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Zum Tod von Helmut Schmidt

Kanzler des Krisenmanagements

Helmut Schmidt ist am Dienstag im Alter von 96 Jahren gestorben. Von 1974 bis 1982 war Schmidt Bundeskanzler. Seine Amtszeit war durch die Ölkrise und die Bedrohung durch den RAF-Terrorismus geprägt. Mit dem Nato-Doppelbeschluss legte Schmidt die Grundlagen für die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt bei seiner Rede Schmidt galt bis zuletzt als kluger und sachkundiger Beobachter des Zeitgeschehens. Foto: Bundesregierung/Bergmann

Nach dem Rücktritt Willy Brandts wählte der Deutsche Bundestag 1974 Helmut Schmidt zum Bundeskanzler. Er führte die sozialliberale Koalition aus SPD und FDP fort. Zuvor war Schmidt im Kabinett Brandt bereits Verteidigungsminister und später Wirtschafts- und Finanzminister gewesen. Große Popularität hatte er bereits 1962 als Innensenator von Hamburg erlangt, als er sich bei der Sturmflut 1962 als Krisenmanager einen Namen machte.

Die großen Herausforderungen in seiner Amtszeit als Bundeskanzler waren die Ölkrise, ausgelöst durch den Nahostkrieg von 1973, und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise, aber auch eine Reihe schrecklicher Terroranschläge in Deutschland. Aus der sprunghaften Erhöhung der Energiepreise entwickelte sich eine langwierige und weltweite Wirtschaftskrise. Obwohl die Bundesrepublik – verglichen mit vielen anderen Ländern – einigermaßen mit der Krise fertig wurde, gab es seit Mitte der 70er Jahre in Westdeutschland erstmals wieder eine größere Zahl von Arbeitslosen.

Eine Serie von Terroranschlägen gipfelte 1977 in der Ermordung von Generalbundesanwalt Buback, Dresdener Bank-Vorstandssprecher Ponto und der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer durch die linksextremistische Rote Armee Fraktion (RAF) sowie in der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut". Glücklicherweise gelang die Befreiung der Geiseln durch die berühmt gewordene GSG 9 in Mogadischu. Schmidt hat den Forderungen der Terroristen nicht nachgegeben. Dank der standhaften Haltung des Bundeskanzlers und des Deutschen Bundestages gelang es, den freiheitlichen Rechtsstaat zu verteidigen und vor Schaden zu bewahren.

Ein außenpolitischer Höhepunkt der siebziger Jahre war die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) im Sommer 1975 in Helsinki. Dort kam es erstmals zu einer Begegnung von Schmidt mit DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker. Die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki durch die Sowjetunion und die anderen kommunistischen Diktaturen des Ostens markierte einen Wendepunkt. Die westeuropäischen Länder erkannten die Staatsgrenzen im Osten an; alle Unterzeichner verpflichteten sich erstmals gemeinsam zur Wahrung der Menschenrechte in ganz Europa.

Helmut Schmidt war der geistige Vater des Nato-Doppelbeschlusses von 1979. Damit reagierte das westliche Verteidigungsbündnis auf die dramatische Aufrüstung der damaligen Sowjetunion mit nuklearen Mittelstreckenwaffen. Die Teilung Deutschlands war in seiner Amtszeit als Bundeskanzler leidvolle politische Realität. Dass sich schon wenige Jahre später die historische Chance zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands ergeben würde, erschien ein Jahrzehnt zuvor kaum vorstellbar. Mit dem konsequenten Eintreten für den Nato-Doppelbeschluss hat Schmidt eine wichtige Voraussetzung dafür geschaffen.

Innenpolitische und parteiinterne Auseinandersetzungen über den Doppelbeschluss und über die künftige Haltung der Nato gegenüber der Sowjetunion führten zu einer Krise im Bündnis zwischen SPD und FDP. Dazu kamen grundlegende Meinungsverschiedenheiten über die Wirtschafts- und Finanzpolitik. Das führte im Herbst 1982 zum Ende der sozial-liberalen Koalition und zum Austritt der FDP aus der Regierung. Helmut Schmidt wurde durch ein konstruktives Misstrauensvotum im Deutschen Bundestag abgewählt.

Seit 1983 war Helmut Schmidt einer der Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit". Er hat die Redaktion beraten und sich - jenseits des aktuellen politischen Alltagsgeschäfts - mit wichtigen Themen der Politik, Wirtschaft und Zeitgeschichte befasst. Schmidt galt als kluger und sachkundiger Beobachter des Zeitgeschehens. Vor allem sein ökonomischer Sachverstand war anerkannt. In vielen Beiträgen und Buchveröffentlichungen ist er dafür eingetreten, das friedliche Zusammenleben in Europa und in der Welt zu sichern.

Schmidt galt als der bekannteste Zigarettenraucher Deutschlands. Bei keinem Auftritt durften seine geliebten Menthol-Zigaretten fehlen. Wegen seiner Redegewandtheit und Schlagfertigkeit hatte er bereits als Minister unter Willy Brandt den Spitznamen "Schmidt Schnauze" bekommen.

Daten im Überblick
- geboren am 23.12.1918 in Hamburg
- 1953 bis 1962 und 1965 bis 1987 Bundestagsabgeordneter
- 1961 bis 1965 Innensenator von Hamburg
- 1967 bis 1969 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion
- 1969 bis 1972 Verteidigungsminister
- 1972 Wirtschafts- und Finanzminister
- 1972 bis 1974 Finanzminister
- 1974 bis 1982 Bundeskanzler, 1976 und 1980 im Amt bestätigt
- Oktober 1982 Ablösung als Bundeskanzler durch Helmut Kohl (konstruktives Misstrauensvotum)
- seit 1983 Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" und Autor verschiedener Publikationen
- gestorben am 10.11.2015 in Hamburg

Dienstag, 10. November 2015