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Sonntag, 03. Oktober 2010

20 Jahre Deutsche Einheit

Merkel: "Ich hätte nie einen Freund verraten"

Interview mit:
Angela Merkel
Quelle:
in "Bild am Sonntag"

Im Interview mit der Bild am Sonntag spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel über ihre persönlichen Erfahrungen in der DDR und in der Zeit der Wiedervereinigung. "Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren so weit sind, dass sich ein junger Mensch nicht mehr nach Ost oder West definiert, sondern dass wir einfach sagen: Wir sind Thüringer oder Sachsen, so wie Westfalen oder Bayern. Und so wird es auch sein."

BILD am SONNTAG (BamS): Frau Bundeskanzlerin, wie haben Sie den  3. Oktober 1990 in Erinnerung, was haben Sie an diesem Tag gemacht?

Angela Merkel: Ich weiß noch, das war ein wunderbar warmer Herbsttag in Berlin. Vormittags ging ich allein in die Philharmonie, weil ich leider keine zusätzliche Karte für meinen Mann hatte. Ich erinnere mich noch, dass plötzlich einer auf die Bühne kam, um den Festakt zu stören. Wolfgang Schäuble als damaliger Innenminister sorgte dafür, dass er weggeführt wurde. Am Nachmittag bin ich dann mit meinem Mann Unter den Linden spazieren und durchs Brandenburger Tor gegangen. Und nie vergessen werde ich die Nacht davor, die großartige Stimmung vor dem Reichstag und das Feuerwerk um Mitternacht zur Feier der Wiedervereinigung.

BamS: Welchen Traum hatten Sie damals für das neue Deutschland?

Merkel: Es war weniger ein Traum, eher die feste Hoffnung, dass sich die ostdeutschen Länder möglichst schnell aufrappeln würden. Durch die Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli hatten wir ja schon gesehen, wie rasend sich alles für uns veränderte. Zum einen waren wir praktisch Mitglied der Europäischen Gemeinschaft. Zum anderen aber brach der gesamte Warenaustausch mit der damaligen Sowjetunion zusammen. Und es war höchste Zeit, dass diese Veränderungen kamen: Die Altstädte waren vom Zerfall bedroht, und die allermeisten Betriebe in schlechtem Zustand. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie heruntergewirtschaftet die Infrastruktur war.

BamS: Was änderte sich für Sie persönlich?

Merkel: Wie alle musste auch ich mich zunächst einmal in dieser Bundesrepublik einleben. Da kam so viel Neues auf einen zu – von der Krankenversicherung bis zur Hausratsversicherung, die ganz praktischen Dinge eben.

BamS: Was haben Sie für sich erhofft?

Merkel: Na, ich habe mich daran gemacht, politische Pläne zu schmieden.

BamS: . . . Sie planten, Bundeskanzlerin zu werden?

Merkel: (lacht) Daran habe ich natürlich überhaupt nicht gedacht. Viel bescheidener: Ich hatte mich entschieden, für den Bundestag zu kandidieren und musste also Wahlkampf führen. Im Dezember 1990 war ja schon die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl. Das stellte mich vor ungeahnte Herausforderungen. Längere Reden zu halten, fiel mir damals noch schwer. Zehn Minuten waren schon eine große Kraftanstrengung für mich. Und als Wissenschaftlerin war ich es nicht gewöhnt, ein und dieselbe Rede mehrmals am Tag zu halten. Ich musste mich also in meinem eigenen Leben zurechtfinden. (hält inne) Mein Gott, was erzähle ich Ihnen hier alles . . .

BamS: Machen Sie bitte weiter, wir finden das sehr interessant!

Merkel: Wenn Sie meinen . . . Also: Ich war ja im Februar 1990 zur Vorbereitung der Volkskammerwahl am 18. März aus der Akademie der Wissenschaften ausgeschieden, um stellvertretende Regierungssprecherin zu werden. Im Juni/Juli musste ich entscheiden, wie ich danach weitermachen wollte. Ich entschied mich für eine Bundestagskandidatur und gegen meinen Wissenschaftsberuf.

BamS: Wie hat sich Ihr persönliches Leben verändert – vom Leben einer DDR-Bürgerin zum Leben einer freien Deutschen?

Merkel: Plötzlich konnte ich vieles wirklich tun, was ich mir davor nur ausgemalt hatte. Ich hatte mir zum Beispiel immer vorgestellt, wie ich als DDR-Rentnerin in die USA fahren würde – und das wurde nun viel schneller wahr. Mit einem Mal war ich auch nicht mehr auf Westpakete angewiesen, um an begehrte Dinge heranzukommen. Ich konnte sie mir selber kaufen. Wobei es manchmal auch ganz schön mühselig war, sich in der neuen Fülle der Angebote zurechtzufinden.

Und noch eine besonders wichtige Veränderung: In der DDR hatte ich immer das Gefühl gehabt, nicht bis an die Grenzen meiner eigenen Leistungsfähigkeit gehen zu können. Mal war der Computer nicht gut genug, mal konnte man nicht reisen, immer war irgendetwas, das als Entschuldigung diente, weil man ja nun mal nicht konnte, wie man wollte. Und nun plötzlich stimmten alle äußeren Umstände, ich habe bis zur Erschöpfung gearbeitet und bin dadurch an meine eigenen Grenzen gestoßen. Da gab es keine Ausreden mehr, und das fand ich damals und finde ich heute noch ein grundsätzlich schönes Gefühl.

BamS: Schildern Sie uns bitte Ihr Leben in den Jahren vor 1989 als Bürgerin der DDR. Wovon war Ihr ganz persönliches Leben in den 80er-Jahren geprägt, was war der jungen Frau Angela Merkel wichtig, was waren Ihre Sorgen, worüber haben Sie sich gefreut?

Merkel: Ich hatte einen Beruf, den ich mochte, und gute Freunde, mit denen ich offen sprechen konnte. Diese Menschen ermöglichten ein Leben, in dem ich viel Zeit für Diskussionen hatte, ein überschaubares und sympathisches Leben, wie gesagt umgeben von Familie und Freunden.

Im Alltag musste man sehr aufmerksam und organisiert sein: Beim Betreten einer Kaufhalle schaute man als Erstes, mit welchen Waren die Leute von der Kasse kamen, um dann selbst danach zu suchen. Ansonsten habe ich mir wie viele andere unentwegt überlegt, wo ich wem was sagen konnte. Um promovieren zu können, musste ich regelmäßig Stunden in Marxismus/Leninismus über mich ergehen lassen und eine Arbeit über das Thema verfassen.

BamS: Sie kommen aus einem kirchlich geprägten Elternhaus, in dem Sozialismus gleichwohl kein Schimpfwort war.

Merkel: Wie kommen Sie denn darauf? Mein Vater kam in den 60er-Jahren zu der Erkenntnis, dass die Teilung Deutschlands für eine bestimmte Zeit als Realität hinzunehmen sei, und dass Seelsorge in der DDR etwas anderes als in der Bundesrepublik zu sein habe. Das heißt aber nicht, dass er diese Realität guthieß oder den Gedanken an die Einheit aufgegeben hätte. Er hatte sehr früh erkannt, dass das, was in der Theorie des Sozialismus vorausgesagt wurde, den Praxistest nicht bestehen würde. Deshalb musste das Ganze in den sogenannten „real existierenden Sozialismus“ umgetauft werden. Und mit der Rolle der Kirche in so einer Gesellschaft hat er sich dann beschäftigt.

BamS: Wann haben Sie mit der sozialistischen Idee gebrochen?

Merkel: Ich habe mich nie für sie begeistern können. Als der Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts 1968 in die Tschechoslowakei geschah, also die Niederwalzung des Prager Frühlings, das hat die Einstellung der ganzen Familie zur DDR noch einmal massiv verschlechtert. Ich war damals in der achten Klasse, 14 Jahre alt, und bekam erstmals ganz konkret mit, wie plötzlich in der Schule ein ideologisch scharfer Ton Einzug hielt. Unsere Familie hatte wenige Wochen vor dem Einmarsch Urlaub im Riesengebirge gemacht und dort die relativ freiheitliche Atmosphäre sehr genossen. Nun waren die eigenen Lehrer plötzlich so scharf und energisch, denn sie hatten nun Angst davor, dass die Stimmung aus der Tschechoslowakei auf die DDR übergreifen könnte.

BamS: Die Jahre vor der Einheit waren bewegte Zeiten für Sie persönlich: 1980 übernahmen Sie in der FDJ an Ihrem Institut in Berlin eine Funktion. 1982 die Scheidung nach sieben Jahren von Ihrem ersten Mann Ulrich Merkel. Zwischendurch wurde auch mal die eine oder andere Wohnung in Ostberlin besetzt. 1983 sind Sie vier Wochen durch die UdSSR getrampt, 1986 haben Sie promoviert und Ihre Cousine zu deren Hochzeit im Westen besucht. Hört sich nach einer wilden Zeit an . . .

Merkel: Besetzt habe ich nur eine Wohnung, eine andere renovierte habe ich dann bekommen. Richtig ist aber: Langweilig war es nicht. Wir haben gelesen, wir haben schöne Reisen in Osteuropa gemacht. Ich habe einige Monate in Prag gearbeitet. Ich habe sehr interessante wissenschaftliche Fachtagungen besucht. Es gab Freunde in Polen und in der Tschechoslowakei, die sehr viel mehr reisen durften als wir. Alles in allem: Wir versuchten mitzubekommen, was in der Welt geschah.

BamS: Das stellen sich viele im Westen anders vor . . .

Merkel: Darum sage ich immer wieder: Das Leben in der DDR war beschwerlich und reglementiert und beschränkt, aber wir haben versucht, etwas daraus zu machen.

BamS: Wie haben Sie den Besuch 1986 bei der Hochzeit Ihrer Cousine im Westen empfunden?

Merkel: Ich fuhr ganz allein zunächst nach West-Berlin, dort hatte ich zwei Stunden Zeit, bis der Zug nach Hamburg ging, wo meine Cousine lebte. Da bin ich durch Kreuzberg gelaufen. Es sah einerseits alles so ähnlich aus wie in Pankow, andererseits bunter und mit ganz anderen Autos. In Hamburg gab es dann eine schöne Familienfeier, bei der ich mich gut aufgehoben fühlte. Dann bin ich im Rahmen meiner mehrtägigen Reiseerlaubnis zu einem ehemaligen Kollegen aus der Akademie der Wissenschaften nach Konstanz gefahren – mit einer Zwischenstation in Karlsruhe, wo ich einen anderen Physiker besuchte. Da war ich plötzlich mitten im Westen auf eigene Füße gestellt. Ich fuhr mit einem tollen Intercity nach Konstanz und habe mich innerlich fürchterlich aufgeregt, als junge Leute ihre Füße mit Schuhen auf die Sitze legten. Gesagt habe ich nichts, aber ich fand das unmöglich. Die schönen Züge!

BamS: Gab es noch mehr interessante Selbstbeobachtungen?

Merkel: In Konstanz, wo ich einen aus der DDR geflüchteten Kollegen besuchen wollte, fühlte ich mich plötzlich unsicher. Vielleicht hatte ich zu viele „Tatort“-Krimis im West-Fernsehen gesehen. Jedenfalls fragte ich mich nun, ob man tatsächlich als jüngere Frau allein in einem Hotel gefahrlos übernachten könnte. In Prag und Budapest hatte ich solche Sorgen nie gehabt, aber nun plötzlich in Konstanz. Aus heutiger Sicht finde ich das selber kurios – und passiert ist natürlich auch nichts.

BamS: Haben Sie auch nur ein paar Minuten darüber nachgedacht zu bleiben?

Merkel: Darüber haben wir in der DDR natürlich oft diskutiert. Für mich war immer sehr wichtig zu wissen, dass ich in einer echten Notsituation auch die Kraft gehabt hätte wegzugehen. Aber meine Familie und meine Freunde waren mir eben auch wichtig. Also hatte ich für mich beschlossen, solange ich nicht in eine solche elementare Notsituation geriete, in der DDR zu bleiben. Außerdem war ich damals schon mit meinem heutigen Ehemann zusammen. Nur einer von uns beiden konnte reisen, und ich wollte natürlich zu ihm zurückkehren.

BamS: War die Tatsache, dass Sie auch in der FDJ waren, eine Sicherheit für die Staatssicherheit der DDR in dem Sinn, dass so jemand keine Republikflucht begeht?

Merkel: Ach was. Die Mitgliedschaft in der FDJ oder der Gewerkschaft war doch für die DDR keine Sicherheit. Es sind ja auch viele SED-Mitglieder im Westen geblieben. Maßgeblich war, wie stark man persönlich in der DDR gebunden war.

BamS: Warum waren Sie in der FDJ?

Merkel: Hauptsächlich wegen der Freizeitveranstaltungen. Viele Gemeinschaftsaktivitäten wurden in der DDR ja nun mal über diese Organisationen abgewickelt. Lothar de Maizière hat mal gesagt: Die DDR war strenger Vater und ­sorgende Mutter zugleich.So würde ich das nie ausdrücken. Allein der Vergleich der DDR mit Eltern ist für mich absurd.

BamS: Aber viele Deutsche wünschen sich einen Staat, der genau das ist: strenger Vater und sorgende Mutter . . .

Merkel: Für die freiheitliche Bundesrepublik kann ich das akzeptieren: Auf der einen Seite soll der Staat Sicherheit garantieren, auf der anderen Seite soll der Staat für gute Lebensumstände sorgen.

BamS: Sie haben einmal gesagt, Sie seien als Kind sehr harmoniebedürftig gewesen – mit gelegentlichen Wutanfällen. Was konnte Sie damals, was kann Sie heute noch in Rage bringen?

Merkel: Harmonische Verhältnisse sind mir auch heute noch lieber. Aber wenn es sein muss, kann ich Konflikte auch aushalten. Was ich noch nie leiden konnte, sind Menschen, die nicht die Wahrheit sagen, oder welche, die sich dauernd wiederholen. Da werde ich manchmal ungeduldig.

BamS: Tritt man der Angela Merkel von 1980 oder 1985 oder 1987 zu nahe, wenn man sagt: Sie führte bei allem eigenen Willen und Wollen ein angepasstes Leben?

Merkel: Politisch habe ich natürlich ein angepasstes Leben geführt. Wenn ich immer gesagt hätte, was ich gedacht habe, dann wäre mein Leben anders verlaufen.

BamS: Umgekehrt gefragt: Welchen Preis hätten Sie nie gezahlt um des lieben Friedens willen mit dem SED-Staat?

Merkel: Ich hätte nie einen Freund verraten. Ich hätte nie bei der Stasi mitgemacht und andere verpfiffen. Ich habe oft geschwiegen, aber ich habe nur ganz selten etwas gesagt, was ich eigentlich nicht vertreten konnte.

BamS: Wie nahe kam Ihnen das Gespenst der Staatssicherheit?

Merkel: Nachdem ich in Leipzig studiert hatte, überlegte ich, als Assistentin an der Universität in Ilmenau anzufangen. Nach einem sehr unangenehmen Vorstellungsgespräch sagte man mir dort, ich hätte ja sicher Interesse daran, schnell das Geld für meine Fahrkarte zurückzube­kommen. Ich wurde dann statt zur Kasse in einen Raum geführt, wo Stasi-Leute auf mich warteten. Von meinen Eltern hatte ich gelernt, bei einem Anwerbeversuch gleich zu sagen, dass ich den Mund nicht halten könne und immer alles weitererzählen müsse. Damit war der Anwerbeversuch schnell beendet. Die Stelle in Ilmenau habe ich nicht bekommen.

BamS: Was wäre aus Angela Merkel ohne den 9. November 1989 geworden?

Merkel: Eine redliche Wissenschaftlerin mit einem spannenden Leben, soweit dies unter den Bedingungen einer Diktatur möglich gewesen wäre.

BamS: Wäre Angela Merkel, wenn sie im Westen aufgewachsen wäre, auch in die Politik gegangen?

Merkel: Das kann man im Nachhinein schwer sagen. Ich hätte wohl einen anderen Beruf ergriffen, wäre Lehrerin geworden. Ich bin 1989/90 ja in die Politik gegangen, weil damals neue, unverbrauchte Leute benötigt wurden. Außerdem hatte ich das Bedürfnis nach einer Arbeit, bei der ich mehr mit Menschen zu tun hatte. Der Wechsel fiel mir also leicht. Bei meinem Mann war es anders: Er hat sich richtig gefreut, dass er nach der Wende als Wissenschaftler endlich unter besseren Voraussetzungen, zum Beispiel mit den besten Computern, arbeiten konnte.

BamS: Offenkundig fiel es Ihnen leicht, das Physiker-Leben 1990 an den Nagel zu hängen. Könnten Sie die Politik ebenso leicht aufgeben?

Merkel: Die Frage stellt sich nicht.

BamS: Sie gehörten der Regierung an, die die DDR aufgelöst, den Beitritt zur Bundesrepublik betrieben hat. Viele reden jetzt vom Anschluss. Im Abstand von 20 Jahren: War das der richtige Weg?

Merkel: Im Großen und Ganzen ja. Und von Anschluss zu sprechen, halte ich für abwegig. Schon das Ergebnis der ersten und letzten freien Volkskammer-Wahl am 18. März war ein Vorbote für eine schnelle Vereinigung. Schon zu Jahresbeginn war aus dem Slogan der Demonstranten „Wir sind das Volk“: „Wir sind ein Volk“ geworden. Es ging nur um die Frage, wie man es außen- und innenpolitisch möglichst schnell hinbekommt.

BamS: Gibt es etwas von Bedeutung, was Sie aus heutiger Sicht anders gemacht hätten?

Merkel: Details vielleicht, in den großen Zügen aber war es richtig so. Schade ist nur, dass manche bis heute nicht sehen oder verstehen wollen, dass das Staatsgebilde der DDR das eine war – und das Leben jedes Einzelnen das andere. Das hat viele Menschen in den neuen Ländern verletzt, weil sie das Gefühl hatten, ihre Lebensleistung, wie der tägliche Kampf um die Versorgung der Familie mit Essen und Kleidung, werde nicht ausreichend anerkannt. Die DDR war ein Land, in dem es zum Beispiel so gut wie kein Stück Holz zu kaufen gab, keine Latte, kein Brett. Das musste alles mühsam beschafft werden. Darüber kann jeder, der wie ich dort gelebt hat, stundenlang erzählen. Mit der Einheit aber war diese Lebenserfahrung mit einem Schlag völlig unwichtig.

BamS: Wie sind Sie ganz persönlich damit umgegangen?

Merkel: Ich war damals Mitte 30 und daher in der Lage, zu neuen Ufern aufzubrechen. Aber wenn jemand 1990 schon über 50 war und ihm vielleicht noch gesagt wurde, dass er zum Beispiel natürlich nicht mehr verbeamtet werden kann, dann kann ich verstehen, dass er bei aller Freude über die Einheit auch den verlorenen Lebenschancen nachtrauert. Diese Generation hat den Umbruch zum Teil hart zu spüren bekommen, vor allem in Form von Arbeitslosigkeit.

BamS: Wie waren Ihre Gefühle an dem Abend, an dem die Volkskammer den Beitritt zum 3. Oktober beschlossen hat und damit die Abschaffung des Staates, in dem Sie aufgewachsen waren?

Merkel: Wir wollten das ja, haben daran mit allem Elan gearbeitet. Und trotzdem: Als es so weit war, war neben der Freude auch eine gewisse Leere. Wir hatten uns in den wenigen Monaten selbst zum Minister oder eben zur Regierungssprecherin ausgebildet, wollten es möglichst gut machen und wussten doch, dass diese Fähigkeiten nach kurzer Zeit nicht wieder benötigt würden.

Ich selber wollte dann ins Bundespresseamt wechseln. Der Amtsarzt stellte aber Bluthochdruck bei mir fest, weswegen ich nicht eingestellt werden könnte. Da war ich dann froh, dass ich für den Bundestag kandidiert hatte. Dafür musste ich nicht zum Amtsarzt . . .

BamS: Warum ist eigentlich der 3. Oktober unser Nationalfeiertag?

Merkel: Das weiß Helmut Kohl am besten zu erzählen. Wenn ich mich recht erinnere, sollte ein Tag ausgesucht werden, der trotz Herbst noch ein bisschen warm sein konnte. Außerdem sollte es vor dem 7. Oktober sein, damit der 41. Jahrestag der DDR nicht etwa noch gefeiert werden musste. Und im Vorfeld des ersten Einheitstages am 3. Oktober 1990 waren die 2+4-Gespräche über die außenpolitischen Aspekte der Einheit noch in Ruhe abzuwickeln.

BamS: Helmut Kohl hat vor dem Fall der Mauer die DDR regelmäßig besucht. Hatte er mehr Verständnis für die Mentalität der DDRler als andere?

Merkel: Er hat sich auf alle Fälle sehr bemüht, sich in unsere Lebensumstände hineinzuversetzen. Für uns war besonders wichtig, dass man bei ihm im Gegensatz zu Oskar Lafontaine immer den Eindruck hatte: Helmut Kohl mochte uns!

BamS: Sie haben früher einmal davon gesprochen, dass Anpassung ein Teil Ihres Lebens in der DDR war, dass es Anpassung aber auch im Westen gegeben habe. Bedeutet Bundeskanzlerin zu sein auch: Jetzt müssen sich die anderen an Sie anpassen?

Merkel: An mich muss sich doch niemand anpassen, wir leben schließlich in einer Demokratie. Ich mag es, Menschen zu überzeugen, aber nicht zur Anpassung an meine Linie zu zwingen. Ich habe einen gewissen Widerwillen dagegen, jemanden politisch stark unter Druck zu setzen, damit er dies oder jenes tut oder lässt. Das hat wohl mit der DDR-Erfahrung zu tun, wo wir ständig unter Druck standen. Und selber überlege ich mir immer: Habe ich auch dann die Kraft, meine Position durchzuhalten, wenn es ganz schlimm kommt, und alle gegen mich sind? Wenn ich das nicht bejahen kann, lasse ich es gar nicht so weit kommen, sondern denke über neue oder veränderte Lösungen für ein Problem nach.

BamS: Und worauf kommt es in Deutschland Ihrer Meinung nach in den nächsten 20 Jahren an?

Merkel: Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren so weit sind, dass sich ein junger Mensch nicht mehr nach Ost oder West definiert, sondern dass wir einfach sagen: Wir sind Thüringer oder Sachsen, so wie Westfalen oder Bayern. Und so wird es auch sein.

Das Interview führten Michael Backhaus, Martin S. Lambeck und Walter Mayer.