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Mitschrift Pressekonferenz

Pressekonferenz von BK'in Merkel, StM'in Böhmer, Reinhard Rauball, Uli Hoeneß und Wolfgang Fürstner

in Berlin

Thema: Auftakt des Aktionstages „Geh’ Deinen Weg“

Sprecher: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Staatsministerin Maria Böhmer, Reinhard Rauball (Präsident DFL), Uli Hoeneß (Vorstand Deutschlandstiftung Integration), Wolfgang Fürstner (Vorstandssprecher DSI)

BK’in Merkel: Meine Damen und Herren, ich freue mich über Ihr Interesse seitens der Journalisten, und ich freue mich natürlich auch über meine heutigen Mitstreiter hier am Tisch. Wir sind heute hier in einer nicht ganz üblichen Besetzung zusammengekommen, weil uns so, wie wir hier sitzen, eine Überzeugung eint: Wir wollen, dass Integration in Deutschland gelingt, und wir wissen, dass das Gelingen von Integration in Deutschland mit darüber entscheidet, ob wir alle miteinander in unserem Land eine gute Zukunft haben.

Deutschland wird vielfältiger. Deutschland sieht heute schon anders aus als früher. Die Bevölkerungszahl im Land sinkt insgesamt, aber der Anteil der Migrantinnen und Migranten steigt. 15,7 Millionen Menschen aus Zuwandererfamilien leben heute schon bei uns. Mehr als die Hälfte von ihnen sind deutsche Staatsbürger. Wer heute als Lehrerin eine Klasse unterrichtet, der trifft immer häufiger auf Namen wie Hassan, Aische oder Dimitri. Von den Kindern unter fünf Jahren hat bereits jedes dritte seine familiären Wurzeln nicht in Deutschland. Aber die Zukunft dieser Kinder liegt auch in Deutschland, und die Fähigkeiten müssen entwickelt und sollen entwickelt werden, damit diese Kinder auch eine gute Zukunft haben.

Für den Zusammenhalt in unserem Land ist natürlich entscheidend, dass es uns gelingt, Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien den Aufstieg zu ermöglichen. Wir wollen ihnen Mut machen. Unsere Botschaft muss deshalb lauten: Du kannst es schaffen, geh deinen Weg! Deshalb freue ich mich, dass wir heute den Startschuss für eine Initiative geben können, die genau diesen Namen „Geh’ Deinen Weg“ trägt. Sie kann helfen, wichtige Botschaften zu verbreiten. Deutschland ist ein Land voller Chancen. Die Potenziale der Migranten sind eine große Chance für unser Land. Heute tragen sie schon viel zum gemeinsamen Wohlstand bei, wenn ich nur an Fachkräfte in allen Bereichen denke. Unsere Botschaft lautet: Deutschland ist ein weltoffenes Land, ein tolerantes Land. Migranten sind bei uns willkommen. „Geh’ Deinen Weg“ zeigt auch: Der Fremdenfeindlichkeit gilt eine rote Karte.

Wir brauchen aber einen starken Zusammenhalt, ein Wir-Gefühl, und deshalb ist Integration so wichtig. Seit 2005 ist das eine Schwerpunktaufgabe. Staatsministerin Maria Böhmer arbeitet hier im Kanzleramt, um diese Bedeutung auch zu unterstreichen. Wir brauchen aber als Bundesregierung - das haben wir immer wieder gemerkt - starke Partner. Der Initiator von „Geh’ Deinen Weg“, die Deutschlandstiftung, gehört zu diesen starken Partnern. Ich möchte Herrn Fürstner ganz herzlich danken, der Vorstandsvorsitzender der Stiftung ist.

Wenn es um das Thema Integration geht, dann kann ich mir keinen stärkeren weiteren Partner als den Sport und dabei natürlich unter den Sportarten auch ganz besonders den Fußball vorstellen. Im Fußball kann man überhaupt nur mit Wir-Gefühl gewinnen. Da fragt eben auch keiner „Wo kommst du her? Was kannst du und bist du?“, sondern man fragt nur: Bist du bereit, für unsere Mannschaft zu spielen? Bist du bereit, dich in unser Team einzubringen? - Das zeichnet den Fußball aus. Deshalb möchte ich mich bei den Vertretern des Fußballs ganz herzlich bedanken, bei Herrn Rauball und auch bei Herrn Hoeneß, der gleichzeitig im Vorstand der Deutschlandstiftung mitarbeitet. Sie helfen mit ihrem Engagement genauso wie die Stiftung sehr dabei, das Thema nach vorne zu bringen.

Heute stellen wir einen Aktionstag am kommenden Wochenende vor, wenn die gesamte 1. Bundesliga als Signal für die Integration Trikots mit der Aufschrift „Geh’ Deinen Weg“ tragen wird. Ich denke, dass das Millionen von Menschen erreichen wird. Vor 20 Jahren hat die Bundesliga schon einmal eine ähnliche Aktion durchgeführt. Damals hieß es „Mein Freund ist Ausländer“. Ich finde, man sieht an dem veränderten Motto auch, dass sich unser Land verändert hat. Heute sagen wir dann selbstverständlich „Geh’ Deinen Weg“. Ich werde am Samstag dabei sein, wenn Borussia Dortmund gegen Bayer Leverkusen spielen wird. Ich werde mich vorher auch mit Jugendlichen - jugendlich sind die Fußballer ja alle, auch in der 1. Liga -, mit Nachwuchsfußballern, treffen. Es wird sich zeigen: Fußball ist ein echter Integrationsmotor.

Ich möchte mich noch bedanken, denn es ist gelungen, dass wir auch Botschafter für die Initiative haben: Gerald Asamoah, Änis Ben-Hatira, Jérôme Boateng, Mario Gomez und İlkay Gündoğan. Ich hoffe, dass diese Initiative Migranten in unserem Land ermuntern wird, ihren Weg zu gehen und damit auch die Ziele des Nationalen Integrationsplans voranzubringen, den Maria Böhmer entwickelt hat.

Zur Stiftung: Ganz wesentlich ist auch die Arbeit der Sprachförderung. Denn wir wissen: Teilhabe gibt es nur mit Sprache. In dieser Hinsicht gibt es eine Vielzahl von Aktivitäten. Gegebenenfalls kann Maria Böhmer dazu nachher auch noch einmal etwas sagen.

Wir haben, glaube ich, auch politisch etwas erreicht, indem wir die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse in dieser Legislaturperiode jetzt endlich einmal vorangebracht haben. Das sind also alles Signale an die Migrantinnen und Migranten im Land: Ihr seid willkommen! Geht euren Weg!

Rauball: Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, sehr geehrte Frau Staatsministerin, meine sehr geehrten Damen und Herren! Frau Bundeskanzlerin, Sie haben gerade die 15,7 Millionen genannt. Ich würde gerne noch eine zweite Zahl ergänzen: In der Bundesliga spielen aktiv Spieler aus 66 Ländern. Integration wird, wie Sie gerade auch schon richtig gesagt haben, im Fußball wie in kaum einem anderen Lebensbereich gelebt. Ob in der Kreisklasse, also auf unserem Amateurniveau, oder ob in der Bundesliga – auf dem Platz und auf den Rängen verbindet die Liebe zu diesem Sport viele Menschen. Dies gilt nicht nur für uns in Deutschland, sondern eigentlich auch auf der ganzen Welt - gleichgültig, welche Herkunft man hat, welche Sprache man spricht, welcher Kultur man entstammt oder welcher Religion man angehört. Auf diese Weise geschieht Integration völlig automatisch. Sie muss nicht verordnet werden.

Vor diesem Hintergrund war für uns die Antwort auch von vornherein völlig klar, als uns die Anfrage durch Sie, Frau Bundeskanzlerin, auf den Tisch gelegt wurde, ob die Bundesliga die Initiative „Geh’ Deinen Weg“ unterstützen würde. Dennoch möchte ich betonen, dass es ein besonderes Zeichen der der Bundesliga angehörenden Klubs ist, diesen Weg mitzugehen und zugunsten des Aktionsmottos auf Trikotwerbung zu verzichten. Dafür möchte ich meinen Kollegen in den Vereinen ausdrücklich sehr herzlich danken. Ich würde gerne hinzufügen: Ich danke auch den Sponsoren, die darauf verzichtet haben, an diesem dritten Bundesliga-Spieltag auf das zu verzichten, was zu Beginn der Saison oder schon in den vorherigen Jahren vertraglich vereinbart worden ist. Das ist keine Verständlichkeit. Deswegen beziehe ich bei meinem Dank neben den Vereinen auch die Sponsoren gleichermaßen mit ein.

Frau Bundeskanzlerin, Sie haben völlig zu Recht darauf hingewiesen: Es hat schon vor 20 Jahren - Sie alle werden sich erinnern - nach den Anschlägen von Solingen und Rostock eine Aktion unter dem Slogan „Mein Freund ist Ausländer“ gegeben. Die Liga hat daran anknüpfend viele Aktionen gemacht, die in Richtung Integration gehen. Ich glaube, das ist das Wichtigste. Es reicht nicht aus, wenn man eine plakative Veranstaltung macht und glaubt, dann habe man seine Schuldigkeit getan und sei seiner Verantwortung gerecht geworden. Die Frage nach dem Thema Nachhaltigkeit stellt sich auch in diesem Bereich in hohem Maße.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch die Arbeit der Bundesliga-Stiftung hervorheben, die in dieser Richtung sehr vieles auf den Weg gebracht hat und die in den vergangenen Jahren vieles geleistet hat, etwa öffentlichkeitswirksame Kampagnen oder beispielsweise, wie Sie, Frau Bundeskanzlerin, gerade auch schon erwähnten, Aktionen in Richtung von Lernprojekten. Das und vieles andere muss weiter vertieft werden. Die Bundesliga hat jetzt mit İlkay Gündoğan einen Integrationsbeauftragten, der ja auch zwischenzeitlich Nationalspieler geworden ist. Es gibt viele unterstützende Maßnahmen durch Gerald Asamoah, durch Patrick Owomoyela und auch durch Mario Götze, die sich alle in den Dienst dieser guten Sache gestellt haben.

Meine Damen und Herren, ich darf abschließend - wir haben es ja oft gelesen - noch eines sagen: Fußballprofis sind nicht nur die Millionäre in kurzen Hosen. Fußballprofis wissen auch um ihre Verantwortung, genauso wie die Klubs, denen diese Fußballprofis angehören. Angesichts der privilegierten Position der Bundesliga ist es uns ein Anliegen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Vielen Dank!

Hoeneß: Sehr geehrte Frau Merkel, sehr geehrte Frau Böhmer, als ich vor zwei Jahren von der Bundeskanzlerin und vom Vorstand der Deutschlandstiftung Integration gebeten wurde, in der Stiftung mitzuarbeiten, habe ich das spontan bejaht und zugesagt. Innerhalb unserer Sitzungen sind wir dann auf die Idee gekommen, den Fußball auch für unsere Belange einzusetzen. Ich bin Herrn Rauball als Präsident der DFL und Herrn Seifert vom Vorstand der DFL sehr dankbar, dass unsere Idee, dieses Thema anzupacken, umgehend unterstützt wurde. Dass wir heute hier sind, ist ausschließlich darauf zurückzuführen, dass die Bundesliga als Ganzes hierzu einen fantastischen Beitrag geleistet hat. Genauso möchte ich mich auch wie Herr Rauball dafür bedanken, dass die ganzen Sponsoren und alle Vereine ohne Ausnahme an dieser Aktion teilnehmen.

Sport und der Fußball im Besonderen können ein Motor für Integration sein. Es ist unglaublich wichtig, den Sport einzubeziehen, weil ich glaube, dass gerade im Sport Herkunft, Religion und Hautfarbe keine Rolle spielen. Ich denke, bei uns, bei Bayern München, sind es in der Jugendarbeit jetzt schon 50 Prozent Jungs und Mädchen, die einen Migrationshintergrund haben. Spieler wie bei uns Boateng, Mario Gomez, Contento oder Emre Can dienen dort als Vorbilder dafür, dass man es schaffen kann. Internationale Spieler brauchen ein weltoffenes und tolerantes Deutschland. Sie brauchen ein Deutschland, dessen Gesellschaft gezeigt hat, dass man mit Weltoffenheit Fremdheit keine Chance gibt.

Ich bin sehr stolz, dass der Fußball mit dieser Aktion „Geh’ Deinen Weg“ einen tollen Beitrag für die Ziele der Deutschlandstiftung Integration leisten kann. Auf den Samstag freue ich mich besonders, weil er dieser Geschichte eine fantastische Gelegenheit gibt.

Fürstner: Frau Bundeskanzlerin, am Anfang dieses wichtigen Tages steht zunächst einmal ein Dank. Mein erster Dank gilt Ihnen als der Schirmherrin unserer Deutschlandstiftung und dem Engagement, das Sie zeigen, um die Arbeit unserer Stiftung voranzubringen. Ich glaube, ohne Ihre tatkräftige Unterstützung stünden wir mit unserer Arbeit zugunsten der Integration nicht da, wo wir heute stehen. Dafür ganz herzlichen Dank!

Ein zweiter, ganz großer Dank geht an die Deutsche Fußballliga, an Sie, lieber Herr Rauball. Es ist ja schon angesprochen worden, was für eine Leistung dahinter steht, die 18 Bundesliga-Klubs unter einen Hut zu bringen, wenn ich das so salopp formulieren darf, sie also einer gemeinsamen Sache, einer gemeinsamen Aufgabe zu verpflichten und auf vieles zu verzichten, was dahinter steht. Sie haben es angesprochen: Das ist wirklich eine ganz großartige Leistung, und wir wissen das sehr wohl richtig einzuordnen.

Mein dritter Dank gilt Uli Hoeneß, der die Idee dazu geboren hat, zusammen mit der Fußballliga einen solchen Aktionstag zu starten. Ich glaube, ohne Uli Hoeneß wären wir heute auch nicht hier, weil er mit seiner ganzen Tatkraft dieses Projekt unterstützt und unterstützt hat.

Warum machen wir ein solches Aktionswochenende? Integration hat auch immer etwas mit Kommunikation zu tun. Das „Wir“ kann deshalb nur im Dialog und von uns allen gemeinsam geschaffen werden. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir gerade mit der Bundesliga zusammenarbeiten dürfen, die ja ganz nah an den Menschen ist. Fußball ist ganz nah an den Menschen, und das ist eine besonders stabile Brücke für unser Ziel der Integration.

Wir sind - das darf ich, glaube ich, sagen - stolz auf den Bundesliga-Aktionstag. Wir stehen vor der wichtigsten Initiative für Integration, seit es Menschen in Deutschland gibt, die hier arbeiten und nicht in Deutschland geboren sind. „Geh’ Deinen Weg“ ist nicht nur die größte Aktion seit der Aktion „Mein Freund ist Ausländer“, die schon angesprochen worden ist und die 1992 von der Bundesliga als deutliches Zeichen der Solidarität nach den schrecklichen Ausschreitungen von Rostock und Solingen gesetzt wurde. Für mich ist diese Aktion am Wochenende das stärkste Signal der Einheit und der Zusammengehörigkeit in unserem Land seit mehr als 50 Jahren, seit es Gastarbeiter bei uns gibt.

In Deutschland bewegt der Fußball bekanntlich die meisten Emotionen - in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Freizeit der Menschen. Genau deshalb ist es wichtig, dass der Fußball an diesem Wochenende gemeinsam mit Medien und mit der Politik ein Bekenntnis für Integration ablegt. Wir wollen ein gutes Beispiel geben, wir wollen das Gemeinschaftsgefühl aller Menschen stärken - gleichgültig, aus welchem Land sie kommen oder welche Hautfarbe sie haben.

Ich darf in diesem Zusammenhang daran erinnern: Bei der EM 2008 haben wir das hier wirklich hautnah spüren können; denn nachdem die Türkei im Viertelfinalspiel gegen Deutschland verloren hatte, sind hier während des Folgespiels ganze Autokorsi mit deutschen Türken durch die Straßen Berlins gefahren - mit großen Deutschlandfahnen. Wem das nicht unter die Haut gegangen ist, wer da nicht verstanden hat, dass es auch eine Sehnsucht der Menschen aus anderen Ländern gibt, die hier leben, auch integriert zu werden, der versteht nicht die Aufgabe, der wir uns verschrieben haben.

Die Aktion „Geh’ Deinen Weg“ verfolgt drei Botschaften.

Erstens. „Geh’ Deinen Weg“ ist die Einladung an junge Migranten, die Chancen in Bildung und Beruf in unserem Land zu nutzen. Dahinter steht die Botschaft: Du kannst es schaffen, wenn du willst, und wir unterstützen dich dabei.

Zweitens. „Geh’ Deinen Weg“ ist auch die Aufforderung an Unternehmen in unserem Land, diesen Weg mitzugehen und Chancen anzubieten, um das Potenzial der Migranten auch für ihre eigenen Unternehmen nutzen zu können.

Drittens. Wir, die Bundesliga und die Deutschlandstiftung Integration, zeigen der Öffentlichkeit, wie vielfältig Deutschland geworden ist. Das soll auch als eine klare Absage an Fremdenfeindlichkeit verstanden werden.

Nach diesem bedeutsamen Wochenende wird die Deutschlandstiftung Integration unter dem Motto „Geh’ Deinen Weg“ ein Stipendienprogramm auflegen, das in wenigen Wochen, am 1. Oktober, bekanntgegeben wird. Ferner werden wir im kommenden Jahr zu zwei bedeutsamen Ereignissen, nämlich einmal, wenn es Zeugnisse gibt, und dann, wenn die jungen Menschen in die Unternehmen gehen, eine Informationskampagne veranstalten, um den jungen Migranten auch auf diesem Wege noch Unterstützung zu geben.

Das ist im Augenblick alles, was ich Ihnen berichten kann. - Vielen Dank.

Frage: Frau Bundeskanzlerin, was ist eigentlich die Integrationsideologie der deutschen Bundesregierung? Ich möchte auch gern wissen, welche Maßnahmen für die Zukunft vorgesehen sind. Sollen Ausländer vielleicht durch Quoten oder ähnliche Kriterien besser in der Berufswelt integriert werden, oder ist vielleicht geplant, dass bestimmte Leute mit Vorbildcharakter eine Position an der Spitze wichtiger Institutionen hier übernehmen?

BK’in Merkel: Die Philosophie, die dahinter steht, ist, dass alle - egal, woher sie kommen, egal, welcher Religion sie anhängen, egal, welche Hautfarbe sie haben - bei uns herzlich willkommen sind und zu Deutschland dazugehören. Ich habe einmal in einer Integrationsdebatte, die wir gemeinsam mit dem türkischen Ministerpräsidenten geführt haben, in der Schülerinnen und Schüler anwesend waren, gesagt: Ich bin eure Bundeskanzlerin, genauso wie ich die Bundeskanzlerin derer bin, die hier schon 300 Jahre leben.

Vielleicht kann Maria Böhmer, die ja die Politik in dieser Hinsicht auch ausfüllt, noch ein paar Sätze dazu sagen, was unsere Herangehensweise ist. Eigentlich heißt es aber: Ihr seid willkommen und ihr seid Teil von uns.

Böhmer: Die Menschen gehören dazu. Für uns ist es, nachdem wir sehr viel in die nachholende Integration in den Bereichen Sprachförderung, bessere Bildungsabschlüsse und auch gleichberechtigte Chancen in der Arbeitswelt investiert haben, jetzt ganz wesentlich, dass wir ein Wir-Gefühl, ein echtes Willkommen in unserem Land etablieren. Dazu müssen alle Kräfte zusammenarbeiten. Das bedeutet auch einen Klimawandel, den wir erreichen wollen. Deshalb ist es so wichtig, dass hier alle an einem Strang ziehen: der Sport, die Wirtschaft, der kulturelle Bereich und auch die Medien. Deshalb, glaube ich, ist das Signal, das ich von „Geh’ Deinen Weg“ am Samstag erwarte, auch so entscheidend. Wir sagen den Menschen, die in unserem Land sind: Jeder soll die Chance zum Aufstieg haben. Wir öffnen die Türen dafür, und man muss sie nutzen.

Ich will drei Beispiele dafür nennen: Wir haben jetzt die Sprachförderung im Kindergarten überall etabliert. Die Bundesregierung hat in 4.000 Schwerpunkt-Kitas ein zusätzliches Programm zur frühen Förderung aufgelegt, gefördert mit 400 Millionen Euro. Gemeinsam mit der Wirtschaft haben wir die Charta der Vielfalt in Deutschland etabliert. Mehr als 1.300 Unterzeichner sind dabei: Unternehmen, Kommunen, Vereine, große Initiativen - mehr als 6 Millionen Menschen sind davon erfasst. Wir sagen hier ganz deutlich: Vielfalt ist auch ein Gewinn für ein Unternehmen, aber auch ein Pluspunkt für jeden Einzelnen. Das dritte Beispiel, nämlich das Gesetz zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen, ist, denke ich, ein wirklicher Meilenstein gewesen; denn damit geben wir Menschen, die in unserem Land sind, aber auch solchen, die nach Deutschland kommen wollen, die Chance, dass sie in ihrem Beruf arbeiten können und dass sie nicht mehr als diejenigen gelten, die keine Qualifikation haben. Dass wir diese Qualifikation anerkennen, ist auch die Anerkennung von Lebensleistung.

Fürstner: Ich glaube, es ist wichtig, an dieser Stelle auch deutlich zu machen, dass es nicht allein Aufgabe der Politik sein kann, Verantwortung für erfolgreiche Integration zu übernehmen. Politik kann und muss die Rahmenbedingungen setzen, und das erfolgt, das passiert vorbildlich. Es ist aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb gibt es auch eine Reihe von Stiftungen - unter anderem eben die Deutschlandstiftung -, die sich diesem Thema besonders widmet und es als gesellschaftliche Aufgabe angenommen hat, ein gutes Beispiel zu geben und Leuchttürme zu schaffen, um zu zeigen: Wer es will, wer bereit ist, sich in diesem Land heimisch zu fühlen, der hat alle Möglichkeiten.

Frage: Eine Frage an Herrn Hoeneß und Herrn Rauball: Es gab in dieser Wochenende ein Interview eines homosexuellen Fußballprofis, der meinte, Outing sei noch nicht möglich, weil er dann Angst um seine Gesundheit hätte - sinngemäß. Wie sehr erschreckt Sie auch nach so vielen Jahren der Integrationsarbeit noch so eine Aussage?

Eine Anschlussfrage an die Bundeskanzlerin: Ist das ein fußballspezifisches Problem? Wie kann die Gesellschaft oder auch die Politik da mithelfen?

Rauball: Ich will gerne als erster antworten und möchte völlig ungefragt noch folgendes ergänzen: Ich habe von Herrn Fürstner gerade gelernt, dass Uli Hoeneß im Rahmen seiner Arbeit als Vorstand der Deutschlandstiftung Integration dieses Projekt angestoßen und wesentlich vorangetrieben hat. Insofern möchte ich ihm natürlich hier an dieser Stelle, in Ihrem Kreis, dafür danken, dass er diesen überragenden Schulterschluss von Politik, Sport und Wirtschaft auf den Weg gebracht hat. Das wollte ich nicht unerwähnt lassen.

Zu Ihrer Frage will ich Ihnen gerne sagen: Im Grunde genommen ist das kein Thema, das man in diesem Rahmen kurz mit zwei, drei Sätzen abhandeln kann. Fest steht, dass das ein Thema ist, das bis heute ungelöst ist. Trotz mehrerer Versuche auch von namhaften Leuten aus dem Sport - ich denke etwa an Herrn Zwanziger -, hier eine Lösung zu finden, die sich im Rahmen des gesellschaftlichen Konsenses befindet, ist das bisher nicht gelungen. Das hat einen einzigen Grund: Niemand kann die Nachteile überschauen, die einem solchen Fußballspieler nachhängen werden, wenn er ein solches Outing betreibt. Dieses Thema muss man auch sehr sorgfältig angehen; denn man nimmt eine enorme Verantwortung auf sich, wenn man jemanden überredet, dies zu tun, und er daraufhin die Gelegenheit verliert, seinen Beruf auszuüben.

Das heißt aber nicht, dass man dieses Thema nicht weiter ansprechen soll. Ich halte den Weg, wie dieses Thema aufgegriffen worden ist, für den richtigen Weg, und ich denke, dass sich der eine oder andere dort wiederfindet. Mir persönlich hat sich bisher aber noch niemand offenbart.

BK’in Merkel: Ich möchte dazu nur sagen, dass ich der Meinung bin: Jeder, der die Kraft aufbringt, den Mut hat - wir haben diesbezüglich ja auch in der Politik einen längeren Prozess hinter uns -, der sollte wissen, dass er in einem Land lebt, in dem er sich eigentlich davor nicht fürchten sollte. Das ist zumindest meine politische Botschaft. Dass dann immer noch Ängste bestehen, was das konkrete Lebensumfeld anbelangt, müssen wir zur Kenntnis nehmen. Wir können einfach immer wieder nur das Signal geben: Ihr müsst keine Angst haben.

Frage: Ich habe erstens eine allgemeine Frage: Wie viel Geld mussten Sie denn insgesamt für die Aktion „Geh’ Deinen Weg“ in die Hand nehmen?

Ich habe zweitens noch eine speziellere Frage: Frau Böhmer, Sie haben im Frühjahr den „Ausländerbericht“ vorgestellt. Haben Sie schon Ideen gefunden, wie der Titel dieses Berichts im nächsten Jahr lauten wird? Sie haben schließlich gesagt, dass wir in Deutschland jetzt nicht mehr im Zeitalter von „Ausländern“ sind, sondern von Migration - die ja teilweise auch glückt.

Hoeneß: Vielleicht darf ich kurz auf Ihre Frage, was das gekostet hat, antworten: Sie können es sich kaum vorstellen, aber es gibt auch noch Dinge, die umsonst sind. Alle Beteiligten - etwa die ganze Bundesliga und der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger - machen das innerhalb dieser Aktionen der Stiftung alles umsonst. Deswegen richte ich ein Dankeschön an alle Beteiligten, an die Vereine und vor allen Dingen - das muss man heute ganz deutlich sagen - die Sponsoren; denn die verzichten in einem unglaublich umkämpften Markt auf 1/34 ihres Werbewerts. Dass jemand für eine gute Sache etwas umsonst tut, soll es in unserer Gesellschaft ja auch noch geben. In diesem Fall ist es wirklich so.

Böhmer: Die spannendste Frage im Bereich der Integration ist, finde ich, für die Zukunft in der Tat: Wie schaffen wir dieses Willkommensklima? Das muss natürlich auch mit einzelnen Maßnahmen unterlegt werden, aber Maßnahmen allein reichen dafür nicht aus. Es geht vielmehr auch darum, ein Bewusstsein zu schaffen, ein Umdenken zu schaffen. Wenn wir heute diesen Zusammenschluss von Sport, Wirtschaft und Politik und auch die große Bandbreite sehen, dann wird klar, dass das für die nächste Zeit das Thema ist. Ich glaube, mit dem Wort „Herzlich willkommen“ lässt sich das am besten umschreiben.

Donnerstag, 13. September 2012