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Freitag, 09. September 2011

Merkel: Der 11. September wird die Welt prägen

Interview mit:
Angela Merkel
Quelle:
bei "n-tv"

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel hat der 11. September 2001 die Welt verändert. Er habe die Aufgaben verändert, denen sich freiheitliche Demokratien gegenüber sehen, sagte sie in einem Interview mit n-tv. "Wir haben vieles gelernt, wie wir damit umgehen. Und er hat uns allen noch einmal gezeigt, dass ohne globale Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen keine Sicherheit mehr möglich ist."

n-tv: Wenn man zurückblickt auf den 11. September 2001, kommt immer wieder eine Frage: Wie hat man - wann, von wem - von diesen Anschlägen erfahren? Wie war das bei Ihnen?

Merkel: Bei mir war das so, dass ich im Konrad-Adenauer-Haus war - ich war damals Parteivorsitzende - und mein Bundesgeschäftsführer kam zu mir und hat gesagt, ich muss unbedingt den Fernsehapparat anschalten. Und dann habe ich quasi live noch an dem zweiten Turm des World Trade Centers gesehen, was dort vorging. Und das war zwischen "kaum fassbar" und "ganz schrecklich".

n-tv: Was ging da in Ihnen vor? Hatten Sie auch Angst?

Merkel: Ich glaube, diese Gefühle der Angst kamen erst später, weil in dem Moment war es so, dass man realisieren musste: Das ist etwas, das wirklich passiert und kein Film. Und insofern brauchte ich schon eine Weile, um zu akzeptieren, dass das tatsächlich passiert ist. Also, direkte Angst hatte ich nicht, aber es war klar, es war etwas Ungeheuerliches im Gange.

n-tv: Bei Politikern muss ja auch die Frage kommen: Wie reagieren wir darauf? Wie haben Sie damals diese Frage für sich beantwortet?

Merkel: (Wir) haben natürlich damals als Oppositionspartei jetzt nicht die Hauptverantwortung gehabt. Aber (in) einer solchen Stunde arbeiten Regierung und Opposition glücklicherweise in Deutschland immer sehr gut zusammen. Das heißt, wir wurden damals von der Bundesregierung auch unterrichtet. Und ich hatte dann schon den Eindruck, dass auch die Bundesregierung unter dem Bundeskanzler Schröder das Richtige gemacht hat für Deutschland.

Wir haben dann ja sehr schnell erkennen müssen, dass auch in Deutschland Lebende in diese Anschläge mit verwickelt waren. Auch das war nochmal so ein Erkenntnisprozess, der mich schon sehr beeindruckt hat - negativ beeindruckt hat. Und dann ist, glaube ich, die Frage, was kann ich in meinem Land tun. Aber es ist dann auch klar, dass (die) Ereignisse natürlich anderweitig waren. Wir konnten aber natürlich auch nicht sicher sein, ob nicht noch in anderen Ländern Ähnliches passiert.

n-tv: Was meinen Sie mit "negativ beeindruckt"?

Merkel: Naja, ich hatte mir ehrlich gesagt nicht bis dahin die vollständige Vorstellung gemacht, dass so viele Schläfer – wie man dann ja später gesagt hat, also nicht aktive Terroristen - in Deutschland doch an Stellen da sind, die wir erst mal nicht erwartet hätten. Also an Universitäten oder Fachhochschulen in Hamburg und ähnliches. Und das hat die Aufmerksamkeit auf das, was hier vor sich geht, schon nochmal geschärft.

n-tv: Schröder und Fischer sprachen sehr schnell von uneingeschränkter Solidarität. Wäre Ihnen das auch so schnell über die Lippen gegangen?

Merkel: Ich kann das nicht sagen. (Ich) war in dieser Situation nicht als Bundeskanzlerin. Uneingeschränkte Solidarität (kann) nur auf ein Ereignis bezogen sein - wir sind immer solidarisch zu unseren Verbündeten -, dennoch entscheidet Deutschland in jedem Falle selbst. Dass man in diesem Falle, was die Angriffe anbelangte, was die Verteidigung des westlichen (Bündnisses), unserer aller Sicherheit anbelangt, war das eine Aussage, die für diese Zeit wirklich auch gilt und galt. Das ist vollkommen klar. Wir sind Verbündete in einem gemeinsamen Verteidigungsbündnis, und ein solcher Fall hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht gestellt.

n-tv: Ist Deutschland nicht doch zu schnell in ein militärisches Engagement hineingerutscht oder hineinmanövriert?

Merkel: Von gerutscht kann man, glaube ich, nicht (sprechen). Wir hatten schon das Gefühl, dass hier Verantwortung zu übernehmen ist. Es war auch klar, dass die Angriffe vorbereitet werden konnten in einem Staat, der kein richtiger Staat war, in Afghanistan. Und deshalb wäre es schon fatal gewesen, wenn man sich dann, als der Verteidigungsfall auch zum ersten Mal für (den) Bereich außerhalb des Bündnisses ausgerufen wurde - oder die Verteidigung eines Bereiches außerhalb des Bündnisses -, (abseits) gestanden hätte. Also, insofern haben wir die Entscheidung der damaligen Bundesregierung ja unterstützt, dass wir in Afghanistan mit dabei sind.

n-tv: Ist die Mission eigentlich nicht gescheitert in Afghanistan, die Bundeswehrmission dort?

Merkel: Nein, das würde ich nicht sagen. Es ist so, dass der Kampf gegen den Terrorismus sich als sehr, sehr schwierig darstellt. Das haben wir in diesen zehn Jahren erlernen müssen. Wir nennen das die asymmetrische Bedrohung. Wir haben es mit Einzeltätern zu tun, nicht mit einem Kampf von Staat gegen Staat, sondern von einzelnen Gruppen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, unsere westliche Lebensweise in Demokratie, in Freiheit und Toleranz, anzugreifen. Und diese Angreifer haben eine Eigenschaft, die man im Kalten Krieg nicht kannte: Für sie zählt ihr eigenes Leben nicht, das heißt, sie setzen ihr eigenes Leben aufs Spiel. Und damit fertig zu werden, das ist eine der großen Aufgaben.

Ich glaube, dass es uns gelingen wird, die Symbiose, oder die Verquickung, von Taliban, wie wir es in Afghanistan ja immer schon hatten, und El-Kaida aufzulösen. El-Kaida ist heute auch schon auf dem Territorium von Afghanistan nur noch sehr eingeschränkt, wenn überhaupt, tätigt. Und jetzt geht es darum, (die staatlichen Strukturen so fest in Afghanistan zu verankern), dass dann auch diese staatlichen Strukturen - sicherlich nicht 100 Prozent nach unserem Vorbild in Deutschland - solche terroristischen Angriffe abwehren können. Und ich glaube, auf diesem Gebiet haben wir schon etliche Erfolge erzielt. Wir wissen, die militärische Option kann nicht ausgeschlossen werden, aber sie alleine reicht auch nicht, um Terrorismus zu bekämpfen. Das ist eine Lehre aus den zehn Jahren.

n-tv: Was würden Sie der Frau eines Soldaten sagen, der in Afghanistan gefallen ist? Wofür ist ihr Mann gefallen?

Merkel: Ich sage denen, die in Afghanistan kämpfen und auch denen, die Familienangehörige zu beklagen haben, dass es dort um unsere Sicherheit geht. Es geht darum, dass aus einem solchen nicht funktionierenden Staatsgebilde, wie es in Afghanistan war, Terroristen trainiert wurden, ausgebildet wurden, und letztlich unsere westliche Sicherheit bedroht haben. Es war ja nicht nur New York. Es war auch Madrid, es war auch London. Und wir müssen zeigen, dass wir unsere Art zu leben, unsere gesellschaftliche Ordnung auch verteidigen können.

n-tv: Wie groß schätzen Sie jetzt die Gefahr durch islamistischen Terrorismus in der Welt, aber auch hier in Deutschland, ein?

Merkel: Sie ist latent vorhanden. Es ist wirklich auch an diesem zehnten Jahrestag des 11. September an der Zeit, unseren Sicherheitsbehörden einmal zu danken, auch denen, die international zusammenarbeiten. Diese Zusammenarbeit funktioniert sehr, sehr hervorragend. Es zeigt aber auch, dass wir auf internationale Informationen angewiesen sind. Aber wir müssen jede Stunde wachsam sein. Und ohne Sicherheitsbehörden und internationale Zusammenarbeit würde es nicht gehen.

n-tv: Wie hat der 11. September Ihre Sicht auf die Welt verändert?

Merkel: Wir haben ja alle gehofft, dass nach dem Ende des Kalten Krieges vielleicht die ganz großen Konflikte dieser Welt vorbei seien. Diese Hoffnung währte nicht lange. Und wir sehen jetzt, dass wir eben mit diesen sogenannten asymmetrischen Bedrohungen, mit Bedrohungen von Gruppen - nicht mehr Staaten gegen Staaten - noch nicht die abschließende Strategie gefunden haben, wie wir dieses Tun einschränken. Wir haben latent eine terroristische Gefahr. Es ist die große, neue Bedrohung geworden. Und die Weltgemeinschaft wird noch viel zusammenarbeiten müssen, um zu lernen, wie man dieser Bedrohung abschließend auch wirklich begegnet.

n-tv: Hat er Sie persönlich auch verändert, dieser Tag?

Merkel: Ich glaube, wir alle - oder ich zumindest bin bereit, auch stärkere Kontrollen zu akzeptieren. Wir haben Gesetze gemacht damals, die wir jetzt auch nochmal zum großen Teil verlängern, die einfach bis dahin ungeahnte Überprüfungsmaßnahmen auch mit sich bringen, gerade was Flugzeugpassagiere anbelangt. Daran haben sich viele inzwischen gewöhnt. Aber es ist schon ein Einschnitt, den wir so nicht kannten. Und meine persönliche Sichtweise ist, dass das notwendig ist, um das hohe Gut freiheitlichen Lebens auch für die große, große Mehrzahl der Menschen sicherzustellen.

n-tv: Hatte der Einsturz der Türme des World Trade Centers etwa die gleiche emotionale Wucht für Sie, wie der Fall der Mauer 1989?

Merkel: Das ist anders, weil (der) Mauerfall ein extrem positives Ereignis war. Er hat völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Hier war es ein Ereignis mit einer großen negativen Erfahrung, einer zerstörerischen Wirkung, dass freiheitliche Staaten so verletzlich sind und dass wir eine neue Balance von Freiheit und Sicherheit finden müssen. Das andere war der Sieg der Freiheit. Und hier war es sozusagen der Angriff auf die Freiheit. Aber es waren beides, wie ich glaube, sehr fundamentale Ereignisse - aber das des Falls der Mauer war ein positiveres.

n-tv: Aber der 11. September hat die Welt verändert, Ihrer Meinung nach?

Merkel: Der 11. September wird zumindest die Welt prägen. Und er hat die Aufgaben, denen sich freiheitliche Demokratien gegenüber sehen, verändert. Wir haben vieles gelernt, wie wir damit umgehen. Und er hat uns allen noch einmal gezeigt, dass ohne globale Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen keine Sicherheit mehr möglich ist.

Die Fragen stellte: Peter Koeppel

Hinweis: Auszüge daraus auch in RTL-Aktuell