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Donnerstag, 30. August 2012

Interview

Merkel: "Sport ermutigt"

Interview mit:
Angela Merkel
Quelle:
Paralympics Zeitung

Bundeskanzlerin Angela Merkel drückt den Londoner Paralympioniken fest die Daumen. Mit Schülerreportern der Paralympics Zeitung sprach sie über packende Siege - und die große Chance, die der Behindertensport für Wertschätzung und ein faires Miteinander bietet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel während einer Kabinettsitzung,Merkel im Kabinett, Porträt, Portrait Merkel schätzt den Sport Foto: Photothek/ Trutschel

Paralympics Zeitung: Als Bundeskanzlerin haben Sie zahlreiche Termine und sind sehr beschäftigt. Werden Sie sich trotzdem die Zelt nehmen, die Paralympischen Spiele in London zu besuchen?

Angela Merkel: Ich wäre sehr gerne nach London gefahren, aber leider werde ich das terminlich nicht schaffen. Ich drücke aber allen unseren Athletinnen und Athleten ganz fest die Daumen. Und natürlich werde ich zumindest im Fernsehen so viele Höhepunkte der Spiele wie nur möglich miterleben.

Paralympics Zeitung: Sie haben die Paralympics in den vergangenen Jahren stets aufmerksam verfolgt. Welche Momente sind Ihnen nachhaltig im Gedächtnis geblieben?

Merkel: Es gab viele spannende Wettkämpfe und großartige Rekorde bei den Paralympics. Alle Spiele haben ganz besondere Momente. Sehr bewegt haben mich zum Beispiel die Erfolge der mehrfachen Paralympics-Siegerin, Langläuferin und Biathletin Verena Bentele, die in Vancouver ein Jahr nach einem schrecklichen Unfall fünf Goldmedaillen gewann. Die ergreifenden Szenen bei den Siegerehrungen bleiben unvergesslich. Ich denke aber auch an Wojtek Czyz, der 2004 bei den Paralympics in Athen drei Goldmedaillen im Weitsprung und Sprint geholt, vier Jahre später in Peking den Weltrekord erreicht und erneut Gold gewonnen hat. Seine zu Herzen gehenden Emotionen bei seinem Goldmedaillensprung übertrugen sich auf Millionen Menschen in ganz Deutschland.

Paralympics Zeitung: Was nehmen Sie persönlich vom Behindertensport mit, was auch für Ihre Politik wichtig ist.

Merkel: Die Disziplin und Willenskraft der Sportler, die Fähigkeit, trotz nicht immer einfacher Umstände dran zu bleiben und ein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, und vor allem die Freude an der Herausforderung. Zu sehen, was Menschen schaffen können, ist Motivation und Ermutigung auch in anderen Bereichen des Lebens.

Paralympics Zeitung: Frau Merkel wieso gibt es in der Politik nur wenige Menschen mit Behinderung, und wie könnte man das ändern?

Merkel: Ich kann Menschen mit Behinderung nur ermutigen, sich politisch zu engagieren. Vielleicht ist für sie auch unser Bundesfinanzminister Schäuble Ermutigung und so etwas wie ein Vorbild. Es gibt aber leider in unserem Leben insgesamt immer noch zu viele Barrieren, die wir beseitigen müssen, auch wenn wir dabei Fortschritte machen. In den Büros der Bundestagsabgeordneten gibt es beispielsweise bei Bedarf Bildtelefone mit Gebärdensprachdolmetschern und in den Sitzungssälen haben wir Induktionsschleifenanlagen für schwerhörige Menschen. Wie stark das Interesse von Menschen mit Behinderung an Politik ist, ist auf allen Ebenen zu spüren. Das konnten wir zuletzt sehen, als unter Einbeziehung der Verbände behinderter Menschen der Nationale Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention erstellt wurde. Diese Kultur der Beteiligung wollen wir ausweiten auf alle Entscheidungen, die sich auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung beziehen.

Paralympics Zeitung: Die Bundesregierung wird in den nächsten Jahren rund 500 Millionen Euro für die Integration von Menschen mit Behinderung ausgeben. In welche Bereiche soll am meisten investiert werden und wo haben Menschen mit Behinderung immer noch große Nachteile?

Merkel: Der Staat gibt pro Jahr mehr als 44 Milliarden Euro für Teilhabe, Rehabilitation und Pflege aus. Ein großer Teil davon wird in die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung investiert. 2010 waren das allein 12,5 Milliarden Euro. Allerdings sind die Leistungen der Eingliederungshilfe so nicht mehr zeitgemäß. Die Hilfen müssen sich noch mehr am individuellen Bedarf orientieren. Bund und Länder sehen hier gemeinsam Reformbedarf. Menschen mit Behinderung sollen künftig stärker bestimmen, wie und wo sie leben und arbeiten wollen. In der nächsten Legislaturperiode werden Bund und Länder deshalb ein neues Bundesleistungsgesetz auf den Weg bringen. Natürlich gibt es noch zahlreiche andere Herausforderungen, zum Beispiel bei der Barrierefreiheit. Vor allem das barrierefreie Wohnen in den eigenen vier Wänden ist für viele ein zentrales Bedürfnis. Da müssen wir das Angebot noch weiter steigern. Auch hier engagiert sich der Bund, indem er zur sozialen Wohnraumförderung - momentan bis 2013 - rund 520 Millionen Euro jährlich beisteuert. Es bedarf insgesamt noch großer Anstrengungen, das Ziel Inklusion zu erreichen. Das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung muss zur Selbstverständlichkeit werden. Mit dem Nationalen Aktionsplan zeigt die Bundesregierung, dass ihr das sehr wichtig ist.

Paralympics Zeitung: Nach welchen Kriterien wird der Behindertensport von der deutschen Bundesregierung finanziell unterstützt und wonach richtet sich die Höhe der Fördersumme des Bundes?

Merkel: Die Bundesregierung fördert den Leistungssport von Menschen mit Behinderung grundsätzlich nach den gleichen Kriterien wie den Spitzensport der Menschen ohne Behinderung. Dabei wird die Sportförderung des Bundes vom Bundesinnenministerium in enger Zusammenarbeit mit den Organisationen des Sports koordiniert und abgestimmt. So unterstützen wir beispielsweise die Kosten für das Leistungssportpersonal, die Trainingsmaßnahmen, die Entsendekosten zu internationalen Wettbewerben und beteiligen uns an den Organisationskosten für bedeutende nationale und internationale Veranstaltungen im Inland. Es ist mir wichtig, dass die Bundesregierung den Spitzensport der Menschen mit Behinderung auf weiterhin hohem Niveau fördert.

Paralympics Zeitung: Finden Sie, dass Sport für die Entwicklung von Kindern mit Behinderung eine wichtigere Rolle spielt als für nicht behinderte Kinder?

Merkel: Sport ist für die Entwicklung jedes Kindes positiv. Und der Sport ist ein ganz wichtiges Mittel, um das Miteinander von Kindern mit und ohne Behinderung selbstverständlich werden zu lassen. Außerdem gilt: Unabhängig davon, ob ein Kind mit oder ohne geistige oder körperliche Behinderung lebt, macht Sport mit anderen einfach Spaß, man findet neue Freunde, lernt Fairness und Teamfähigkeit. Außerdem werden weitere wichtige Werte vermittelt: Toleranz, Solidarität, Einsatzfreude, gegenseitiges Verständnis, Anerkennen von Regeln, um nur einige zu nennen. Sport stärkt das Selbstvertrauen und das Selbstbewusstsein. Das gilt altes für Kinder mit Behinderung wie für Kinder ohne Behinderung. Am besten ist es, wenn alle zusammen gemeinsam Sport treiben, immer mehr Vereine machen das ja möglich.

Paralympics Zeitung: Wie fördert die Bundesregierung den gemeinsamen Schulsport von Kindern mit und ohne Behinderung?

Merkel: Der gemeinsame Schulsport ist ein ganz hervorragender Beitrag für Inklusion. Der Bund fördert zum Beispiel die Finalveranstaltungen der Bundeswettbewerbe der Schulen "Jugend trainiert für Olympia" und "Jugend trainiert für Paralympics" mit insgesamt 700 000 Euro im Jahr 2012. Bei" Jugend trainiert für Paralympics" geht es nicht allein um den sportlichen Aspekt der Veranstaltung, sondern auch darum, über den Sport die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung zu verbessern. Dieses Jahr wurden erstmals in Berlin die Eröffnung der Wettkämpfe "Jugend trainiert für Paratympics" und die Abschlussveranstaltung von "Jugend trainiert für Olympia" gemeinsam veranstaltet. Die Bundesregierung fördert außerdem die Bundesjugendspiele, die jährlich als Schulsportveranstaltungen durchgeführt werden. Ich freue mich, dass seit dem Schuljahr 2009/2010 die Bundesjugendspiele um das ‚Programm Bundesjugendspiele für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung ergänzt wurden. So können jetzt auch Schülerinnen und Schüler mit Behinderung an den Bundesjugendspielen gleichberechtigt neben Schülerinnen und Schülern ohne Behinderung teilnehmen.

Paralympics Zeitung: Das Paralympische Motto tautet in diesem Jahr "lnspire a generation". Denken Sie, dass junge Leute in Deutschland - sowohl mit als auch ohne Behinderung - von den Paralympischen Spielen in London inspiriert werden? Und wenn ja, wie kann das aussehen?

Merkel: Ich bin überzeugt, dass Ereignisse wie die Paralympischen Spiele die Zuschauer inspirieren. Es gibt eine aktuelle Umfrage, in der ein hoher Prozentsatz der Befragten äußerte, durch Erfolge von Spitzensportlern selbst zum Sporttreiben animiert worden zu sein. Bei den Jugendlichen sagen das sogar 32 Prozent. Unsere Athletinnen und Athleten bei den Paralympics sind natürlich Vorbilder. Wenn dann noch so eine Stimmung dazukommt wie bei den Paralympischen Spielen, reißt das einfach mit. Diese spannenden Wettkämpfe begeistern viele. Das hat Wirkung über den Sport hinaus. Denn bei den Paralympics zeigen Menschen, wie sie Spitzenleistungen erbringen, und machen mit ihren außergewöhnlichen Leistungen anderen Menschen mit Behinderung Mut, sich Ziele zu setzen und so ihr Leben aktiv zu gestalten. Ich bin außerdem überzeugt, dass durch die mediale Aufmerksamkeit die Paralympics dazu beitragen, dass das Miteinander von Menschen ohne Behinderung und Menschen mit Behinderung im gemeinsamen Sport, aber auch einfach im Alltag noch selbstverständlicher wird.

Die Fragen stellten die Schülerreporterinnen und Schülerreporter der Paralympics Zeitung, diese lag als Beiblatt unter anderem dem Tagesspiegel bei.