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Rede der Bundeskanzlerin zum 30. Jahrestag der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Donnerstag, 27. September 2012
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrter, lieber Herr Bundeskanzler Kohl,
sehr geehrte, liebe Frau Kohl-Richter,
verehrte Festversammlung,

ich verzichte jetzt auf weitere Anreden, denn Hans-Gert Pöttering hat Sie alle ja schon so freundlich begrüßt. Ich freue mich, dass wir in diesem großen Kreis gemeinsam diesen Abend verbringen, an dem wir an den Beginn einer Ära denken: an den 1. Oktober 1982. An diesem Tag fand das bislang einzige erfolgreiche konstruktive Misstrauensvotum in der Geschichte des Deutschen Bundestages statt. Sie, lieber Helmut Kohl, wurden damit zum 6. Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Der heutige Abend erinnert daran und ist damit eine Verbeugung vor dem Lebenswerk des Mannes, der ein Stück deutscher und europäischer Geschichte geschrieben hat. Uns eint, die wir hier sind, die Hochachtung für seine Leistung.

Viele von uns haben ihn auf mancher Etappe seines Weges begleitet. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Termin bei Helmut Kohl im Bundeskanzleramt. Das war im Wahlkampf 1990. Ich kandidierte für den ersten gesamtdeutschen Bundestag. Helmut Kohl fragte mich damals in seiner unnachahmlichen Art, wie ich mich eigentlich mit Frauen verstünde. Ich hatte alles erwartet, nur das nicht. Ich habe geantwortet: Gut, keine besonderen Probleme. Erst etwas später erschloss sich mir der Sinn dieser Frage, als Bundeskanzler Kohl mich zur Bundesministerin für Frauen und Jugend ernannte. Er hat mich seinerzeit übrigens nicht gefragt, wie ich mich auch mit jungen Leuten verstünde. Also war er sich wohl noch nicht ganz sicher, wie der Ressortzuschnitt des Ministeriums dann aussehen würde.

Was mir jedenfalls von Anfang an imponierte, war seine Zugewandtheit. Ihn interessierte, was die Menschen denken. So fragte er mich beispielsweise am Rande der Amerikareise 1991, wie in meinem Freundes- und Bekanntenkreis über ihn und seine Politik gesprochen werde. Und er machte mir dann, als ich zögerte, deutlich: Ihm lag an einer ehrlichen und unverschnörkelten Antwort. Die bekam er dann auch, auch wenn mein Bekanntenkreis doch noch einen etwas längeren Weg der politischen Annäherung an den Bundeskanzler der CDU-geführten Regierung gehen musste.

Meine Damen und Herren, Helmut Kohl blieb seiner pfälzischen Heimat immer eng verbunden. Er hat schlichtweg das verkörpert, was gemeinhin Bodenhaftung heißt. Genau das ist das Fundament, auf dem Vertrauen wächst. Dabei trieb Sie, lieber Herr Kohl, der schier unerschütterliche Glaube an, Ihre Vorhaben auch verwirklichen zu können. Dazu gehören Mut, Weitblick und auch eine gute Portion Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Damals aber regten sich auch manche Zweifel an Ihren Fähigkeiten. Franz Josef Strauß etwa sagte einmal – ich zitiere: "Helmut Kohl wird nie Kanzler werden; der wird mit 90 Jahren die Memoiren schreiben: Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat, Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche. Vielleicht ist das letzte Kapitel in Sibirien geschrieben oder wo. Die CDU wird nie mehr an die Regierung kommen, und die FDP denkt überhaupt nicht daran." – Zitatende. Klare Worte aus Bayern. Nun, wir wissen, es kam anders; ich sage: zum Glück für unser ganzes Land. Und all jene, die behaupten, dass heute der Ton zwischen CDU und CSU besonders rau sei, sollten auch noch einmal in die Vergangenheit blicken.

Die Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler vor 30 Jahren läutete eine neue Ära ein. Gleich zu Beginn warteten auf die neue Regierung große Herausforderungen. Es wird ja manchmal vergessen, dass es zu diesem Zeitpunkt auch Inflation, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Probleme und übermäßige Verschuldung gab – das war das innenpolitische Bild. Nach einem ersten Kassensturz tat sich beim Bund eine Haushaltslücke von ungefähr 55 bis 60 Milliarden DM für das Jahr 1983 auf. Schonungslos analysierte der neue Bundeskanzler in seiner ersten Regierungserklärung die Lage – ich zitiere: "Zu viele haben zu lange auf Kosten anderer gelebt: der Staat auf Kosten der Bürger, Bürger auf Kosten von Mitbürgern und […] wir alle auf Kosten der nachwachsenden Generationen." – Zitatende.

Auch die internationale Bühne versprach nicht nur Angenehmes. Der europäische Einigungsprozess war ins Stocken geraten. Die Diskussion darüber, wie sich Stabilität und Frieden in Europa bewahren lassen, war festgefahren. Eine wachsende Sorge über den Zustand der Umwelt kam hinzu. Kurzum: Ein allgemeines Gefühl von Lähmung und Unsicherheit herrschte vor. Diese Stimmungslage sollte die neue Regierung durchbrechen. Frisch im Amt des Bundeskanzlers forderte Helmut Kohl – ich zitiere: "Wir brauchen wieder die Tugenden der Klugheit, des Mutes und des Maßes für die Zukunft unseres Landes." – Zitatende.

Dementsprechend bestimmte Helmut Kohl die Leitlinien für die Regierungsarbeit der kommenden Jahre. Das war erstens der starke Wille, für Frieden, Einheit und Freiheit in Deutschland und Europa zu kämpfen. Das war zweitens die Überzeugung, dass Wandel möglich ist und die Menschen am meisten leisten, wenn ihnen auch etwas zugetraut wird. Das war drittens die Haltung, Solidarität mit jenen zu üben, die ihrer bedurften.

So haben Sie, Herr Bundeskanzler, einen Modernisierungskurs eingeschlagen und diesen mit der Ihnen eigenen Beharrlichkeit kontinuierlich verfolgt. Dabei bewiesen Sie stets Sinn für das Machbare. Sie hatten weniger theoretische Konstrukte als vielmehr konkrete Lebensumstände von Bürgerinnen und Bürgern vor Augen. Sie wussten aber auch: Weiter über die Verhältnisse zu leben, würde letzten Endes zu keinem guten Ende führen.

Und so galt schon damals, was auch heute gilt: Für eine solide Verfassung der Staatsfinanzen zu sorgen heißt auch, eine wesentliche Grundlage für eine stabile wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen. Der Weg von der Einsicht in die Notwendigkeit der Konsolidierung bis hin zur praktischen Umsetzung war damals mindestens so steinig wie heute. Das Ergebnis jedoch konnte sich sehen lassen, denn die staatliche Finanzlage verbesserte sich zusehends. Das konnte man Ende der achtziger Jahre genau beobachten.

Wer wie Helmut Kohl auf Wachstum und Beschäftigung setzte, wusste: Sparen genügt keinem Selbstzweck. So kam es auch, dass Konsolidierung mit gezielten wirtschaftspolitischen Anreizen verbunden wurde – zum Beispiel Steuerreformen oder Privatisierungen; wohl wissend, dass der Staat nicht in jedem Fall der bessere Unternehmer ist.

In seiner Amtszeit begann der Siegeszug der Informations- und Kommunikationstechnologien. Helmut Kohl sorgte dafür, dass die Medienlandschaft an Vielfalt gewann. So bekam der öffentlich-rechtliche Rundfunk 1984 Konkurrenz von privaten Sendern. Die neuen Programme und der Kampf um Einschaltquoten veränderten die deutsche Fernsehwelt radikal. Heute gehören für uns die privaten Sender ganz selbstverständlich zum Medienalltag.

Die Weichen auf Wandel stellte Bundeskanzler Kohl auch in der Sozialpolitik. Erwähnt sei die große Rentenreform von 1989. Im breiten politischen Konsens einigte man sich darauf, die Altersgrenzen anzuheben, Abschläge einzuführen und die Rentenanpassung zu dämpfen. Ich möchte auch an die Einführung der Pflegeversicherung 1995 erinnern – hart umkämpft, dennoch bahnbrechend. Damit reagierte die Regierung Kohl auf die langfristige demografische Entwicklung, die sich immer stärker abzeichnete – darauf, dass das durchschnittliche Lebensalter steigt; darauf, dass immer mehr ältere Menschen immer weniger jüngeren gegenüberstehen; und darauf, dass viele Familien die Pflege von Angehörigen kaum mehr ausschließlich selbst schultern können. Es war äußerst wichtig, das Bewusstsein für den tiefgreifenden demografischen Wandel und die damit verbundenen Herausforderungen frühzeitig zu schärfen. Die Pflegeversicherung war einer der ersten Schritte, um auf diese Veränderungen zu reagieren.

Von zentraler Bedeutung für die Regierung Helmut Kohls war auch die Familienpolitik. Familienpolitik bietet immer wieder Anlass für emotional geführte Debatten; wir erleben das auch in diesen Tagen. Das war vor 20 Jahren nicht anders, als es um den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für Jungen und Mädchen ab drei Jahren ging. In die Regierungszeit von Bundeskanzler Kohl fiel die Einführung des Erziehungsurlaubs und des Bundeserziehungsgelds, das wir später zum Elterngeld weiterentwickelt haben. Zudem hat die Regierung Kohl Familien mehrfach durch Anhebung von Kindergeld und Steuerfreibetrag entlastet.

Die Steuerpolitik insgesamt nutzte sie als wirksamen Hebel, um Deutschland in mehrfacher Hinsicht voranzubringen. Auch umweltpolitische Elemente wurden ins Steuerrecht aufgenommen. Ohnehin erhielt in der Regierungszeit von Bundeskanzler Kohl der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen ein ganz neues Gewicht. Waldsterben, Luftverschmutzung und Tschernobyl – das waren in den 1980er Jahren beherrschende Themen. Viele Menschen sahen die Lebensqualität, ja sogar die Existenz kommender Generationen gefährdet.

1986 – nach dem verheerenden Reaktorunglück in Tschernobyl – wurde das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegründet. Damit war auch der Grundstein für Deutschlands Rolle als wichtiger umweltpolitischer Vorreiter gelegt. Es folgte eine Vielzahl nationaler und internationaler Initiativen, auf denen unsere Politik bis heute aufbaut. Mit dem Gipfel von Rio 1992 und dem Protokoll von Kyoto 1997 wurden wichtige Weichen gestellt.

Meine Damen und Herren, ich könnte viele weitere Beispiele wichtiger Vorhaben aus der Regierungszeit von Bundeskanzler Kohl nennen und würdigen. Doch wir alle wissen, dass es am Ende nicht diese, wenn auch wichtigen Entscheidungen und Wegmarken waren, die aus der Kanzlerschaft Helmut Kohls eine Ära werden ließen, die mit seinem Namen verbunden bleibt. Dennoch habe ich sie heute ausdrücklich erwähnt, weil sie uns sonst vielleicht in Vergessenheit geraten könnten. Dass seine Kanzlerschaft zur Ära wurde, hat seinen Ausgangspunkt vielmehr in der unter dem Eindruck des Kalten Krieges stehenden nationalen wie internationalen politischen Lage der achtziger Jahre. Erinnern wir uns kurz.

Die Diskussion um den Nato-Doppelbeschluss und über die Konsequenzen der vorerst gescheiterten Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und der UdSSR hatte die Regierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982 förmlich zerrissen. Helmut Kohl war immer für den Nato-Doppelbeschluss eingetreten und hielt konsequent an ihm fest. "Frieden schaffen mit immer weniger Waffen" – auf diese Formel brachte er seine Überzeugung. Heute wissen wir: Am Ende dieses politischen Prozesses – diesen zu durchleben, war sicherlich an manchem Tag nicht einfach, weil man das Ende nicht vor sich sah – stand die Auflösung der beiden Blöcke. Aber bis dahin war es eben ein langer, schwieriger und nervenzerrender Weg.

Auf diesem Weg hat es sich als überaus wertvoll erwiesen, dass Helmut Kohl einen engen Schulterschluss Deutschlands mit seinen Partnern pflegte – im transatlantischen Bündnis genauso wie mit Frankreich. Sinnbild für das enge Miteinander der beiden Nachbarländer war die persönliche Freundschaft zwischen dem französischen Präsidenten François Mitterand und Bundeskanzler Helmut Kohl.

Der 1. Oktober 1982, der Beginn der Kanzlerschaft Helmut Kohls, war ein Freitag. Am Montag darauf reiste er nach Paris. Präsident Mitterrands persönlicher Berater berichtete später, die französische Seite habe – ich zitiere: "Herrn Kohl wie einen Unbekannten aus einem anderen Lager empfangen." – Zitatende. Und das war er ja auch. Aber dann – ich zitiere noch einmal: "waren wir sofort Feuer und Flamme" – Zitatende.

In der Tat, aus dem Funken, der in den ersten Begegnungen zweier Staatsmänner übersprang, entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Sie war auch reich an besonderen Gesten. Der Händedruck von Verdun im Jahr 1984 hatte historische Symbolkraft. Er steht bis heute für das wunderbare Geschenk der deutsch-französischen Aussöhnung. Er zeigt: Über den Kriegsgräbern von einst ist unverbrüchliche Freundschaft gewachsen.

Herzlich waren seine Beziehungen auch zu unseren Partnern im transatlantischen Bündnis. Mit drei durchaus unterschiedlichen US-Präsidenten arbeitete er eng und vertrauensvoll zusammen. Der damalige Berater von Außenminister James Baker und spätere Weltbankpräsident Robert Zoellick beschrieb das Verhältnis einmal so – ich zitiere: "We trust you, Chancellor. And you can trust us." – Zitatende.

Bundeskanzler Kohl gelang es darüber hinaus, auch in osteuropäische Nachbarstaaten und in die ehemalige Sowjetunion Brücken des Vertrauens zu bauen. Welch unschätzbares Glück, dass Deutschland auf einen Kanzler des Vertrauens bauen konnte, als sich 1989 die historische Gelegenheit bot, das Tor zur Deutschen Einheit aufzustoßen.

Als Sie 1982, lieber Herr Kohl, Bundeskanzler wurden, habe ich in der DDR gelebt. Ich habe Ihre Tischrede beim Besuch Erich Honeckers 1987 in Bonn im Fernsehen gehört, als Sie ihm vor laufenden Kameras sagten – ich zitiere: "Die Menschen in Deutschland leiden unter der Trennung. Sie leiden an einer Mauer, die ihnen buchstäblich im Wege steht und die sie abstößt. Wenn wir abbauen, was Menschen trennt, tragen wir dem unüberhörbaren Verlangen der Deutschen Rechnung: Sie wollen zueinander kommen können, weil sie zusammengehören." – Ende des Zitats. Herr Bundeskanzler, ich spreche, glaube ich, für all diejenigen, die damals in der DDR lebten: Diese Worte gaben uns Kraft.

Dass ich kaum vier Jahre später Ihrem gesamtdeutschen Kabinett angehören sollte – das lag allerdings außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Und hätte mir damals jemand prophezeit, dass ich selbst als Bundeskanzlerin 25 Jahre später eine Laudatio auf Sie und Ihre Kanzlerschaft halten würde, dann hätte ich mir große Sorgen um dessen Geisteszustand gemacht. Wenn damals überhaupt jemand an die Deutsche Einheit dachte, dann als an etwas, das in sehr weiter Ferne lag.

Bundeskanzler Helmut Kohl verfolgte in dieser Frage von Anfang an einen klaren Kurs. Als die politischen Blöcke noch fest zementiert waren, erleichterte er in vielen kleinen Schritten die Kontakte zwischen Ost und West – stets das eigentliche Ziel vor Augen: die Vollendung der Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit, zu der das Grundgesetz das gesamte deutsche Volk aufforderte. Für ihn war die sogenannte deutsche Frage von jeher in den europäischen Kontext eingebettet. So gab er in seinem Bericht zur Lage der Nation 1983 zu Protokoll – ich zitiere: "Die Teilung Deutschlands ist immer zugleich die Teilung Europas. Deutschlandpolitik muss sich deshalb immer auch als Beitrag zum europäischen Einigungswerk und damit als europäische Friedenspolitik verstehen." – Zitatende.

Dass Deutschland nur in einem geeinten Europa und in enger Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika dauerhaft Frieden und Wohlstand finden kann – dies war und ist für Helmut Kohl eine persönliche Überzeugung. Entsprechend leidenschaftlich war sein Engagement für Europa, und zwar von Beginn seiner Kanzlerschaft an. In den achtziger Jahren überwand er mit seinen Partnern Stillstand und Lähmung. So waren es denn auch Helmut Kohls konsequent pro-europäische Haltung und sein freundschaftliches Verhältnis zu führenden Persönlichkeiten in vielen Staaten, die den Weg zur Deutschen Einheit und zur europäischen Einigung ebneten.

1989 brach sich in Deutschland und Europa der unbändige Wille zur Freiheit Bahn. Mit der friedlichen Revolution knüpften die Bürgerinnen und Bürger der DDR an die Freiheitsbewegungen in Polen und Ungarn an. Sie brachten mit Kerzen in der Hand eine Diktatur zu Fall.

Sie, Herr Bundeskanzler, erkannten damals die Zeichen der Zeit und schrieben Geschichte. Ihr "Zehn-Punkte Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas", das Sie zu Hause mit Ihrer Frau Hannelore Kohl schrieben, wie Sie später erzählten, war der entscheidende und mutige Schritt nach vorn. Das Ergebnis der ersten freien Wahl zur Volkskammer war dann auch für Sie ein wichtiges Signal. Es bestätigte Ihren Kurs. Eine breite Mehrheit der Ostdeutschen bekannte sich mit ihrer Stimme zum Ziel der Deutschen Einheit.

In schwindelerregender Geschwindigkeit folgte nun ein Schritt dem nächsten. Die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion gab den Menschen im Osten eine neue Perspektive in ihrer Heimat. Der Einigungsvertrag – wir haben auch gestern bei der Geburtstagsfeier von Wolfgang Schäuble daran erinnert – regelte zahlreiche weitere innerstaatliche Belange. Es folgte der Zwei-plus-Vier-Vertrag mit Frankreich, Großbritannien, den USA und der Sowjetunion. Die Ampel für die Deutsche Einheit stand damit endgültig auf Grün.

In wenigen Tagen, am 3. Oktober, jährt sich der Tag der Deutschen Einheit zum 22. Mal. Dankbar können wir auf das in 22 Jahren Erreichte schauen. Uns Deutschen in Ost und West geht es alles in allem gut – und erst recht, wenn wir unseren Blick über den europäischen Tellerrand hinaus richten. Wir leben vereint in Frieden und Freiheit. Natürlich gibt es regionale Unterschiede in der Wirtschaftskraft, beim Einkommen und bei den öffentlichen Finanzen, aber sie verlaufen nicht mehr nur entlang der alten Ost-West-Grenze. Sie stellen sich für uns als Frage für Deutschland insgesamt. Dem müssen unsere Antworten in Zukunft immer stärker entsprechen.

Eines müssen wir immer berücksichtigen: So wie damals die deutsche Wiedervereinigung nur im Kontext der europäischen Einigung möglich war, so gilt auch heute: Unsere Politik hat immer auch eine europäische Dimension. Die Staaten der EU bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Wir stehen gemeinsam in der Verantwortung für Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa. Diese Verantwortung erwächst aus der Vergangenheit, in der Feindschaft und Krieg unseren Kontinent immer wieder überzogen. Diese Verantwortung speist sich auch aus der heilvollen Erfahrung von Versöhnung und Freundschaft. Und diese Verantwortung resultiert zudem aus wachsenden wechselseitigen Beziehungen, die Europas Staaten vor zunehmend gleiche Herausforderungen und Chancen stellen.

Die richtige Antwort – Romano Prodi hat auch darauf hingewiesen – auf die wirtschaftliche Globalisierung des 21. Jahrhunderts ist die europäische Wirtschafts- und Währungsunion. Mit ihr ist der Name Helmut Kohls untrennbar verbunden. Er hatte früh erkannt: Wenn die Menschen in Rom oder Paris, in Tallin oder Berlin, in Helsinki oder Madrid mit dem gleichen Geld bezahlen, dann stärkt das nicht nur das Wir-Gefühl. Eine gemeinsame Währung würde die europäische Integration unumkehrbar machen. Der Euro ist weit mehr als eine Währung. Trotz aller Turbulenzen, die wir derzeit erleben, können wir feststellen: Der Euro hat sich bewährt. Er ist ökonomischer, politischer und symbolischer Ausdruck der Einigung Europas.

Mit der Einführung des Euro war aber auch das Versprechen der Stabilität verbunden. Diesem Versprechen fühlen wir uns in der Bundesregierung verpflichtet. Wir werden weiter alles Notwendige tun, um die Wirtschafts- und Währungsunion so weiterzuentwickeln, dass sie dauerhaft stabilisiert wird. Dazu bekämpfen wir die Ursachen der gegenwärtigen Staats- und Schuldenkrise nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem Prozess aufeinanderfolgender Maßnahmen. Ich weiß, dass den Menschen in den Ländern, die in Not geraten sind, dabei viel abverlangt wird. Darüber können und dürfen wir nicht hinwegsehen. Aber wir können auch deutlich machen, dass diese Reformen nicht zum Selbstzweck gemacht werden, sondern mit dem Ziel, die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum zum Wohle der Menschen zu schaffen.

Blicken wir Europäer uns in der Welt um, dann sehen wir: Eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, auf Freiheit, Wettbewerb und einem Miteinander der Sozialpartner beruht, ist keineswegs selbstverständlich. Gleichwohl haben wir es weltweit mit neuen und immer stärker werdenden Wettbewerbern und einer rasant wachsenden Weltbevölkerung zu tun. Ich bin überzeugt: Nur mit einem einigen Europa können wir unseren Werten und Interessen in der Welt weiterhin Gewicht verleihen. Mit der Art, wie wir leben, wirtschaften und arbeiten, können wir uns nur mit einem starken Europa auf Dauer behaupten. Ja, Europa ist unser Schicksal und unsere Zukunft. Das ist der Hintergrund, vor dem ich die historische Bewährungsprobe sehe, die Europa gegenwärtig zu bestehen hat. Ich bin voller Zuversicht, dass wir sie bestehen werden.

Vor fünf Jahren versammelten sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union an genau diesem Ort, dem Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums, um den 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge zu feiern. Damals verabschiedeten wir die Berliner Erklärung. Damals wie heute gilt der Satz, den wir in diese Erklärung geschrieben haben: "Wir Europäer, wir sind zu unserem Glück vereint." Ein gutes Stück dieses Glücks haben wir Helmut Kohl zu verdanken. Seine 16 Jahre währende Kanzlerschaft hat Deutschland und Europa maßgeblich geprägt. Er hat sich um unser Land und Europa verdient gemacht.

Lieber Herr Bundeskanzler Kohl, liebe Frau Kohl-Richter, meine Damen und Herren, es gibt verschiedenste Arten, Dank zu sagen. Eine besonders außergewöhnliche Form ist es, Ihnen, Herr Bundeskanzler Helmut Kohl, zum Dank eine Briefmarke zu widmen. Briefmarken sind Spiegelbilder der Zeitgeschichte. Sie sind Träger, Symbol und Botschafter unseres Landes und unserer Kultur. Briefmarken würdigen regelmäßig Persönlichkeiten, Institutionen und Ereignisse von herausragender Bedeutung auch über unsere Landesgrenzen hinaus.

Dass Sie zu Lebzeiten mit einer Briefmarke geehrt werden, ist Ausdruck einer außerordentlichen Wertschätzung – eine Geste, die nur sehr wenige Personen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erfahren haben. Von Professor Coordt von Mannstein stammt der gelungene Entwurf der Briefmarke. Er hat es verstanden, die Persönlichkeit Helmut Kohls auf kleinstem Format zur Geltung zu bringen. Die Briefmarke erscheint in einer Auflage von über fünf Millionen Stück. Sie ist ab dem 11. Oktober erhältlich.

Ich freue mich, ein Album mit den Erstdrucken des Sonderpostwertzeichens an Sie, Herr Bundeskanzler, zu überreichen, an den – wie es auf der Briefmarke heißt – "Kanzler der Einheit" und "Ehrenbürger Europas".

Herzlichen Dank.

Freitag, 28. September 2012