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Dankesrede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Überreichung des Großen Goldenen Ehrenzeichens am Bande durch den Bundeskanzler der Republik Österreich am 27. August 2015

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Donnerstag, 27. August 2015
Ort:
Wien

Sehr geehrter Herr Bundeskanzlerin, lieber Werner Faymann,
sehr geehrter Herr Vizekanzler,
sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrte Herr und Frau Buchbinder,
sehr geehrte Gäste dieser Verleihung,

ich möchte mich für die freundlichen Worte ganz herzlich bedanken. Es bedeutet mir viel, dieses Ehrenzeichen zu empfangen, noch dazu in diesem Jubiläumsjahr. Wir haben nämlich 70 Jahre nach Gründung der Zweiten Republik und 60 Jahre, nachdem Österreich per Staatsvertrag wieder volle Souveränität erlangte. Eigentlich müsste ich also gratulieren, und das tue ich auch sehr gerne. Aber mindestens genauso gerne nehme ich auch diese Auszeichnung an.

Ich bin mir bewusst, dass ich diese Ehrung nicht erfahren könnte, wenn wir es nicht unzähligen Bürgerinnen und Bürgern zu verdanken hätten, dass unsere beiden Länder so gut, so partnerschaftlich, so freundschaftlich und so eng verbunden sind. Wir sprechen ja nicht nur die gleiche Sprache – oder sagen wir einmal fast die gleiche –, sondern wir haben auch viele kulturelle Gemeinsamkeiten. Wir teilen eine jahrhundertelange Geschichte mit all ihren Höhen und all ihren Tiefen.

Unsere gemeinsame Ländergrenze trennt uns nicht mehr. Vielmehr verbindet sie uns. Zahlreiche Österreicher und Deutsche leben und arbeiten im jeweils anderen Land. Dass sich jedes Jahr sage und schreibe rund elf Millionen Deutsche nach Österreich, in das wunderbare Urlaubsland Österreich, in das Kulturland Österreich, in den Süden aufmachen, spricht für sich. Österreich ist immer wieder eine Reise wert. Und ich muss sagen: Die Deutschen wissen eben Qualität zu schätzen, und deshalb kommen sie zu Euch.

Das sage ich auch aus eigener Erfahrung, denn ich bin hier nicht nur an besonderen Tagen wie heute. Es ist wahrlich etwas ganz Besonderes, das Große Goldene Ehrenzeichen am Bande entgegenzunehmen – und das auch noch in Räumlichkeiten, in denen vor 200 Jahren zum Beispiel der Wiener Kongress tagte. Hier wurde eine Ära begründet, die dem europäischen Kontinent endlich, wenn damals auch nur vorübergehend Frieden bringen sollte.

Wir leben heute in anderen Zeiten mit anderen Herausforderungen. Aber eines haben wir aus der Geschichte gelernt: Den Menschen in Österreich und Deutschland wird es auf Dauer nur dann gutgehen, wenn es ganz Europa gutgeht. Das ist das, was uns in unserer Arbeit auch verbindet. Bei allen Unterschieden, die wir manchmal in der Beurteilung haben, das Eigentliche, was zählt, ist, dass wir Lösungen finden.

Wir Europäer sind eine Schicksalsgemeinschaft und verstehen uns als solche auch als eine Rechts- und Verantwortungsgemeinschaft. Das sind Worte, die wir an den Festtagen oft gebrauchen, aber im Augenblick leben wir wieder in Zeiten, in denen sie mit Leben erfüllt werden müssen. Deshalb kann nur europäische Solidarität Lösungen bringen, verbunden in jedem Falle mit dem Bekenntnis zur eigenen Verantwortung.

Genau nach diesen Grundsätzen haben wir in den letzten Jahren viel unternommen. Wir haben dabei einiges erreicht. Wir haben vor wenigen Wochen schwierige Stunden auch des Nachts verbracht, als wir um einen Weg für Griechenland gerungen haben. Es war richtig, Griechenland mit einem dritten Hilfspaket wieder auf einen hoffentlich guten Weg zu schicken. Die finanz- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen sind groß. Dass wir sie bewältigen, ist auch die Voraussetzung dafür, dass wir in der Welt eine Stimme haben und dass wir überhaupt mit Kraft für unsere Grundsätze kämpfen können.

Wir sehen in diesen Tagen, dass Europa auf der einen Seite für viele Menschen der Ort ist, mit dem sie Hoffnung verbinden und an dem sie sich Sicherheit erhoffen. Damit ist Europa ein Hoffnungsfaktor. Wir sprechen sehr viel über die Belastung oder die Herausforderungen, die wir jetzt mit den Flüchtlingen, die zu uns kommen, mit den Menschen, die zu uns kommen, haben. Aber dass sie zu uns kommen, dass sie sehr stark nach Österreich und nach Deutschland kommen, muss uns eigentlich, wenn wir einmal in unsere Geschichte blicken, mit ein klein wenig Freude erfüllen. Denn diese Menschen erhoffen sich, bei uns ein besseres Leben führen zu können. Daraus ergibt sich auch eine große Verantwortung.

Wir haben heute den ganzen Tag deutlich gemacht, dass wir unsere humanitäre Verantwortung ernst nehmen. Wir wissen, was Krieg und Terror bedeuten. Unsere ältere Generation hat das noch erlebt. Viele Menschen haben auch erfahren, wie wichtig es war, dass man fliehen konnte und woanders wieder eine Heimat gefunden hat. Deshalb sind wir aufgefordert, mit dieser Herausforderung verantwortlich umzugehen und unseren Grundsätzen, also dem, was wir alle in unseren Verfassungen und in unseren politischen Programmen stehen haben, auch zu entsprechen.

Aber so, wie wir eben sagen „Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft“, so werden wir als einzelne Mitgliedstaaten auch nicht alleine diese Herausforderung bewältigen. Der europäische Anspruch muss vielmehr sein: Wir müssen das europäisch bewältigen – und zwar immer nach dem Prinzip der gemeinsamen Solidarität und der gemeinsamen Verantwortung.

Dass wir dies nicht nur innerhalb der Europäischen Union wahrnehmen, sondern auch darüber hinaus mit möglichen zukünftigen Mitgliedstaaten, haben wir auf der Westbalkankonferenz heute schon bewiesen. Ich habe mich sehr gefreut, dass es für Österreich eine Selbstverständlichkeit war, als wir im letzten Jahr gefragt haben: Wollt ihr das vielleicht in der Folge der Berliner Konferenz übernehmen? Das war nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern darin hat sich auch etwas widergespiegelt, was Sie in den letzten 25 Jahren exemplarisch gelebt haben. Ich glaube, kein Land der Europäischen Union hat immer wieder so enge Beziehungen zu den Staaten des westlichen Balkans aufgebaut und gelebt. Sie sind zum Teil Nachbarn. Deshalb war das heute ein guter Tag hier in Wien, auch ein exemplarischer Tag für unsere Zusammenarbeit. Es ist Einiges in Gang gekommen, was uns freuen kann. Wir müssen aber dranbleiben. Frankreich wird nächstes Jahr der Gastgeber sein.

Wir haben andere Sorgen, die uns begleiten. Ich will den Konflikt um die Ukraine nennen. Österreich und Deutschland sind Länder, die in den letzten Jahren sehr viel investiert haben, auch in ein gutes Verhältnis mit Russland. Gleichzeitig mussten wir erleben, dass die Annexion der Krim und das, was sich in der Region von Lugansk und Donezk abspielt, allen europäischen und internationalen Prinzipien zuwiderläuft und dass das Völkerrecht gebrochen wurde. Nichtsdestotrotz sagen wir, wiederum als Lehre aus unserer Geschichte, militärisch ist ein solcher Konflikt nicht zu lösen. Wir brauchen diplomatische Lösungen und setzen uns in unterschiedlicher Weise auch genau dafür ein.

Uns werden weitere Herausforderungen begegnen, aber wir haben gerade auch durch die deutsch-österreichische bzw. österreichisch-deutsche Freundschaft ein enges Band geknüpft, das hilfreich für die Lösung europäischer Probleme ist. Deshalb ist für mich die Verleihung dieses Ehrenzeichens ein Ausdruck dieser allgemeinen Nähe zwischen unseren Ländern.

Deshalb sage ich persönlich Danke. Aber ich sage auch im Namen von vielen Menschen in Deutschland Danke, dass sich in dieser Auszeichnung etwas symbolisiert, was Menschen allerorten erleben, ob nun hier oder in Salzburg, wo ich Herrn Buchbinder auch schon hören konnte, weshalb es mir eine große Freude, eine wirklich riesengroße Freude und eine unglaubliche Überraschung war, dass Sie heute etwas gespielt haben und dass Ihre Frau mit dabei ist. Das zeigt, dass es eben nicht nur die politische Dimension gibt, sondern auch eine, die darüber hinausgeht.

Ganz herzlichen Dank Dir, lieber Werner Faymann, und allen, die heute hier dabei sind und die etwas für die deutsch-österreichische Freundschaft tun. Danke schön.

Donnerstag, 27. August 2015