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Grusswort zum jüdischen Neujahrsfest

Glaubensfreiheit ist Grundfeste der Demokratie

Bundeskanzlerin Merkel sendet allen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern beste Wünsche zum Neujahrsfest Rosch Haschana 5778. Das Fest hat am Mittwochabend bei Sonnenuntergang begonnen und dauert bis zum 22. September.

Orthodoxer Jude bläst die Schofar, eine Posaune aus Widderhorn. Ein Höhepunkt des Festes ist das Blasen eines Widderhorns, der Schofar. Es soll an die moralischen Pflichten erinnern. Foto: picture alliance/dpa

Zum Neujahrsfest Rosch Haschana grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen, Ihren Familien und Freunden in Deutschland, Israel und der ganzen Welt gesegnete und erfüllte Feiertage! Möge Ihnen allen ein gutes, erfolgreiches und vor allem friedvolles neues Jahr beschieden sein!

Der Jahreswechsel fällt in eine Zeit, in der wir weltweit teils tiefe Umbrüche erfahren. Krisen und Konflikte, staatliche Fragilität und millionenfache Flucht – die Medien sind voll mit Berichten darüber. Gewiss, uns in Deutschland geht es relativ gut. Wir stehen wirtschaftlich hervorragend da. Noch nie waren hierzulande so viele erwerbstätig wie heute. Doch solche Erfolge dürfen uns nicht blind machen vor den Herausforderungen unserer Zeit – und auch nicht anfällig machen, zu glauben, komplexe Probleme mit einfachen Antworten lösen zu können.

Errungenschaften wie Frieden und Wohlstand sind Ergebnisse langer Prozesse, die sich auf der Grundlage von Freiheit und Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie vollziehen. So kostbar solche Grundwerte sind, so zerbrechlich sind sie aber auch und bedürfen daher ständiger Aufmerksamkeit und Pflege. Auch in Deutschland müssen wir nicht weit in die Ferne blicken, um zu sehen, dass nicht jeder und jede sicher davor ist, etwa aufgrund von Religion oder Herkunft angefeindet zu werden. Und wir müssen auch nicht weit in die Vergangenheit zurückblicken, um festzustellen, dass Antisemitismus auch heute noch sein Unwesen treibt. Wenn sich jüdische Bürger in Deutschland gezwungen sehen, zu überlegen, ob sie überhaupt eine Kippa tragen können, wenn auf Demonstrationen antisemitische Parolen skandiert werden, wenn auf deutschen Schulhöfen "Jude" als Schimpfwort missbraucht wird, dann müssen unsere Alarmglocken laut schrillen.

Wir alle sind dazu aufgerufen, niemals unsere Augen und Ohren zu verschließen, wenn Menschen angepöbelt, bedroht oder gar angegriffen werden, weil sie Juden sind, weil sie sich als solche zu erkennen geben oder weil sie für den Staat Israel Partei ergreifen. Wir alle sind dazu aufgefordert, unmissverständlich klar zu machen, dass Diskriminierung, Ausgrenzung und Antisemitismus bei uns keinen Platz haben dürfen und wir daher entschlossen dagegen vorgehen – zivilgesellschaftlich, vor allem über Bildung und, wenn nötig, mit der ganzen Konsequenz unseres Rechtsstaates. Das ist unsere staatliche, bürgerliche und schlichtweg vernunftgeleitete menschliche Pflicht. Denn wer an der Glaubens- und Religionsfreiheit rührt, rührt auch an den Grundfesten unserer Demokratie und unseres friedlichen Zusammenlebens allgemein. Daher bin ich von Herzen dankbar dafür, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland auf vielfältige Weise mit für ein tolerantes, weltoffenes und gedeihliches Miteinander Sorge trägt.

Mit Beginn des neuen Jahres 5778 blicken wir voraus auf ein Jahr, das auch von den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel geprägt sein wird. Die Partnerschaft Israels und Deutschlands nimmt sich vor dem Hintergrund des Zivilisationsbruchs der Shoa auch heute noch wie ein Wunder aus. Unsere Gesellschaften, Volkswirtschaften und Kulturen sind mittlerweile so eng miteinander vernetzt wie nie zuvor. Die Verbundenheit unserer beiden Länder baut aber immer auch auf dem Wissen um die Vergangenheit auf. Denn nur so können wir offen und ehrlich der Zukunft entgegensehen und im Vertrauen aufeinander unsere gemeinsamen Interessen und Werte in der Welt vertreten und verteidigen.

Hoffen wir nun gemeinsam mit allen, die Rosch Haschana feierlich begehen, auf ein glückliches und segensreiches neues Jahr – Schana Towa!

Mittwoch, 20. September 2017