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Mitschrift Pressekonferenz

Pressestatements von Kanzlerin Merkel und Präsidentin Park

Berlin, 26. März 2014

(Die Ausschrift des fremdsprachlichen Teils erfolgte anhand der Simultanübersetzung)

BK’in Merkel: Meine Damen und Herren! Ich möchte die koreanische Präsidentin, Frau Park, noch einmal ganz herzlich hier in Berlin begrüßen. Wir kennen uns schon aus vergangenen Zeiten, aber dies ist der erste offizielle Besuch nach der Wahl von Frau Park zur Staatspräsidentin.

Sie ist heute schon vom Bundespräsidenten und vom Regierenden Bürgermeister Berlins empfangen worden. Sie wird auch noch andere Teile unseres Landes besuchen, so Sachsen und Hessen, und sich damit auch einen umfangreichen Eindruck von Deutschland verschaffen.

Unsere beiden Länder sind sehr freundschaftlich verbunden, und wir haben auch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten. Wir haben im vergangenen Jahr den 130. Jahrestag unserer diplomatischen Beziehungen sehr intensiv begangen und auch versucht, uns näher kennen zu lernen.

Wir teilen vor allen Dingen - und Korea leider immer noch – die Teilung des Landes über viele Jahrzehnte, und so werden wir auch jetzt, beim anschließenden Abendessen noch intensiver darüber sprechen: Wie kann eine Wiedervereinigung gelingen? Korea ist daran natürlich interessiert. Es wird zwischen unseren Außenministerien auch einen Dialog über die Fragen der Wiedervereinigung geben. Wir möchten Korea in dieser wichtigen Frage sehr unterstützen. Deutschland war 40 Jahre geteilt, Korea ist inzwischen schon 70 Jahre in einer solchen Situation. Deshalb ist es unser Ziel und auch ein Stück weit unsere Pflicht, anderen zu helfen, wenn sie ihre nationale Einheit herstellen möchten.

Wir sind natürlich im Gespräch sehr intensiv darauf eingegangen, wie wir die Bedrohung nuklearer Art durch Nordkorea überwinden und auch wieder Gespräche in Gang bringen können. Deutschland hat ein hohes Interesse, dass die Gefahren der Proliferation überwunden werden. Wir haben auch ein hohes Interesse an einer friedlichen Entwicklung auf der koreanischen Halbinsel. Die ist durch das Nuklearprogramm Nordkoreas schlicht und ergreifend nicht gegeben. Deshalb bedarf es auch der Fortschritte bei den Sechs-Parteien-Gesprächen.

Ich freue mich sehr, dass die Präsidentin mit sehr vielen mittelständischen Unternehmern in ihrer Delegation gekommen ist. Das bringt zum Ausdruck, dass wir in unserer wirtschaftlichen Kooperation noch sehr viel mehr machen können. Europa und Südkorea haben im Jahre 2011 das Freihandelsabkommen abgeschlossen. Seitdem hat sich unser Handel sehr dynamisch entwickelt. Insbesondere sind die Exporte aus Europa nach Korea sehr stark gestiegen, von 2011 zu 2012 allein um 16,2 Prozent - das ist eine dramatische Steigerung - und zum Beispiel für Deutschland bei den Exporten gerade im Kfz-Bereich um 20 Prozent.

Wir möchten aber auch für koreanische Unternehmen offen sein. Deshalb ist es gut, dass sie sehr, sehr viele mitgebracht haben und dass morgen ein Innovationsabkommen unterzeichnet wird.

Ich habe eben gesagt: Wir können von einigen technischen Entwicklungen Koreas sehr stark profitieren und lernen, sowohl was die Chipproduktion als auch die Elektrobatterieproduktion anbelangt. Hier ist noch viel an Gemeinsamkeiten zu entwickeln. Ich glaube deshalb, dass man mit Fug und Recht sagen kann - von der beruflichen Bildung über die Innovation bis zur Kooperation der Mittelständler -, dass dieser Besuch von Ihnen, Frau Präsidentin, ein wirklich neues Kapital unserer Zusammenarbeit sowohl in den gesellschaftspolitischen als auch in den wirtschaftlichen Bereichen eröffnet. Deutschland ist darüber sehr froh. Deshalb seien Sie hier noch einmal herzlich willkommen geheißen.

P’in Park: Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel, sehr geehrte Damen und Herren, zunächst möchte ich Ihnen und der deutschen Bundesregierung für die Einladung danken. In diesem Jahr feiert Deutschland den 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls. Ich freue mich sehr, dass ich in diesem bedeutenden Jahr Deutschland besuchen darf. Außerdem ist es ein Land, das im vorbildlichen Prozess der europäischen Integration eine so wichtige Rolle gespielt hat und spielt.

Zwischen Deutschland und Korea besteht wegen der schmerzhaften Erfahrung der Teilung eine besondere Verbundenheit. Die deutsche Einheit ist für uns Vorbild und Modell für eine friedliche Wiedervereinigung unseres eigenen Landes. Beide Länder haben eine weitere Gemeinsamkeit: Auf den Trümmern des Krieges haben sie eine beachtliche Wirtschaftsentwicklung zustande gebracht. Deutschland zeichnet sich insbesondere auch durch einen starken, global aktiven Mittelstand, sein duales Bildungssystem und die enge Kooperation zwischen Industrie, Universitäten und Forschung aus. Von daher bietet sich Deutschland für Korea als Kooperationspartner im Bereich der „creative economy“ geradezu an.

Bei unserem heutigen Treffen haben wir über konkrete Maßnahmen zur Stärkung unserer Zusammenarbeit gesprochen, insbesondere im Zusammenhang mit der koreanischen Wiedervereinigung, der Förderung einer „creative economy“ und der internationalen Zusammenarbeit. Zur Eröffnung einer neuen Ära in der Wiedervereinigungspolitik haben wir uns über die Intensivierung des umfassenden Erfahrungsaustausches über Themen wie die soziale und wirtschaftliche Integration sowie die internationale Zusammenarbeit verständigt. So wollen wir das bestehende deutsch-koreanische Konsultationsgremium zu Vereinigungsfragen fortführen und inhaltlich vertiefen.

Außerdem wollen wir zwischen dem Finanzministerium und Forschungsinstituten ein Kooperationsnetzwerk aufbauen, in dem Fragen der wirtschaftlichen Integration und der für die Wiedervereinigung Koreas erforderlichen Ressourcen systematisch erkundet werden. Auch zwischen den Außenministerien wollen wir ein Beratergremium zu außenpolitischen Aspekten der Wiedervereinigung bilden. Des Weiteren wollen wir mit deutschen NGOs und politischen Stiftungen, die neben humanitärer Hilfe auch Projekte wie Besuchsprogramme für Nordkoreaner durchführen, enger zusammenarbeiten und aus den deutschen Erfahrungen zur Aufrechterhaltung der Grenzregionen vor der Wende lernen, damit wir in der demilitarisierten Zone ein besseres Verwaltungssystem, das den Naturschutz einschließt, aufbauen können.

Auf der Grundlage solcher Kooperationsbeziehungen werden wir viele praktische Lehren für die Vorbereitung der koreanischen Vereinigung ziehen können.

Wir sind uns einig, dass Nordkorea keine Nuklearwaffen besitzen sollte und dass wir die Bemühungen um einen Atomverzicht und die Integration Nordkoreas in die internationale Gemeinschaft verstärkt und gemeinsam unternehmen. Deutschland hat seine Unterstützung unserer Politik der Einleitung eines Vertrauensbildungsprozesses auf der koreanischen Halbinsel und der Entwicklung eines Kooperationsplans für Frieden in Nordostasien zum Ausdruck gebracht. Ich bin für diese Unterstützung sehr dankbar.

Die deutsche Wirtschaft verfügt über einen weltweit wettbewerbsfähigen Mittelstand. Auch wir möchten den koreanischen Mittelstand ähnlich leistungsfähig machen. Daher wollen wir den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen deutschen und koreanischen Unternehmen erweitern und insbesondere auch die technologische Kooperation verstärken.

Im Hinblick auf den Austausch und die Kooperation zwischen den KMUs beider Länder sehen wir in der Veranstaltung des "Hidden Champion Forum" einen wertvollen Beitrag. Zwischen der Association of High Potential Enterprises of Korea, AHPEK, und dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft wurden mittlerweile ein entsprechendes MoU und eine Reihe anderer MoUs abgeschlossen.

Ich begrüße es sehr, dass aus Anlass dieses Besuchs das Korean-German Industrial Technology Cooperation Forum durchgeführt wurde. Zwischen dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und dem koreanischen Ministerium für Handel, Industrie und Energie wurde ein MoU über Forschung und Entwicklung und Technologiemarketing abgeschlossen.

Das duale Bildungssystem gehört zu den Stärken der deutschen Wirtschaft. Unsere Länder arbeiten schon seit den 1960er-Jahren in der Ausbildung industrieller Fachkräfte eng zusammen. Im Rahmen der gemeinsamen Erklärung für berufliche Ausbildung, die zwischen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem koreanischen Arbeits- sowie dem Bildungsministerium abgeschlossen wurde, wollen wir die Zusammenarbeit im Bereich der beruflichen Ausbildung weiter intensivieren.

Bei unserem Gespräch waren wir uns einig, dass unsere beiden Länder über große Potenziale der technologischen und industriellen Zusammenarbeit verfügen und die Kooperation zwischen den einschlägigen Ministerien und Instituten verstärkt werden sollte. Zu diesem Zweck wurde zwischen dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und dem koreanischen Ministerium für Wissenschaft, IKT und Zukunftsplanung ein Beratungsgremium für IKT-Politik gebildet. Außerdem begrüßen wir das MoU mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zur Entwicklung von Spitzentechnologien. Das gilt auch für die Stärkung der Kooperation in den Bereichen umweltfreundlicher Energien, Rüstungsindustrie, Kultur und Bildung.

Nicht zuletzt wollen wir unsere Zusammenarbeit auf der globalen Ebene in den Bereichen Entwicklung, Klimawandel, G20 und „Fragen der internationalen Sicherheit“ fortsetzen.

Durch diesen Besuch wurden die seit 1883 - also seit mehr als 130 Jahren - bestehenden freundschaftlichen Beziehungen beider Länder erneut bestätigt. Es wurden, so glauben wir, Meilensteine in der Zusammenarbeit beider Länder gesetzt. Wir hoffen sehr, dass die oben genannten Vereinbarungen zügig umgesetzt werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich unsere Beziehungen dadurch noch weiter vertiefen werden und noch enger werden. Vielen Dank!

Frage: Sie beide sind repräsentative weibliche und führende Politiker der Welt. Frau Park, ich habe gehört, Sie sind leicht erkältet, aber trotzdem machen Sie diesen Besuch sehr gut, und ich bin sehr dankbar für Ihre Bemühungen. Ihr Vater hatte Deutschland 1964 besucht, und 50 Jahre sind seitdem vergangen. Jetzt besuchen Sie Deutschland nach diesen 50 Jahren. Wie fühlen Sie sich bei Ihrem Besuch in Deutschland? Was sind Ihre Eindrücke?

Zur zweiten Frage: Ihr Vater, Präsident Park, hat sich damals das „Wunder am Rhein“ angeschaut, und er hat das Wunder am Han-Fluss ermöglicht. Welche Vision haben Sie anlässlich Ihres Besuchs in Deutschland?

P’in Park: Im Vergleich zur Zeit vor 50 Jahren hat sich Korea beachtlich entwickelt, würde ich sagen. Dabei, als Präsidentin der Republik Korea, Deutschland besuchen zu dürfen, habe ich natürlich ein ganz besonderes Gefühl. Ich bin sehr stolz auf unsere Bürger, die diese Entwicklung inzwischen ermöglicht haben.

Dieses Jahr feiert man in Deutschland den 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls. Ich habe auch gesehen, wie sich Deutschland nach der Wiedervereinigung entwickelt hat. Da möchte ich auch meine Vision von der Wiedervereinigung sehen. Ich möchte auch von Deutschland, von deutschen Erfahrungen und von deutschem Wissen lernen, sodass auch wir eine Grundlage für eine mögliche Wiedervereinigung schaffen können, wie auch wir auf eine Wiedervereinigung vorbereitet sein sollten. Ich mache mir hauptsächlich Gedanken darüber.

Als mein verstorbener Vater Präsident war und Deutschland besucht hatte, hat er sich die Autobahnen angeschaut und Stahlherstellungswerke gesehen. Da hat er den Gedanken für Autobahnen und die Stahlherstellung in Korea gehabt und ihn dann umgesetzt. Daher hat mich während meines Besuchs in Deutschland die trilaterale Zusammenarbeit zwischen Industrie, Universität und Forschung beeindruckt. Die sogenannten deutschen „Hidden Champions“, also der starke Mittelstand, haben mich auch stark beeindruckt. Wie ich eine solche Stärke Deutschlands, die „Hidden Champions“, auch in Korea ermöglichen kann, ist zunächst mein Gedanke. Ich werde mir auch weiterhin Gedanken darüber machen, wie ich unseren Mittelstand zu solchen „Hidden Champions“ wie in Deutschland machen kann.

BK’in Merkel: Ich finde es sehr schön - wenn ich das noch ergänzen darf -, dass die Präsidentin neben Berlin zwei Bundesländer besucht, einmal Sachsen, ein neues Bundesland, wo man auch sehen kann, was seit der Wiedervereinigung geschehen ist. Die Präsidentin wird dort zum Beispiel die Frauenkirche besuchen. Das ist ein Symbol auch des Wiederaufbaus, dafür, wie man etwas auch durch sehr viel Bürgersinn und sehr viel Mitmachen der Menschen schaffen kann.

Auf der anderen Seite wird sie ein sogenanntes altes Bundesland - Hessen - besuchen. Man wird sehen, dass die Innovationskraft in beiden Bundesländern sehr hoch ist und wir in Deutschland gerade auch aus den neuen Bundesländern heraus sehr bereit sein werden, uns mit Korea über die Erfahrungen der deutschen Einheit auszutauschen.

Heute haben wir die Situation, dass Korea zum Beispiel 4 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Innovation ausgibt. Wir sind stolz auf unsere 3 Prozent. Aber wir haben inzwischen auch starke Wettbewerber. Das heißt, seit der Zeit vor fünfzig Jahren hat sich sehr viel getan, und wir wissen, dass wir heute in einigen Feldern - gerade bei der Elektronik, bei den Smartphones und anderen Dingen - in Südkorea auch sehr gute Wettbewerber, manchmal sogar den Weltführer vor uns haben. Das spornt uns an, und deshalb ist es auch so wichtig, dass unsere mittelständischen Unternehmen miteinander in Kontakt kommen.

Frage: Eine Frage an die Präsidentin: Sie haben gesagt, dass Sie über internationale Sicherheitsthemen gesprochen haben. Deswegen hätte ich gern gewusst, ob Südkorea den Kurs, den die EU und die USA im Ukraine-Konflikt fahren, für richtig hält, dass man notfalls auch Sanktionen gegen Russland verhängt. Mich interessiert, ob Südkorea diesen Weg mitgehen würde.

Frau Bundeskanzlerin, wenn Sie erlauben, eine Frage zu Ostasien: Wie groß ist Ihre Besorgnis, dass es zu militärischen Konflikten in dieser Region entweder mit Nordkorea oder zwischen China und seinen Nachbarn kommt?

P’in Park: In Bezug auf die Situation in der Ukraine ist die Position Südkoreas, dass die Souveränität und die Integrität des Territoriums der Ukraine geachtet werden sollten. Das ist unsere Position. Deshalb verfolgen wir in Korea mit Besorgnis die Entwicklung in der Ukraine. Die Annexion der Insel Krim hat Russland trotz des Protestes der internationalen Weltgemeinschaft vollzogen. Die Antwort auf diese Frage ist, dass die betreffenden Parteien den Konflikt friedlich lösen sollten.

Sie haben noch eine Frage bezüglich militärischer Auseinandersetzungen in Ostasien an mich gerichtet?

BK’in Merkel: Sie leben ja in der Region, deshalb können Sie dann gerne auch etwas sagen. Ich glaube nur, ich bin erst einmal gefragt worden.

Ich glaube, dass wir ein hohes Interesse daran haben, dass es Gespräche zwischen allen Parteien gibt, damit es eine stabile Entwicklung gibt. Wir haben eben darüber gesprochen, dass es auch sehr intensive Kontakte zwischen Korea und China gibt. Wir werden bei dem Besuch des chinesischen Präsidenten natürlich über diese Region sprechen, denn alle diese Länder haben eine sehr große wirtschaftliche Dynamik. Diese wirtschaftliche Dynamik kann sich natürlich nur entfalten, wenn man auch zu einem friedlichen Zusammenleben kommt, und das kann nur auf diplomatischem Wege geregelt werden. Deshalb muss alles unterlassen werden, was letztlich zu einer Zuspitzung der Konflikte führen kann.

P’in Park: Ich würde dann meine Meinung äußern, ob eine militärische Auseinandersetzung in Ostasien und eine Zuspitzung der Konflikte möglich wären. Ich glaube, solche Besorgnisse kommen von Europa; ich habe davon gehört. In der ostasiatischen Region gibt es natürlich historische oder territoriale Konflikte, wie ich zugeben muss, aber wir sind wirtschaftlich sehr voneinander abhängig. Wir haben unentbehrliche Kooperationsbeziehungen, sodass wir nicht daran interessiert sind, dass solch ein Kooperationsrahmen eines Tages zerstört wird.

Die Frage ist, wie diese Probleme über einen Dialog, über einen Kanal für einen Dialog gelöst werden können. Es gibt im Moment leider keinen Ausschuss beziehungsweise kein Netzwerk, in dem über solche Konflikte gesprochen werden kann. Deshalb habe ich einen Friedensplan für Ostasien initiiert, der zum Beispiel Klimaschutz und Atomsicherheit, also Fragen von gemeinsamem Interesse beinhaltet. Das betrifft zum Beispiel den Klimaschutz und die Atomsicherheit, also solche Fragen, die von gemeinsamem Interesse sind. Zu solchen gemeinsamen Themen sollten wir in Ostasien zusammenarbeiten, sodass wir zunächst Vertrauen bilden können und dann auch über schwierigere Fragen wie zum Beispiel Fragen der Sicherheit sprechen können. Wir bräuchten also eine Art multilaterales System. Das war immer meine Meinung. Vor allem in der EU habe ich gehört, dass es diesbezüglich auch Zustimmung gibt; auch in asiatischen Staaten gibt es Unterstützung für diesen Plan von mir. Ich möchte diesen Plan in Zukunft noch konkretisieren, um ihn dann in die Praxis umzusetzen.

Frage: Frau Bundeskanzlerin Merkel, Anfang dieses Jahres hat Frau Präsidentin Park gesagt, die Wiedervereinigung sei eine Bonanza, ein Glücksfall. Ich glaube, Sie haben in Ihrem Gespräch auch über die Wiedervereinigung gesprochen. Da Deutschland mit seiner Wiedervereinigung sozusagen vorangegangen ist: Was sollte Korea als erstes tun, welche Priorität sollte Korea in Bezug auf die Vorbereitung der Wiedervereinigung haben?

Zweitens. Die Koreaner sind sehr verletzt wegen der Aussage Japans (in Bezug auf die Aufarbeitung der Vergangenheit). Deutschland hat seine Geschichte aber aufgearbeitet. Wie sehen Sie die Position (Japans)?

BK’in Merkel: Um mit Ihrer letzten Frage anzufangen: Ich glaube, dass es ganz wichtig ist - Frau Park hat es eben gesagt -, dass man in ein multilaterales Gesprächsnetz hineinkommt und dann zuerst auch über einfachere Themen spricht - gerade auch über die vielen Vorteile, die ein enges Handelssystem hat - und dann Schritt für Schritt auch schwierigere Themen mit ansprechen kann. Das muss auch der Weg sein, die schwierigen Themen in der dortigen Region aufzunehmen; denn nur über Gespräche und Kontakte kann man dann auch Schritt für Schritt vorankommen.

Zweitens. Was die deutsche Einheit anbelangt, so ist sie in der Tat ein Glücksfall, insofern ist das Wort sehr passend. Das entspricht auch meinen Gefühlen. Ich bin ja selber sozusagen ein Produkt dieser Wiedervereinigung, weil ich ja in der ehemaligen DDR aufgewachsen bin. Dass dieses Ereignis vor 25 Jahren mit dem Mauerfall möglich war, hat natürlich das Leben von 17 Millionen Menschen in Deutschland geändert - aber nicht nur von 17 Millionen Menschen, sondern von allen, die in Deutschland wohnen.

Was sollte man als erstes beachten? Im Zusammenhang mit einer Wiedervereinigung wird viel wirtschaftliche Unterstützung notwendig sein. Das Zweite ist: Man muss sich darauf vorbereiten, dass man ganz andere Biografien kennenlernt; man wird also Menschen treffen, die ein völlig anderes Leben hatten. Da muss man offen sein, da muss man neugierig sein, da darf man nicht hochmütig sein, nicht auftrumpfend, sondern einfach auch hinhören und bereit sein, das alles aufzunehmen; denn natürlich prallen da - das ist ja zwischen Nordkorea und Südkorea noch viel schwieriger - ganz unterschiedliche Erfahrungen aufeinander. Wir hatten in Deutschland immer das gemeinsame Fernsehen und konnten uns viel näher verfolgen. Das ist in Korea ja noch schwieriger.

Das Erste ist also, wirtschaftlich bereit zu sein - je stärker man wirtschaftlich ist, umso leichter fällt das -, und das Zweite ist, offen und auch neugierig zu sein. Aber der Wunsch nach einer Wiedervereinigung Koreas ist ja sehr groß, insofern wird man auch die Kraft dazu aufbringen.

Frage: Frau Bundeskanzlerin, die Ukraine-Russland-Krise ist ja immer noch beherrschend; vielleicht haben Sie darüber auch ein paar Worte gewechselt. Jetzt war heute der Siemens-Chef Kaeser in Moskau und hat Putin langfristige Investitionen zugesagt. Unterläuft das nicht die Sanktions-Drohkulisse des Westens? Wie bewerten Sie überhaupt den Wunsch der deutschen Wirtschaft, keine Sanktionen zu verhängen?

BK’in Merkel: Erstens kennen Sie die Aussagen der deutschen Wirtschaft. Ich habe heute ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des BDI geführt, der noch einmal betont hat, dass die Werteordnung auch einen hohen Stellenwert für die Wirtschaft hat; denn wirtschaftliche Investitionen beruhen auf Verlässlichkeit, und Verlässlichkeit kann es nur geben, wenn man sich auch an Verträge und an internationale Abkommen hält.

Zweitens. Ich selber spreche ja auch in sehr kurzen Abständen mit dem russischen Präsidenten, denn Gespräche sind sicherlich wichtig. Ich habe mich gerade in anderen Konflikten für Gespräche eingesetzt und ich werde mich auch weiter für Gespräche einsetzen. Etwas anderes ist, wenn man ein Format wie G8, das darauf beruht, dass man auch gemeinsame Vorstellungen über bestimmte Entwicklungen absagt. Aber das heißt ja nicht, dass wir keinerlei Gespräche mehr führen.

Drittens. Wir haben eine Situation, in der es eine bestimmte Stufe - wir nennen das die Stufe zwei - der Sanktionen gibt, die wir eingeführt haben. Das ist mit Reisebeschränkungen, Visabeschränkungen und Konteneinfrierungen verbunden. Zu der Stufe der wirtschaftlichen Sanktionen sind wir - mit Ausnahme der Produkte der Krim - nicht gekommen. Ich hoffe, dass das auch vermieden werden kann. Das heißt, es finden nach wie vor wirtschaftliche Kontakte statt, und ich habe kein Interesse daran, dass wir eine Eskalation haben, sondern arbeite für eine Deeskalation. Man muss aber einfach auch klar sagen - und deshalb haben wir die dritte Stufe von Sanktionen auch benannt -: Russland muss wissen, dass wir dann, wenn bestimmte weitere internationale Verträge überschritten werden, auch zu einer harten Reaktion bereit sind. Das ist, glaube ich, eine wichtige Botschaft, damit auch jeder weiß, was wir dann tun wollen. Es muss auch klar sein - und ich bin da ganz fest überzeugt -: Europa wird einheitlich handeln, auch mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Aber glücklicherweise sind wir im Augenblick noch nicht an diesem Punkt angelangt.

Danke schön!

Mittwoch, 26. März 2014