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Mitschrift Pressekonferenz

Im Wortlaut

Eingansstatements von Bundeskanzlerin Merkel, Bundesminister Spahn, Bundesministerin Karliczek, Prof. Dr. Şahin und Dr. Türeci (Videokonferenz)

in Berlin

BK’in Merkel: Ich möchte ganz herzlich Herrn Şahin und Frau Türeci begrüßen. Wir tun jetzt einfach einmal so, als würden wir bei Ihnen sein und uns natürlich alles ganz neugierig anschauen.

Sie sind Mitarbeiter einer Firma, die doch ein junges Unternehmen ist und sehr schnell sozusagen ins Weltlampenlicht geraten ist. Sie haben sich klugerweise mit einem erfahrenen großen Pharmaunternehmen ‑ mit Pfizer ‑ verbündet, aber die Entwicklungsarbeit wurde von BioNTech geleistet. Wir als Bundesregierung sind mächtig stolz ‑ das darf ich sagen ‑, dass es bei uns im Lande solche Forscher gibt. Der türkische Staatspräsident hat Sie beim G20-Gipfel ‑ das darf ich Ihnen verraten –als Menschen erwähnt, die auch türkische Wurzeln haben. Insofern freuen wir uns.

Sie mussten viele Stunden, Tage und Monate durchleben, in denen niemand auf der Welt so recht an Ihr Prinzip geglaubt hat. Nun kann man sagen: Das ist das Schicksal von Forschung. Trotzdem will ich das noch einmal hervorheben. Sie haben eben die Flinte nicht ins Korn geworfen, sondern haben an Ihre Technologie geglaubt.

Dass jetzt in einer solchen außergewöhnlichen Situation auf der Welt ein solcher mRNA-Impfstoff so zügig auf den Markt gekommen ist, ist natürlich einerseits Ausdruck wunderbarer individueller Forscherleistung. Es ist aber auch Ausdruck unseres Herangehens insgesamt, dass wir an Wissenschaft glauben und Wissenschaft unterstützen. Glücklicherweise haben Sie in schweren Stunden immer Unterstützer gefunden, die ihr Geld vernünftig investiert und Ihnen diese Forschungsarbeit erlaubt haben.

Das Potenzial Ihrer mRNA-Technologie ist sicherlich noch gar nicht ganz ausgeschöpft. Aber an dem Beispiel dieses Impfstoffs kann das jetzt natürlich ausprobiert werden. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was das für ein Lebensgefühl ist. Sie haben eben gesagt, dass Sie immer noch aufgeregt sind, was die Aufgabe angeht. Das kann ich unglaublich verstehen, denn aus der Forscherstube, aus der Entwicklerstube in die Weltöffentlichkeit zu geraten und damit aber natürlich auch eine Riesenverantwortung zu übernehmen, ist schon sehr beeindruckend. Deshalb freue ich mich, dass wir später noch ein bisschen intensiver ins Gespräch eintreten können.

Ich sage einfach: Gratulation zu dem, was Sie geschafft haben. Das sollten Sie auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagen. Wenn wir sehen, wie viele Menschen im Augenblick an Corona sterben, weiß man, wie viele Leben das retten kann. Deshalb freuen wir uns natürlich auch in Deutschland schon auf den Tag, an dem das Impfen begonnen werden kann, wenn die Zulassung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur erteilt wird.

Das war es von meiner Seite. Ich übergebe an Jens Spahn, Anja Karliczek und dann haben Sie endlich das Wort. Wir sind ja eigentlich bei Ihnen zu Besuch. Man sagt ja: Eines Tages werden die Letzten die Ersten sein. Das sind Sie bei dem Besuch heute.

BM Spahn: Frau Bundeskanzlerin, liebe Anja Karliczek, liebe Frau Dr. Türeci, lieber Dr. Şahin, meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich freue mich sehr, dass wir zumindest virtuell digital die Gelegenheit zu einem Besuch ‑ wenn man es so nennen will ‑ haben. Wir haben uns aufgrund der gestrigen Situation, also der zusätzlichen Maßnahmen, entschieden, Sie nicht direkt in Mainz zu besuchen, sondern heute digital miteinander zu sprechen, um in dieser besonderen Zeit doch miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ein Impfstoff „Made in Mainz“, „Made in Germany“ ist tatsächlich in dieser Pandemie für die Welt Anlass zur Zuversicht. Wie die Bundeskanzlerin schon sagte: Ich finde, es gibt für uns in Deutschland guten Grund, ein ganzes Stück stolz darauf zu sein, dass dies ein erster Impfstoff ist, der aus Deutschland kommt. Ja, es gibt schon in anderen Ländern eine Zulassung, eine Notzulassung, für einen Impfstoff. Jetzt steht mit der EMA eine erste ordentliche Zulassung für die Europäische Union in Aussicht.

Wir starten in Deutschland folgendermaßen: Wenn sich alles so entwickelt, wie geplant, erfolgt die Zulassung über den 21. und 23. Dezember. Erst die EMA und dann die Europäische Kommission und auch die Europäische Union am 27. Dezember. Die anderen Länder wollen ab dem 27. Dezember mit den Impfungen beginnen können ‑ und beginnen auch ‑, nachdem gleichzeitig der Impfstoff an alle ausgeliefert worden ist. Was die Verhandlungen angeht, die die Europäische Kommission geführt hat und die wir begleitet haben, sind wir sehr dankbar, dass wir für alle 27 Mitgliedstaaten gleichzeitig die Verfügbarkeit eines Impfstoffes für die Stärkeren und die weniger Starken erreicht haben. Das ist gleichzeitig auch ein wichtiges Signal europäischer Solidarität.

Das Paul-Ehrlich-Institut wird nach der Zulassung natürlich noch die Chargen prüfen müssen. Einige fragen: Warum vom 23. bis zum 27. Dezember? Das erklärt die Zeit dazwischen. Es muss natürlich ausgeliefert werden. Vor allen Dingen müssen die Chargen vom Paul-Ehrlich-Institut freigegeben werden. Dann können wir mit den ersten Hunderttausenden Impfdosen, die ausgeliefert werden ‑ dann geht es beständig weiter ‑ tatsächlich starten.

Das alles zeigt: Hinter dem Impfen stecken nicht nur wissenschaftliche Exzellenz und Forschergeiste, sondern auch ein erheblicher logistischer Aufwand, den wir natürlich in Europa, im Bund und zusammen mit den Ländern betreiben, um das bestmöglich hinzubekommen.

Eines will ich noch ansprechen, weil das auch mit dem Impfstoff und seiner guten und hohen Wirksamkeit über alle Altersgruppen bis in die höchsten Altersgruppen zusammenhängt: Klar ist auch, wer zuerst geimpft werden soll. Ich werde morgen die entsprechende Impfverordnung unterzeichnen. Unser Ziel ist es, insbesondere zuerst diejenigen, die über 80 Jahre alt sind, zu schützen sowie diejenigen, die in Alten- und Pflegeheimen leben oder dort arbeiten, um eben die besonders Verwundbaren zuerst mit diesem sehr wirksamen Impfstoff zu schützen. Alle anderen werden darüber unterrichtet, wann sie dran sind, wenn sie dran sind. Auch das ist mir hier noch einmal als Botschaft wichtig: Wir starten bei den über 80-Jährigen und denen in den Alten- und Pflegeheimen. Dann wird nach und weiter darüber informiert, wer dran ist.

Impfen ist der Weg aus dieser Krise. Es ist ein Angebot, das wir als Staat und Gesellschaft machen können, weil es Forschergeist und Menschen wie Sie bei BioNTech gibt. Herr Şahin, wir haben über Monate Kontakt mit Ihnen und Ihrem Team gehabt. Ich habe das aus der Ferne ein bisschen mitbegleiten dürfen. Es ist einfach wahnsinnig toll zu sehen, dass das bis hierhin schon zu diesem Ergebnis geführt hat. Aber wir sind ja noch nicht ganz durch, wie Sie zu Recht anmerken. Jetzt geht es um die Auslieferung und das Impfen und natürlich um alles, was sich dann noch im Rahmen der Beobachtung ergibt. Ich freue mich einfach auf die weitere Zusammenarbeit.

BM’in Karliczek: Liebe Frau Bundeskanzlerin, lieber Jens Spahn, liebe Frau Türeci, sehr geehrter Herr Professor Şahin! Ich komme ein bisschen von einer anderen Seite. Wir haben Sie ja recht früh begleitet. In diesen Tagen ‑ das macht mich auch sehr stolz ‑ schaut die Welt natürlich auf BioNTech. Die Menschen setzen große Hoffnungen in Ihren Impfstoff und dass dieser Impfstoff sie in Zukunft vor COVID-19 schützt.

Wenn wir diese Pandemie in den Griff bekommen wollen, brauchen wir eine hohe Impfbereitschaft. Man sagt, 60 bis 70 Prozent der Menschen müssen sich impfen lassen, damit die Pandemie zum Stillstand kommt. Deswegen ist für mich das große Thema das Vertrauen und das, was wir tun können, um zu zeigen, wie diese Entwicklung voranschritten ist. Ich betone in diesen Tagen immer und immer wieder, dass an der Prüfung von Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs keine Abstriche gemacht worden sind. Im Gegenteil: Der Impfstoff ist an 440 000 Menschen ‑ zur Hälfte der richtige Impfstoff, zur Hälfte eben ein Placebo ‑ geprüft worden, und das ist eben auch das Besondere. In eine normale Phase-III-Studie werden eben nur 5000 Menschen oder maximal 10 000 Menschen eingeschlossen. Gerade durch diese viel größere Prüfgruppe liegen eben auch viel mehr Daten über Sicherheit und Wirksamkeit Ihres Impfstoffs vor, als das üblich ist, und das ist eben auch ein wesentlicher Grund dafür, dass wir heute schon über die Zulassung Ihres Impfstoffs sprechen können.

Sie haben damit ja eines geschafft, wenn man sieht, wie lange die Impfstoffentwicklung sonst dauert: Sie haben es geschafft, innerhalb von sehr, sehr kurzer Zeit einen ersten Kandidaten für einen Impfstoff gegen COVID-19 zu entwickeln. Daran haben Sie alle in Ihrer Firma mit Hochdruck gearbeitet; wir haben das ja eng verfolgt und auch regelmäßig Kontakt zu Ihnen gehabt. Ich darf an dieser Stelle einmal ganz herzlich Danke sagen, weil ich, glaube ich, weiß, was das bedeutet und wie Sie unter Strom gestanden haben.

Dass Sie so schnell sein konnten, hat eben auch damit zu tun, dass Sie auf jahrelange Erfahrung zurückgreifen können; denn Sie haben eben schon viel Kraft in die Entwicklung dieser mRNA-Technologie gesteckt, als noch niemand daran geglaubt hat. Das ist ja gerade schon gesagt worden. Die mRNA-Technologie hat in den ausgewerteten Daten ja auch eine hohe Wirksamkeit aufgezeigt, was bei Impfstoffen auch nicht überall und immer selbstverständlich ist. Auch das ist, finde ich, ein echter Erfolg für die Wissenschaft in unserem Land und natürlich für Sie ganz persönlich.

Für mich persönlich ist Ihr Erfolg auch ein Beweis und ein Ansporn; denn er zeigt, wie erfolgreich und wie wichtig eben auch langfristige Förderung ist. Ich werde in diesem Haus oder von Journalisten immer gefragt „Ja, was machen Sie denn da?“, und dann sage ich immer „Das, was wir machen, ist langfristig angelegt. Dabei kann man nicht von heute auf morgen mit einem Erfolg rechnen.“ Aber Sie sind jetzt das beste Beispiel dafür, dass es sich wirklich lohnt, diese langfristige Förderung auch weiterhin durchzuführen; denn bei Ihnen haben wir ja, wie gesagt, mit einer Start-up-Förderung begonnen, schon damals im Jahr 2008. Im Rahmen unserer damaligen Biotechnologieförderung hatten wir dann im Laufe der Jahre noch einmal die Möglichkeit, Sie über einen Forschungscluster zur Entwicklung von Therapien gegen Krebs zu begleiten, und jetzt gab es dann eben die Beschleunigungsförderung für den Impfstoff gegen COVID-19.

Für mich ist in unserem Gespräch immer von ganz großer Bedeutung, dass wir gemeinsam durch Transparenz Vertrauen schaffen und damit den Menschen ihre Fragen auch für medizinische Laien verständlich beantworten können. Deswegen möchte ich auch noch einmal an dieser Stelle betonen: Die gesamte Entwicklung war ein zeitoptimiertes Entwicklungsverfahren. Aber die üblichen und in Europa sehr hohen Standards der Entwicklung, der Datenerhebung und auch der dann folgenden Zusammenarbeit mit den Zulassungsbehörden wurden alle eingehalten. Deswegen darf ich Danke sagen. Schade, dass wir heute nicht persönlich bei Ihnen sein können ‑ ich hätte mich darauf gefreut ‑, aber in diesem Zusammenhang freue ich mich auf unser Gespräch. Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch für Ihren Erfolg!

Prof. Dr. Şahin: Danke schön! Ich glaube, jetzt ist es an mir, etwas zu sagen. - Liebe Frau Bundeskanzlerin, liebe Frau Karliczek, lieber Herr Spahn, einen sehr herzlichen Dank für die Zeit und die Aufmerksamkeit, die für uns eine große Ehre ist, für uns, unsere Mitarbeiter und unser gesamtes Team. Ich möchte Ihnen für das große Vertrauen und die Unterstützung danken, die wir in der Forschung und in unserem Unternehmen genossen haben und die es uns ermöglicht haben, heute hier zu sein und eine mögliche Lösung für diese Pandemie zu haben.

Dass wir das in nur elf Monaten geschafft haben, hat verschiedene Gründe. Ich möchte die Zeit nutzen, hier ein bisschen auf die Gründe einzugehen. Das ist zum einen, wie Sie, Frau Ministerin, gesagt haben, jahrelange Forschung. Wir sind an diesem Thema seit 30 Jahren dran. Uns interessiert, wie wir das Immunsystem aktivieren können, um Krebs zu bekämpfen, um Infektionskrankheiten zu bekämpfen und viele andere Krankheiten zu bekämpfen. Wir sind früh auf die Idee gekommen, dass mRNA-Technologie eine Technologie sein könnte, die uns das erlauben könnte, weil wir mit der mRNA-Technologie die Möglichkeit haben, Impfstoffe sehr schnell herzustellen. Wir haben sehr viel Zeit in unsere akademischen Forschungen in den Universitäten investiert, in denen wir durch die DFG, durch die Krebshilfe, durch das BMBF gefördert worden sind und in denen wir in verschiedenen Projekten die verschiedenen Fragestellungen adressiert haben, die zunächst grundlagenwissenschaftlich gewesen sind.

Wir haben eine Förderung bekommen, um das Unternehmen starten zu können, und diese Förderung war wichtig, um auch die Aufmerksamkeit von Investoren zu gewinnen und das Vertrauen von Investoren zu gewinnen, die an uns geglaubt haben, die an unsere Vision geglaubt haben, die uns ermöglicht haben, das Unternehmen zu gründen, und die auch die Geduld mitgebracht haben, diese Technologien, die wir entwickelt haben, über mehr als ein Jahrzehnt hinweg entwickeln zu können. Diese Förderung durch das BMBF und den Spitzencluster hat uns geholfen, die Technologien, die wir haben, nicht nur im Krebsbereich einzusetzen, sondern auch für den Infektionsbereich einzusetzen, was zunächst nicht im Mittelpunkt unseres Herzens war. Es ging vielmehr um eine Entwicklung, bei der wir gewusst haben, dass wir einen Unterschied machen können, aber natürlich niemals damit gerechnet haben, dass wir jetzt in eine Pandemiesituation hineinlaufen. Diese langfristige Forschung war extrem wichtig, um Technologien weiterzuentwickeln. Es ist kein Wunder, dass das 20 Jahre dauert. Es dauert immer mindestens 20 Jahre, bis wir etwas haben, das Menschen wirklich helfen kann.

Das Zweite sind Menschen. Wir haben das nur machen können, weil wir ein fantastisches Team haben, ein Team von internationalen Wissenschaftlern und Mitarbeitern aus 60 verschiedenen Ländern, die mit uns seit Jahren an diesem Thema arbeiten und die aufgrund ihrer Forschungsleistungen und aufgrund ihrer Expertise darauf vorbereitet waren, genau in dieser Situation schnell zu reagieren und konzentriert eine Lösung mit uns zu erarbeiten. Das wäre ohne den Einsatz dieser Mitarbeiter nicht möglich, die jedes Wochenende, seitdem wir dieses Projekt begonnen haben, gearbeitet haben, auch weiterarbeiten werden und nur dann ruhen werden, wenn wir es wirklich schaffen, diese Pandemie unter Kontrolle zu bringen.

Der dritte Aspekt ist internationale Kooperation. Wir wissen, dass wir diese Pandemie niemals alleine besiegen können. Uns war von vornherein klar, dass unsere kleine Firma nicht in der Lage sein wird, Milliarden Impfstoffdosen auszuliefern. Uns war klar, dass wir nicht die Kapazität haben, sehr schnell eine klinische Studie mit mehr als 40 000 Freiwilligen durchzuführen. Uns war klar, dass wir keine Zeit verlieren können. Wir sind deswegen eine Partnerschaft mit einem Unternehmen eingegangen, welches das seit Jahrzehnten macht und führend auf dem Gebiet ist, das Unternehmen Pfizer. Aber es war nicht nur Pfizer allein, sondern eine ganze Reihe weiterer Unternehmen, die uns bei der Bereitstellung von Rohstoffen und bei den Zwischenschritten für die Produktion geholfen haben, zum Beispiel eine Firma in Wien, die uns geholfen hat, klinisches Material herzustellen. Auch diese Firmen und diese Institutionen wurden mit Mitteln der Europäischen Union gefördert, die es ermöglicht haben, eine internationale Kooperation einzugehen, sodass wir auch vorbereitet waren und zusammenarbeiten konnten. Internationale Kooperation ist ein Schlüssel. Weil wir uns darauf konzentrieren konnten, dass wir diesen Impfstoff möglichst schnell herstellen können, war es uns möglich, wirklich jeden Tag zu nutzen.

Jetzt stehen wir vor einer sehr spannenden Zeit, da wir demnächst, wenn wir die Genehmigung von der europäischen Zulassungsbehörde bekommen, unseren Impfstoff ausliefern können ‑ wenn möglich, noch in diesem Jahr. Unsere Mitarbeiter werden über Weihnachten arbeiten, damit es wirklich möglich ist, dass der Impfstoff in jedem Land ankommt und jedes Land anfangen kann, die Personen zu impfen, die momentan prioritär Hilfe benötigen. Wir sind zuversichtlich, dass wir, wenn wir zusammenarbeiten, im nächsten Winter schon wieder ein normales Leben haben können und nicht mehr die Notwendigkeit haben werden, in einen Shutdown hineinzugehen. ‑ Özlem, würdest du weitermachen?

Dr. Türeci: Ja, klar. ‑ Ich möchte mich auch erst einmal ganz herzlich bedanken, verehrte Frau Bundeskanzlerin, verehrte Frau Karliczek und Herr Spahn, für diesen Besuch oder diese Einladung ‑ wie auch immer man das nennen möchte. Das ist für uns eine sehr große Ehre.

Sie haben es schon von Herrn Şahin gehört: Die vergangenen zwölf Monate waren für unser Unternehmen, unser Team, sehr, sehr aufregend. Die Mission war immerhin, das, was unmöglich schien, möglich zu machen ‑ eine Mission, die für uns immer noch eine Herzensangelegenheit ist.

Als wir im Januar an die Startlinie getreten sind, waren für uns drei Dinge klar, und diese waren unverhandelbar:

Der erste wichtige Punkt war für uns die Schnelligkeit, ohne Abkürzungen zu nehmen, und nach höchsten wissenschaftlichen und ethischen Standards zu arbeiten.

Der zweite wichtige Punkt für uns war, eine hohe Wirksamkeit mit unserer Impfung zu erreichen. 95 Prozent ist das, was wir geschafft haben, und diese 95 Prozent bedeuten, dass über alle Altersgruppen und Ethnizitäten hinweg jemand, der geimpft wird, sich nicht irrtümlich in Sicherheit wiegen muss, und sie bedeuten auch, dass die Herdenimmunität ‑ und das ist der einzige Weg zurück in die Normalität ‑ schnell erreichbar wird.

Der dritte wichtige Punkt war für uns die Verträglichkeit. In unserer klinischen Studie mit über 44 000 Freiwilligen haben wir gezeigt, dass wir im Grunde die Nebenwirkungen sehen, die wir von üblichen so breit eingesetzten Impfungen kennen ‑ mit unserer Impfung in milder bis moderater Ausprägung und vorübergehend auftretend. Die Verträglichkeit wird auch weiterhin engmaschig überprüft, auch in all den Ländern, in denen Notfallzulassungen erfolgt sind und in denen mittlerweile viele weitere Geimpfte diese Datenbasis vergrößert haben. In Großbritannien wurden mittlerweile 140 000 Menschen geimpft, und die Verträglichkeitsdaten sind genau so, wie wir sie in unserer klinischen Studie gezeigt haben.

Dass wir diese drei Ziele tatsächlich erreichen konnten, liegt zum einen an den Besonderheiten der mRNA-Technologie und daran, dass sie in der Phase, in der wir sie erforscht haben, unterstützt worden ist ‑ Herr Şahin ist darauf schon eingegangen. Ein weiterer Grund, den ich noch einmal hervorheben möchte, ist, dass wir vor allen Dingen auch auf den pharmazeutischen Entwicklungsteil und auf die klinische Testung, die uns in diesem Projekt dann bevorstanden, vorbereitet waren. Wir waren vorbereitet, weil wir als Pioniere über Dekaden auch klinisch, im Menschen, Erfahrung gesammelt haben mit dem Einsatz der mRNA-Technologie, ihrer Verträglichkeit und ihrer Wirksamkeit, und zwar in Krebspatienten ‑ und nicht nur wir alleine, sondern wir zusammen mit der zuständigen deutschen Arzneimittelbehörde und Zulassungsbehörde, dem Paul-Ehrlich-Institut, das uns mit tiefem Einblick in unsere Daten und mit Rat über diese Jahre in den klinischen Studien begleitet hat.

Das Etappenziel, das wir uns sehr gewünscht haben, ist nun bald erreicht, nämlich, unseren Impfstoff auch unseren Mitbürgern hier in Deutschland zur Verfügung zu stellen. Als Ärztin denke ich da auch ganz besonders, wie Sie erwähnt haben, Herr Spahn, an diejenigen, die besonders vulnerabel, also sehr verwundbar sind, nämlich die Senioren und die kranken Mitbürger, denen ich sehr wünsche, dass sie bald wieder ohne Risiko mit ihren Lieben vereint sind ‑ gerade auch jetzt über die Weihnachtszeit. Als Ärztin denke ich natürlich auch an das medizinische Personal, an die Schwestern, Pfleger und Ärzte, die an vorderster Front unter persönlichem Risiko Unglaubliches leisten.

Lassen Sie mich abschließend noch sagen: Das Etappenziel ist erreicht, aber der Marathon ist noch nicht ganz vorüber. Unser Team hier bei der BioNTech hat in den vergangenen Monaten Nächte und Wochenenden durchgearbeitet und Urlaube verschoben. Viele werden das jetzt auch über Weihnachten tun, um Auslieferungen zeitnah zu ermöglichen. Uns ist auch klar, dass wir wahrscheinlich tief in das nächste Jahr hinein noch an diesem Programm, an diesem Projekt arbeiten werden, weil es uns ganz wichtig ist, dass wir alle in die Normalität zurückkehren können.

Wonach wir uns sehnen ‑ auch das möchte ich Ihnen gerne sagen ‑, ist, dass wir, wenn diese Mission geschafft ist, zu unserer ursprünglichen Vision zurückkehren können, nämlich auch im Bereich der Immuntherapie von Krebspatienten und anderen Infektionserkrankungen wie HIV und TBC mit dieser und anderen Technologien, die wir entwickelt haben, unseren Beitrag zu leisten, und zwar aufbauend auf dem, was wir, unsere Partner und auch die Zulassungsbehörden weltweit in diesem sehr außergewöhnlichen Jahr gelernt haben.

Ich danke Ihnen noch einmal!

BK’in Merkel: Wenn ich vielleicht zum Abschluss noch eine Frage stellen kann, bevor wir uns aus dem Livestream verabschieden: Im Januar hat die Welt ja langsam über dieses neue Virus erfahren und gesehen, dass es sich sehr schnell ausbreitet. Wann haben Sie dann gesagt „Das ist unsere Mission“, wie kam das?

Daran anschließend: Als vor Jahren die ersten SARS-Viren auftraten, hatte man ja schon einmal versucht, Impfstoffe zu entwickeln. Hatten Sie damals auch schon daran gedacht? Mich würde einfach interessieren: Saß man dann eines Morgens zusammen beim Kaffee und hat gesagt „Das ist es, worauf wir uns jetzt stürzen“, oder wie ging das?

Dr. Türeci: Ich kann das gern beantworten. Ich kann mich genau an den Tag erinnern: Am 24. Januar haben wir am Frühstückstisch die Entscheidung getroffen, dass wir einen Startschuss geben müssen. Herr Şahin hat aus einer Publikation, in der Fälle in Wuhan beschrieben wurden, geschlussfolgert ‑ was ja alle erst später realisiert haben und wahrnehmen konnten ‑, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Pandemie anstehen könnten, und hat uns alle ‑ das heißt, unsere gesamte Firma, unseren Aufsichtsrat, unsere Gesellschafter ‑ dann alarmiert und bewogen, dass wir diesen Pivot von der Krebstherapie in dieses Programm hinein machen und unsere Ressourcen in die Entwicklung eines Impfstoffes umleiten. Die gesamte Firma, alle Partner und Gefährten, sind dem gefolgt. Das heißt, ab dem 24. Januar gab es bei uns diesen Startschuss, und seit diesem Tag ist, so wie es sich für Lichtgeschwindigkeit gehört, an keinem einzigen Tag geruht worden, um an diesem Programm zu arbeiten.

BK’in Merkel: Eine tolle frühe Erkenntnis einer weitreichenden Sache! ‑ Ich würde sagen, wir verabschieden uns jetzt aus dem öffentlichen Teil.

Donnerstag, 17. Dezember 2020