Proben für eine bessere Zeit

Schauspielerin im Interview Proben für eine bessere Zeit

Digitale Aufführungen können die Live- Erfahrung kaum ersetzen, bieten aber auch ein „spannendes Forschungsfeld“, findet die Schauspielerin Seyneb Saleh. Im Bürgerdialog mit Bundeskanzlerin Merkel will sie über Kultur als elementare Stütze der Demokratie sprechen – und über die Herausforderungen für die Theater in der Corona-Pandemie.

Schauspielerin Seyneb Saleh

Seyneb Saleh arbeitet am Schauspiel Hannover: „Es ist jetzt wichtiger denn je, in Kultur zu investieren.“

Foto: Jeanne Degraa

Was erwarten Sie vom Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel?

Seyneb Saleh: Ich bin zuversichtlich, dass die Bundeskanzlerin als passionierte Theatergängerin ein offenes Ohr für die strukturellen und finanziellen Nöte der Theater hat, insbesondere in der jetzigen Situation. Kultur ist eine elementare Stütze unserer Demokratie. Und gerade in der gegenwärtigen Zeit, in der jeder auf sich selbst zurück geworfen ist, kann man diesen Diskursorten des öffentlichen Raumes nicht genug Bedeutung beimessen.

Das Theater ist ein Ort der Begegnung und die Bühne ein Ort der Möglichkeiten. Ein Ort, um Utopien zu entwerfen. Ein Ort, die Gesellschaft, in der wir leben, und sich selbst zu befragen: Wer bin ich? Wer sind wir? Wie leben wir? Wie wollen wir leben? Von unseren Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern wünsche ich mir, sich zu den Theatern, deren Notwendigkeit und Finanzierung zu bekennen. Theater ist keine Freizeitgestaltung. Und Kultur ist kein Luxus. Es ist jetzt wichtiger denn je, in Kultur zu investieren.

Derzeit sind jedoch Budgetkürzungen angekündigt, die in den kommenden Jahren dazu führen werden, dass Häuser ihre Ensembles verkleinern und ihren künstlerischen Output verringern werden müssen. Auch werden weniger freischaffende Künstlerinnen und Künstler engagiert werden können. Und die ohnehin oft prekären Beschäftigungsverhältnisse an den Theatern werden sich nicht verbessern. Was unterm Strich dazu führen wird, dass viele ihren Beruf werden aufgeben müssen und den Stadtgesellschaften nicht mehr im gleichen Maße die bisherige Vielfalt der Kunst angeboten werden kann.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihr Berufsleben ausgewirkt?

Saleh: Der Spielbetrieb auf den Bühnen ist seit März 2020 mehr oder weniger zum Erliegen gekommen. Diese Spielzeit hatte das Schauspiel Hannover unter strengen Hygieneauflagen für eine stark reduzierte Anzahl von Zuschauerinnen und Zuschauern für lediglich anderthalb Monate geöffnet. Diese Schließungen bedeuten erst einmal, dass man sich stärker auf die Proben fokussiert und digitale Formate erarbeitet. Dass wir weiterhin proben konnten und durften, ist ein Privileg der Stadt- und Staatstheater.

Ähnlich wie in anderen Branchen haben die Theater derzeit keinerlei Planungssicherheit. Und die wohl größte Einschränkung ist es, dass wir unseren eigentlichen Beruf nicht ausüben dürfen: vor ein Publikum zu treten und mit diesem Publikum zusammen Gemeinschaft zu kreieren, zu erleben und zu spiegeln.

Die Schauspielerin Seyneb Saleh war und ist neben Engagements an Theatern in Berlin, Graz und Wien in Film und Fersehproduktionen tätig. Seit dem Sommer 2019 ist sie fest am Schauspiel Hannover engagiert.

Konnten Sie vom Maßnahmenpaket des Bundes oder Ihres Bundeslandes profitieren?

Saleh: Da ich an einem staatlich subventionierten Haus arbeite und festangestellt bin, haben mich die Hilfen nicht betroffen und ich habe sie nicht in Anspruch genommen. Von meinen freischaffenden Kolleginnen und Kollegen weiß ich jedoch, dass es für sie als nicht ständig Beschäftigte viele Komplikationen gab und sie dadurch in erhebliche Existenznöte gebracht wurden. Hier braucht es umfangreiche, schnelle und unbürokratische finanzielle Unterstützungen für freischaffende Schauspielerinnen und Schauspieler. Nach über einem Jahr Pandemie ist die Lage für sie dramatisch.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Arbeit?

Saleh: Die zahlreichen Debatten um Machtmissbrauch, sexistische und rassistische Strukturen, Repräsentation und Diversität haben zu einem langersehnten Strukturwandel in der Theaterlandschaft geführt. Auch in der Filmbranche ist in den vergangenen Jahren vieles in Bewegung geraten. Beispielsweise die Durchbrechung der immer gleichen Besetzungsmuster und die damit einhergehende Zementierung von Sehgewohnheiten der Mehrheitsgesellschaft - wodurch endlich die Vielfalt der Deutschen Gesellschaft sichtbarer wird. Dennoch sind wir von gelebter Gleichberechtigung noch weit entfernt.

Wie viel Digitalisierung verträgt die Kulturbranche?

Saleh: Die Öffnung der Theater hin zum digitalen Raum ist wichtig. Schließlich ist das auch ein öffentlicher Raum, der von allen und eben auch der Kunst mitgestaltet werden sollte. Die eigentliche Kraft des Theaters liegt jedoch im analogen Live-Erlebnis. Es ist ein sinnlich erfahrbares Erlebnis, das ich gemeinsam mit anderen, mir fremden Menschen teile. Das kann ein digitales Theatererlebnis, bei welchem jeder vereinzelt vor seinem Laptop sitzt, niemals ersetzten. Aber nichtsdestotrotz ist es derzeit die einzige Form und Möglichkeit, Theater zu spielen und ein Publikum zu erreichen.

Darin sehe ich auch Chancen. Etwa, dass man mehr Zuschauerinnen und Zuschauer erreicht und vielleicht auch Menschen, die sich vom Theater bisher nicht so angesprochen gefühlt haben. Schließlich ist es für mich als Schauspielerin ein spannendes Forschungsfeld, da es sich bei diesen digitalen Formaten um ein Hybridwesen zwischen Theater und Film handelt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft in der virtuellen Dialogreihe „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“ am Dienstag, 27. April, Kunst- und Kulturschaffende. Dabei soll es auch um deren Erfahrungen aus der Corona-Pandemie und Erwartungen an die nächsten Monate gehen.