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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anl. der Gedenkveranstaltung „100 Jahre Erster Weltkrieg“ am 28. Oktober 2014

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 28. Oktober 2014
Ort:
Nieuwpoort/Belgien

Majestäten,
sehr geehrte Damen und Herren Präsidenten,
sehr geehrter Herr Premierminister, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren Minister,
Exzellenzen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

am 4. August dieses Jahres hat die beeindruckende internationale Gedenkfeier in Lüttich aller Welt gezeigt, wie Belgien des Ersten Weltkriegs gedenkt: mit Trauer über die Opfer und Respekt vor ihrem Leid, mit dem gemeinsamen Erinnern aller beteiligten Nationen und offenem Blick für die Zukunft. In Nieuwpoort und Ypern setzen Sie dieses Gedenken heute gemeinsam mit uns fort.

Ich danke Ihnen sehr herzlich für diese Einladung. Es ist eine besondere Ehre für mich, als deutsche Bundeskanzlerin zu Ihnen sprechen zu dürfen. Nach allem, was geschehen ist, nach dem Leid, das Deutsche in zwei Weltkriegen über Belgien gebracht haben und das 1914 mit dem Überfall des Deutschen Reichs auf Belgien begann – nach all dem ist diese Einladung alles andere als selbstverständlich.

Im August 1914 kannten die Reichsregierung und die deutsche Generalität einzig eine seelenlose militärische Logik. Zivilisatorische Standards hatten plötzlich keine Geltung mehr. Nationalismus benebelte die Sinne.

Unter der Führung von König Albert I. leistete Belgien Widerstand. Das Überfluten der flämischen Felder, mit dem der deutsche Vormarsch aufgehalten wurde, steht bis heute sinnbildlich für diesen Widerstand. Es zeigt auch, welch unermessliche Opfer der Krieg forderte. Betroffen waren Soldaten wie Zivilisten gleichermaßen, nicht zuletzt in den belgischen Märtyrerstädten.

Mit dem erstmaligen Einsatz von Chemiewaffen durch deutsche Truppen im Jahr 1915 in der 2. Flandernschlacht bei Ypern wurde eine neue Schwelle der Grausamkeit überschritten. Diese Schrecken des Krieges hinterließen die Zurückbleibenden in Verzweiflung, Angst und Sprachlosigkeit.

Meine Damen und Herren, das war vor 100 Jahren. Wenn wir dieser schrecklichen Ereignisse heute hier auf den Feldern Flanderns gedenken, dann können wir gar nicht dankbar genug dafür sein, wie viel sich seitdem verändert hat. Es waren Belgier, die nach dem von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg zu den Allerersten gehörten, die ihren deutschen Nachbarn die Hand zur Versöhnung reichten. Seitdem haben Belgier und Deutsche über mehr als sechs Jahrzehnte eine Freundschaft aufgebaut, die ihresgleichen sucht. Auch hierfür danke ich allen Belgierinnen und Belgiern heute von Herzen.

Es passt sehr gut, dass Brüssel heute Sitz der Europäischen Union ist. Sie steht für Freiheit, für demokratische Werte und die Wahrung internationalen Rechts. Diese zivilisatorischen Errungenschaften zu würdigen, zu bewahren und für sie auch weltweit einzutreten – dazu mahnen uns die Opfer der schrecklichen Kriege. Nur so erweisen wir ihnen gebührend Ehre.

Ich danke Ihnen.

Dienstag, 28. Oktober 2014