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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum Empfang der Sternsinger am 8. Januar 2018 im Bundeskanzleramt

Datum:
08. Januar 2018
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Prälat Krämer,
sehr geehrter Herr Pfarrer Bingener,
vor allem ihr, liebe Sternsingerinnen und Sternsinger,

auch in diesem Jahr wieder ein herzliches Willkommen im Bundeskanzleramt. Ich freue mich immer, wenn ich königlichen Besuch bekomme. Ihr kommt aus allen Himmelsrichtungen – Nord und Süd, Ost und West. Dass die Aktion Dreikönigssingen zum 60. Mal stattfindet, ist natürlich einen ganz besonderen Gruß wert. Was ihr mitbringt, das ist Gottes Segen. Dafür möchte ich euch von ganzem Herzen danken.

Es ist ja so, dass der Weihnachtsgeschichte nach die drei Weisen aus dem Morgenland einem Stern folgten, der Licht und Hoffnung für die Menschheit versprach. Ihr wollt als Sternsinger selbst Lichtblick und Hoffnungsschimmer sein. „Licht und Hoffnung woll‘n wir geben“ – so habt ihr ja gerade gesungen. Und das singt ihr nicht nur, das tut ihr auch.

Dieses Jahr engagiert ihr euch wieder für Kinderprojekte, dieses Mal „gemeinsam gegen Kinderarbeit – in Indien und weltweit“. Es gibt leider gute Gründe, dass ihr euch dafür engagieren müsst. Denn Kinderarbeit ist zwar im Grundsatz geächtet. Es sollte sie eigentlich nicht geben. Trotzdem können viele Kinder auf der Welt nicht zur Schule gehen und nicht spielen. – Ihr Drei habt das eben ganz treffend am Beispiel Indiens, Afrikas und Lateinamerikas gesagt. – Von Schule und Freizeit, wie wir sie in Deutschland kennen, können viele, viele Kinder nur träumen, weil sie eben jeden Tag arbeiten müssen. Dabei geht es nicht darum, dass man einmal sein Zimmer aufräumen oder beim Einkaufen helfen muss, sondern es geht um richtig schwere Arbeit – Arbeit, die gefährlich ist, die krank macht.

Ein harter Arbeitstag ist leider für viele Kinder auf der Welt Normalität. Ihr habt das ja eben auch deutlich vorgespielt. Experten schätzen, dass es auf der Welt 152 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren gibt, die hart arbeiten müssen. 152 Millionen Kinder – das sind fast doppelt so viele, wie in Deutschland Menschen leben. Das ist eine erschreckend hohe Zahl. Das hat damit zu tun, dass Armut weit verbreitet ist. Allein in Indien leben 400 Millionen sehr arme Menschen. Das sind nicht ganz so viele, aber fast so viele Menschen, wie in Europa wohnen, und fast fünf Mal so viele Menschen, wie in Deutschland leben. Indien ist ein Riesenland und hat über eine Milliarde Einwohner. Das sind mehr Menschen als fast in jedem anderen Land.

Was heißt „sehr arm“? „Sehr arm“ heißt, weniger als 1,60 Euro pro Tag zur Verfügung zu haben. Ihr könnt euch vorstellen: das reicht kaum zum Essen. Die Familien sehen oft keine andere Möglichkeit, als ihre Kinder zur Arbeit zu schicken. Sie können nichts Vernünftiges lernen, keinen Beruf finden. Es ist ganz schwierig, aus diesem Teufelskreis überhaupt wieder herauszukommen. Wenn die Kinder dann selbst Eltern werden, haben sie nichts gelernt; und dann geht das so weiter.

Ihr habt das genau im Blick und habt euch dieses Mal vor allem mit einer Gruppe beschäftigt, nämlich mit Kindern der Dalits im Süden Indiens. Die Dalits sind sogenannte „Unberührbare“. Sie finden in der Gesellschaft Indiens kaum Anerkennung. Sie werden diskriminiert und ausgegrenzt. Viele, viele sind bitterarm. Deshalb müssen die Kinder in Steinbrüchen und Fabriken arbeiten. Sie müssen schuften, um ein bisschen Geld für die ganze Familie zu verdienen. Deshalb habt ihr euch überlegt, dass ihr Licht und Hoffnung bringen wollt, dass neben einer Mahlzeit pro Tag auch kostenfreie ärztliche Untersuchungen möglich sind, dass es Unterricht in Abendschulen und Hausaufgabenhilfe gibt, sodass diese Kinder etwas lernen und damit auch Hoffnung schöpfen können und in ihrem Leben wieder ein bisschen mehr Licht sehen.

Mehr Hoffnung und Licht sind dringend nötig, denn leider hat sich, obwohl wir in vielen Bereichen der Entwicklungshilfe Erfolge haben, die Zahl der arbeitenden Kinder so gut wie nicht verändert. Ich weiß, dass sich diese Botschaft nicht allgemein irgendwohin richtet, sondern natürlich auch an uns als Politikerinnen und Politiker. Die Vereinten Nationen – es gehören fast alle Länder der Welt dazu – haben sich verpflichtet, Kinderarbeit bis 2025 abzuschaffen. Ehrlich gesagt: Wenn ich heute Kind wäre, dann könnte ich natürlich noch warten, aber dann wäre meine Kindheit vielleicht schon vorbei. Deshalb ist es richtig, dass ihr heute noch einmal den Finger in die Wunde legt.

Der Kampf gegen Kinderarbeit ist natürlich nicht nur ein Kampf, der für sich allein geführt werden kann, sondern dazu gehören etwa auch Bildungsangebote und die Möglichkeit, ausreichend Nahrungsmittel und Zugang zur Gesundheitsversorgung zu haben. Dafür muss es eine ordentliche Wirtschaft geben. Für viele Kinder heißt das auch: es muss in ihrem Land erst einmal Frieden geben und darf nicht noch kriegerische Auseinandersetzungen geben.

Ihr könnt daran sehen, wie viele Baustellen es für uns als Politiker gibt, wenn wir uns mit einem Land mit Kinderarbeit beschäftigen. Es gibt ja viele solcher Länder auf der Welt. Deshalb darf ich euch sagen: Wir kämpfen ganz besonders gegen ausbeuterische und gefährliche Formen der Kinderarbeit. Wir passen auf, dass weltweit allgemein gültige Regelungen zum Kinderschutz eingehalten werden. Denn es reicht natürlich nicht, eine Regel zum Beispiel durch die Vereinten Nationen zu erlassen, sondern man muss auch überprüfen, ob sie eingehalten wird.

Es gibt zum Beispiel ein Programm zur Abschaffung von Kinderarbeit, das die Internationale Organisation für Arbeit, die ILO, aufgestellt hat. Wir haben als deutsche Regierung daran mitgearbeitet und haben dieses Programm mit 73 Millionen US-Dollar unterstützt. Wir haben als Bundesregierung im letzten Jahr einen Aktionsplan beschlossen, mit dem wir Kinder- und Jugendrechte in unserer Entwicklungszusammenarbeit mit den Partnerländern – also da, wo wir Entwicklungshilfe leisten – in den Mittelpunkt stellen.

Wir müssen aber immer weiter am Ball bleiben. Deshalb finde ich es toll, dass ihr euch in diesem Jahr diesem Thema gewidmet habt und damit Kindern in Indien, aber auch generell einen Lichtblick gebt. Das Projekt ist so gut, dass ich hoffe, dass ihr da, wo ihr als Sternsinger schon wart, auch wirklich Unterstützung bekommen habt – ich weiß nicht, ob ihr noch ein bisschen herumzieht –, dass Menschen ihr Herz öffnen und sagen: Jawohl, zwar haben auch wir hier zu Hause viele Probleme – sie haben recht; wenn wir darum ringen, ob wir eine neue Regierung bilden können, dann stehen Kinderrechte auch in Deutschland ganz oben auf der Tagesordnung –, aber ein Blick hinaus in die Welt zeigt, dass wir nicht nur an uns denken dürfen, sondern auch anderen Kindern helfen müssen.

Deshalb noch einmal: Herzlich willkommen, ganz herzlichen Dank und auch Dank dafür, dass ihr mit eurer Anwesenheit diesem Haus, in dem ja viele Menschen arbeiten, Segen gebt. Wir glauben, dass dieser Segen uns anspornt, noch mehr zu tun, damit die Welt ein bisschen besser wird, auch wenn sie viele, viele Probleme hat.

Danke und herzlich willkommen.