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Festakt 100 Jahre Frauenwahlrecht

"Ziel muss die Parität sein"

Die Kanzlerin hat die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland als wichtigen "Kampf für ein Menschenrecht" gewürdigt. Bei allen Fortschritten bei der Gleichberechtigung gebe es auch heute noch viel zu tun: "Die Quoten waren wichtig, Ziel muss aber die Parität sein", sagte Merkel beim Festakt in Berlin, den sie gemeinsam mit Bundesfrauenministerin Giffey ausrichtete.   

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit Podiumsdiskussion mit Unternehmerin Rein (v.l.), Bundesministerin Giffey, Moderatori Gökdemir und Politikerin Peschel-Gutzeit. Die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland "war eine Sternstunde in der Geschichte der Demokratie", so Merkel. Foto: Bundesregierung/Steins

Jacinda Ardern ist ein wichtiges Gesicht der Gleichberechtigung am anderen Ende der Welt: Die  Premierministerin Neuseelands ist seit Juni Mutter einer Tochter. Und damit nach Benazir Bhutto aus Pakistan die zweite Frau der Welt, die während ihrer Amtszeit als Regierungschefin ein Kind bekommen hat.  

Ardern war Überraschungsgast beim Festakt im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Per Videobotschaft gratulierte sie zum 100-jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts in Deutschland. Neuseeland war auch hierbei besonders fortschrittlich: Schon 1893 führte der Pazifikstaat das Frauenwahlrecht ein – und damit als erstes Land weltweit. Deutschland zog 1918 nach, als eines der ersten europäischen Länder.

"Sternstunde in der Geschichte"

"Das war eine Sternstunde in der Geschichte der Demokratie", würdigte Kanzlerin Merkel. Die Frauen von damals hätten viel Mut bewiesen. Schließlich hätte noch 1902 der preußische Innenminister erklärt, die "leichte Erregbarkeit von Frauen" würde das Volk zu sehr irritieren. Deshalb hätten sie in der Politik nichts zu suchen.

Merkel hob hervor, dass die Wegbereiterinnen des Frauenwahlrechts damals nicht für eine Sondergruppe gekämpft hätten, sondern "für ein Menschenrecht". Es gehe um die Gleichwertigkeit der Menschen. "Und nur eine Gesellschaft, die die Gleichberechtigung lebt, kann eine gerechte Gesellschaft sein", so die Kanzlerin.    

Stolz auf Veränderungen

Bundesfrauenministerin Giffey erklärte, der 12. November 1918 habe Deutschland verändert – zum Guten. "Wir können stolz darauf sein, auch auf das, was sich Frauen seitdem erkämpft haben“.

Dass es in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte bei der Gleichberechtigung von Frauen und Männern gegeben hat – darüber herrschte Einigkeit beim Festakt.

Wahlrecht war nur der Anfang

"Das Wahlrecht war nur der Anfang – aber ein sehr wichtiger", betonte die Kanzlerin. Keinesfalls sei es schnell zu Fortschritten gekommen. Als Beispiel nannte sie eine Regelung des Bürgerlichen Gesetzbuchs, die erst seit 1977 nicht mehr die Erlaubnis des Ehemanns vorsieht, wenn eine Frau arbeiten möchte.

Wesentlich vorangekommen sei man heute zum Beispiel bei der Erwerbstätigkeit. Ende 2017 waren in Deutschland 71, 5 Prozent der Frauen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren erwerbstätig – ein Anstieg um zwölf Prozent seit 2005.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Viele Regelungen haben laut Merkel zu einer wesentlich besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf beigetragen. So beispielsweise das Elterngeld, die Elternzeit, die auch von jungen Männern genutzt werde, oder der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz.

Merkel verwies zudem darauf, dass die Bundesregierung bis 2022 insgesamt 5,5 Milliarden Euro in eine bessere Qualität in der Kinderbetreuung investieren will. Zudem habe man das Gesetz zur Brückenteilzeit auf den Weg gebracht, dass Frauen und Männern die Rückkehr von einer Teilzeit- in eine Vollzeitstelle ermöglicht.

Vieles sei erreicht worden, sagte Merkel. Anders als früher "lacht heute niemand mehr ein Mädchen aus, wenn es sagt, dass es Ministerin oder Kanzlerin werden will".

Es bleibt viel zu tun

Umso wichtiger sei es aber, weiter für die "volle Gleichberechtigung" zu kämpfen, die es noch nicht gebe. Als ein wichtiges Beispiel nannte die Kanzlerin den Frauenanteil in den deutschen Parlamenten. Das betreffe eine "elementare Frage unserer Demokratie". Der Bundestag sei mit einer Frauenquote von etwa 31 Prozent "kein Ruhmesblatt". Die Parteien müssten hier "neue Wege beschreiten".

Auch in anderen Bereichen wie in Wirtschaft, Verwaltung und Kultur müssten die Anteile von Frauen deutlich erhöht werden. Wenn eine Frau Vorstand eines Dax-Unternehmens wird, dürfe das nichts Besonderes, sondern der "erste Schritt Richtung Normalität sein", so Merkel. Sie betonte: "Die Quoten waren wichtig, aber das Ziel muss Parität sein".

Teil des Festaktes war auch eine Podiumsdiskussion mit Kanzlerin Merkel, Frauenministerin Giffey, der Start-up-Gründerin Raffaela Rein und der ehemaligen Hamburger Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit. Diskutiert wurde dabei u.a. über die "Lex Peschel":  Die Juristin hatte sich 1968 erfolgreich dafür eingesetzt, dass Richterinnen und Beamtinnen sich beispielsweise beurlauben lassen können, um sich um ihre Kinder kümmern zu können. Die Start-up-Gründerin Rein warb für die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern.          

Zu wenig Frauen in MINT-Berufen

Sowohl die Kanzlerin als auch die Bundesfrauenministerin bedauerten, dass es gerade in den MINT-Fächern noch immer zu wenig junge Frauen gebe. Giffey erklärte, dass ihr Technik-Unternehmen häufig berichteten, sie hätten eben keine guten Frauen. "Das dürfen wir aber so niemals akzeptieren", forderte die Ministerin. "Da gilt es halt auch für die Unternehmen, mal etwas genauer hinzuschauen".

Soziale Berufe aufwerten

Zudem kündigte Giffey an, die sozialen Berufe, in denen vor allem Frauen tätig sein, aufwerten zu wollen. "Vor 100 Jahren habe man darüber geredet, dass soziale Arbeit professionell wird. Heute reden wir darüber, wie soziale Arbeit auch professionell bezahlt wird".

Gerechtigkeit erreicht man nur gemeinsam 

Bei allen notwendigen Veränderungen und Verbesserungen bei der Gleichberechtigung zeigten sich Merkel und Giffey überzeugt, dass es wichtig sei, die Männer einzubeziehen und mit in den Blick zu nehmen. "Ich glaube, wir können Gerechtigkeit und Fairness in unserer Gesellschaft nur miteinander nicht gegeneinander erreichen", erklärte Merkel. "Trotzdem hoffe ich, dass das nicht alles weitere 100 Jahre auf sich warten lässt."

Der 12. November 1918 gilt als Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Deutschland. Seitdem können Frauen hierzulande wählen und gewählt werden. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums haben Bundeskanzlerin Merkel und Bundesfamilienministerin Giffey zu einem Festakt ins Deutsche Historische Museum in Berlin eingeladen.  

Zudem hat das Familienministerium gemeinsam mit der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft eine Jubiläums-Kampagne ins Leben gerufen. Das Motto lautet: "Streiten für gleiche Rechte – Wofür streitest Du?"

Montag, 12. November 2018