Navigation und Service

Inhalt

Rede der Bundeskanzlerin zur Auszeichnung mit dem Deutschen Medienpreis 2009

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 09. Februar 2010

in Baden-Baden

Sehr geehrte Anna Netrebko,

sehr geehrter Herr Kögel,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

vor allen Dingen auch liebe Schülerinnen und Schüler!

[Dankesworte an Anna Netrebko auf Russisch]

Ich glaube, man konnte erahnen, dass ich mich gerade bedankt habe.

Es ist eine wirkliche Ehre – ich sage das aus Überzeugung –, von Anna Netrebko eine Laudatio zu bekommen. Wir in Deutschland sind fasziniert von ihr und von ihrer Kunst. Man kann an uns beiden sehen, dass der Herrgott die Talente unterschiedlich vergibt. Insoweit darf ich nur sagen: Als ich sie in Salzburg in „La Traviata“ und dann auch an anderer Stelle gesehen und gehört habe, war ich immer wieder fasziniert. In San Francisco ist einmal bei ihrem USA-Debüt über sie geschrieben worden: „Sie ist eine Sängerin, die einfach alles hat, eine Stimme von staunenswerter Reinheit, Präzision und Wandlungsfähigkeit sowie großem dynamischen und tonalen Umfang, Fantasie, Verständnis und Geist, und hinzu kommt ein überwältigendes Charisma.“ Damit ist alles gesagt über Anna Netrebko, aber sie hat ja heute den Preis noch nicht bekommen. Insofern danke für die Laudatio, und wir arbeiten schon mal vor.

Aber, lieber Herr Kögel und liebe Jury, natürlich möchte ich mich auch bei der Jury bedanken, die den Deutschen Medienpreis in diesem Jahr mir zugedacht hat, auch bei Hillary Clinton – ich bitte, ihr das zu übersenden und ihr zu sagen; ich werde es bei nächster Gelegenheit auch tun –, dass sie sich die Zeit genommen hat, diese Worte zu finden. Ich war ja einmal ihre Laudatorin, wie es hier schon gesagt wurde, im Jahre 2004. Davon ist mir Verschiedenes noch in Erinnerung, auch das schöne Restaurant, wo wir saßen und wo sie mit bewundernswerter Geduld und Präzision jeden, der kam, auch mit einem Wort bedacht hat. Aber nicht vergessen werde ich, wie wir aus dem „Brenners“ in getrennten Staffeln herauskamen ‑ erst sie, dann ich. Hillary Clinton war also schon hierher geeilt, und ich kam hinterher und hatte, wie auch heute, Hosen an. Eine Frau sagte: „Können Sie sich nicht mal ein Beispiel an ihr nehmen? Die hat wenigstens einen Rock an.“ Das war eines der eindrücklichsten Ereignisse.

Der Preis, den ich heute erhalten durfte, der schwergewichtig ist, wie man gerade gemerkt hat, ist gerade 18 Jahre alt, also knapp volljährig. Es zeigt sich aber, dass er eine bemerkenswerte Strahlkraft hat. Das sieht man schon an dem Publikum hier. Deshalb ist es für mich in der Tat eine Ehre, mich in die Reihe der Preisträger einreihen zu dürfen, zumal mir nicht immer ein völlig reibungsloses Verhältnis zu den Medien nachgesagt wird. Man könnte da noch zwischen Wort und Bild unterscheiden, aber mein Ruf an dieser Stelle ist, glaube ich, schlechter als die Wahrheit.

Ich bedanke mich und ich bedanke mich auch dafür, dass Sie sich in der Preisträgerwürdigung darauf konzentriert haben, dass Sie über die Freiheitsordnung gesprochen haben, die in der Tat zu den Wurzeln meines Lebens und meiner Biografie gehört.

Es ist natürlich klar – deshalb freue ich mich auch so, dass Anna Netrebko heute diese Laudatio gehalten hat –, dass man erst, wenn die Freiheit nicht da ist, ermisst, was einem fehlt und wie viel einem fehlt. Ohne dass ich es irgendjemandem wünsche, dass die Freiheit uns abhanden kommt – das wäre ganz schrecklich –, ist dieses Gefühl, das wir über viele Jahre hatten und das ich hatte, doch eines, das immer präsent ist und das auch zu politischem Handeln in ganz spezieller, eben in dieser biografischen Weise ermutigt.

Meine Freude war auch nach 20 Jahren ungetrübt, als wir vor genau drei Monaten, am 9. November 2009 – wir haben ja schon Bilder gesehen – den 20. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert haben, ein Fest der Freiheit. Besonders schön war, dass wir es gemeinsam mit Freunden feiern konnten. Aus allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union, aus den Vereinigten Staaten von Amerika, aus Russland waren die Repräsentanten gekommen. Wer hätte sich vor 20 Jahren denken können, dass Präsident Medwedew dort steht und gleichzeitig Amerika, Frankreich, Großbritannien da sind, dass wir keine Mauer mehr haben und gleichzeitig unsere europäischen Freunde gemeinsam anwesend sind!

Das Wetter hatte es an diesem Tag ja nicht besonders gut mit uns gemeint, und deshalb haben insbesondere unsere südeuropäischen Freunde so frieren müssen. Aber als der zypriotische Präsident dann nach zweistündigem Programm endlich den Stein sah, der fiel und der die zypriotische Trennung symbolisiert hat, haben wir gesehen, dass wir ein Europa sind, das noch einige Probleme zu lösen hat, aber dass uns dieses Freiheitserlebnis auch große Kräfte verleiht.

Die Ära der Freiheit ist ja nicht von alleine möglich geworden, sondern wer Freiheit hat und wer Freiheit haben möchte, der braucht Mut. So gab es immer wieder Menschen, die gegen Verletzungen von Freiheit protestiert haben und die sehr selbstbewusst zuerst „Wir sind das Volk“ und später dann „Wir sind ein Volk“ gerufen haben. Aber wir denken in diesem Jahr genauso wie im letzten natürlich daran, dass das alles nicht möglich gewesen wäre, wenn unsere Nachbarn in Mittel- und Osteuropa nicht auch Vorkämpfer für die Freiheit gewesen wären, und wir denken daran, dass uns unsere Partner im Westen unterstützt haben. Wir denken daran, dass sich Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher in der alten Bundesrepublik so viel Vertrauen erarbeitet hatten, dass unsere Nachbarn und die ehemaligen Alliierten uns das alles zugetraut haben – alles nicht selbstverständlich.

Deshalb glaube ich, dass dieser Preis an diesen Gedanken der Freiheit und an die Motivation meines politischen Handelns erinnert, er aber gleichzeitig auch eine interessante Verknüpfung ist, weil es ein Medienpreis ist. Wenn wir einmal fragen, was auch geholfen hat, Menschen Mut zu machen, was auch geholfen hat, der Freiheit zum Durchbruch zu verhelfen, dann waren es natürlich die Medien, dann waren es die Informationen, die plötzlich nicht mehr aufzuhalten waren. Ich bin auch der tiefen Überzeugung, dass die technischen Möglichkeiten unserer heutigen Informations- und Wissensgesellschaft, die sich ja genau Ende der 80er-Jahre Bahn gebrochen haben, ein unglaublicher Treiber waren, um die Überlegenheit der freiheitlichen Systeme erkennen zu lassen und den Menschen Mut zu machen.

Ich darf im Rückblick gerade all denen, die im Medienbereich arbeiten, ein Dankeschön sagen. Es war für uns in der ehemaligen DDR so unglaublich wichtig, dass im Grunde keiner verloren gehen konnte, dass über jeden doch immer wieder Informationen gesucht wurden, dass über jedes Schicksal berichtet wurde. Ich denke heute oft daran, wenn es um Bürgerrechtler und Kämpfer für die Freiheit zum Beispiel in China geht, wie wir es jetzt wieder gehört haben, wie wichtig es ist, dass wir Menschen nicht vergessen. Man muss davon nicht immer laut sprechen, aber man sollte deutlich machen, dass das der Fall ist ‑ wir als Politiker, aber genauso die Medien. Das bleibt in unserer Welt leider noch eine Aufgabe, aber dieser Aufgabe sollten wir uns verbunden fühlen und uns als Europäer und gerade als Deutsche immer daran erinnern, was man damit bewirken kann. Manchmal dauert es lange ‑ kein Mensch kann hineingucken; wenn wir jetzt an den Iran denken, wie sich die Demonstranten fühlen, wie viel Angst sie haben, wie viel Sorgen sie haben. Aber immer wieder ist es wichtig, dass wir nicht nachlassen, nicht aufgeben, nicht vergessen.

Deshalb hat es auf lange Strecke nie geklappt, Informationen zu unterdrücken. Deshalb sind freie Medien nicht nur für Information und Kommunikation wichtig und keine Ware wie jede andere, sondern sie sind Motoren der Meinungs- und Willensbildung in Staat und Gesellschaft, und sie beleben die öffentliche Diskussion. Heutzutage gibt es ja eine gewisse Verarmung von Worten. Jede Art von Disput, Debatte, Diskussion, Austausch wird auf Unterschiede hin beleuchtet und anschließend zum Streit erklärt. Ich rate uns, die gesamte Vielfalt der Meinungsbildung nicht zu sehr zu reduzieren, sondern in voller Form auch anzunehmen, denn gesellschaftliche Debatten sind für den Fortschritt in einem Land unendlich wichtig. Ich gebe zu: Deshalb nicht nur „confuse them“, sondern Anregung, wenn es hier um die 100-Tage-Bilanz geht.

Freie Medien sind insoweit ein besonderes Kulturgut und ein unverzichtbares Element unserer freiheitlichen Gesellschaft. Deshalb ist es auch richtig, von ihnen als der sogenannten vierten Gewalt zu sprechen. Deshalb sage ich auch ganz offen: Ob man es mag oder nicht, wir als Politiker sind auf Medien angewiesen, wenn wir das, was wir denken, was wir meinen, was wir wollen, auch transportieren wollen. Deshalb sind Politik und Medien ganz feste Bestandteile unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Voltaire, der große Philosoph der Aufklärung, hat hierfür ja die geradezu klassische Maxime geprägt, als er sagte: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ Daran sollten wir uns immer wieder erinnern.

Wir sind also eine Verantwortungsgemeinschaft ‑ Politik und Medien. Deshalb ist es natürlich auch wichtig, in einer Zeit, in der wir eine Revolution in den Medien erleben, eine Revolution, die ja, wie der hier auch geistig immer anwesende Herr Burda sagen würde, so einschneidend ist wie die Erfindung der Buchdruckerkunst von zu Guttenberg – nein, von Gutenberg. So revolutionär ist er noch nicht in die deutsche Politik eingegangen, da muss er noch ein bisschen arbeiten. Es war mal ein „Antuscher“, aber da müssen wir in 20 Jahren noch mal gucken, Herr Kögel, ob er die Gutenberg’schen Dimensionen einnimmt.

Diese veränderte Medienlandschaft prägt heute unsere Gesellschaft und unsere Zeit. Deshalb, glaube ich, ist es auch eine Zeit, in der sich die Medien selbst sehr viele Fragen stellen müssen oder auch die Gesellschaft über viele Fragen debattieren muss: Welche Vorbilder können Medien setzen? Welche Sprachkultur können sie fördern? Welchen Beitrag können die Medien auch zum Dialog der Kulturen leisten? Deshalb halte ich es auch für wichtig, dass wir immer wieder über diese gesellschaftliche Verantwortung der Medien sprechen.

Natürlich ist es unglaublich interessant, dass wir in der Lage sind und dass wir die Möglichkeit haben, auch so viel Spannendes und Unterschiedliches über das Leben zu erfahren, indem wir uns der Medien bedienen. Deshalb ist die heutige Medienvielfalt auch für die Politik natürlich eine riesige Herausforderung. Auch wir fragen uns immer wieder: Wie viel dürfen wir uns versuchen lassen, eine interessante Schlagzeile zu produzieren, oder uns aus Furcht vor schlechten Schlagzeilen vielleicht politisch nicht unserer Verantwortung stellen? Wie müssen wir uns darauf einstellen, und welche Bedingungen schaffen wir für die Medien, damit sie auch vernünftig arbeiten können?

Deshalb sollten wir in der Zukunft gemeinsam darüber nachdenken, wie wir, Medien und Politik, am Puls der Zeit bleiben, wie wir über den Tag hinaus denken, über den Tellerrand hinausschauen. Es ist heute Abend viel von Globalisierung die Rede gewesen. Wie wenig wissen wir über die Vielfalt unserer Welt, von anderen Kulturen, wie wenig können wir Reaktionen einschätzen! Ich glaube, gerade die jungen Leute, die heute Abend hier sind, wachsen da ganz einfach und in viel größerer Normalität schon hinein, dass man von Südafrika bis zum Nordpol und vom Südpol bis zu Lateinamerika natürlich alles an Informationen haben kann, dass man es aber zuordnen muss, dass man Verständnis entwickeln muss, dass man Gefühle dafür entwickeln muss und dass dies natürlich eine riesige Herausforderung ist, dass wir aber in dieser Welt nur gut werden zusammenleben können, wenn wir in der Lage sind, andere auch zu verstehen.

Das Geheimnis des Erfolgs von Europa ‑ Frau Koch-Mehrin ist heute hier ‑ ist im Grunde die Fähigkeit, sich auch in den Gedankengang des anderen hineinversetzen zu können und dann zu ermessen, welche Handlungsspielräume er oder sie hat. Ich glaube, das ist auch die Voraussetzung für die Kunst eines politischen Kompromisses. Darin liegt natürlich auch das Spannungsfeld zwischen Medien, die einen Standpunkt einnehmen, eine Meinung vielleicht auch im Kommentar vertreten, und gleichzeitig der Aufgabe der Politiker, wenn wir gemeinsam etwas entscheiden wollen, auch immer wieder die Entscheidungsgrundlagen der anderen zu verstehen. Fundierte Meinungsbildung wird also eine der großen Herausforderungen der Zukunft sein.

Wenn dann die Medien ab und zu, nachdem ich so viel Ernstes gesagt habe über das, was wir alles transportieren müssen, auch noch schöne Töne transportieren, schöne Bilder transportieren, spannende Geschichten bis hin zu leichten Schnulzen, die man manchmal auch gerne hat, mit einem schönen Happy End, dann sind wir doch sozusagen richtig glücklich miteinander.

Deshalb, lieber Herr Kögel, liebe Jury, herzlichen Dank, dass Sie mich, die ich sicherlich für die Medien gelegentlich etwas störrisch bin, auserwählt haben, diesen Medienpreis haben zu dürfen – nach so viel Jahren in der Politik eine hoffnungsvolle Sache. Vielleicht werde ich in den nächsten Jahren sogar noch etwas freundlicher zu den Medien. Herzlichen Dank!

Dienstag, 09. Februar 2010