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Mitschrift Pressekonferenz

Pressestatement von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Eröffnung der Dauerausstellung „GrenzErfahrungen. Alltag der deutschen Teilung“

in Berlin

Sehr geehrter Herr Hütter,

sehr geehrter Herr Staatsminister Neumann,

ich bin heute sehr gerne hier zu der Eröffnung gekommen und habe bei dem Rundgang auch gesehen, dass hier wirklich ein authentischer Ort gestaltet wurde, in einer Art und Weise, dass man einerseits die frühere Funktionsweise sehr gut wiedererkennen kann ‑ es war richtig, etliches aufzubewahren ‑, aber auf der anderen Seite ganz unauffällig und auf einem sehr kleinen Ausstellungsbereich im Grunde sehr intensiv auch die Geschichte sehen kann, die darum herum ablief. Deshalb wünsche ich mir hier natürlich möglichst viele Besucherinnen und Besucher, seien es Ältere, die noch eine persönliche Erinnerung an diesen Ort haben, oder aber Jüngere, die glücklicherweise keine persönliche Erinnerung mehr daran haben und das Ganze als Geschichte wahrnehmen.

Die Ausstellung heißt „GrenzErfahrungen“, und hier sind nun in der Tat von 10 Millionen Menschen zwischen 1962 und 1989 Erfahrungen mit einer innerdeutschen Grenze, mit einer inhumanen Grenze gemacht worden. Die Menschen, die aus der DDR Richtung Westen ausreisten ‑ ob nach Westberlin oder Westdeutschland, das war egal ‑, mussten alle hier durch diesen „Tränenpalast“. Seinen Namen hat er daher, dass viele Verwandte hier verabschiedet wurden.

Ich persönlich war hier sehr oft mit meinen Eltern, und wir haben Jahr für Jahr meine Großmutter verabschiedet, die dann immer älter wurde. Da hatte man Angst und fragte sich: Siehst du sie wieder? Gibt es überhaupt ein Wiedersehen im nächsten Jahr? Das war schon sehr, sehr traurig.

Die Atmosphäre, die sich dann anschloss ‑ das Modell hier macht ja klar, dass man dann auf den S-Bahnhof Friedrichstraße musste ‑, habe ich auch noch sehr gut ‑ im Wesentlichen aus der Ostsicht ‑ in Erinnerung, weil ich damals in der Marienstraße wohnte und jeden Morgen vom S-Bahnhof Friedrichstraße nach Adlershof fuhr, im Grunde immer an der Grenze entlang. Man war auf dem Ost-S-Bahnsteig immer mit einer Wand konfrontiert, und dahinter war der West-S-Bahnsteig, aber der war eben überhaupt nicht zu erreichen. Dann hörte man immer das Bellen von Hunden, mit denen damals auf dem West-S-Bahnsteig Kontrollen stattfanden. So hatte man also morgens auf dem Weg zur Arbeit schon die erste Erfahrung mit der innerdeutschen Grenze und dieser unmenschlichen Teilung in Deutschland.

Das alles ist sehr schön wiederhergestellt. Ich bin mir nicht sicher, ob die Fenster zu DDR-Zeiten so gut geputzt waren. Ich habe das irgendwie düsterer in Erinnerung. Aber ansonsten war es einfach unglaublich, wie es gelang, durch eine Atmosphäre des Schreckens die Menschen einzuschüchtern, jeden mit einem Gefühl hier hereingehen zu lassen, dass irgendetwas vielleicht doch nicht in Ordnung war, was ja dazu führen konnte ‑ aus Erzählungen wusste man das ‑, dass man dort dann lange saß oder ewig Koffer auspacken musste oder vieles andere geschah.

Es ist schön, dass wir uns das alles heute mit sehr viel günstigerem inneren Gefühl anschauen können. Ich danke dem gesamten Gedenkstättenkonzept, aber auch der Stiftung Haus der Geschichte und Staatsminister Neumann, der mit sehr viel Liebe mit seinen Mitarbeitern diese authentischen Orte immer wieder gewählt hat, um hier etwas hinzubekommen. Sie haben das so wunderbar ausgestaltet; Sie könnten hier eigentlich auch jeden Tag viele Führungen machen, so wie ich das eben genießen durfte.

Alles Gute diesem Ort! Man darf hier ohne Eintritt herein. Das heißt deutsche Geschichte pur für jeden Berlin-Besucher, für viele Menschen, vielleicht auch aus anderen Ländern, die sich noch einmal in die Zeit des Kalten Krieges zurückversetzen wollen und daraus die Lehre ziehen, dass bei allen Problemen, die wir heute haben, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Freiheit des Lebens insgesamt für uns selbstverständlich geworden sind. So ist dieser Ort auch eine Mahnung, dass diese Freiheit einmal nicht so existent war und dass man deshalb für Freiheit auch immer wieder eintreten muss, um sie zu sichern.

Herzlichen Dank, dass ich heute hier dabei sein durfte!

Mittwoch, 14. September 2011