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Montag, 09. November 2009

Interview

Die Wiedervereinigung ist ein unvorstellbares Glück!

Interview mit:
Angela Merkel
Quelle:
in "Bild"

Bundeskanzlerin Angela Merkel erinnert sich im Interview mit der Bild-Zeitung an ihr Leben zu DDR-Zeiten. Sie ist erfreut darüber, dass der 20. Jahrestag des Mauerfalls auf so viel Aufmerksamkeit stößt und möchte, dass es für alle ein "Tag der Erinnerung" wird.

Angela Merkel (damals noch Kasner) 1973 beim Camping mit Freunden. Merkel - wollte als Teenager mehr Freiheit. Foto: picture-alliance/ dpa

Das Interview im Wortlaut:

 

Bild: Frau Bundeskanzlerin, vor zwei Wochen staunte Deutschland über ein Foto, das Sie als Teenager im Bikini am Ostseestrand zeigt. Wie war der Sommer damals in der DDR ? 

 

Angela Merkel: Ferien waren einfach immer schön. Im Sommer ist die Familie oft an die Ostsee gereist.

 

Bild: Wovon träumten Sie als Teenager in der DDR ? 

 

Merkel: Von den "Beatles", von der weiten Welt. Von der ersten Liebe und guten Freunden. Wir haben oft die Ferien gemeinsam mit Verwandten aus Westdeutschland verbracht und ich glaube, dass sich die Teenager-Träume in Ost und West nicht groß unterschieden.

 

Bild: Was fehlte einem Teenager in der DDR? 

 

Merkel: Ach, man stieß so schrecklich schnell an Grenzen. Ob das nun Jugendzeitschriften, bestimmte Zeitungen oder Modemagazine waren. Einmal, erinnere ich mich, wollte ich so gerne eine gelbe Bluse haben. Die gab es nicht. Allerdings sagte dann meine Tante aus dem Westen, dass es Gelb auch dort nicht gäbe, weil es gerade nicht die Mode wäre. Das habe ich nicht geglaubt, weil ich dachte, im Westen gibt es doch immer alles.

 

Bild: Was musste man als Kind in der DDR haben, um „in" zu sein? 

 

Merkel: Mein Vater hat als Pfarrer zwar nicht viel Geld verdient, aber wir hatten Verwandte in Hamburg, die uns immer mal wieder was geschickt haben. Darum gab es bei uns zu Hause durchaus Füller einer bestimmten Marke, schöne Hefte oder als absolute Sensation eine West-Federtasche. Aber die habe ich Freunden nur zu Hause gezeigt.

 

Bild: Was machte den Reiz aus? 

 

Merkel: Dass es das so nicht gab in der DDR, Und dieser Stolz führte so weit, dass ich einmal eine Kokosnuss so lange aufbewahrt habe, bis die Milch im Innern getrocknet war - und nichts mehr Flüssiges rauskam, als wir sie schließlich anbohrten.

 

Bild: Stimmt es, dass sich DDR-Bürger an ihre "erste Banane" erinnern können? 

 

Merkel: Für mich gilt das nicht. Bananen oder Pfirsiche gab es ja manchmal, aber eben nicht immer.

 

Bild: Wie empfanden Sie dann die Entscheidung Ihres Vaters, Mitte der 50er-Jahre aus Hamburg in die DDR zu ziehen? 

 

Merkel: Ich habe damit nicht gehadert. Aber irgendwann habe ich meinen Eltern erklärt, dass ich mich durch ihre Entscheidung nicht lebenslang an die DDR gebunden fühlen würde. Wenigstens theoretisch wollte ich mir die Freiheit erhalten.

 

Bild: Warum ist Ihr Vater damals übergesiedelt? 

 

Merkel: Für meinen Vater war immer klar, nach dem Studium zurückzugehen in seine ostdeutsche Heimat. Er fand es wichtig, die Christen dort ordentlich zu betreuen. Und meine Mutter ist ihm aus Liebe gefolgt. 

 

Bild: Warum sind Sie der SED-Jugendorganisation FDJ beigetreten? 

 

Merkel: Die eigentliche Entscheidung war früher, ob man den Pionieren beitrat oder nicht. Das habe ich zunächst nicht gemacht. Und dann nach einem Jahr doch, weil das Leben unter Freunden, in der Gemeinschaft nun einmal in diesem Rahmen ablief und viel weniger in der Schule angeboten wurde.

 

Bild: In Ihrer Rede vor dem US-Kongress haben Sie den 1994er-Satz von Bill Clinton zitiert: "Alles ist möglich." Hätten Sie so etwas auch in den 70ern geglaubt? 

 

Merkel: Nein. Sogar in den 80er-Jahren hätte ich nicht geglaubt, dass zu meinen Lebzeiten die Mauer fällt.

 

Bild: Jeder weiß, dass Sie am Abend des Mauerfalls am 9. November in der Sauna saßen und dann nach Westberlin gingen. Wo waren Sie am 10.?

 

Merkel: Schon um kurz nach sieben Uhr morgens an meinem Schreibtisch in der Akademie der Wissenschaften. Am Abend bin ich mit meiner Schwester noch mal nach Westberlin gegangen. 

 

Bild: Haben Sie da schon an die Einheit gedacht? 

 

Merkel: Nein, nicht konkret. Viele meiner Freunde hofften damals noch auf einen eigenständigen „dritten Weg". Das sah ich anders. Ich war absolut nicht traurig, dass mit dem Mauerfall alle theoretischen Chancen für eine irgendwie sozialistische DDR verschwanden. 

 

Bild: Wann haben Sie Helmut Kohl das erste Mal politisch wahrgenommen ? 

 

Merkel: Als er 1982 Bundeskanzler wurde. Wir haben zu Hause Helmut Schmidt sehr geschätzt, aber ich fand die Häme, die Helmut Kohl da entgegenschlug, ungerecht. Sehr gut erinnere ich mich auch, wie ich beim Honecker-Besuch bei Helmut Kohl in Bonn 1987 bei den Tischreden parallel West- und Ostfernsehen geguckt habe, weil die Kommentierungen so verschieden waren. 

 

Bild: Und in den Tagen des Mauerfalls ...? 

 

Merkel: Ich fand Helmut Kohl sehr entschlossen und besonnen. Und ich war fassungslos, als er kurz nach dem Mauerfall vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin ausgebuht wurde.

 

Bild: Das Leben in der DDR änderte sich danach rasant und total ... 

 

Merkel: Für viele Menschen war es eine große Umstellung und ein ziemlicher Umbruch. Allerdings wurde nicht schlagartig der komplette Teppich unter den Füßen weggezogen. Das Leben ging ja weiter, man lebte in derselben Wohnung mit denselben Möbeln und schlief im selben Bett. Und es gibt Angestellte, die bis heute in ihren alten Firmen beschäftigt sind. 

 

Bild: Was bedeutet für Sie Eigentum? 

 

Merkel: In der DDR wusste man sehr genau, was Eigentum war. Vor allem jene wussten es, denen es der Staat wegnahm, wie den Eltern meines ersten Mannes, die eine kleine Textilfabrik hatten. 

 

Bild: Gibt es für Sie ein Stück Eigentum, das Ihnen besonders am Herzen liegt? 

 

Merkel: Mein Wochenend-Grundstück in der Uckermark. Das ist Heimat. 

 

BILD: Hat sich Ihr Begriff von Eigentum verändert? 

 

Merkel: Nein. Eigentum war immer etwas, das man mehren und pflegen und weitergeben will, Das ist gut so. Aber es gibt eine andere Facette, die mich manchmal stört: Nach der Wende konnte man zu Unrecht weggenommenes Eigentum zum Teil zurückgeben. Aber weggenommene Lebenschancen konnten wir nicht zurückgeben - wenn jemand im Gefängnis gesessen hatte, nicht studieren durfte oder in seinem beruflichen Fortkommen behindert wurde. 

 

Bild: Was meinen Sie? 

 

Merkel: Ich weiß zum Beispiel von einem Arzt, der sich sehr engagiert in einem mies ausgestatteten DDR-Krankenhaus herumschlug und privat in der Ostberliner Innenstadt wohnte. Nach der Wende wurde das ganze Haus rückübertragen und er konnte sich von seiner kleinen Rente die steigende Miete nicht mehr leisten und musste ausziehen. 

 

Bild: Nach der Wende stießen zwei Denk-Welten auch bei Freiheit, Sicherheit, soziale Gerechtigkeit zusammen. Wie reihen Sie diese Werte? 

 

Merkel: Ich möchte die Freiheit um keinen Preis missen. Und ich will eine Freiheit, die möglichst vielen soziale Sicherheit bietet. 

 

Bild: Was werden Sie die nächsten vier Jahre tun, um diese Freiheit zu mehren? 

 

Merkel: Die Menschen müssen Arbeit haben. Das ist mein zentraler Punkt für die nächsten vier Jahre. Eigenes Geld zu verdienen und darüber verfügen zu können - das ist ein ganz wichtiger Teil persönlicher Freiheit. Der Staat muss denen helfen, die Hilfe brauchen. Aber jedem, der aus eigener Kraft leben kann, sollte diese Chance gegeben werden. 

 

Bild: Ist das 20. Jubiläum des Mauerfalls anders als frühere Jahrestage? 

 

Merkel: Es ist interessant, dass der 20, Jahrestag des Mauerfalls so viel mehr und andere Aufmerksamkeit bekommt als der zehnte Jahrestag. Es gibt ein Bedürfnis vieler Menschen, mehr darüber zu erfahren. Auch ich werde von vielen nach meinen Erfahrungen in der DDR-Zeit gefragt. Erst jetzt interessieren sich viele dafür, wie das Leben, der Alltag waren. 

 

BILD: Der 9. November steht aber nicht nur für Mauerfall 1989, sondern auch für brennende Synagogen 1938. Wie erklären Sie, dass die Deutschen als Volk zu beidem fähig waren? 

 

Merkel: Für brennende Synagogen und den folgenden Holocaust habe ich überhaupt keine Erklärung. Das war, ist und bleibt unfassbar. 

 

BILD: Zum Jubiläum des 9. November 1989 sind heute über 30 Staats-und Regierungschefs in Berlin. Was sollen sie mitnehmen? 

 

Merkel: Es soll ein Tag der Erinnerung an den Mauerfall werden. Und uns alle daran erinnern, was für ein unvorstellbares Glück wir mit der Wiedervereinigung Europas und Deutschlands hatten. Das Brandenburger Tor ist ein Symbol auf der ganzen Welt für den Fall des Eisernen Vorhangs und das Ende des Kalten Krieges. Über den Fall der Mauer vor 20 Jahren können sich heute die Deutschen und alle Europäer freuen. Und eigentlich auch die ganze Welt. 

 

Das Interview führten Nikolaus Blome und Kai Diekmann.