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Rede der Bundeskanzlerin zum einjährigen Bestehen des Bundesfreiwilligendienstes

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 04. September 2012
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrte Frau Ministerin, liebe Kristina Schröder,
meine Damen und Herren
und vor allem Sie, liebe Freiwillige,

es freut mich riesig, heute so viele engagierte Menschen hier im Bundeskanzleramt begrüßen zu können. Der Anlass ist ein Empfang zum Geburtstag. Das Geburtstagskind ist heute der Bundesfreiwilligendienst; und es ist der erste Geburtstag. Man kann also sagen: Das Ganze steckt noch in den Kinderschuhen, aber ist für ein Jahr Existenz schon ziemlich seriös und erwachsen.

Ich begrüße Sie ganz herzlich. Ministerin Kristina Schröder hatte die Idee, anlässlich dieses Jubiläums ein paar von Ihnen, repräsentativ für so viele, einzuladen und im Kanzleramt zu begrüßen, um einfach auch zu zeigen, wie viel tolles Engagement es hier im Lande gibt.

Wir erinnern uns: Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht wurde ja zwangsläufig auch der verpflichtende Zivildienst hinfällig. Trotzdem war klar: Viele junge Menschen würden sich dennoch gerne eine Zeit lang weiter sozial engagieren. Ich persönlich gebe zu: Ich hatte damals große Sorge. Natürlich konnten wir das Aussetzen der Wehrpflicht nicht sein lassen, nur weil wir Bedenken hatten, was anstatt des Zivildienstes passieren sollte. Wir wussten natürlich, von welcher Bedeutung das soziale Engagement im Rahmen des Zivildienstes in vielen Jahren war.

Wir haben dann aber die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Kristina Schröder hat darauf Wert gelegt, dass das Angebot, sich eine Zeit lang freiwillig zu engagieren, für alle Altersklassen geöffnet wurde. Das hat ja auch geklappt. Wir wussten, dass sich auch viele Menschen der mittleren und älteren Generation gerne engagieren möchten und dass sie nach einem geeigneten Format suchen. Deshalb haben wir nicht nur einen Jugendfreiwilligendienst, sondern einen Freiwilligendienst für jeden eingerichtet, der darauf Lust hat.

Deshalb möchte ich sagen: Liebe Ministerin, ich bin sehr dankbar dafür, dass Sie hartnäckig und geduldig für den Bundesfreiwilligendienst gekämpft haben. Ich bin auch ihrer ganzen Truppe dankbar, die im Ministerium mitgeholfen hat. Mein Dank geht natürlich auch an die Trägerorganisationen und Einsatzstellen. Auch sie haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Der Wegfall des Zivildienstes hat natürlich bei den Trägern erst einmal Unruhe erzeugt. Die Arbeitsabläufe mussten geändert werden, vieles musste neu organisiert werden, man wusste auch nicht, ob das klappen und wer sich melden wird. Deshalb bin ich umso dankbarer dafür, dass sie den Sprung gewagt und sich auf den Bundesfreiwilligendienst eingelassen haben. Denn so war es natürlich überhaupt erst möglich, dass sich der Freiwilligendienst innerhalb kurzer Zeit so erfolgreich etablieren konnte.

So können wir also sagen: Der Bundesfreiwilligendienst ist ein wahres Erfolgskind geworden. Das ist natürlich – jetzt wende ich mich an die Freiwilligen – ganz besonders Ihr Verdienst. Ich möchte Ihnen danken, denn Sie haben das neue Angebot angenommen. Sie stellen sich eine Zeitlang in den Dienst einer guten Sache. Sie haben sich dafür entschieden, anderen zu helfen und damit eigene Lebenserfahrungen zu sammeln und auch zu sehen: Was kann ich selber beitragen, um diese Gesellschaft ein Stück weit gerechter zu machen?

Die Gruppe, die heute hier ist, zeigt: Viele junge Menschen sind dazu bereit – und das in einer Zeit, in der sich hohe Ansprüche an die Jugend stellen. Sie sollen möglichst alles auf einmal machen, jung sein und trotzdem schon Erfahrung haben. Und wenn Sie die Schule abgeschlossen haben, warten schon die Berufsausbildung und der Einstieg ins Arbeitsleben. Da braucht man Zutrauen in die eigene Zukunft und ein wenig Weitblick, wenn man sagt: Zwischendurch mache ich erst einmal etwas anderes.

Es ist erfreulich, dass nicht nur so viele Junge das Angebot angenommen haben. Auch die Älteren haben sozusagen Besitz davon ergriffen. Ältere Menschen verfügen über wertvolle Erfahrungen und Kompetenzen aus dem eigenen Berufsleben und Familienleben. Das ist eigentlich ein immer noch viel zu wenig genutztes Kapital, das wir in unserer Gesellschaft haben. Es ist ja so, dass Ältere nach einem langen Arbeitsleben nicht verpflichtend etwas tun sollen – das versteht jeder. Das Angebot kann man aber, glaube ich, unterbreiten. Viele haben es ja auch angenommen. Auch für die mittlere Generation kann der Bundesfreiwilligendienst attraktiv sein, um Erfahrungen zu sammeln, um sich vielleicht noch einmal neu zu orientieren und sich darauf vorzubereiten, einen Berufswechsel vorzunehmen. Der Bundesfreiwilligendienst eröffnet vielleicht Einblicke in eine ganz andere Lebenswelt als bisher.

Für die Einsatzstellen sind die Freiwilligen ein großer Gewinn. Zum Teil bringen Sie frischen Wind in die Strukturen. Auch das geht nicht immer reibungslos, aber – das ist die Erfahrung – wenn man aufeinander hört, dann kann man dazu kommen, dass sich hauptamtliche Tätigkeit und ehrenamtliche oder freiwillige Tätigkeit einander gut ergänzen. Das kommt denen zugute, um die es bei Ihrer Arbeit geht: den Kindern in den Kitas und Schulen, den Kranken und Älteren in Krankenhäusern und Alteneinrichtungen sowie Menschen mit Behinderungen. Das heißt, wir sind in unserer Gesellschaft ein Stück weit reicher, menschlicher geworden. Deshalb wollten wir den ersten Geburtstag nicht einfach nur vergehen lassen, sondern wir wollten auch ein bisschen nach außen zeigen, was in unserer Gesellschaft passiert und was da angestoßen wurde.

Ich wünsche auch denen, die in wenigen Tagen ihren Bundesfreiwilligendienst antreten, viel Erfolg, denn wir wollen ja nicht nur den ersten Geburtstag zufrieden feiern, sondern das soll ja jedes Jahr so sein. Deshalb muss der Staffelstab auch immer wieder übergeben werden.

Mir ist es eine große Ehre und eine große Freude, Sie alle hier im Bundeskanzleramt empfangen zu dürfen und damit auszudrücken: Nicht nur das Bundesjugend- und -familienministerium, sondern die ganze Bundesregierung ist stolz auf Sie, auf Ihr Engagement, auf Ihre Mitarbeit, auf Ihr Mittun – und das, weil es der ganzen Gesellschaft dient. Noch einmal herzlich willkommen.

Dienstag, 04. September 2012