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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Vorstellung einer Biografie des Bundeskanzlers a. D. Schröder am 22. September 2015

Datum:
22. September 2015
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Rathnow,
sehr geehrter Herr Schöllgen,
sehr geehrter Herr Schröder,
meine Damen und Herren,

ich darf das Buch vorstellen. Dieses Buch umfasst insgesamt 1.038 Seiten, davon 936 Seiten Text und 102 Seiten Anmerkungen, Personenregister und Bildnachweise. Schon mit dem Umfang und mit dem Aufbau wird deutlich, dass sich hier ein Autor mit wissenschaftlichem Anspruch ans Werk gemacht hat – ein Autor, der unzählige Gespräche mit Familienangehörigen, Freunden, Gegnern, Weggefährten und Zeitzeugen geführt hat – auch mit mir – und der Zugang zu einem großen Schatz persönlicher Unterlagen und Akten bekam, auch zu denen des Kanzleramts. Ein Autor, der – das kann ich zumindest für die Unterlagen im Bundeskanzleramt sagen – das entgegengebrachte Vertrauen nicht enttäuscht und trotzdem seine Unabhängigkeit bewahrt hat. Ein Chronist, der dem Buch den schlichten Titel „Gerhard Schröder – Die Biographie“ gegeben hat und mit genau dieser Schlichtheit seinen ganzen Anspruch zeigt, nämlich den Anspruch, eine – wenn es eben geht – lückenlose, zumindest akribisch präzise Rekonstruktion der Familiengeschichte und des Lebenswegs von Bundeskanzler Gerhard Schröder zu schreiben. Aber nicht nur das, sondern mit dem Ziel, mit dieser Schilderung alle wichtigen persönlichen wie politischen Entscheidungen und Weggabelungen einordnen und bewerten zu können – stets verbunden mit zeitgeschichtlichen Einordnungen, zum Beispiel zum Ersten und Zweiten Weltkrieg oder zu wichtigen Etappen der deutschen Nachkriegsgeschichte bis heute. Vergessen wir nicht: In diesem Jahr feiern wir 25 Jahre Deutsche Einheit. Ohne diese Deutsche Einheit könnte ich diese Buchvorstellung definitiv nicht vornehmen.

Der Autor will zum Kern dessen gelangen, was den Sohn, den Bruder, den Schüler, den Lehrling, den Studenten des sogenannten zweiten Bildungswegs, den Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, den Doktoranden, den Rechtsanwalt, den Ehemann, den Vater, das SPD-Mitglied seit 52 Jahren, den Juso-Vorsitzenden, den niedersächsischen Ministerpräsidenten, den SPD-Vorsitzenden, den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland während seiner Amtszeit und danach ausmacht und wer und was ihn geprägt hat.

Professor Schöllgen lässt dabei auch amüsante Details nicht unerwähnt, wie etwa, dass der 19-jährige Gerhard Schröder nach seiner Musterung beim Kreiswehrersatzamt Göttingen den Tauglichkeitsgrad T2 erhielt und der Ersatzreserve I zugeteilt wurde, weil die ärztliche Untersuchung Krampfadern diagnostiziert hatte. Später wurde Gerhard Schröder ganz vom Wehrdienst befreit, da nach dem Wehrpflichtgesetz Halb- oder Vollwaisen vom Wehrdienst zu befreien waren, sofern der Wehrpflichtige der einzige lebende Sohn eines im Krieg ums Leben gekommenen Elternteils war. Das war, wie wir alle aus Erzählungen von Herrn Schröder wissen, bei ihm der Fall. Dieses Buch, diese Biografie schildert die Familiengeschichte Schröders bis weit in das vorige Jahrhundert beeindruckend und bewegend – zum Beispiel mit bislang unbekannten Fotos, die die große Ähnlichkeit von Vater und Sohn zeigen, und mit einer großen Fülle an Dokumenten – viele ebenfalls bislang unbekannt, zum Beispiel aus Polizeiakten.

Der Autor gliedert sein Buch in sieben Kapitel, nicht einfach nach Lebensstationen – Kindheit, Jugend, Beruf, Politiker –, sondern unterteilt es nach jeweils prägenden Lebensphasen. In der Wahl der Kapitelüberschriften ist auch jeweils eine Wertung, eine Einordnung enthalten – Gerhard Schröder stets als handelnden, aktiven Menschen zeigend –: erstens „Der Aussteiger“, zweitens „Der Anwalt“, drittens „Der Kandidat“, viertens „Der Kämpfer“, fünftens „Der Macher“, sechstens „Der Reformer“, siebtens „Der Ratgeber“.

Von diesen sieben Einordnungen kommt mir die erste Überschrift – „Der Aussteiger“ – am überraschendsten vor. Viele würden bei der Familiengeschichte vielleicht eher an „Der Aufsteiger“ als an „Der Aussteiger“ denken. Denn über den zweiten Bildungsweg Abitur und Studium zu absolvieren, ist ja eine klassische Aufsteigergeschichte. Die Überschrift „Der Aussteiger“ empfinde ich aber als noch stärker. Schöllgen zitiert dazu Schröder aus dem Jahr 1993 mit dem Satz: „Ich wollte da raus.“ Die Überschrift „Der Aussteiger“ markiert das Eigenwillige und Eigensinnige, das die Hauptperson kennzeichnet – den Aussteiger aus bitterer Armut, von dem Schöllgen schreibt, dass er von seiner Mutter trotz ihres Leids und aller Entbehrungen bis zu ihrem Tode 2012 – und nun Gerhard Schröder zitierend – „nur Liebe erfahren“ habe. Mit diesen drei Worten macht er nebenbei klar, was den Kern des Lebens ausmachen sollte – egal ob materiell arm oder reich, gebildet oder ungebildet, oben oder unten.

In den folgenden Kapiteln – vom Anwalt bis zum Ratgeber – treten immer wieder Merkmale hervor, die den Politiker und Menschen Schröder so kennzeichnen, wie ich ihn auch persönlich kennengelernt habe, als sich unsere Wege zum ersten Mal in den 90er Jahren kreuzten, als er niedersächsischer Ministerpräsident war und ich Umweltministerin: unbedingtes Machtbewusstsein, Pragmatismus und Kämpfertum. Beim Pragmatismus ging es mir manchmal zu weit.

Als ich Umweltministerin wurde, war gleich als Erstes ein Castortransport auf der Tagesordnung. Der niedersächsische Ministerpräsident besuchte mich in der Außenstelle des Bundesumweltministeriums hier am Schiffbauerdamm. Ich hatte mir in meiner naturwissenschaftlich vorgebildeten Art ein Schema gemalt und mir Gedanken darüber gemacht, welche Gerichtsentscheidungen anstanden, welche Landesgerichte oder anderen Gerichte noch zu entscheiden hatten. Der niedersächsische Ministerpräsident aber kam eigentlich zu mir, um pragmatisch über die Frage zu reden: Wie können wir diesen Castortransport verhindern? Ich aber redete die ganze Zeit darüber, warum er nun unbedingt stattfinden musste. Ich weiß noch, dass er sich dann beim Hinausgehen wegdrehte und sagte, dass bald in den oberen Gerichten seine Leute und nicht mehr meine Leute sitzen würden und dass die Entscheidungen deshalb anders ausfallen würden. Ansonsten rief er mir hinterher: „Bei Ihrem Vorgänger wäre das anders abgelaufen.“ Darauf sagte ich: „Das kann schon sein.“ Das war mir zu viel Pragmatismus.

Auf der anderen Seite gab es eine zweite Begegnung, die mich mehr oder weniger gerettet hat. Da ging es nämlich um Sommersmog. Wir erinnern uns: 1995 schickte Frau Griefahn ihre Kinder nicht mehr auf die Straße zum Spielen, weil der Sommersmog so gefährlich war. Und ich bekam einen Weinanfall im Kabinett, weil das Bundeskabinett unter Helmut Kohl mir seit ewigen Zeiten kein Sommersmog-Gesetz billigte. Als ich das dann endlich geschafft hatte, musste es durch den Bundesrat, in dem dann Ministerpräsident Schröder die wesentliche Stimme war. Er sagte mir: „Mit Frau Griefahn fangen Sie mal gar nicht an zu sprechen; das machen wir beide jetzt mal.“ Wir haben dann in einem sehr pragmatischen Verfahren das Schlimmste an Fahrverboten verhindert und kamen sehr gut voran. Ich musste dann unbedingt mit Herrn Schäuble und Herrn Kohl sprechen. Ministerpräsident Schröder sagte mir vorher – das war im Bonner Bundesratsgebäude, in dem die Wege von den Fraktionssälen zum Plenarsaal ewig lang waren; manche erinnern sich vielleicht –: „Passen Sie auf, wenn Sie in fünf Minuten nicht zurück sind, fahre ich nach Hannover.“ Ich raste also um mein Leben, weil ich endlich dieses Gesetz durchbekommen wollte und ich Angst hatte, kurz vorm Ziel könnte es noch schiefgehen. Ich darf Ihnen beruhigend berichten, dass es dann doch gutgegangen ist. Falls Sie sich nicht mehr erinnern: Es gab einmal einen einzigen Tag, 24 Stunden lang, den Versuch eines Fahrverbots in der Bundesrepublik Deutschland. Dann kam Jürgen Trittin und wollte auch so ein Gesetz verabschieden. Da hat Bundeskanzler Schröder dann wieder das Schlimmste verhindert. Fest steht: Heute haben wir geringere Ozonbelastungen. – Also: Pragmatisch war er.

Die Macht. Dass Macht in einer Demokratie nichts Verwerfliches ist, was man verschämt tarnen sollte, macht Schröder von Beginn an klar. Schöllgen schreibt dazu: „Schröder ist ein Machtmensch. Er sucht die Macht, er ist süchtig nach Macht. Das weiß er und dazu steht er.“ Dann zitiert Schöllgen Schröder mit den Worten: „Was eigentlich hat jemand in der Politik zu suchen, der die politische Macht nicht will?“ Ich sage: Recht hat er.

Eng verbunden mit diesem Machtverständnis ist seine Fähigkeit zum Pragmatismus – ich sprach davon –; ebenso die Fähigkeit, ergebnisorientiert zu arbeiten und Kompromisse einzugehen. Ich konnte das bei den langwierigen Energiekonsensgesprächen wieder erleben. Allerdings hatte sich damals dann Oskar Lafontaine durchgesetzt, der um keinen Preis eine Einigung wollte. Deshalb kam auch mein gesamter Pragmatismus nicht zum Zuge, weil es eben unmöglich war, eine Einigung zu erreichen.

Schließlich der Kämpfer – sowohl nach innen, innerhalb seiner Partei, als auch nach außen als Wahlkämpfer. An dieser Stelle muss natürlich die „Agenda 2010“ erwähnt werden. Auch Professor Schöllgen macht das eingehend und zitiert in seinem Buch auch das, was ich in meiner ersten Regierungserklärung 2005 und seither immer wieder gesagt habe, nämlich dass Bundeskanzler Schröder sich mit der „Agenda 2010“ um unser Land verdient gemacht hat. Dass Deutschland heute so gut dasteht, hat ohne jeden Zweifel seinen Ausgangspunkt in den Reformen der „Agenda 2010“. Wir waren und sind in manchen Punkten gerade in der Außenpolitik fundamental anderer Meinung. Aber das ändert nichts an meiner Hochachtung für die Leistung des Reformers Gerhard Schröder.

Im Jahr 2005, also vor zehn Jahren, entschloss er sich zu vorgezogenen Neuwahlen. Ein Foto im Buch, das Gerhard Schröder und mich vier Wochen vor der Bundestagswahl 2005 zeigt, hat der Autor mit den Worten „siegesgewiss“ unterschrieben und auf mich bezogen erläutert, ich sei sicher, Gerhard Schröder zu schlagen. Hier muss ich dem Autor widersprechen. Dass die Umfragen gut waren, das wussten wir. Dass Bundeskanzler Schröder ein begnadeter Wahlkämpfer war, das wussten damals auch viele. Dass man ihn nie unterschätzen durfte, das haben manche trotzdem vergessen; ich – das darf ich für mich in Anspruch nehmen – nie, auch nicht vier Wochen vor der Wahl. Schöllgen schreibt: „Wieder einmal zeigt sich, welche Kräfte dieser Gerhard Schröder mobilisieren kann, wenn es um alles oder nichts geht. Das kennt er und das kann er, seit er sich behaupten muss. Und behaupten muss er sich seit Kindesbeinen an.“

Was also ist mein Fazit? Ich habe – das bitte ich zu verzeihen – noch nicht jede Seite aller 936 Seiten von vorne bis hinten lesen können. Ich habe einiges vertiefter, anderes weniger vertieft gelesen, aber immer wieder bei einzelnen Etappen haltgemacht. Doch was ich ganz sicher sagen kann, ist: Dieses Buch, im spannenden historischen Präsens geschrieben, ist es wert, von A bis Z gelesen zu werden. Es ist – um noch einmal den ebenso schlichten wie anspruchsvollen Titel zu zitieren – „Die Biographie“. In ihr wird mit großer Liebe zum Detail wie mit ebenso großem Respekt der Mensch und Politiker Gerhard Schröder kenntlich gemacht. Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen, auch um ein großes Stück deutscher Geschichte besser zu verstehen und nachvollziehen zu können.

Herzlichen Dank.