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Donnerstag, 15. August 2013

Merkel-Interview

"Es braucht einen klaren Plan"

Interview mit:
Angela Merkel
Quelle:
myself

Um Herausforderungen wie die schwierigen Verhandlungen zur Euro-Rettung zu meistern, bedürfe es eines klaren Plans, betont die Bundeskanzlerin im Interview mit "myself". Darüber hinaus erklärt sie ihre Leidenschaft für den Fußball und wie sich das Verhältnis von Familie und Beruf auch vor dem Hintergrund der digitalen Welt verändert hat.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt. "Fußball ist ein toller Sport!" Foto: Bundesregierung/Bergmann

Das Interview im Wortlaut:

myself: Frau Bundeskanzlerin, wundern Sie sich eigentlich, dass in letzter Zeit so viele Porträts erscheinen, die versuchen, den Menschen Angela Merkel zu erklären?

Angela Merkel: Das wundert mich nicht. Es ist doch ein berechtigter Wunsch, wenn die Bürger wissen wollen, was für ein Mensch hinter den politischen Sachfragen steht. Und vor Wahlen wird das natürlich noch mal genauer betrachtet.

myself: Können Sie mit den Porträts gut leben oder ärgern Sie sich manchmal?

Merkel: Ich habe schon vieles über mich lesen können. Mit manchem war ich nicht einverstanden, mit manchem ganz zufrieden, und aus einigen Artikeln habe ich etwas gelernt.

myself: Ihre Umfragewerte sind konstant gut. Beflügelt das?

Merkel: Ich freue mich über die Unterstützung, aber ich weiß, dass Umfragen Momentaufnahmen sind. Deshalb treffe ich Entscheidungen und mache meine Arbeit, ohne jeden Tag auf diese Umfragewerte zu schauen.

myself: Ihnen wird ja oft ein männlicher Führungsstil unterstellt.

Merkel: Was ist ein männlicher Führungsstil?

myself: Eher autoritär.

Merkel: Soweit ich meinen Führungsstil überhaupt selbst beurteilen kann, würde ich sagen: Ich schaue mir die Dinge sehr genau an, kläre die Faktenlage, versuche, eine Bewertung vorzunehmen, und dann entscheide ich. Vielleicht hängen Art und Weise meines Herangehens außer mit meinem Naturell auch mit meiner Ausbildung zusammen.

myself: Was ist für Sie guter Führungsstil, was macht einen guten Chef eigentlich aus?

Merkel: Wichtig ist mir, dass man klar und offen miteinander spricht, auch über schwierige Dinge. Ohne Vertrauen zu den Mitarbeitern geht es nicht. Und ich weiß, dass jeder nicht nur seine Arbeit, sondern auch seine Familie, vielleicht seine privaten Sorgen und Probleme hat.

myself: Und darüber reden Sie auch mit den Leuten?

Merkel: Ja, das kommt vor. Und inzwischen haben wir gelernt, dass man auch im Kanzleramt Familie und Beruf sehr gut vereinbaren kann.

myself: Aber das bedeutet nicht, dass man sein Kind mitbringen kann, wenn die Kita mal ausfällt.

Merkel: Das ist auch schon vorgekommen, aber…

myself: …es ist nicht die Regel.

Merkel: Genau.

myself: Neulich hatten Sie ja 100 Frauen zu Gast beim „Frauengipfel". Was war denn die wichtigste Erkenntnis für Sie?

Merkel: Es gibt heute in allen Bereichen Top-Frauen, in einigen allerdings zu wenig, vor allem in der Wirtschaft. Eine wichtige Erkenntnis in der Runde war, dass die Art und Weise, wie Unternehmen oder Behörden Arbeit organisieren, sich vielerorts noch ändern muss. Aber immerhin: Heute können sich Frauen selbstbewusst und besser als früher entscheiden, welche Karriere sie machen wollen, und sie finden immer mehr weibliche Vorbilder. Das ist etwas Gutes.

myself: Die Allensbach-Chefin Renate Köcher hat uns unlängst in einem Interview erklärt, dass Karriere gar nicht mehr so attraktiv ist - und zwar weder für Frauen noch für Männer.

Merkel: Das war kürzlich auch Thema einer Diskussion, die ich mit Vertretern von Arbeitgebern und Gewerkschaften hatte. Ein weibliches Vorstandsmitglied berichtete davon, dass insbesondere den Jüngeren die Balance zwischen Arbeits- und Privatleben extrem wichtig sei. Die Unternehmen könnten von ihnen nicht mehr die völlige Verfügbarkeit erwarten. Das hat natürlich damit zu tun, dass auch die Partner berufliche Ansprüche haben und die Familienarbeit stärker auf beide verteilt wird. Ich höre außerdem von jungen Leuten häufiger, dass für sie Geld nicht der alleinige Antrieb sei, sondern dass sie auch über ihre Lebensqualität nachdenken. Sie denken in ihren Berufen offenbar auch nicht mehr so hierarchisch, immer mit dem Blick auf den nächsten Aufstieg, sondern suchen eher das nächste spannende Projekt.

myself: Hat vielleicht auch damit zu tun, dass Burnout immer noch ein großes Thema ist.

Merkel: Die digitale Welt hat ohne Zweifel große Chancen, aber auch Schattenseiten, denn die Arbeitsbelastung ist für viele noch intensiver geworden. Wir haben gleichzeitig mehr Möglichkeiten, Arbeit flexibel zu gestalten und den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Der Druck und die Anforderungen dürfen nicht zu groß werden. Das gilt übrigens auch für die Erwartung, dass die Menschen an den Wochenenden noch verfügbar sein sollen, und die Freizeitgestaltung erreicht bei vielen eine Intensität, die schon wieder anstrengend ist. Ich bin überzeugt, dass jeder nicht verplante Zeitabschnitte braucht, Zeit zum Regenerieren.

myself: Haben Sie manchmal das Gefühl, wir jammern auf hohem Niveau?

Merkel: Nein. Wenn es den Menschen im Schnitt materiell besser als vor 40 oder 50 Jahren geht, dann heißt das nicht, dass sie auch glücklicher sind.

myself: Sie haben gerade das Wort Glück erwähnt. Können Sie mit dem Begriff was anfangen?

Merkel: Persönlich kann ich natürlich etwas mit dem Begriff anfangen. Für die Politik ist er schwieriger zu fassen. Wir haben vor einigen Wochen im Kanzleramt mit internationalen Experten über den sogenannten Glücksindex beraten, den das Himalajaland Bhutan eingeführt hat. Die Wirtschaftskraft sagt nämlich bei weitem nicht alles über die Zufriedenheit einer Gesellschaft aus. Es gibt ganz andere Faktoren, die eine Rolle spielen.

myself: Zum Beispiel?

Merkel: Wie verstehen Sie sich mit Ihren Nachbarn? Wie viele Menschen kennen Sie, die sich im Falle einer Krankheit um Sie kümmern würden? Da geht es um Zuwendung, um Freundschaften, um dauerhafte Bindungen. Solche Fragen spielen in einer Gesellschaft, insbesondere dann, wenn ein bestimmtes materielles Niveau erreicht ist, eine große Rolle.

myself: Wenn man erfolgreiche Frauen fragt, wie sie es so weit gebracht haben, antworten die ja häufig: „Ich habe einfach Glück gehabt." Wieviel Anteil macht Glück eigentlich bei Ihrer Laufbahn aus - und wie viel Leistung?

Merkel: Sie meinen Glück im Sinne von Zufall?

myself: Ja.

Merkel: Ich glaube schon, dass Leistung eine notwendige Voraussetzung ist, um voranzukommen. Natürlich braucht man manchmal auch bestimmte Konstellationen, in denen sich eine Chance ergibt, aber ohne die Leistungsfähigkeit könnte man diese Chancen dann auch nicht wahrnehmen.

myself: Sie wirken immer sehr kontrolliert. Die einzige Situation, in der man Sie emotional erlebt, ist beim Fußball. Woher kommt diese Leidenschaft?

Merkel: Ich habe mich eigentlich immer für Fußball interessiert. Schon als Studentin war ich in Leipzig im Stadion, als die DDR gegen England spielte. Ich habe auch immer schon gerne Fußball-Weltmeisterschaften und Europameisterschaften im Fernsehen gesehen. Als Frauenministerin und später als Umweltministerin wurde ich darauf nur nie angesprochen. Als ich Bundeskanzlerin wurde und ein halbes Jahr später die WM in Deutschland stattfand, ist das in den Blickpunkt gerückt. Fußball ist ein toller Sport!

myself: Verfolgen Sie auch die Bundesliga?

Merkel: Ich sitze nicht jeden Samstag vor der Sportschau. Aber wenn ich kann, verfolge ich entweder den Liveticker oder höre die Konferenzschaltungen im Radio. Das hängt von meinen Terminen ab, aber den Tabellenstand kenne ich durchaus.

myself: Dortmund- oder Bayern-Fan?

Merkel: Beide Mannschaften haben mich schon immer begeistert. Es war doch eine großartige Sache für alle Fußballfans in Deutschland, dass es beide Mannschaften dieses Jahr bis ins Champions-League-Finale geschafft haben.

myself: Teilt Ihr Mann diese Leidenschaft?

Merkel: Leider nicht.

myself: Aber Ihre Kollegen in der Politik?

Merkel: Ich war letztes Jahr beim G8-Treffen in Camp David in den USA, als Bayern München das Champions-League-Finale gegen Chelsea verlor. Das waren spannende Minuten beim Elfmeterschießen und es wurde nicht leichter durch die Tatsache, dass der britische Premierminister David Cameron jubelnd neben mir stand. Allerdings hatte er auch schon mit mir zusammen einen klaren deutschen Sieg gegen England bei der WM in Südafrika erleben müssen. So gleichen sich die Dinge aus und wir können später darüber lachen.

myself: Kennen Sie selbst so etwas wie Lampenfieber vor bestimmten Ereignissen?

Merkel: Lampenfieber nicht, aber ich bereite mich sehr genau darauf vor, was ich sagen will.

myself: Wie beruhigen Sie sich in angespannten Situationen?

Merkel: Indem ich mich mit der anstehenden Aufgabe beschäftige. Wichtig ist auch, dass im Ablauf keine unnötige Hektik aufkommt. Lieber stehe ich zehn Minuten früher auf und habe Zeit, alles in Ruhe vorzubereiten, als in letzter Minute zu kommen.

myself: Und wenn Sie dennoch mal richtig aufgeregt sind, wie beamen Sie sich runter? Können Sie mit Meditation oder Entspannungstechniken was anfangen?

Merkel: Das mache ich nicht. (Schaut erschrocken)

myself: Aber wie kommt man dann runter?

Merkel: Vorbereitung ist das Allerwichtigste: Man kann zum Beispiel nicht einfach so in eine schwierige Verhandlung zum Euro gehen, wenn man erfolgreich sein möchte. Nach meiner Erfahrung braucht es einen klaren Plan. Und er muss auch das erfassen, was meinen Kollegen wichtig ist.

myself: Aber man kann ja nicht immer voraussehen, wie der andere reagiert.

Merkel: Natürlich nicht. Aber wenn ich auf das eingestellt bin, was vorher abzuschätzen ist, ist alles schon viel einfacher.

myself: Und wie rettet man einen Tag, der katastrophal beginnt?

Merkel: Auch solche Tage gehen irgendwann vorüber und die Dinge wenden sich wieder zum Guten.

myself: Woher nehmen Sie die Kraft für Ihren Job? Durch Meditation, haben wir gelernt, jedenfalls nicht.

Merkel: Meine eigentliche Antriebskraft ist schlicht und ergreifend die Freude, die mir die Arbeit macht.

myself: Erteilen Sie gern Ratschläge?

Merkel: Manchmal, ich nehme aber auch welche an. (Lacht)

myself: Jetzt fahren Sie erst mal in den Urlaub.

Merkel: Ich mache ein paar Tage frei, weil es mir guttut, etwas Abstand zu gewinnen. Im Dienst bin ich als Bundeskanzlerin sowieso immer.

myself: Wie sieht denn so ein typischer Urlaubstag aus?

Merkel: Wenn ich bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth bin, dann gehe ich nachmittags oder am Abend in die Oper und bereite mich darauf vor.

myself: Aber in Bayreuth machen Sie doch nicht Urlaub.

Merkel: Für mich ist das Urlaub. Dort kann ich mich so auf ein Opernerlebnis konzentrieren, wie ich es liebe, dazu fehlt mir in Berlin meist die Muße. Dort treffe ich Bekannte und Freunde - das ist Urlaub. Und wenn ich wandere, versuche ich relativ früh loszugehen. Es ist herrlich, früh wandern zu gehen, dann ein bisschen erschöpft zu sein und sich auszuruhen.

myself: Sie stehen gern früh auf?

Merkel: In den Bergen, ja.

myself: Und sonst?

Merkel: Sonst nicht so gern.

Das Interview führten Sabine Hofmann und Natascha Zeljko für myself.