel betrifft die gesamte Gesellschaft. Wir leben in einer sehr wandlungsfreudigen Zeit. Gerade die Entwicklung des Internets und der Informationstechnologie ist mit Sicherheit einer der großen technischen Durchbrüche, vielleicht vergleichbar mit der Erfindung der Buchdruckkunst.

 

Die Weltbevölkerung selbst entwickelt sich sehr dynamisch. Seit letzter Woche sind wir sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Ich weise immer gerne auf Folgendes hin: Als Konrad Adenauer gerade einmal ein Jahr Bundeskanzler war, gab es 2,5 Milliarden Menschen, heute sind es sieben Milliarden Menschen. Wir Europäer stellen noch gut sieben Prozent der Weltbevölkerung dar. Unser Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt beträgt rund 20 Prozent. Die Tendenz ist in beiden Fällen abnehmend. Deshalb stellt sich die große Frage, wie wir leben, ohne zu Lasten unserer Zukunft zu leben. Das ist vielleicht die alles überwölbende Frage, mit der wir umzugehen lernen müssen. Das betrifft verschiedene Bereiche, unter anderem die Verschuldung einzelner Staaten, mit der wir uns im Augenblick gerade besonders befassen.

 

Die Verschuldungsfrage ist augenfälliges Beispiel für das Denken, das einfach kein Morgen kennen will, das nicht danach fragt: Was passiert als nächstes? Das Interessante ist: Wenn man über ein Denken, das kein Morgen kennt, spricht, dann sagt jeder: Klar, wir wissen, dass es falsch ist. Trotzdem ist es so schwer, es richtig zu machen. Deshalb möchte ich an diesem 9. November darauf hinweisen, dass schon vor 200 Jahren in Berlin von einem Forscher festgestellt wurde, was genau zu diesem Thema festzustellen ist. Weise sei es, die Lebensgrundlagen so zu benutzen, dass – ich zitiere – „die Nachkommenschaft ebenso viel Vorteil daraus ziehen kann, als sich die jetzt lebende Generation zueignet.“ – Zitatende. Wir wissen, dass dies ein Forstwissenschaftler geschrieben hat, nämlich Georg Ludwig Hartig im Jahr 1804. Genau das ist die Definition von Nachhaltigkeit, die wir heute eher in der englischen Form „sustainability“ kennen. Warum aber fällt es uns so schwer, dieses Wissen in Handeln umzusetzen, wenn uns das schon vor 200 Jahren aufgeschrieben wurde?

 

Herr Turner hat mir erzählt, dass Sie heute Morgen über die Forschung von Elke Weber diskutiert haben, die als Wirtschaftspsychologin an der Columbia Universität arbeitet. Ihre Forschung kann uns vielleicht einen Hinweis geben, warum es so schwer fällt, unser Wissen in Handeln umzusetzen. Ihre Forschung macht deutlich, dass wir für ein anderes Handeln nicht nur Einsicht brauchen, sondern immer auch einen Anlass. Besonders geeignet für die Veränderung von Verhaltensweisen sind unerfreuliche Anlässe. Deshalb sollten wir das Unerfreuliche der täglichen Beschäftigung, zum Beispiel mit der Schuldenproblematik, vielleicht zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, ob wir etwas anders machen können. Man könnte sagen: Das ist das Erfreuliche am Unerfreulichen. Das könnte ein Wendepunkt sein, um einen Augenblick der Umkehr zu erzeugen.

 

Die aktuelle Lage von Europa ist sicherlich so unerfreulich, dass sie mehr als Anlass geben sollte, eine Wende zum Guten vorzunehmen. Die Schuldenkrise ist ja nicht nur etwas sehr Unerfreuliches, sondern in des Wortes Bedeutung auch ein Moment der Entscheidung, ein Wendepunkt, ein Augenblick der Umkehr und damit wiederum auch eine Chance, einen neuen Weg einzuschlagen. Allerdings darf ich Ihnen berichten, dass das gar nicht so einfach ist, wie es eigentlich logisch zu sein scheint. Um im Bild des heutigen Tages zu bleiben: Es ist eigentlich Zeit und Chance für einen Durchbruch zu einem neuen Europa.

 

Dabei sollten wir nicht nur die aktuellen Schuldenprobleme überwinden, sondern eben auch an das Morgen und daran denken, nicht weiter auf Kosten der Zukunft zu leben. Das bedeutet also eine Wende zu mehr Nachhaltigkeit. Dieses unser Europa ist unsere Zukunft. Ich sprach davon, dass wir in Europa noch gut sieben Prozent der Menschheit ausmachen; Deutschland selbst bringt gerade noch gut ein Prozent auf die Waage. Selbst wenn wir also der Meinung sind, dass wir die größte europäische Volkswirtschaft sind, werden wir auf dieser Welt allein kaum etwas bewegen können.

 

Wenn wir nicht nur an heute, sondern an morgen denken wollen, dann heißt das: Wir müssen den Weg in eine Stabilitätsunion einleiten. Und dazu müssen wir vieles ändern. Wenn wir über unsere Gesellschaften nachdenken, dann sind Absichtserklärungen gut und schön, aber die eigentlichen Sicherheiten von Demokratien sind gefestigte Strukturen und gefestigte Regeln, die man einhalten muss, die überprüfbar sind und deren Nichteinhaltung auch Konsequenzen hat. Das genau ist das Problem, mit dem wir uns in Europa zu beschäftigen haben. Das heißt also, es wird nicht nur darum gehen, gute Absichtserklärungen abzugeben, sondern es wird darum gehen, wirklich Strukturänderungen durchzuführen. Deshalb glaube ich, dass wir in Europa gemeinsame Verantwortung in Form auch neuer vertraglicher Strukturen brauchen; ohne das wird es nicht gehen.

 

Nun ist es zu meinem Leidwesen so, dass wir uns mit der Erstellung des Lissabon-Vertrags so gequält haben – Professor Herzog weiß, wovon ich spreche –, dass sich alle beteiligten Politiker erschöpft auf die Stühle gesetzt und gesagt haben: Nie wieder eine Vertragsänderung. Wenn ich hier auf einer Konferenz spreche, die sich mit „falling walls“ beschäftigt, dann ist auch zu sagen, dass auch hierbei eine Mauer fallen muss. Denn es ist vollkommen klar: Eine politische Gemeinschaft, die erklärt, dass sie ihre vertraglichen Grundlagen nie wieder ändern kann – unabhängig davon, was sich auf der Welt tut –, ist nicht überlebensfähig. Das ist meine feste Überzeugung. Deshalb müssen wir, weil sich die Welt so stark ändert, in der Lage sein und uns mental dazu entschließen, auf die Herausforderungen eine Antwort zu geben; und diese wird „mehr Europa“ und nicht „weniger Europa“ lauten.

 

Wir erleben heute: Irische Sorgen sind slowakische Sorgen, griechische Sorgen sind niederländische Sorgen, spanische Sorgen sind deutsche Sorgen oder italienische, wie auch immer man es nimmt. Unsere Verantwortung endet jedenfalls nicht an den Grenzen unserer Länder. Sie reicht heute darüber hinaus. Das heißt nichts anderes, als dass sich europäische Politik zu einer europäischen Innenpolitik entwickelt hat. Das hat sich in seinem Charakter völlig gewandelt. Das heißt, wir müssen – ohnehin viel stärker global – auch in Europa in den Maßstäben der Innenpolitik denken und handeln.

 

Es kann etwas sehr Gutes bedeuten, wenn wir lernen, europäische Verantwortung täglich erlebbar zu machen. Genau das ist gemeint, wenn ich von „mehr Europa“ spreche. Mehr Europa – das ist letztendlich auch eine Konsequenz des Endes des Kalten Krieges, der Vergrößerung der Europäischen Union und schließlich der Verteidigung gemeinsamer Werte bei globalen Herausforderungen.

 

Wenn ich sage „Europa ist in einer Krise“, dann füge ich hinzu: Jetzt ist der Augenblick, zu handeln. Es ist Zeit für einen Durchbruch zu einem neuen Europa. Ich glaube, gerade in einer solchen Zeit ist der Austausch zwischen Politik und Wissenschaft von allergrößter Bedeutung. Deshalb nehmen wir Tipps und Hinweise gerne an. Wir müssen sie allerdings auch politisch relativ schnell umsetzen, denn die Welt wartet nicht auf Europa. Es war einer der großen Irrtümer, die sich im 19. und 20. Jahrhundert aufgebaut haben, zu denken, dass wir der Nabel der Welt seien und dass ohne uns nicht viel gehe auf der Welt. Das ist nicht mehr der Fall. Weil wir aber wollen, dass wir auf der Welt gebraucht werden, weil wir selbst in Wohlstand leben wollen, weil wir weiterhin in Freiheit leben wollen und weil wir an morgen denken wollen, brauchen wir einen Durchbruch zu einem Europa der Verantwortung. Es freut mich, dies am 9. November dieses Jahres hier auf dieser Konferenz sagen zu können. Ich glaube, wir können das schaffen.

 

Herzlichen Dank.

Mittwoch, 09. November 2011