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Merkel: "Zeit zum Nachdenken finden"

Bundeskanzlerin Angela Merkel schätzt ungestörte Momente, bekannte sie gegenüber der Zeitschrift "Bunte". Bei Terminabsprachen achte sie darauf, "Momente zum Durchatmen und Nachdenken" zu haben. "Wenn ich ein paar Stunden für mich Zeit habe, fühle ich mich geistig freier und dann denke ich auch gern schwierige Aufgaben durch."

Bundeskanzlerin Merkel vor der Bundespressekonferenz Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: REGIERUNGonline/Denzel

Das Interview im Wortlaut:

Bunte: Frau Bundeskanzlerin, Ihr Terminkalender ist auf Monate hinaus verplant, Stunde für Stunde. Grenzt das nicht fast an Freiheitsberaubung?

Angela Merkel (Merkel): Nein. Ich bin nach wie vor ein freier Mensch. Alle Termine werden vorher mit mir besprochen. Dabei achte ich darauf, dass ich hier und da auch einen Moment zum Durchatmen und Nachdenken habe. Wenn ich ein halbes Jahr im Voraus Termine plane, was natürlich vorkommt, bin ich eher vorsichtig. Ich sage einmal vereinbarte Termine sehr ungern ab. Das ist für mich allgemein ein Zeichen der Zuverlässigkeit.

Bunte: Wann nimmt sich die Kanzlerin Zeit, wichtige politische Fragen tiefer zu durchdenken?

Merkel: Auf langen Flügen, wenn kein Telefon stört, finde ich dazu die Zeit oder auch am Wochenende. Da versuche ich mir immer Zeit zu nehmen, in der ich die vergangene Woche reflektiere und mich auf die Aufgaben der nächsten Tage einstelle. Und auf Spaziergängen im Urlaub komme ich gut zum Nachdenken. Mir zumindest geht es so: Ich bin ein Mensch, der sich nach Anstrengungen schnell erholt. Wenn ich ein paar Stunden Zeit für mich habe, fühle ich mich geistig freier und denke dann auch gern schwierige Aufgaben durch.

Bunte: In welchen Momenten können Sie besonders gut nachdenken?

Merkel: In der Regel bei Tätigkeiten, die einen körperlich nicht völlig in Anspruch nehmen, zum Beispiel beim Kochen oder beim Musikhören in der Wohnung. Aber auch beim Unkrautzupfen im Garten ist mir schon der eine oder andere gute Gedanke gekommen.

Bunte: Schreiben Sie sich dann so einen Geistesblitz auf?

Merkel: Die kleineren Dinge notiere ich mir. Wichtige Überlegungen behalte ich im Kopf.

Bunte: Als Bundeskanzlerin müssen Sie auf verschiedensten Sachgebieten Kompetenz zeigen. Verwenden Sie viel Zeit für das Aktenstudium?

Merkel: Ich bin ein Mensch - ich glaube, das hängt auch mit meiner Ausbildung als Physikerin zusammen -, der schlecht über Sachen sprechen kann, die er nicht verstanden hat. Das merkt man mir sofort an. Ich bemühe mich deshalb immer, die wesentlichen Zusammenhänge zu verstehen. Nur ein Beispiel: Wie funktioniert unser Gesundheitssystem? Wie teilen sich die Beiträge auf? Nach welchen Maßstäben wird das Geld verteilt? Das ist eine ganz schwierige Materie. Wenn ich das verstanden habe, kann ich natürlich auch die Vorlagen oder Akten sehr gut lesen. Wenn ich trotzdem etwas nicht verstehe oder eine zusätzliche Frage habe, dann schreibe ich sie dort an den Rand und bekomme sie von Mitarbeitern beantwortet. Außerdem möchte ich mir in diesem Jahr gern verschiedene Facetten des Gesundheitswesens anschauen, wie ich das vor zwei Jahren bei meiner „Bildungsreise" gemacht habe. Deutschland hat als alterndes Land viele Herausforderungen zu bestehen, dazu gehört auch ganz entscheidend der Zugang zur Spitzenmedizin für alle.

Bunte: Jeden Tag 100 Prozent Leistung bringen - ist das nicht anstrengend?

Merkel: Ich bin ja nicht die Einzige, die jeden Tag das Beste geben muss. Das versuchen doch die meisten Menschen auf ihre Weise. Nehmen Sie zum Beispiel Chirurgen, die jeden Tag viele Stunden operieren. Da möchte man auch keine Stunde erwischen, die gerade nicht so gut ist.

Bunte: Wie viele Gesprächspartner haben Sie am Tag?

Merkel: Das ist völlig unterschiedlich. Die Hauptaufgabe ist eigentlich, dass man im Kopf so beweglich ist, dass man sehr schnell umschalten kann. Ich kann mich also nicht - wie früher als Naturwissenschaftlerin - den ganzen Tag mit derselben Materie beschäftigen, sondern die Themen und Aufgaben sind sehr vielfältig und wechseln schnell. Es ist mir sehr wichtig, dass ich mich auf die Personen einstelle, die mich besuchen. Ich will nicht, dass sie den Eindruck haben, ich wäre mit meinen Gedanken ganz woanders. Ich weiß doch, dass sich viele meiner Besucher sehr genau vorbereiten und lange überlegt haben, was sie mir sagen wollen. Das setzt voraus, dass man zwischen zwei Aufgaben, die völlig unterschiedlich sind, also zum Beispiel ein Problem der Europapolitik und Haushaltsverhandlungen, auch mal eine halbe Stunde Pause hat, um sich gezielt vorbereiten zu können.

Bunte: Kanzler Konrad Adenauer hatte Zeit zum Rosenzüchten, führte die Amtsgeschäfte wochenlang aus seinem Urlaubsort. Ist Politik heute gehetzter?

Merkel: Selbst in den 20 Jahren, in denen ich selbst in der Politik aktiv bin, hat sich das politische Geschäft noch einmal erheblich beschleunigt! Nachrichten werden heute sehr viel schneller alt. Die Vielzahl der Medien, vom Internet bis zu den zahlreichen Fernsehsendern, verlangt von Politikern ein immer schnelleres Reagieren. Früher, als es nur zwei Fernsehsender gab, gab es allein schon eine deutlich geringere Anzahl von Nachrichtensendungen, von anderen Formaten mal ganz abgesehen. Es ging alles ruhiger zu. Die Menschen unterhielten sich morgens am Arbeitsplatz über die gleichen Themen. Heute wird es durch die Vielzahl der Informationskanäle, und besonders durch das Internet, immer schwieriger, ein Gesamtmeinungsbild zu erkennen.

Bunte: Wie meinen Sie das?

Merkel: Durch diesen sehr großen technischen Wandel ist es schwerer geworden, alle Menschen, alle Generationen zu erreichen, denn diese nutzen die einzelnen Medien mittlerweile sehr unterschiedlich. Es gibt nicht mehr nur eine Öffentlichkeit, sondern viele Öffentlichkeiten, die ganz verschieden angesprochen werden müssen. Viele junge Menschen informieren sich ausschließlich über das Internet, und das oft sehr punktuell. Sie erreicht man über Zeitungen oder auch die klassischen Nachrichtensendungen in ARD und ZDF immer weniger. Mit dieser Veränderung muss die Demokratie in Deutschland und in den anderen westlichen Ländern umgehen lernen.

Bunte: Was raten Sie Menschen, die über Stress und Zeitmangel klagen?

Merkel: Auch mal innehalten! Gelegentlich einen Termin absagen, das Handy oder den Laptop ausschalten. Ich weiß, dass das nicht immer geht. Aber auch ich zwinge mich, gelegentlich eine Ruhepause einzulegen. Man sollte keine Angst vor Stille haben. Das ist leicht gesagt. Auch ich erkenne bei mir: le mehr ich zu tun habe, desto größer ist die Gefahr, dass ich die letzte freie Zeit dafür auch noch verplane. Man lernt aber mit der Zeit, sich Zeit zu lassen.

Bunte: Kommt Ihnen Zeit heute kostbarer vor als früher?

Merkel: Früher war eine Stunde für mich etwas Kurzes. Als Bundeskanzlerin habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich knappe freie Zeit intensiver genießen kann. Wenn mein Wochenende heute nur von Samstagnachmittag bis Sonntagmittag geht, fühlt es sich für mich trotzdem wie ein vollständiges Wochenende an. Der Mensch arrangiert sich also mit seiner enger werdenden Freizeit.

Bunte: Wie reagieren Sie auf „Zeitdiebe", Menschen, die einem die Zeit stehlen?

Merkel: Dazu gehören ja immer zwei. Aber manchmal gebe ich schon zu verstehen, dass ich glaube, dass jetzt die Dinge erschöpfend besprochen wurden.

Bunte: Ihr Mann hat als Wissenschaftler viel mehr Gestaltungsfreiheit über seine Zeit. Beneiden Sie ihn darum?

Merkel: Auch mein Mann ist sehr eingebunden, besucht Tagungen, hält Vorlesungen und Vorträge, muss Gutachten erstellen. Mein Mann muss erst sehr viele Dinge erledigen, bevor er Zeit für die eigentliche wissenschaftliche Arbeit hat.

Bunte: Haben Sie eine innere Uhr?

Merkel: Ja, eine einigermaßen gute. Ich weiß, wann eine Stunde vorbei ist. Aber viel hängt auch vom Gesprächspartner ab. Es gibt Menschen, mit denen versteht man sich so gut, da kann man in einer halben Stunde so viel besprechen wie mit anderen in einer Stunde.

Bunte: Sie sind häufig auf Reisen, wie jetzt nach Russland und China. Würden Sie sich gern mehr Zeit für diese Länder nehmen?

Merkel: Ja, die Entwicklungen im wirtschaftlich stark aufstrebenden China und in unserem großen Nachbarland Russland sind für Deutschland und Europa von so großer Bedeutung, dass ich schon für mein Amt ein klares persönliches Bild davon brauche. Zudem ist es für mich immer sehr spannend zu erfahren, in welcher Umgebung die Kollegen leben, die ich sonst vorzugsweise nur auf Staatsgipfeln sehe. Reisen bildet! Leider kann ich auf diesen immer nur einen Ausschnitt des betreffenden Landes sehen. Vielleicht habe ich später noch einmal die Gelegenheit, einige dieser Länder näher kennenzulernen. Ich würde gern mal die Große Mauer in China besichtigen oder mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland fahren. Oder nach Kalifornien und Kanada reisen - die wilde Natur dort ist wunderschön.

Bunte: Sind Sie eher ein Morgen- oder Abendmensch? Lerche oder Nachtigall?

Merkel: Ich bin wohl eher ein Morgenmuffel und muss trotzdem jeden Tag früh raus. Sagen wir es mal so: Meine Leistungsfähigkeit nimmt über den Tag kontinuierlich zu.

Bunte: Wir würden Ihnen gern ein paar Zitate bekannter Persönlichkeiten über die Zeit vorlesen. Was fällt Ihnen spontan dazu ein? Henry Ford hat gesagt: „Zeitverschwendung ist die leichteste aller Verschwendungen."

Merkel: Ich glaube, da hat er recht.

Bunte: Konrad Adenauer: „Man darf niemals ,zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät."

Merkel: Das ist ein kluger Satz. Man sollte sich als Politiker nicht scheuen, Dinge doch zu verändern, auch wenn man sich zu früh anders festgelegt hat.

Bunte: Michail Gorbatschow: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Merkel: Da hat ihn die Geschichte bestätigt!

Bunte: Peter Ustinov: „Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen werden."

Merkel: Da ist viel Wahres dran.

Interview im Kanzleramt: Angela Merkel mit Bunte Chefredakteurin Patricia Riekel

Donnerstag, 22. Juli 2010