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Mitschrift Pressekonferenz

Pressestatements von Bundeskanzlerin Merkel und dem chinesischen Premierminister Wen in Peking

Die Ausschrift des fremdsprachlichen Teils erfolgte anhand der Simultanübersetzung beziehungsweise ‑ in der Fragerunde ‑ der Konsekutivübersetzung.

Thema: Besuch der Bundeskanzlerin in China

PM Wen: Liebe Freunde von der Presse, meine sehr verehrten Damen und Herren, guten Tag allerseits! ‑ Die Bundeskanzlerin kommt zu einer Zeit nach China, zu der China und Deutschland das 40-jährige Jubiläum ihrer diplomatischen Beziehungen begehen und zu der sich die internationale Lage tiefgreifend verändert. Ich möchte Sie hier herzlich willkommen heißen!

Frau Merkel und ich haben uns in unseren Gesprächen im großen und im kleinen Kreis eben ausgetauscht über unsere bilateralen Beziehungen, über die Lage der Weltwirtschaft und über regionale Brennpunkte, also über aktuelle Themen. Wir hatten dazu einen sehr intensiven und offenen Meinungsaustausch. Unser Verstehen konnte dadurch vermehrt werden, und wir konnten wichtigen Konsens in vielen Fragen erreichen. Dadurch geben wir der verstärkten Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland auf allen Gebieten neue Impulse. 

Wir teilen beide die Ansicht, dass sich die Beziehungen zwischen China und Deutschland nach 40 Jahren unermüdlicher Anstrengungen auf einem sehr hohen Niveau befinden. Das kommt beiden Völkern zum Wohle, die zunehmenden Einfluss auf die Welt haben. Nun stehen unsere Beziehungen vor neuen Entwicklungschancen.

Ich habe mit Frau Merkel auch die diesjährige Arbeit erörtert und geplant. Hierzu zählen zum Beispiel die Fortsetzung der Begegnungen auf höchster Ebene, die gemeinsame Austragung des „Kulturjahrs Chinas“, die Hannover Messe und weitere große Veranstaltungen.

Die in der ersten Runde der Regierungskonsultationen zwischen China und Deutschland getroffenen Vereinbarungen und Konsense gilt es jetzt umsetzen, und in der zweiten Jahreshälfte werden wir die zweite Runde durchführen. In wichtigen internationalen und regionalen Fragen wollen wir uns dann stärker abstimmen. Wir werden auch gemeinsam für die Wahrung des Weltfriedens eintreten und wir werden zur nachhaltigen Entwicklung beitragen. Wir sind auch damit einverstanden, uns auf der Grundlage des gegenseitigen Respektes weiter gegenseitig zu informieren und miteinander zu sprechen, gerade auch in Punkten, in denen es Unterschiede gibt und in denen wir nicht immer der gleichen Meinung sind.

Frau Merkel hat über den aktuellen Stand der Schuldenkrise in Europa und die dortige Wirtschaftslage informiert, während ich ihr Chinas Wirtschaftslage erläutert habe und mich offen und konstruktiv mit ihr ausgetauscht habe. Eine derartige Kommunikation ist für ein Mehr an Verstehen und Vertrauen zwischen China und Deutschland beziehungsweise Europa sowie für die gemeinsame Bewältigung der Herausforderungen von positiver Bedeutung.

Zur Thema der europäischen Schuldenkrise habe ich vier Punkte erwähnt:

Erstens. Angesichts der nach wie vor kritischen Lage der Weltwirtschaft ist die Überwindung der Schuldenkrise in Europa ausgesprochen dringend und wichtig.

Zweitens. Die Schuldenkrise in Europa ist für China von strategischer Bedeutung und tangiert auch die Gesamtlage. Die Globalisierung vertieft sich derzeit, und die EU ist die größte Volkswirtschaft der Welt und größter Handelspartner Chinas. Ob Europa finanziell stabil bleibt, wirtschaftlich wachsen kann und Integration vorantreiben kann, betrifft nicht nur die Zukunft und das Schicksal Europas, sondern ist auch von ganz erheblicher Bedeutung für China und den Rest der Welt. China ist dafür, die Stabilität des Euro zu schützen. Wir haben Zuversicht in Europas Wirtschaft und auch in den Euro. Wir sind auch fest davon überzeugt, dass Europa weiterhin eine ganz wichtige Region auf der Welt bleibt.

Drittens habe ich darauf hingewiesen, dass Grundlage und Schlüssel für die Bewältigung der Schuldenkrise eigene Anstrengungen Europas sind. China unterstützt die europäischen Anstrengungen bei der Begegnung dieser Schuldenkrise. Zugleich ist die internationale Gemeinschaft zur geeinten Begegnung dieser Problematik verpflichtet. China unterstützt es daher auch, wenn der IWF und andere wichtige Finanzinstitute der Welt bei der Krisenbewältigung eine wichtige Rolle spielen. Wir sind gerne bereit, uns stärker mit allen betroffenen Seiten abzustimmen und wirksame Gegenmaßnahmen auszuarbeiten. China denkt darüber hinaus auch darüber nach, über die EFSF, den ESM oder andere Kanäle an der Bewältigung der Schuldenkrise im Euro-Raum mitzuwirken.

Viertens. Die Überwindung der Schuldenkrise hängt letztendlich davon ab, dass die Wirtschaft dynamisch und nachhaltig wächst. Für China und Europa als sehr wichtige Wirtschaften und Handelspartner der Welt gilt es, Protektionismus jedweder Art zu bekämpfen, gegenseitige Investitionen zu erweitern und die Zusammenarbeit im Bereich Hochtechnologie und neue Industrie zu vertiefen. Wir hoffen sehr auf eine noch aktivere Rolle Deutschlands dabei. 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, angesichts der komplexen internationalen und regionalen Lage besitzen die chinesisch-deutschen Beziehungen reiche strategische Inhalte. Das Vertrauen zu vertiefen und stärker zusammenzuarbeiten, liegt daher im ureigenen Interesse beider Völker. Das kommt auch Frieden und Entwicklung auf der ganzen Welt zugute. Ich bin überzeugt, dass sich unsere Beziehungen durch den Besuch von Ihnen, Frau Merkel, noch enger und noch fruchtbarer gestalten werden. 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. ‑ Frau Merkel, Sie haben das Wort.

BK’in Merkel: Danke schön, Herr Premierminister. ‑ Ich freue mich, dass wir mit einer Delegation aus Abgeordneten und Wirtschaftsvertretern hier bei Ihnen zu Gast sein dürfen. Das 40-jährige Jubiläum der Aufnahme unserer diplomatischen Beziehungen ist hierfür auch eine sehr gute Gelegenheit.

In Deutschland werden wir in diesem Jahr das „Kulturjahr Chinas“ begehen. Ich hoffe, dass wir dabei sehr viel dazulernen, was die chinesische Kultur anbelangt. Es wird die Gelegenheit geben, die direkten Kontakte zwischen der Bevölkerung in unseren Ländern durch Schulpartnerschaften und durch Städtepartnerschaften zu vertiefen. Wir werden ja morgen nach Kanton reisen. Die dortige Region ist die Partnerregion von Bayern; Kanton selber hat Frankfurt als Partnerstadt. Daran sieht man schon, dass sehr enge Beziehungen bestehen, die in diesem Kulturjahr sicherlich noch vertieft werden. China wird das Partnerland auf der Hannover Messe ‑ der weltweit größten Industriemesse ‑ sein, und wir freuen uns schon auf die Präsenz dort.

Wir haben uns in einem weiten Teil unseres Gespräches erst einmal mit der weltwirtschaftlichen Lage befasst, und ich habe berichtet, welche Schritte die Europäische Union selbst unternimmt, um die Schuldenkrise zu überwinden. Es bestand Einigkeit zwischen uns, dass einerseits Haushaltsdisziplin eine Rolle spielt und dass andererseits gerade die Länder außerhalb Europas, die auf uns schauen, erwarten, dass wir ein geschlossenes Bild einer politischen Zusammenarbeit abgeben, sodass man weiß, wo die Verantwortung gebündelt liegt. Es war auch klar, dass wir alles tun müssen, um gerade im Bereich der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und damit des Wirtschaftswachstums voranzukommen; denn Politik wird ja für die Menschen gemacht, und europäische Politik kann nicht überzeugen, wenn dies nicht auch in der eigenen, persönlichen Lebensinitiative ‑ zum Beispiel durch einen Arbeitsplatz ‑ deutlich wird.

Wir haben über die Rettungsmechanismen ‑ die EFSF und den ESM ‑, über die Rolle des IWF und auch über den neuen Fiskalpakt, der gerade verabschiedet wurde, gesprochen. China ‑ das haben Sie mir gesagt ‑ ist bereit, sich in der allgemeinen Verantwortung für eine stabile Weltwirtschaft auch mit für einen stabilen Euro einzusetzen. Es ist allerdings klar, dass die Hauptaufgabe erst einmal bei den europäischen Ländern liegt: Wir müssen unsere Hausaufgaben machen, wir müssen unsere Probleme überwinden.

Wir waren uns einig, dass unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit darauf gegründet sein muss, dass jedes Unternehmen in den jeweiligen Ländern einen freien Zugang hat ‑ chinesische Unternehmen in Deutschland genauso wie deutsche Unternehmen in China. Dort, wo es Probleme gibt ‑ beim Schutz des geistigen Eigentums oder ähnlichen Dingen ‑, müssen sie offen angesprochen werden. Eine solche Reise ist eine Möglichkeit dazu.

Wir haben auch darüber gesprochen, dass wir durch die deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen eine sehr viel engere Zusammenarbeit erreicht haben. Diese Regierungskonsultationen werden wir fortsetzen. Hier werden wir auf ganz breiter Front ‑ von sozialer Zusammenarbeit der Arbeits- und Sozialministerien über die Landwirtschaftszusammenarbeit bis hin zur finanziellen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit ‑ alle Bereiche sehr viel besser erfassen und in diesen Bereichen dann auch konkrete Vorhaben unternehmen.

Wir haben noch nicht ‑ aber dafür haben wir noch Gelegenheit ‑ über die Außenpolitik gesprochen. Über das Thema der Menschenrechte haben wir bereits teilweise gesprochen. Sie haben es schon gesagt: Manches Mal ist es so, dass wir diesbezüglich auch unterschiedliche Meinungen haben. Ich glaube aber, dass die Qualität unserer Beziehungen es uns erlaubt, uns gerade auch hierüber immer wieder auszutauschen und auch Schritt für Schritt besser zu verstehen, was die Anliegen sind.

Insgesamt glaube ich, dass dieser Besuch dazu beitragen kann, dass sich die Beziehungen zwischen der größten Volkswirtschaft in der Europäischen Union und dem großen Land China noch enger entwickeln und dass Vertrauen auf der Basis des besseren Kennenlernens entsteht. Ich glaube, man kann sagen, dass wir in diesen 40 Jahren schon eine ganze Wegstrecke zurückgelegt haben. Vor 40 Jahren hätte keiner geglaubt, dass wir einmal gemeinsame Regierungskonsultationen mit 13 Ministern durchführen und dass es einmal ein so enges Netz von Kontakten gibt. Insofern werden wir diese Beziehungen auch in Zukunft gerne weiterentwickeln.

Frage: Ich habe zwei Fragen, eine an den Ministerpräsidenten und eine an die Bundeskanzlerin.

Herr Ministerpräsident Wen, wird China das Ölembargo der Europäischen Union gegen den Iran unterstützen, oder wird es das Embargo durch eine Ausweitung eigener Ölimporte aus Iran zu unterlaufen versuchen? In diesem Zusammenhang noch eine Frage zu dem, was Sie eben angesprochen hatten: Könnten Sie Ihre Vorstellungen über das Engagement Chinas, was die europäischen Rettungsschirme ‑ die EFSF und den ESM ‑ angeht, näher erläutern?

Frau Bundeskanzlerin, welche Ratschläge beziehungsweise welche Anforderungen haben Sie, was China angeht, an die Menschenrechte und deren Einhaltung in der Volksrepublik?

PM Wen: Ich möchte zuerst die zweite Frage beantworten: Ich denke, wir haben diese Frage schon ausreichend besprochen. 

Zu Ihrer anderen Frage: Ich habe mit der Frau Bundeskanzlerin gerade darüber gesprochen und die chinesische Position schon in meinem Statement umfassend dargelegt. Ich möchte hier noch einmal bekräftigen: Gerade die eigenen Bemühungen der europäischen Seite sind in dieser Frage entscheidend. Die Schuldenländer müssen schmerzhafte Entscheidungen treffen und gemäß den eigenen spezifischen Gegebenheiten eine angemessene Haushaltspolitik einführen und praktizieren.

Neben den Hilfsmaßnahmen im Notfall soll die Europäische Union als eine Einheit und als Ganzes auch strukturelle und institutionelle Reformen in der Fiskal- und Finanzpolitik vorantreiben. Damit soll die Europäische Union auch eine einheitliche und klarere Nachricht über die Ideen zur Lösung der Schuldenkrise der internationalen Gemeinschaft aussenden. China analysiert und bewertet gerade auch die Art und Weise, wie wir durch den Internationalen Währungsfonds mehr Mittel anbieten können, sowie die Art und Weise, in der wir uns über EFSF und ESM noch mehr an der Lösung der Schuldenkrise beteiligen können. China ist bereit, mit Deutschland im Rahmen der vorhandenen fiskal- und finanzpolitischen Kooperationsmechanismen die Kontakte miteinander zu verstärken. Wir sind auch bereit, mit den diesbezüglichen Partnern in engem Kontakt zu bleiben. Gleichzeitig hoffen wir, dass die europäische Seite eine objektive und positive Atmosphäre für die chinesisch-europäische Finanzzusammenarbeit herbeiführt und uns auch angemessene Investitionsmöglichkeiten anbietet.

Zur Frage des iranischen Atomprogramms: Diese Frage ist sehr kompliziert und auch sehr sensibel, und sie betrifft auch den Frieden, die Sicherheit und die Stabilität in dieser Region und in der Welt. China unterstützt nach wie vor das Nichtverbreitungsregime auf der Welt. Wir sind dagegen, dass Iran oder irgendein anderes Land im Nahen Osten Atomwaffen entwickelt. Wir halten Dialoge und Zusammenarbeit für die einzig richtige Methode, dieses Problem zu lösen. Wir denken, Sanktionen können die Probleme im Grunde nicht lösen. Die Anwendung von militärischer Gewalt würde zu Instabilitäten im Nahen Osten und in der ganzen Welt führen. Das läge in niemandes Interesse, im Interesse von keinem Land.

China hat immer Anstrengungen unternommen und sich für Frieden und Dialoge zwischen den betreffenden Ländern eingesetzt. Wir möchten ‑ und arbeiten auch daran ‑, dass die Gespräche zwischen Iran und Deutschland sowie auch den anderen fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates (wieder aufgenommen werden), möchten diese sechs Parteien also an den Verhandlungstisch führen. Wir möchten auch, dass die Internationale Atomenergiebehörde noch enger mit dem Iran zusammenarbeiten kann. In jüngster Zeit hat Iran schon den Willen demonstriert, mit den sechs Gesprächspartnern so schnell wie möglich die Dialoge wieder aufzunehmen. Ich denke, es ist die dringliche Aufgabe aller betreffenden Seiten, miteinander Dialoge zu führen und eine langfristige, umfassende und angemessene Lösung in dieser Frage zu finden. Ich denke, die chinesische Seite wie auch die deutsche Seite haben in dieser Hinsicht ähnliche Ziele. Wir möchten hier noch enger zusammenarbeiten und die Kommunikation, das Zusammenwirken verstärken, um konstruktiv dazu beizutragen. 

China pflegt auch normale Handelskontakte mit dem Iran. Wir sind dagegen, die normalen Handelsaustausche und -kontakte zu politisieren. Die Handelskontakte Chinas mit dem Iran werden das Völkerrecht und auch die Sicherheitsratsresolutionen nicht verletzen. Wir machen Handel und werden dieses Prinzip nicht opfern. Die normalen Handelskontakte zwischen zwei Ländern sollen geschützt werden. ‑ Vielen Dank.

BK’in Merkel: Bevor ich auf die Frage, die Sie mir gestellt haben, antworte, möchte ich gerne auch ein Wort zum Iran sagen. Wir sind in der Tat in den E3+3-Gesprächen gemeinsam verantwortlich. Deutschland wünscht sich genauso wie China, dass diese Gespräche endlich wieder in Gang kommen. Der Iran hat leider wenig Bereitschaft gezeigt, dies zu tun, und wir haben die große Sorge, dass das Nuklearprogramm voranschreitet.

Wir hatten im UN-Sicherheitsrat auch einmal gemeinsam Sanktionen verabschiedet. Wir in der Europäischen Union ‑ und Deutschland gehört dazu ‑ sind der Meinung, dass durch die Nichtbeteiligung des Iran an den Gesprächen jetzt doch der Zeitpunkt gekommen ist, wieder Sanktionen zu erlassen. Wir tun das nicht gerne, und sagen auch: Sobald die Gesprächsbereitschaft besteht, ist es wieder möglich, davon abzurücken. Aber leider haben wir da noch keinen Erfolg gehabt. Das gehört eben zu den Themen, in denen wir uns über das Ziel einig sind, aber in denen wir auf dem Weg doch unterschiedliche Schritte gehen. 

Was die Frage der Menschenrechte anbelangt, so möchte ich zwei Bereiche ansprechen. Wir haben ja den Rechtsstaatsdialog, in dem wir sehr viele dieser Fragen auch sehr offen besprechen können. Ich glaube, dass es in China im Augenblick auch sehr häufig um Fragen der sozialen Sicherheit, der sozialen Sicherungssysteme ‑ auch Fragen der sozialen Sicherheit und Zukunft der vielen Wanderarbeiter ‑ geht und dass wir unsere Zusammenarbeit auf diesem Gebiet noch verstärken können. Zum Zweiten geht es auch immer wieder um die Frage der Meinungsfreiheit, insbesondere auch aufgrund der Existenz des Internets. Wir sind der Meinung, dass hier oft sehr hart reagiert wird. Ich werde immer wieder deutlich machen, dass die Pluralität von Meinungen sehr zielführend oder auch hilfreich für die Entwicklung eines Landes sein kann, und dass daraus auch gute und sinnvolle Diskussionen entstehen können. Aber diese Gespräche werden wir sicherlich auch noch in der Zukunft führen. 

Frage: Ich habe zwei Fragen.

Die erste Frage geht an Frau Bundeskanzlerin Merkel. Momentan haben die chinesischen Unternehmen großes Interesse an Investitionstätigkeiten in Europa, aber sie haben dabei auch sehr viele Schwierigkeiten ‑ sie sind zum Beispiel nicht so vertraut mit den lokalen Gesetzen und Vorschriften. Manche Politiker und die europäischen Medien haben die Absichten dieser Investitionstätigkeiten auch schon politisiert, was für die chinesischen Unternehmen sehr verwirrend ist. Außerdem gab es in jüngster Zeit die Nachricht, dass die Europäische Union gerade dabei sei, Gesetze zu entwerfen, um die Ankaufstätigkeiten der chinesischen Unternehmen zu beschränken. Frau Bundeskanzlerin, Sie haben mehrmals betont, dass Sie die Investitionstätigkeiten der chinesischen Unternehmen in Europa und in Deutschland begrüßen. Welche Maßnahmen gibt es beziehungsweise welche Maßnahmen möchten Sie treffen, um der Verwirrung der chinesischen Unternehmen zu erwidern? 

Die zweite Frage geht an Premierminister Wen Jiabao. Sie haben eben gesagt, die chinesisch-deutschen Beziehungen seien auf sehr hohem Niveau, wodurch die beiden Länder auch zunehmend Einfluss auf die ganze Welt nähmen. Sie sagen auch, insbesondere die internationale Politik und Wirtschaft erlebten in der heutigen Lage gewaltige Veränderungen und würden mit sehr ernsthaften und komplizierten Situationen konfrontiert. Ich möchte konkret fragen: Welche strategischen Inhalte gibt es in den chinesisch-deutschen Beziehungen? 

BK’in Merkel: Ich möchte mit der Antwort auf die an mich gestellte Frage beginnen und sage noch einmal ‑ ich habe das auch im Gespräch mit dem Premierminister gesagt ‑: Die Investitionen chinesischer Unternehmen sind uns in Europa willkommen. Wir halten und an alle internationalen Regeln und wollen keine protektionistische Grenze um Europa errichten. Wir haben auch darüber gesprochen, dass durch die Investitionen chinesischer Unternehmen in Deutschland auch Arbeitsplätze entstehen können, dass sich die Menschen in unseren Ländern also keinerlei Sorgen machen müssen, dass dadurch Arbeitsplätze verlorengehen. Ich glaube, es ist gute Regel, dass diesbezüglich in Europa ‑ und in Deutschland in ganz besonderer Weise ‑ ein sehr großer Unterschied besteht: Wirtschaftliche Beziehungen werden auf der wirtschaftlichen Ebene abgewickelt; wir politisieren die nicht, sondern haben ganz klare Regeln. Ansonsten versuchen wir natürlich, die politische Zusammenarbeit zu stärken. Insofern ist in den letzten Jahren auch Einiges an Investitionen chinesischer Unternehmen in Deutschland und in anderen Teilen Europas passiert. Ich vermute einmal, das wird auch eine sehr große Dynamik haben.

PM Wen: Die strategischen Inhalte der chinesisch-deutschen Beziehungen umfassen nach meiner Überzeugung die folgenden fünf Hinsichten:

Erstens. Die chinesisch-deutschen Beziehungen basieren auf der Grundlage des gegenseitigen Nutzens und der völligen Gleichberechtigung, und zwar mit dem Ziel, uns gemeinsam zu entwickeln, einander zu bedingen und auch eine Win-win-Situation herbeizuführen. Wir haben schon eine umfassende strategische Partnerschaft begründet und sehr viele Mechanismen ‑ und zwar umfassende Mechanismen ‑ etabliert, einschließlich der chinesisch-deutschen Regierungskonsultationen. Wir haben auch sehr viele Dialogmechanismen, über die wir zum Beispiel auch die Frage der Menschenrechte besprechen können. Durch solche Dialogmechanismen können wir das Vertrauen zu einander verstärken und gut miteinander zusammenarbeiten.

Zweitens. Wir möchten die internationale Finanzkrise und die europäische Schuldenkrise durch gemeinsame Anstrengungen in den Griff bekommen. Das ist für die internationale Finanzstabilität, die solide Erholung der Weltwirtschaft und auch das nachhaltige Wachstum der Weltwirtschaft von sehr großer Bedeutung.

Drittens. Die chinesisch-europäischen Beziehungen können sich durch die chinesisch-deutschen Beziehungen einer langfristigen, gesunden und stabilen Entwicklung erfreuen. Deutschland hat großen Einfluss in der Europäischen Union, und als ein sehr gewichtiges Mitglied kann Deutschland auch in den chinesisch-europäischen Beziehungen eine sehr wichtige Rolle spielen. Die guten chinesisch-deutschen Beziehungen liegen somit im Interesse der chinesisch-europäischen Beziehungen. Das gilt auch umgekehrt: Wenn die chinesisch-deutschen Beziehungen nicht so gut sind, dann können wir auch keine so guten chinesisch-europäischen Beziehungen haben. 

Viertens. In aktuellen regionalen Themen gibt es natürlich Bereiche, in denen wir verschiedene Meinungen haben. Trotzdem hegen beide Seiten den Willen, die Kontakte und Koordinierung miteinander zu verstärken. Wir möchten auch zu der Wahrung von Frieden und Stabilität in der Welt konstruktiv beitragen.

Fünftens. In Bezug auf die nachhaltige Entwicklung in Fragen wie zum Beispiel dem Klimawandel (akustisch unverständlich) sowie der Energie- und Nahrungsmittel teilen China und Deutschland breite gemeinsame Interessen. Auf diesen Gebieten können wir noch effektiver zusammenarbeiten.

Zusammengefasst: Die chinesisch-deutschen Beziehungen haben sehr reiche Inhalte, und der Besuch der Frau Bundeskanzlerin ist ein sehr wichtiger Besuch. Wir begrüßen diesen Besuch und schätzen ihn sehr. Es war bereits der fünfte China-Besuch der Frau Bundeskanzlerin in den letzten fünf Jahren, und wir würden uns sehr freuen, wenn die Bundeskanzlerin noch in der zweiten Jahreshälfte anlässlich der zweiten Runde der chinesisch-deutschen Regierungskonsultationen zum sechsten Mal nach China reist.

Um meine Aufrichtigkeit zu demonstrieren, möchte ich die Gepflogenheiten hier ein bisschen verletzen. Die Bundeskanzlerin hat schon die Einladung zur Hannover Messe an mich gerichtet, und ich möchte hier sagen und im Voraus schon verraten: Ich bin dieser Einladung gern gefolgt. 

Vielen Dank. ‑ Ich erkläre diese Pressekonferenz für beendet. 

Donnerstag, 02. Februar 2012