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Grusswort zum jüdischen Neujahrsfest

Erinnerung wachhalten

Bundeskanzlerin Merkel sendet allen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern beste Wünsche zum Neujahrsfest Rosch Haschana 5779. Das Fest begann am Sonntagabend bei Sonnenuntergang und dauert bis zum 11. September.

Rosch Haschana,Tashlich-Zeremonie Ein Höhepunkt des Festes ist das Blasen eines Widderhorns, der Schofar. Es soll an die moralischen Pflichten erinnern. Foto: Sven Ehlers

"Zu Rosch Haschana grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes und glückliches Neujahrsfest. Mögen Ihnen im neuen Jahr Friede, Gesundheit und Wohlergehen beschieden sein.

Rosch Haschana lädt dazu ein, innezuhalten, über das vergangene Jahr nachzudenken und Hoffnungen und Gebete auf die Zukunft zu richten. Innehalten sollten wir in besonderer Weise auch, um im neuen Jahr der Ereignisse zu gedenken, die unsere Geschichte prägten und prägen. Im November jährt sich zum achtzigsten Mal die Reichspogromnacht. Synagogen, Versammlungsräume und Geschäfte wurden damals zerstört, Existenzen ruiniert, Menschen misshandelt, getötet oder in den Suizid getrieben. Mit den Novemberpogromen von 1938 wurden Juden jeglicher Perspektive und Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben in Deutschland beraubt. Diskriminierung und Entrechtung gingen über in systematische Verfolgung und Vernichtung.

Wir müssen die Erinnerung an das beispiellose Menschheitsverbrechen der Shoa wachhalten. Das sind wir den Opfern schuldig. Das sind wir auch uns heute schuldig. Und das sind wir ebenso heranwachsenden Generationen schuldig. Die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte ist und bleibt unser aller Aufgabe. Dies heißt auch, aus der Geschichte zu lernen. Wir tragen beständig Verantwortung dafür, antisemitischen Auswüchsen entschlossen entgegenzutreten und Werte zu festigen, die einem friedlichen und gedeihlichen Zusammenleben zugrunde liegen.

Diese Verantwortung verjährt nicht. Sie verpflichtet uns vielmehr, die Würde jedes und jeder Einzelnen zu respektieren und zu schützen. Darauf baut auch unser Grundgesetz auf, das im Mai 2019 bereits 70 Jahre in Kraft sein wird. Es ist das Fundament für ein respektvolles Miteinander, getragen vom Schutz der Menschenwürde und dem Respekt vor dem Nächsten.

Historische Verantwortung beschränkt sich nicht auf Gedenktage. Sie muss sich auch im Alltag beweisen. Es beunruhigt mich zutiefst, dass antisemitische Übergriffe, Beschimpfungen und Belästigungen wieder zugenommen haben – auf Straßen und Schulhöfen ebenso wie auf Portalen und Plattformen. Antisemitismus, in welchen Erscheinungsformen auch immer, nehmen wir nicht hin. Dagegen wehren wir uns mit allen Mitteln, auch denen des Rechtsstaates. Wir alle müssen unablässig Bildung fördern, Aufklärung gegen Vorurteile ins Feld führen und Zivilcourage stärken.

Jüdinnen und Juden, die in Deutschland leben, sollen sich wie jede und jeder andere hier in ihrer Heimat sicher und wohlfühlen können. Sie verdienen Wertschätzung gerade auch mit Blick auf ihr Mitwirken an einer friedlichen und freiheitlichen Gegenwart und Zukunft unseres Landes – sei es in jüdischen Gemeinden und kulturellen Einrichtungen, sei es im Berufs- und Vereinsleben oder im Familien- und Freundeskreis. Wir können heute stolz darauf sein, dass jüdisches Leben fester Teil unserer nationalen Identität und Kultur ist.

Lassen Sie uns auch im neuen Jahr für ein gedeihliches Miteinander in einem weltoffenen und toleranten Deutschland eintreten. In diesem Sinne wünsche ich von Herzen alles Gute.
Schana Tova."

Sonntag, 09. September 2018