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Mitschrift Pressekonferenz

Im Wortlaut

Pressekonferenz zum 7. Integrationsgipfel am 1. Dezember 2014

Berlin

BK'in Merkel: Meine Damen und Herren! Wir haben beim 7. Integrationsgipfel das Thema Berufsausbildung, Ausbildung für Menschen mit Migrationshintergrund gehabt. Das Erste, das wir festgestellt haben, ist, dass dieses Thema unbeschadet der Frage „Migrationshintergrund, ja oder nein?“ ein Thema für alle jungen Menschen in Deutschland ist, dass es sicherlich manche spezifische Besonderheit gibt, dass es aber viele der strukturellen Probleme auch für Kinder mit langjährigem deutschem Hintergrund gibt.

Wir haben über zwei Sichtweisen gesprochen, obwohl sie natürlich eng zusammenhängen, nämlich zum einen, wie wir mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund in die Ausbildung bekommen, und zum anderen, wie wir mehr Ausbildungsbetriebe finden. Wir haben die jeweils spezifischen Erfahrungen ausgetauscht.

Es gibt - das ist der Befund - noch Diskriminierungen. Es gibt aber auch sehr viele gute Beispiele.

Heute hat sich gezeigt, dass wir bei denjenigen, die Probleme haben, vor allen Dingen eine sehr individuelle Herangehensweise brauchen, also eine personenbezogene Vermittlung und Begleitung. Aber - das war das Beispiel aus Hamburg, das hier sicherlich Maßstab ist - wir brauchen vor allen Dingen erst einmal eine Erfassung aller jungen Menschen, die in das Alter kommen, in dem sie auszubilden sind. Hamburg hat es in einer guten Kombination aus Bundesagentur für Arbeit, den entsprechenden Schulbehörden und anderen Behörden geschafft, auch die Datenschutzfragen zu klären. Ich glaube, viele Bundesländer mit ihren heutigen Erfahrungen können durchaus von dem Beispiel aus Hamburg und den Beispielen der Jugendberufsagenturen lernen.

Wenn man einmal den Überblick hat, dann geht es darum, welche maßgeschneiderten Programme es gibt. Es ist vieles ausgetauscht worden - von der assistierten Ausbildung bis hin zu verschiedensten Programmen der zweiten Chance, Spätstarter, aber vor allen Dingen auch zu den Bildungsketten, die auf die Schnittstelle Schule und Berufsausbildung hinweisen. Heute wurde immer wieder gesagt: Eine frühzeitige Berufsberatung ist ein ganz wesentlicher Punkt.

Wir haben viel darüber gesprochen, dass überall gewünscht ist - sei es bei den Lehrern, bei den Berufsschullehrern oder bei den Ausbildern im Betrieb -, dass interkulturelle Kompetenz vorhanden ist, entweder aus eigenem Erleben oder auch durch die Erfahrung. Denn wenn man Menschen mit einer speziellen Biografie begegnet, ist es immer wichtig, dass es ein Grundverständnis dafür gibt.

Ich möchte abschließend von meiner Seite sagen: Heute hat sich bei dem Thema Ausbildung gezeigt, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Es geht nicht nur darum, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund in die Gesellschaft integrieren, in die sie kommen, sondern es geht auch darum, dass die Gesellschaft, die sich mit Migrantinnen und Migranten befasst und die viele von ihnen hat, bereit ist, sich zu öffnen und den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern. Nur in diesem gegenseitigen Miteinander ist es möglich, wirklich gelungene Integration auch im Bereich der Ausbildung hinzubekommen.

Wir kommen langsam voran. Aber wir sind statistisch noch längst nicht da, wo wir sein müssten, nämlich dass gleiche Ergebnisse für diejenigen mit Migrationshintergrund vorhanden sind wie für diejenigen, die keinen Migrationshintergrund haben. Wir wollen mit dem heutigen Gipfel das Tempo beschleunigen. Ich glaube, das ist durchaus gelungen. Da gibt es gute Ansätze.

StM'in Özoğuz: Ich kann gleich anschließen und alles unterstreichen, was Frau Bundeskanzlerin Merkel gesagt hat.

Wir haben gerade beim Hinausgehen von mehreren Seiten zugeraunt bekommen: Es war gut, ein Thema zu fokussieren, sich auf ein Thema zu konzentrieren und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu hören, vom Bund, von den Länder, von verschiedenen Ministerien: Was kann man da wirklich besser machen? Wir haben jetzt, wenn wir so wollen, bei dem Weg vom Einwanderungsdeutschland zur Einwanderungsgesellschaft Deutschland, wie ich es immer gerne nenne, den Mittelbau erreicht.

Auf der einen Seite wurde immer wieder festgestellt, dass der Migrationshintergrund nicht das Entscheidende ist, sondern oft sind es soziale Lagen, Bildungshintergründe der Eltern etc. Auf der anderen Seite können wir noch immer strukturelle Diskriminierungen feststellen. Das heißt, wenn es nach Namen und Herkunft geht und wenn danach sortiert wird, dann ist das ein Befund, der nichts mit sozialen Lagen zu tun hat. Wir haben eben beides. Wir haben jetzt versucht, das gut auseinanderzubekommen.

Auf dem Weg dahin stellen wir auch fest, dass die Eltern doch ein ganz wichtiger Faktor sind, dass man den Eltern noch mehr den hohen Stellenwert der Ausbildung in Deutschland näherbringen kann und muss, damit Jugendliche viel stärker daran partizipieren können.

Grundsätzlich ist es natürlich schön, wenn sich viele für eine akademische Ausbildung entscheiden. Aber die hohen Abbrecherquoten zeigen uns: Möglicherweise ist das nicht für jeden der richtige Weg. Manchmal wird unterschätzt, was in der Ausbildung für die Einzelne oder den Einzelnen geleistet werden kann. Das hat sich, wie ich finde, sehr schön gezeigt.

Wir waren froh darüber, dass es von mehreren Seiten klare Statements gab, was man leisten kann und welche Bedeutung gerade die Assistenz hat - so nenne ich das jetzt einmal -, die einzelne Schülerin beziehungsweise den einzelnen Schüler über alle Ausbildungsberufe aufzuklären. Wir haben mehr als 350 Ausbildungsberufe. Kein Mensch hier im Raum könnte sie wahrscheinlich alle aufzählen, würde ich jetzt einmal unterstellen. Das hat sich in der Ausbildungslandschaft verändert. Wir müssen mit dieser Veränderung mitgehen. Wenn Eltern oder sogar Kinder selbst eine Einwanderungsbiografie haben, dann können sie das nicht wissen.

Ich glaube, wir sind jetzt ein gutes Stück vorangekommen. Nun wird es darum gehen, alle diese verschiedenen Dinge miteinander zu verzahnen. In den nächsten Wochen und Monaten liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor uns.

Hoffmann: Meine Damen und Herren! Auf dem 7. Integrationsgipfel konnten wir feststellen, dass beim Einstieg junger Menschen mit Migrationshintergrund in das System der dualen beruflichen Ausbildung durchaus Fortschritte gemacht wurden. Das ist sicherlich zufriedenstellend und ein gutes Zeichen dafür, dass auch die Sozialpartnerschaft in den letzten Jahren ihren Beitrag dazu geleistet hat.

Wir haben zahlreiche tarifvertragliche Regelungen abschließen können, mit denen jungen Menschen vor der beruflichen Ausbildung ein Einstieg in den Beruf ermöglicht wird. Hier können wir gute Erfolgszahlen vorweisen: 80 Prozent der jungen Menschen, viele davon mit Migrationshintergrund, absolvieren anschließend erfolgreich eine berufliche Ausbildung. Diese Anstrengungen müssen wir als Gewerkschaften und Sozialpartner weiter unternehmen.

Zur Willkommenskultur gehört auch, dass wir, wie es die Frau Bundeskanzlerin schon gesagt hat, über interkulturelle Kompetenz verfügen. Auch das ist keine Einbahnstraße. Wir müssen uns als Einwanderungsgesellschaft darauf ausrichten, wie wir die Arbeits- und Lebenssituation junger Menschen aus anderen Ländern erfolgreich verbessern. Wir müssen bei den Schwächen ansetzen. Auch diese haben wir heute diskutiert. Wir sind da auf einem guten Weg.

Ein Beispiel, das den Gewerkschaften durchaus immer wichtig ist, sind die Integrationskurse. Da müssen wir das Qualitätsniveau anheben. Das heißt natürlich auch, dass die Menschen, die solche Integrationsmaßnahmen anbieten, Bedingungen haben, damit dies ein erfolgreiches Projekt wird. Über diese Dinge und andere Punkte haben wir uns ausgetauscht. Insgesamt sind wir einen Schritt weitergekommen. Aber in der Tat gibt es noch viel zu tun.

Schweitzer: Der wichtige Punkt ist: Die deutsche Wirtschaft braucht jeden einzelnen jugendlichen Migranten in der Ausbildung. Unser duales Ausbildungssystem, das weltweit bewundert wird, wird in Deutschland unter zwei Gesichtspunkten ein Stück weit attackiert: Der eine Punkt ist die Demografie, das heißt, dass es immer wenige junge Menschen gibt. Der zweite Punkt ist die immer stärker ansteigende Zahl von Studienanfängern. Wir haben allein im letzten Jahr im IHK-Bereich mehr als 80.000 unbesetzte Plätze gehabt und haben aktuell 37.000 unbesetzte Plätze.

Es ist sehr gut erörtert worden, welche Punkte es inzwischen gibt, damit jeder ausbildungsfähig gemacht werden kann, das heißt, in der Lage ist, auch darauf einzugehen.

Das heißt, das ist ein Thema, um das sich nicht nur Großunternehmen kümmern können, sondern um das sich auch die Politik kümmern kann. Die Bundeskanzlerin hat ja zum Beispiel das Thema assistierte Ausbildung genannt, bei dem es um die Frage geht: Wie kann kleinen Unternehmen wirklich geholfen werden, sodass Ausbildung bei ihnen stattfinden kann? Dabei geht es um das Thema der Berufsorientierung, aber auch um das Thema der Berufseinstiegsbegleitung, also darum, wie bereits in der Schule die Berufsorientierung bei den jungen Menschen geweckt wird. Denn am Ende des Tages werden wir in Deutschland das Problem des Fachkräftemangels - das ein wesentliches Problem ist - nur lösen können, wenn wir es - wie die Frau Bundeskanzlerin gesagt hat - auch schaffen, jeden einzelnen Migranten in die Arbeitswelt zu integrieren, sodass er dann über eine entsprechende Berufsausbildung verfügt.

Sorgeç: Ich bin ja von Anfang an dabei gewesen und stelle immer wieder fest: Es wird zwischen den Migrantenverbänden und der Bundesregierung bei den Integrationsgipfeln immer harmonischer. Es ist eines der wenigen Male - oder sogar das erste Mal -, dass wir die Gelegenheit hatten, uns vorher zusammenzusetzen, über das Thema zu diskutieren und ein Positionspapier zusammenzustellen, das wir alle - jedenfalls fast alle Verbände, die daran mitgewirkt haben - unterschrieben haben. Ich denke, dieses Positionspapier dürfte Ihnen vorliegen.

Elementar ist für mich darin der Punkt, dass wir in Bezug auf die Ausbildung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund noch mehr Anstrengungen unternehmen sollten. Wie unsere Bundeskanzlerin gesagt hat, sind wir diesbezüglich auf einem guten Weg, können das Vorangehen auf diesem Weg aber noch beschleunigen. Das ist tatsächlich der Fall; wir sehen noch Potenziale, das zu verbessern, vor allem in Bezug auf die Frage, wie wir diesen jungen Menschen eine betriebliche Ausbildung möglich machen können.

Eines der wichtigsten Instrumente dafür ist die assistierte Ausbildung, die wir in Zukunft durchführen werden. Dadurch soll nicht nur der Unternehmer, sondern in erster Linie auch der Jugendliche besser betreut, begleitet und zu einer erfolgreichen Ausbildung geführt werden. Wir wollen aber auch die Bedeutung der Ausbildung ins Bewusstsein rufen - vor allem bei den Eltern, die ja eine große Aufgabe haben, nämlich ihre Kinder zu motivieren und in die richtige Bahn zu leiten. Wir wollen sie in dieser Hinsicht viel stärker überzeugen und ihnen vor allem das duale Ausbildungssystem näherbringen, das ja für viele eine Art Blackbox ist.

Wir wissen auch, dass eine gewisse Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt vorhanden ist, vor allem in Bezug auf ausländisch klingende Namen. Vor diesem Hintergrund wäre es vielleicht auch besser, eine Anonymisierung der Bewerbung auf den Weg zu führen. Ich bin auch der Meinung, dass es in erster Linie darum geht, dass die Jugendlichen erst einmal die erste Hürde schaffen müssen, nämlich dahin zu gelangen, dass sie vor dem Ausbildungsplatzanbieter sitzen; denn das ist die größte Hürde, vor der sie stehen. Die Jugendlichen, mit denen wir Kontakt haben, erklären uns immer wieder, dass sie 10, 15, 20 oder über 20 Bewerbungen schreiben müssen, damit sie erst einmal eingeladen werden. Das ist die größte Hürde, die wir sehen. Das ist eine Baustelle, an der wir arbeiten sollten.

Eine andere Baustelle sind die Verbände, die Kammern, die großen Institutionen und Unternehmen, an die wir immer wieder appellieren, dass sie auch bei sich anfangen, dafür zu sorgen, dass sie eine der Demografie entsprechende Anzahl an Mitarbeitern und an Auszubildenden mit Migrationshintergrund bei sich haben; denn der Anteil an jungen Menschen mit Migrationshintergrund beträgt in dieser Stadt mittlerweile 43 Prozent, und das ist eine elementare Zahl. Die Unternehmer mit Migrationshintergrund schaffen es nicht allein, alle diese Jugendlichen auszubilden; diese Aufgabe müssen wir also gemeinsam anpacken. Dazu haben alle Migrantenverbände und -organisationen immer wieder ihre Zusammenarbeit angeboten. Heute wurde sehr deutlich, dass sie das mit anpacken wollen, dass sie mitwirken wollen und dass sie auch Verantwortung tragen möchten.

Vielen Dank.

Frage: Frau Bundeskanzlerin, es gibt Institutionen, die als Maßnahme gegen die Diskriminierung anonymisierte Bewerbungen fordern - Herr Sorgeç hat es gerade erwähnt. Was halten Sie von dieser Forderung?

BK'in Merkel: Es ist möglich, das schon heute zu machen - es gibt keine Verpflichtung dazu, aber die Unternehmen können das machen. Ich glaube, dort, wo man es macht, gibt es auch ganz gute Erfahrungen. Ehrlich gesagt wäre mir noch lieber ein Land, in dem man nicht erst mal schaut, wie der Mensch heißt, sondern eine Bewerbung, auf der vielleicht „Özoğuz“ oder „Sorgeç“ stehen würde, um einige Namen zu nennen, dass sie genauso zum Beispiel eine Banklehre, eine Mechatronikerlehre oder eine andere Ausbildung als Kaufmann machen können wie andere. Man kann aber diese anonymisierten Bewerbungen machen.

Frage : Frau Bundeskanzlerin, eine Frage zu einem Thema, das zumindest indirekt damit zu tun hat. Es gibt in einigen EU-Ländern Bestrebungen, die Zuwanderung zu begrenzen. Insbesondere Herr Cameron aus Großbritannien hat sich in letzter Zeit dahingehend geäußert. Wie sehen Sie solche Versuche, Bemühungen? Wie sehen Sie das in Bezug auf Deutschland? Meinen Sie, dass Deutschland sozusagen innerhalb Europas ein Vorreiter in Bezug auf Zuwanderung und Integration sein kann?

BK'in Merkel: Deutschland ist im Augenblick ein attraktives Land, was mit unserer Arbeitsmarktsituation zu tun hat. Insofern kommen zum Beispiel, wenn man die Abwanderungszahlen abzieht, fast eine halbe Million Menschen pro Jahr zu uns. Das verstärkt im Übrigen das Problem, dass wir uns um die Jugendlichen, die hier aufgewachsen sind und vielleicht bestimmte Probleme haben - egal, ob sie jetzt einen Migrationshintergrund haben oder nicht -, besonders kümmern, damit nicht sozusagen von außen sehr gut ausgebildete Leute die Jobs wegschnappen und wir uns um unsere eigenen, hier aufgewachsenen jungen Menschen nicht kümmern. Das wäre ganz schlecht. Auch aus diesem Grunde hat das Thema eine hohe Brisanz und auch eine hohe Aktualität.

Die von Ihnen angesprochene Rede des britischen Premierministers haben wir in einer ersten Weise kommentiert. Wir stehen als Bundesregierung voll hinter dem Prinzip der Freizügigkeit. Wir sind zufrieden, dass der britische Premierminister das auch nicht infrage gestellt hat. Über die Vorschläge, die jetzt daraus erwachsen, muss im Detail gesprochen werden. Das werden wir auch genauso tun, wie es die Europäische Kommission gesagt hat.

Frage: Frau Bundeskanzlerin, zwei Fragen.

Ich hätte einmal gerne gewusst, wer eigentlich die assistierte Ausbildung, die mehrfach erwähnt wurde, genau leisten soll. Das ist angesichts der Größenordnung, die vor uns liegt, eine relativ große Aufgabe, die auch bezahlt werden muss. Auf wen kommt da die Arbeit zu?

Die zweite Frage: Wären Sie eigentlich dafür, dass man in Bezug auf die Zuwanderung ein Punktesystem einführt?

BK'in Merkel: Ich glaube, dass wir heute schon Mittel und Wege haben, wie man Fachkräfte beurteilen kann. Es gibt auch bestimmte Unterschiede bei Mangelberufen und Berufen, die nicht solche Mangelberufe darstellen.

Was die assistierte Ausbildung anbelangt, ist vielleicht Herr Hoffmann ein Spezialist, weil er sehr stark in dem Zusammenhang mit der Allianz für Aus- und Weiterbildung darüber verhandelt hat. Die Geldmittel werden durch den Bund und durch europäische Mittel zur Verfügung gestellt. Das Ganze spielte eine große Rolle bei den Verhandlungen seitens der Gewerkschaften.

StM'in Özoğuz: Ich würde gerne eine Sache ergänzen, die, wie ich finde, schon wichtig ist. Es gibt die ganzen Zahlen, was Zuwanderung nach Deutschland angeht, bei denen so gar nicht deutlich wird, wie sehr wir uns in den letzten Jahren in Bezug auf die Richtlinien verbessert haben, was Deutschland für hochqualifizierte Menschen attraktiv macht. Nur ein Beispiel: Wir haben früher gesagt: Sie müssen schon wahnsinnig viel verdienen und sie dürfen bitte ihre Familie, ihre Ehefrau - meistens waren es ja Männer - oder eben ihren Ehemann nicht mitbringen. Wir haben all diese Richtlinien in den letzten Jahren geändert. Man kann deutlich erkennen, dass wir auch attraktiver geworden sind. Man muss also nicht immer ein Punktesystem haben, um Deutschland tatsächlich für Hochqualifizierte attraktiv zu machen.

Hoffmann: Was die assistierte Ausbildung betrifft, so haben wir uns gerade in der letzten Woche sowohl mit der Bundesregierung als auch den Arbeitgebern, den Wirtschaftsverbänden und den Gewerkschaften darauf verständigt, dass wir im nächsten Jahr mit 10.000 Plätzen anfangen wollen, für die in der Regel kontinuierlich über die gesamte Ausbildungsdauer die Assistenz angeboten wird, und wir in den Folgejahren auch diesen Anteil kontinuierlich fortschreiben werden. Die Finanzierung wird zu 50 Prozent aus den Mitteln der Bundesanstalt für Arbeit erfolgen und die restlichen Mittel werden vom Bund aufgebracht, zum Teil mit Hilfestellung des Europäischen Sozialfonds.

Frage: Frau Bundeskanzlerin, die Unternehmer in der Türkei haben hier die türkischen Jugendlichen, die gut ausgebildet sind, entdeckt. Von daher haben in den letzten Jahren sehr viele gut ausgebildete Jugendliche Deutschland verlassen und studieren in der Türkei. Was halten Sie davon?

Ich möchte noch eine Sache wissen, was die Elternarbeit angeht. Wie soll diese Elternarbeit aussehen? Möchte man gerne die Eltern aufklären? Gibt es dafür einen Etat? Wie wird das konkret aussehen?

BK'in Merkel: Erstens glaube ich, dass es so ist, dass die türkischstämmigen Bürger hier in Deutschland wieder eine Brücke für unsere Kontakte sind, wenn sie in die Türkei gehen. Ich bin überhaupt nicht in irgendeiner Weise darauf neidisch. Wenn jemand sagt „Ich möchte wieder in die Türkei gehen“, dann ist das herzlich willkommen. Wir müssen uns ein bisschen um Attraktivität bemühen. Es wird auch den Wettbewerb anstacheln, wenn man sagt, dass es manchmal schön wäre, wenn türkischstämmige junge Menschen hierbleiben würden. Ich finde, angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs der Türkei gibt es sehr viele Möglichkeiten, in der Türkei zu arbeiten. Bei manchen von ihnen wird auch nicht vergessen, dass sie in Deutschland aufgewachsen sind. Das wird unsere Wirtschaftskontakte stärken. Ich sehe da mehr Chancen, als wenn wir hadern, was das angeht. Sie sind, wie ich es schon sagte, eine lebendige Brücke zwischen unseren Ländern.

Zweitens zu der Frage - vielleicht können Herr Sorgeç oder Frau Özoğuz dazu auch noch etwas sagen -, was wir unter Elternarbeit verstehen: Von meiner Seite aus ist es so, dass in den Schulen mit den Eltern gearbeitet werden muss. Wir wissen, dass die Schulen manchmal klagen, dass die Eltern noch nicht so oft zu den Elternabenden kommen. Notfalls muss man mit ihnen sprechen, ihnen das Gespräch anbieten, denn das Thema Berufsausbildung ist nicht so bekannt. Man kennt das Studium, das einen Aufstieg darstellt, aber dass man als Meister oder guter Facharbeiter in Deutschland genauso wichtig wie ein Ingenieur sein kann, ist manchmal nicht bekannt. Wir müssen noch mehr Aufklärungsarbeit leisten, was das angeht. Insofern wurde heute oft gesagt: Das ist wie so eine Blackbox für die Eltern. Das ist das eine.

Man kann sicherlich auch in den Betrieben - Menschen mit Migrationshintergrund, die dort arbeiten, sind ja auch wieder Eltern - darüber berichten oder dazu anregen, das weiterzuerzählen. So müssen wir dort noch ein bisschen tun. Aber wir können dort keine Pflicht einführen, sondern wir können nur versuchen, etwas weiterzugeben.

StM'in Özoğuz: Vielleicht kann man noch sagen: Es gibt ja auch schon wahnsinnig viel Elternarbeit. Aber das ist oft nicht vernetzt oder die einen erfahren nicht von den guten Erfahrungen der anderen. Wir haben auch in meinem Amt, schon bevor ich überhaupt kam, sehr viel in diese Richtung gedacht, und wir überlegen uns zurzeit durchaus Programme. Gerade wenn es um die Schulen geht, machen Länder natürlich viele Projekte. Wir überlegen, ob man die nicht zum Beispiel noch ein Stück besser vernetzen kann, um positive Erfahrungen, die es ja gibt, wie wir vorhin auch in Bezug auf die Jugendberufsagenturen aus Hamburg gehört haben, dann natürlich auch schneller zu kommunizieren, damit nicht jeder immer wieder von vorne anfängt, das Rad neu erfindet und dann immer durch viele Frustrationen geht, wenn es mit der Ansprache eben nicht funktioniert. Da, glaube ich, könnten wir eigentlich schon sehr viel weiter sein.

Sorgeç: Zuerst muss man klarstellen: Alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind, unabhängig ob deutsche, türkische, russische oder arabische. Wichtig ist, welcher Weg der beste Weg ist. Es ist ja bekannt, dass das duale Ausbildungssystem besonders bei unseren türkischen Familien nicht so bekannt ist. Alle wollen eine akademische Karriere für ihr Kind starten, und dementsprechend werden sehr viele Kinder motiviert, diese Laufbahn einzuschlagen. Das Problem ist dabei, dass diese Laufbahn durch den Zwang der Eltern entsteht, wobei die Kinder eigentlich viel besser für eine berufliche Ausbildung geeignet wären und erfolgreicher wären. Erst über die berufliche Ausbildung kann man ja weiter studieren. Diese Leute scheitern dann. Es gibt eine hohe Abbruchquote bei diesen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die über, sagen wir einmal, Umwege studieren. Die gehen zu Oberstufenzentren, besuchen die 10. Klasse und machen mit Ach und Krach den Fachoberschulabschluss. Dann sind sie in der Fachhochschule, sehen, dass sie mehr oder weniger fehl am Platze sind, stellen fest, dass ihnen das überhaupt keinen Spaß macht, scheitern und brechen ab. Diejenigen, die es schaffen, das Studium erfolgreich zu beenden, haben dann auch bei der Arbeitsaufnahme Schwierigkeiten. Das ist leider das Bild. Wir müssen dieses Bild ändern. Wir müssen auch diesen Eltern erzählen und überzeugend erzählen, dass eine berufliche Ausbildung für die Tochter oder für den Sohn viel effektiver und auch viel zukunftsweisender sein kann.

Ich möchte nur noch eines erwähnen, nämlich dass wir dieses Thema heute auch für besonders benachteiligte - und zwar vierfach benachteiligte - Menschen thematisiert haben. Das sind erstens Frauen, zweitens Kopftuchtragende, drittens Migranten und viertens Muslime oder Menschen islamischen Glaubens. Für die müssen wir auch etwas Besonderes machen.

BK'in Merkel: Ich will vielleicht noch einen Punkt nennen: Ich finde es sehr beachtlich, dass es gelungen ist, nahezu alle Migrantenverbände zu einer gemeinsamen Positionierung zu dem Thema der Berufsausbildung zu bringen. Da wird natürlich jeder, der an dem Papier mitgearbeitet hat - schauen wir doch einmal, wie viele Verbände dahinter stehen -, auch in seinen Migrantenverbänden darüber sprechen und sagen: Leute, schaut einmal, das Thema Berufsausbildung scheint doch ein sehr wichtiges zu sein. - Es sind ja nicht nur junge Leute, die da mitmachen, sondern es sind ja auch sehr viele Eltern, die das weitergeben. Diese Erklärung ist drei Seiten lang, und die Liste derjenigen, die sie unterschrieben haben, ist auch drei Seiten lang. Insofern ist das schon eine richtig gute Sache, die sich jetzt auch in der Breite fortsetzen wird. - Herzlichen Dank!

Montag, 01. Dezember 2014