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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premierminister Jean-Claude Juncker zur Übergabe des Verdienstkreuzes an Juncker

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Freitag, 08. November 2013
Ort:
Meseberg

in Meseberg

BKin Merkel: Lieber Jean-Claude, sehr geehrter Herr Premierminister, lieber Herr Schäuble, meine Damen und Herren,

im Jahre 2006 sagte der damalige Karlspreisträger, Jean-Claude Juncker, ich zitiere: "Der Euro und ich, wir sind die einzigen Überlebenden des Maastrichter Vertrages." Diese Worte hast du gesprochen und dabei gemeint, dass einiges zu tun ist, um Maastricht zu revitalisieren. Aber ich würde sagen, als Überlebender bist du noch in einer vergleichsweisen stabilen Verfassung und das freut uns. Du verkörperst politische Stabilität. Fast 19 Jahre lang hast du als luxemburgischer Premierminister die Geschicke deines Landes mitgeprägt, aber du warst eben auch ein Europäer par excellence - ob als Finanzminister, ob als Premierminister, als langjähriger Vorsitzender der Eurogruppe oder schlichtweg als Bürger Luxemburgs, der Europa geradezu lebendig verkörpert und unglaubliche Integrationsleistung vollbracht hat.

In Luxemburg ist ja die Überzeugung fest verankert, dass euer Landeswohl nur in einem geeinten Europa gelingen kann. Mit Sprachen, Sichtweisen, Kultur der beiden Länder Frankreich und Deutschland sind die Luxemburger nicht nur vertraut, sondern ihr könnt damit auch gut jonglieren. Das macht es leichter, Türen in Europa zu öffnen, die als verschlossen gegolten haben und zwar weit über Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Benelux hinaus. Der Charme, der dir innewohnt, die Glaubwürdigkeit lässt verstehen, dass du in Europa immer wieder neue Räume erschließen konntest.

Wir wissen aus einer Umfrage in Deutschland aus dem Jahr 2021, du bist der beliebteste ausländische Regierungschef im Euroraum: 76 Prozent nannten deine klare Führungsposition. Aber dein Wirken wurde beileibe nicht nur in Umfragen gewürdigt. Du hast vergleichbar so viele Einladungen in Deutschland wie Wolfgang Schäuble und ich, vielleicht sogar noch mehr. Du konntest nie alle erfüllen, hast Ehrendoktorwürde, Orden und vieles andere erhalten.

Ich will daran erinnern, 1988 hast du das Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband bekommen. Damals warst du Anfang 30 und schon auf den Sprung in das Amt des Finanzministers. Solche Verleihungen erfolgen in der Regel teils für bislang Erreichtes, teils aber auch als Ansporn für weitere Verdienste.

Die Hoffnungen, die 1988 auf dich gesetzt wurden, hast du seitdem mehr als erfüllt. Deshalb findet das, was vor 25 Jahren begann, heute die verdiente Fortsetzung. Es ist mir eine große Ehre, dir den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland in seiner höchsten Form des Großkreuzes zu überreichen. Sieh diese Anerkennung als Anerkennung deiner Verdienste an, aber vielleicht auch als Motivation, Europa nicht zu vergessen.

Schon in deiner Dankesrede bei der Karlspreisverleihung im Jahr 2006 hast du gesagt, ich zitiere: "Wir sind mit der europäischen Währungskonstruktion nicht fertig." Zitat Ende. Ich glaube, das gilt auch 2013 noch. Du hast damals lange vor der bitteren Lehre der europäischen Schuldenkrise einen stärkeren wirtschaftspolitischen Rahmen gefordert. Dass wir auf dem Weg sind, das mehr und mehr zu gestalten, ist auch dein Verdienst.

Ich sage, danke. Ich sage, bewahre dir deinen Humor. Lass uns weiter an deinem Sachverstand teilhaben. Danke, dass wir heute Abend zusammen sind.

Jetzt kommt der in Deutschland gut formalisierte Teil der Veranstaltung.

PM Juncker: (… akustisch unverständlich) lieber Wolfgang, es ist mir eine besondere Freude, diese Anerkennung der Bundesrepublik Deutschland so gefasst wie möglich entgegen zu nehmen.
Die letzte Bundesauszeichnung habe ich vor 25 Jahren gekriegt als junger Arbeits- und Haushaltsminister. Danach bin ich Finanzminister und Premierminister geworden. Die Beziehungen zur Bundesrepublik haben sich auf eine sehr natürliche, sehr spontane Art und Weise weiter entwickelt, in dem sie vertieft wurden.

Du hast eben gesagt, vor einem Jahr wäre ich der beliebteste, ausländische Regierungschef in Deutschland. Zeitgleich bin ich das auch in Griechenland geworden. Wer ist in Deutschland und Griechenland der beliebteste Regierungschef? Ich bin mir der Sonderstellung bewusst. Beides passt eigentlich zusammen, wenn man über europäische Dinge und den Fluss der Dinge nachdenkt.

Ich habe mich Deutschland immer besonders nahe gefühlt – von frühester Jugend an. Das ist so geblieben und eigentlich hat sich das noch verstärkt. Ich habe noch einen tollen Vater. Der war deutscher Soldat, zwangsrekrutierter deutscher Soldat. Der hat mich aber, das ist Teil seiner Lebensleistung, deutschlandfreundlich erzogen. Das konnten nicht alle nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich habe bei ihm sehr früh das notwendige europäische Rüstzeug mit auf den Weg gekriegt. Das hat mit Deutschland, mit denen, die Deutschland geführt haben, mit dem deutschen Selbst sehr viel zu tun.

Das, was wir heute als selbstverständlich empfinden, war in den 50er Jahren überhaupt nicht selbstverständlich. Ich bin ein Kind er 50er Jahre. Insofern genieße ich diesen Moment. Vielen, herzlichen Dank! Danke.

BKin Merkel: Danke. Als du das eben sagtest, wir sind ja hier von der politischen Seite ein ganz eigenwilliges Trio. 1988 war Meseberg wahrscheinlich ein Kindergarten. Das Gutshaus war jedenfalls zweckentfremdet. Ich weiß nicht, ob als Konsum oder Kindergarten. Das habe ich vergessen. Konsum! Wie auch immer. Jedenfalls ganz anders.

Man hätte sich damals nicht hoffen lassen, dass wir hier stehen und miteinander sprechen. Wolfgang Schäuble hat dann den Einigungsvertrag verhandelt. Insofern ist hier vieles lebendig, was heute Europa ausmacht. Denn es ist ein anderes Europa als 1988. Eben eine wunderbare europäische Einigung. Danke schön.

Freitag, 08. November 2013