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Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Empfang des Wissenschaftsrats

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 26. Januar 2011

in Berlin

Liebe Mitglieder des Wissenschaftsrats,

natürlich ganz besonders sehr geehrter Herr Professor Strohschneider,

liebe Frau Bundesministerin, liebe Annette Schavan,

liebe Ministerinnen und Minister aus den Ländern,

meine Damen und Herren,

der Empfang für die Mitglieder des Wissenschaftsrats hat hier im Bundeskanzleramt Tradition. Ich darf Sie zum dritten Mal bei uns ganz herzlich begrüßen und ganz herzlich willkommen heißen.

Als wir uns vor zwei Jahren getroffen haben, standen wir sozusagen am Anfang einer tiefen internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Wir konnten damals nicht so ganz abschätzen, was sich in den nächsten Jahren noch entwickeln würde. Zu Beginn der Krise habe ich sehr häufig gesagt, dass in solchen Krisenzeiten die Karten weltweit neu gemischt werden. Ich glaube, wenn wir uns heute, zwei Jahre später, die internationale Situation anschauen, kann man durchaus sagen, dass sich die Kräfteverhältnisse verändert haben.

Ich habe damals immer auch einen zweiten Satz gesagt, nämlich: Ich möchte, dass Deutschland gestärkt aus dieser Krise hervorgeht. Ich glaube, auch dazu kann man heute sagen, dass wir zumindest ganz gut vorangekommen und einige Fortschritte gemacht haben, wenn ich mir zum Beispiel die Arbeitslosigkeit und die Zahl der Arbeitsplätze sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesländern anschaue.

Bildung und Forschung sind zentrale Bausteine bei der Beantwortung der Fragen: Wo stehen wir? Wie gut kommen wir voran? Angesichts des weltweiten Wettbewerbs können wir auf diesen beiden Gebieten nicht intensiv genug arbeiten. Wer liest, was in China in Bildung investiert wird und was dort vorangeht, wer sieht, was in anderen asiatischen Ländern getan wird und wie neugierig die Menschen gerade in den aufstrebenden Wirtschaftsnationen sind – das betrifft auch Indien und Brasilien und andere lateinamerikanische Länder –, der weiß, dass wir uns nicht viele Pausen leisten können, sondern dass wir konsequent arbeiten müssen. Dafür, dass die entsprechenden Bedingungen vernünftig sind, steht die Politik in der Verantwortung. Das ist gar keine Frage. Wir setzen die Rahmenbedingungen zu erheblichen Teilen.

Ich glaube, dass deshalb auch die Entscheidung der christlich-liberalen Koalition, trotz aller Sparmaßnahmen jedes Jahr drei Milliarden Euro mehr in Bildung und Forschung zu investieren, eine richtige und wegweisende Entscheidung war und uns nicht nur Respekt im Lande, sondern auch außerhalb unseres Landes verschafft. Im Vergleich zu anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben wir inzwischen einen recht guten Stand erreicht. Wir haben uns ziemlich gut dem Ziel angenähert, das man sich in Lissabon gegeben hatte, nämlich drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aufzuwenden.

Aber das alles kann natürlich nur ausgefüllt werden, wenn damit auch vernünftige Projekte verbunden sind. Ich denke, die Hightechstrategie der Bundesministerin und des ganzen Kabinetts hat sich bewährt. Wir sind im Kabinett zu einer guten und, wie man bei Ihnen sagen würde, interdisziplinären Zusammenarbeit gekommen. Es wird also über die Ressorts hinweg nach der Aufgabe gefragt. Das ist dann – wir haben neulich zum Beispiel die Nanotechnologiestrategie verabschiedet – immer ein Miteinander der Forschungsministerin und des Wirtschaftsministers und auch anderer Ressorts. Wir haben eine sehr, sehr gute Gesundheitsstrategie verabschiedet und auch hier Leuchttürme geschaffen, wenn ich allein an die Frage der Alzheimer- und Demenzforschung denke. Wir arbeiten also gut Hand in Hand. Das muss sich natürlich fortsetzen.

Was den Hochschulpakt anbelangt, entsprechen wir unserer Verantwortung, indem wir etwa auch auf veränderte Bildungsgänge hinweisen und hinwirken. Ebenso ist die BAföG-Erhöhung etwas, das eine Anerkennung gegenüber den jungen Leuten ausdrückt.

Das alles ist, wie gesagt, wunderbar, wenn wir es uns im Hinblick auf das anschauen, was wir im eigenen Land schaffen. Aber sobald wir über Europa hinaus den internationalen Vergleich suchen, müssen wir uns sputen. Neulich war der algerische Präsident hier zu Gast. Bei diesem Besuch hat sich eine ganz interessante Entwicklung gezeigt. Wir haben mit der deutschen Wirtschaft eine ganze Reihe von Dreierprojekten geschaffen: deutsche Unternehmen mit innovativen Produkten arbeiten mit Ländern der Golfregion zusammen und erobern schließlich algerische Märkte. Der algerische Präsident hat so schön gesagt: Na ja, wir haben den Markt, die Golfstaaten haben das Geld und ihr habt die Innovation.

Ich glaube, dass an dieser sehr einfachen Zusammenfassung sehr viel Wahres dran ist. Wenn wir eines Tages keine Innovationen mehr hätten, würde unsere internationale Bedeutung schlagartig und massiv abnehmen. Die Voraussetzung für Innovationen ist ein gutes Zusammenspiel von staatlicher Förderung und Förderung durch die Unternehmen sowie eines Klimas der Innovationsoffenheit.

Die Aufgaben werden in den nächsten Jahren sicherlich nicht geringer werden, denn wir sind ein Land, vor dem eine immense Veränderung des Altersaufbaus liegt. Welche gesellschaftlichen Implikationen es hat, wenn viele Ältere unter uns sind und wir bei einer im Durchschnitt wachsenden Lebenserwartung nicht lernen, lebenslang zu lernen, weiß noch keiner. Das heißt, wir haben eine Chance, das zu erforschen. Aber es gibt auch das Risiko, dass wir auf die Herausforderungen, die sich daraus ergeben, nicht richtig antworten.

Wenn man zum Beispiel im Zusammenhang mit Großprojekten – ich nenne einmal das Projekt „Stuttgart 21“ – auf die Frage „Warum wollt ihr das nicht?“ sehr häufig die Antwort hört „Die Fertigstellung erlebe ich doch gar nicht mehr. Ich bin froh, dass meine Stadt endlich zu Ende gebaut ist. Was habe ich davon, wenn wieder 15 Jahre lang das Zentrum aufgerissen ist?“, dann ist das für mich natürlich ein ernst zu nehmendes Argument, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Aber dies darf natürlich nicht das allgemeine gesellschaftliche Denken bezüglich innovativer Projekte werden, sondern wir müssen über unsere eigene Generation hinaus nach vorne schauen.

Wer sich in letzter Zeit einmal Karten von den Maghreb-Staaten und den Anteil der Bevölkerung unter 25 Jahren angeschaut hat, der weiß, dass die Zahl zwischen 43 und 48 Prozent schwankt. Wenn man sich dann unseren Altersaufbau anschaut, der im Durchschnitt bei einem Lebensalter von 42 Jahren angekommen ist – vor 20 Jahren war es ein Durchschnitt von 35 Jahren, in 20 Jahren sind es 47 Jahre –, dann heißt das, dass in diesem Bereich etwas stattfindet, mit dem wir uns befassen müssen. Dabei ist nicht nur Geld von Bedeutung, sondern auch eine Grundeinstellung für Innovation, für Offenheit und für Neues. Das ist eine große gesellschaftliche Aufgabe.

Ich sage das Ihnen, weil Sie im Wissenschaftsrat aus verschiedenen Bereichen – Wirtschaft, Forschungsinstitutionen und Politik – zusammenarbeiten, einen Beitrag zu diesem gesellschaftlichen Klima leisten und natürlich auch bestimmte Projekte voranbringen, die das versinnbildlichen und verkörpern. Deshalb werden Ihre Aufgaben und Ihre Verantwortung nicht geringer werden.

Dafür, dass Sie das mit Leidenschaft und mit viel Zeit tun – Zeit ist das knappste Gut im 21. Jahrhundert; man kann seine Zeit mit so vielen Dingen verbringen, es gibt so viele interessante Dinge –, von meiner Seite ein ganz herzliches Dankeschön. Der Empfang hier im Bundeskanzleramt soll eine kleine Anerkennung dafür sein, dass Sie diese Arbeit leisten und wie Sie sie leisten.

Herr Professor Strohschneider, Ihre Amtszeit geht jetzt dem Ende entgegen. Ich möchte Ihnen noch einmal herzlichen Dank für das sagen, was Sie geleistet haben und wie Sie es gemacht haben. Natürlich wünsche ich Ihnen alles Gute und dass Sie der Wissenschaft und allem, was damit verbunden ist, gewogen bleiben. Aber ich glaube, dafür brauche ich mich nicht weiter zu engagieren. Das passiert von ganz allein.

Seien Sie herzlich willkommen und ein herzliches Dankeschön für das, was Sie tun.

Mittwoch, 26. Januar 2011