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Rede der Bundeskanzlerin zum Gedenktag des Waffenstillstands nach dem Ersten Weltkrieg

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 11. November 2009
Ort:
in Paris

in Paris

Monsieur le Président, lieber Nicolas,

meine Damen und Herren,

für die Einladung, heute Gast der Feiern des Armistice-Tages zu sein, danke ich Ihnen aus ganzem Herzen. Ich danke Dir, lieber Nicolas, und ich danke den Menschen in Frankreich. Seien Sie versichert, ich weiß als deutsche Bundeskanzlerin diese Geste sehr zu schätzen.

Wir stehen hier heute gemeinsam im Gedenken an das Ende eines furchtbaren Krieges, der unermessliches Leid mit sich brachte. Ich verneige mich vor allen Opfern. Wir stehen hier gemeinsam im Bewusstsein unserer Geschichte, die uns – Deutsche und Franzosen – seit Jahrhunderten verbindet, in guten wie in schlimmen Zeiten.

Wir werden nie vergessen, wie sehr in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Franzosen durch Deutsche zu leiden hatten. Der schonungslose Umgang mit der eigenen Geschichte ist – davon bin ich überzeugt – die einzige Grundlage, um aus der Geschichte zu lernen und die Zukunft gestalten zu können. Zugleich weiß ich: Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden.

Wohl aber gibt es eine Kraft, die uns helfen kann, das Geschehene zu ertragen: Es ist die Kraft der Versöhnung. Aus ihr kann Vertrauen entstehen, ja sogar Freundschaft. Die Kraft der Versöhnung befähigt uns, neue Herausforderungen gemeinsam anzugehen und Verantwortung gemeinsam wahrzunehmen.

Deutschland weiß um die Kraft der Versöhnung. Denn wir Deutsche durften sie nach den Abgründen der beiden Kriege des vergangenen Jahrhunderts erfahren. Frankreich hat Deutschland die Hand zur Versöhnung gereicht. Deutschland wird das nie vergessen. Deutschland hat diese Hand dankbar angenommen.

Die Versöhnung konnte ihre Kraft entfalten – dank der Größe und der Weitsicht von Staatsmännern wie Briand, Stresemann und de Gaulle, von Adenauer, Monnet und Robert Schuman. Die Versöhnung konnte ihre Kraft entfalten, weil die Menschen in unseren beiden Ländern die feste Überzeugung gewonnen haben: Deutsche und Franzosen dürfen nie wieder künstliche Feindbilder aufbauen. Deutsche und Franzosen dürfen sich nie wieder Leid zufügen. Denn ein Gegeneinander kennt nur Verlierer. Das Miteinander aber kennt nur Gewinner.

Aus der Kraft der Versöhnung wurde Freundschaft. Welch ein wunderbares Geschenk. Aus dem Geschenk der Freundschaft wurde der Wille zur gemeinsamen Verantwortung – einer Verantwortung, die weit mehr umfasst als das Schicksal unserer beiden Länder. Die deutsch-französische Freundschaft findet ihr Ziel in Europa. Wir Europäer – wir sind heute zu unserem Glück vereint.

Genau das symbolisiert für mich auch der heutige Tag. Wir stehen hier in der Überzeugung, dass unsere beiden Länder, dass Frankreich und Deutschland im Bewusstsein der Geschichte die gemeinsame Berufung haben, Frieden und Freiheit auf unserem Kontinent zu bewahren.

Vor zwei Tagen haben wir den 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer gefeiert. Es hat mich auch ganz persönlich sehr berührt, dass so viele Franzosen diesen Tag mit uns gefeiert haben – nicht nur in Berlin, sondern auch hier in Paris, auf dem Place de la Concorde. So, wie für uns heute der 11. November ein Tag des Friedens in Europa geworden ist, so ist der Tag des Mauerfalls für alle ein Tag der Freiheit.

Beide Gedenktage – der des Endes des Ersten Weltkrieges und der des Falls der Berliner Mauer – mahnen uns. Sie mahnen uns, stets für die unschätzbaren Güter Frieden und Freiheit einzutreten. Sie mahnen uns, unsere Werte zu verteidigen – Demokratie und Menschenrechte, europäische Solidarität und transatlantische Partnerschaft. Das ist unser Auftrag.

Deutschland und Frankreich nehmen diesen Auftrag an – und wir tun das gemeinsam. Gemeinsam haben wir in und für Europa viel geschafft. Heute trennen uns keine Grenzen mehr. Wir zahlen in derselben Währung. Unsere Soldaten setzen ihr Leben gemeinsam, Seite an Seite, für unsere Sicherheit ein.

Wir wissen, gemeinsam haben wir alle Chancen, die heutigen und zukünftigen Herausforderungen zu bewältigen: die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise, die eine neue Balance zwischen wirtschaftlicher Entfaltungsfreiheit und sozialer Ordnung bei fairer Einbindung aller Regionen der Welt erfordert; den Klimaschutz, der einen fairen Umgang mit den begrenzten Ressourcen der Erde und eine Bekämpfung der Armut verlangt; die neuen asymmetrischen Bedrohungen – mehr denn je sind wir auf eine enge Zusammenarbeit angewiesen, um ihnen begegnen zu können.

Deutschland und Frankreich wissen um den Wert ihrer engen Zusammenarbeit. Aufbauend auf unserer Freundschaft vertiefen wir unsere Partnerschaften in Europa und im Atlantischen Bündnis. Aufbauend auf unserer Freundschaft und unserem gemeinsamen Fundament freiheitlicher und demokratischer Werte bauen wir unsere Zusammenarbeit mit anderen Ländern und Regionen aus.

Doch die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern – sie bleiben etwas Besonderes, etwas Einzigartiges. Uns einen ebenso viele wie feste Bande. Damit meine ich nicht nur die politische Zusammenarbeit. Damit meine ich auch die täglich gelebte und erlebte Freundschaft und den mannigfaltigen Austausch zwischen Deutschen und Franzosen.

Herr Präsident, meine Damen und Herren, die Zeremonie, die wir eben erlebt haben, hat mich tief bewegt. Deutsche und französische Soldaten – vereint im ehrenden Gedenken an die Gefallenen. Deutsche und Franzosen – einst erbitterte Gegner, heute verbunden als Nachbarn in einer Weise, die auch anderswo auf der Welt die Hoffnung und die Zuversicht nährt, dass auch dort tiefe Gräben überbrückt und überwunden werden können.

Es ist eine Gnade der Geschichte, dass wir heute, da wir am Grab des unbekannten Soldaten stehen, sagen können: Die deutsch-französische Aussöhnung und Freundschaft – sie sind ein Geschenk. Die Freiheit unseres Kontinents Europa – sie ist ein Wunder. Wir wissen nur zu gut, wie kostbar beides ist. Wir verpflichten uns, beides zu bewahren und zu schützen.

Vive la France, vive l’Allemagne, vive l‘amitié franco-allemande!

Mittwoch, 11. November 2009