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Im Wortlaut

Ansprache von Bundeskanzlerin Merkel an die Schülerinnen und Schüler des Joseph-König-Gymnasiums am 20. Oktober 2015

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 20. Oktober 2015
Ort:
Haltern am See

Sehr geehrter Herr Wessel,
sehr geehrter Herr Klimpel,
liebe Frau Löhrmann,
vor allem liebe Schülerinnen und Schüler,

ich bin hierher nach Haltern gekommen, um Ihre Schule, die so etwas Furchtbares erleben musste, zu besuchen. Ich habe das im April nach der Trauerfeier im Kölner Dom dem Direktor und einigen Eltern und Angehörigen gesagt, die ich natürlich auch heute sehr herzlich grüßen möchte. Ich will einfach deutlich machen, dass ich an Sie denke, dass die Bundesregierung an Sie denkt und dass auch viele Menschen in Deutschland weiter an Sie denken – Menschen, die Kinder haben, die Schülerinnen und Schüler haben und mit Ihrer Schule mitfühlen.

Ich möchte mich bei den Schülerinnen und Schülern bedanken, mit denen ich heute sprechen konnte, auch bei den Eltern und Angehörigen und natürlich bei Herrn Wessel und den Lehrerinnen und Lehrern.

Als ich hier hereinkam, die Bäume und das Licht gesehen habe – und diese Stahlplatte, in der etwas fehlt und in der die Namen sichtbar sind, weil eben dort kein Stahl ist –, woran Sie jeden Tag vorbeigehen, da ist mir noch einmal deutlich geworden, welche Trauer Sie auf der einen Seite hier an dieser Schule haben, aber auch mit wie viel Liebe, Mitgefühl und Gefühl diese Schule mit diesem schrecklichen Ereignis umgeht und versucht, damit fertig zu werden.

Wenn man die Bilder der beiden Lehrerinnen und der Schülerinnen und Schüler sieht, dann weiß man, sie waren genauso fröhlich, sie waren genauso lernbegierig, sie waren Freunde, sie waren die Liebsten der Eltern. Jeder hat sie gekannt. Ich finde, angesichts dieses unfassbaren Unglücks ist doch die Erinnerung hier wunderbar gestaltet. Ich war auch in dem Erinnerungsraum, in dem man sehen kann, wie viele Menschen mit Ihnen gefühlt haben – buchstäblich auf der ganzen Welt. Auch heute noch haben Sie den Raum der Stille, in dem Sie daran denken können, wer heute nicht mehr bei Ihnen ist.

Eben hat mir ein Mädchen, das seine Schwester verloren hat, ein kleines Buch gegeben, das es wohl auch in einer Buchhandlung in Haltern gibt. „Warum?“ steht darauf. Diese Frage „Warum?“ kann ich jedenfalls nicht beantworten. Ich glaube, sie kann keiner beantworten. Trotzdem plagt sich jeder mit so einer Frage herum. Eigentlich kann man mit so einer Frage nur zusammen fertig werden. Ich nehme das Gefühl mit, dass Sie hier versuchen, gemeinsam als Schule, als Schülergemeinschaft, damit fertig zu werden. Das gilt auch für Herrn Wessel und für alle anderen Lehrerinnen und Lehrer, natürlich die Eltern und die vielen Menschen, die in Haltern an Sie denken.

Genauso wie Frau Löhrmann, die Ministerpräsidentin und die ganze Landesregierung alles tun – mit der Ministerpräsidentin war ich ja gleich am Tag nach dem Absturz an der Absturzstelle –, versuchen auch wir von der Bundesregierung das, was möglich ist, um Ihnen zu helfen. Dafür steht auch Herr Rudolph als Beauftragter. Aber zum Schluss kann man nur hier vor Ort gemeinsam das Leben gestalten, indem jeder jeden wahrnimmt, auf seine Gefühle eingeht und Verständnis hat. Vielleicht ist Haltern damit auch ein Beispiel geworden, wie man in so einer fürchterlich traurigen Situation trotzdem Gemeinschaft zeigen kann.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit diesem schrecklichen Erlebnis einfach auch weiter diese Gemeinschaft leben können. Das Leben ist so unberechenbar. Deswegen wird man vielleicht auch ein wenig dankbar für jeden Tag, an dem es einem gut geht, an dem man gesund ist. Natürlich erinnert jeder Tag auch wieder daran, wie schrecklich es ist, dass einige fehlen. Aber diejenigen, die fehlen, sind hier auch mit dieser Tafel und mit den Bildern noch weiter bei Ihnen. Sie erzählen von denen, die jetzt nicht mehr direkt unter Ihnen sein können.

Ich möchte Ihnen sagen: Mich hat dieser Besuch sehr beindruckt, weil er ein Stück Leben in unserem Land gezeigt hat, das sozusagen nicht auf einer nur fröhlichen Seite und trotzdem so wichtig ist. Ich wünsche allen hier alles Gute, den kleineren und den größeren Schülern. Ich habe gesehen: Die Kleinsten mussten zuerst antreten und haben jetzt wahrscheinlich die kältesten Hände. Danke dafür, dass Ihr alle gekommen seid. Behaltet die, die nicht mehr mit Euch sind, in guter Erinnerung und versucht das gut zu machen, was sie jetzt nicht mehr gut machen können.

Herzlichen Dank, dass ich heute hier sein durfte.

Dienstag, 20. Oktober 2015