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Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Verleihung des Walther-Rathenau-Preises an Königin Rania von Jordanien am 17. September 2015

Datum:
17. September 2015
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Hoyer,
liebe Familie Mossner,
lieber Herr Lindner,
sehr geehrte Gäste aus Jordanien,
Exzellenzen,
Kolleginnen und Kollegen aus dem Bundestag,
Herr Staatssekretär Steinlein,
meine Damen und Herren,
aber vor allem: Majestät, liebe Königin Rania,

es ist mir eine Ehre, Sie zu ehren. Sie sind eine herausragende Persönlichkeit, die viel Hoffnung verbreitet. Mit Ihrem steten Einsatz für Bildung und Entwicklung eröffnen Sie jungen Menschen neue Perspektiven. Sie wenden sich mutig gegen Extremismus. Sie machen sich stark für Respekt gegenüber anderen, für Toleranz zwischen den Religionen und für Frieden unter den Völkern. Mit Ihrem Engagement haben Sie sich viel Anerkennung in der arabischen Welt und weit darüber hinaus erworben.

Ausdruck findet diese Wertschätzung heute auch in der Verleihung des Walther-Rathenau-Preises. Hinter dem Namensgeber verbirgt sich ebenfalls eine herausragende Persönlichkeit, an die sich Hoffnungen knüpften – wenn auch in einer anderen Zeit und in einem anderen Umfeld.

Walther Rathenau gehört zu den prägenden Gestalten der deutschen Geschichte. Er war Großbürger und Industrieller, Demokrat, politischer Wegbereiter und Verantwortungsträger. Als Außenminister in der Weimarer Republik stand Walther Rathenau vor enormen Herausforderungen. Der Erste Weltkrieg hatte schreckliches Leid über die Völker Europas gebracht. Nach seinem Ende erfolgte eine grundlegende politische Neuordnung. Daran knüpften sich Hoffnungen auf Stabilität – allerdings vergebens: Radikale Kräfte schürten neuen Hass und neue Gewalt. Walther Rathenau selbst wurde Opfer eines Mordanschlags rechtsextremistischer Terroristen. Diese verfolgten nur ein Ziel: die junge Republik zu stürzen, um ein autoritäres Regime zu errichten.

Das Erbe Walther Rathenaus hat die schlimmen Zeiten, die folgen sollten, den Nationalsozialismus und den Zivilisationsbruch der Shoa, überdauert. In einer Biografie heißt es über ihn: „Er war gebildet genug, um über Bildung, reich genug, um über Reichtum, Weltmann genug, um über die Welt erhaben zu sein.“ Erhaben – das verstehe ich in dem Sinne, dass er genügend Abstand hatte für einen klaren Blick auf die Dinge, ohne seine Vision von einer gerechteren Welt aus den Augen zu verlieren.

Majestät, von dieser Beschreibung lassen sich Parallelen zu Ihnen ziehen. Sie haben die Gabe, Situationen treffend zu analysieren. Zugleich prägt Sie das Vertrauen, dass sich Dinge zum Guten wenden lassen. Sie setzen auf die Kraft des Einzelnen, sich weiterzuentwickeln, voranzukommen und Erfolg zu haben. Sie selbst sind ein strahlendes Vorbild. Als Kind einer Familie, die ihre Heimat verlassen musste, haben Sie studiert und waren in international renommierten Konzernen erfolgreich tätig.

Ihre herausgehobene Rolle im haschemitischen Königshaus haben Sie von Beginn an auch dazu genutzt, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. 1995 haben Sie die Jordan River Foundation gegründet. Diese unterstützt Menschen dabei, ihren Weg zu finden und ihn eigenverantwortlich zu beschreiten. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt darin, Frauen und Kinder zu stärken. Sie haben verschiedene Programme ins Leben gerufen – unter anderem für Waisen oder zum Schutz vor Missbrauch und Gewalt. Sie helfen jungen Menschen, sich auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Bildung ist Ihnen wichtig. Sie wollen, dass sich persönliche Potenziale jedes Einzelnen entfalten können. Sie haben Preise gestiftet für guten Unterricht und die Initiative Madrasati gegründet. Das Wort bedeutet „meine Schule“. Es geht darum, Schulgebäude zu renovieren, um ein besseres Lernumfeld zu schaffen. Unermüdlich besuchen Sie Mädchenschulen und ermutigen die Schülerinnen, ihren gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft einzufordern. Sie erklären ihnen, wie wichtig Bildung ist. Sie ermuntern sie, eine Ausbildung zu machen oder so wie Sie zu studieren. Ihr Königin-Rania-Stipendienprogramm kooperiert mit Universitäten aus der ganzen Welt.

Ich möchte noch einmal danke dafür sagen, dass Sie gestern im Rahmen unserer G7-Präsidentschaft an der Konferenz von Frauen teilgenommen haben, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen.

Sie treten für Ihre Werte ein – auch gegen Widerstände und Kritik. Dabei treibt Sie die Sorge um Ihre Region. Der Nahe Osten kommt seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe. Der ungelöste israelisch-palästinensische Konflikt stürzt Familien auf beiden Seiten immer wieder in Trauer und Verzweiflung. Er sorgt für Leid, verbreitet Unsicherheit und großen wirtschaftlichen Schaden.

2011 verbrannte sich in Tunesien der junge Straßenhändler Mohammed Bouazizi. Angesichts der katastrophalen Lebensumstände hatte er jede Perspektive verloren. Sein Tod brachte eine große Protestwelle ins Rollen. Die Umwälzungen erfassten die gesamte Region. Es gab eine Reihe hoffungsvoller Aufbrüche. Aber wir erleben inzwischen auch, dass sich vielerorts Instabilität und Hoffnungslosigkeit breitmachen.

Derzeit stehen wir besonders unter dem Eindruck der Bilder und Nachrichten, die uns vom Bürgerkrieg in Syrien erreichen. Extremisten nutzen die Lage brutal aus und verschärfen die Krise zusätzlich. Die Terrorgruppe IS überzieht Teile Syriens, aber auch des Iraks mit abscheulichsten Gräueltaten. Diese Gefahr einzudämmen und zu stoppen, ist zwingend erforderlich. Dazu hat sich eine Allianz gebildet, der auch Jordanien angehört.

Majestät, uns allen ist Ihr Auftritt beim Mediengipfel in Abu Dhabi in Erinnerung. Damals, im November 2014, haben Sie deutlich gemacht, worauf es in dieser Situation ankommt: Es kommt darauf an, den Fundamentalisten den Nährboden zu entziehen. In Ihrer Rede hielten Sie der arabischen Welt vor, zum Terror des IS weitgehend zu schweigen und der hasserfüllten Propaganda zu wenig entgegenzusetzen. Sie forderten dazu auf, dies zu ändern. Um die Jugend vom, wie Sie es nannten, „Sirenengesang der Extremisten“ fernzuhalten, gebe es nur einen Weg – und zwar den Weg, jungen Menschen Alternativen aufzuzeigen: eine Ausbildung, eine Chance auf einen Arbeitsplatz, eine Perspektive auf ein gutes Leben.

Jordanien ist es gelungen, inmitten der instabilen Region Stabilität zu wahren. Ihr Land in direkter Nachbarschaft zu Syrien hat als eines der ersten Humanität und Solidarität mit den Flüchtlingen bewiesen. Inzwischen leben in Jordanien knapp eine Million Menschen, die ihre Heimat Syrien aus Angst um ihr Leben verlassen mussten. Jordanien ist ein Land mit 6,5 Millionen Einwohnern. Der große Zustrom an Flüchtlingen fordert die Infrastruktur Ihres Landes. Neben Unterkunft, Nahrung und Kleidung sind vor allem auch medizinische Versorgung und der Zugang der Kinder zu Schulen erforderlich.

Wir erleben gerade in diesen Tagen auch in Deutschland, was es bedeutet, schnell, am besten sofort, einer großen Zahl von Menschen Schutz zu bieten. Bei uns haben in den letzten Wochen viele, viele Menschen mit angepackt, um diese Herausforderung zu bewältigen. Diese Menschen setzen damit ein herausragendes Zeichen der Solidarität. Das breite Engagement zeigt: Diejenigen, die Hass schüren, zu Gewalt gegen Flüchtlinge aufrufen oder gar deren Unterkünfte anzünden, stehen außerhalb des gesellschaftlichen Konsenses. Sie missachten unsere Werte, sie zielen auf unsere Freiheit. Dagegen wehren wir uns – und zwar mit der ganzen Härte unseres Rechtsstaats.

Angesichts unserer eigenen Erfahrungen haben wir jedoch noch größeren Respekt als ohnehin schon für die unvergleichlich größere Herausforderung, der sich Jordanien als Zufluchtsort seit Jahren stellt. Deutschland unterstützt Sie und andere Nachbarländer Syriens dabei. Wir haben erst kürzlich beschlossen, zusätzliche Finanzmittel für die Versorgung und Betreuung in den Flüchtlingslagern der Region bereitzustellen. Wir stocken die Mittel für Krisenbewältigung und -prävention um insgesamt 400 Millionen Euro pro Jahr auf.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die vielen Millionen Kinder, die von der Krise betroffen sind. Majestät, dies ist auch Ihnen ein besonderes Anliegen. Sie unterstützen seit vielen Jahren das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. In zahlreichen Kampagnen haben Sie sich dafür stark gemacht, mehr Aufmerksamkeit auf die Belange der Jüngsten unter uns zu lenken. UNICEF hilft, die Not der syrischen Flüchtlingskinder zu lindern. Deutschland unterstützt zum Beispiel die Familienzentren der Organisation in den Aufnahmegemeinden. Dort sind neben syrischen Jungen und Mädchen auch jordanische Kinder willkommen. Wir freuen uns, dass wir Ihr Land auf diese Weise unterstützen können.

Umgekehrt zeigen auch Sie sich solidarisch. Ich erinnere mich an Ihre Reaktion auf die hinterhältigen Anschläge in Paris zu Beginn dieses Jahres. Wenige Tage später fand eine große Gedenkkundgebung in der französischen Hauptstadt statt. Gemeinsam mit Ihrem Mann, Seiner Majestät König Abdullah II., haben Sie daran teilgenommen. Dieses Zeichen gegen Terror und Gewalt, das Sie damit gesetzt haben, wissen wir alle hier in Europa sehr zu schätzen. Zugleich werben Sie dafür, Stereotype über Muslime und Araber abzubauen. Sie nutzen dafür auch die sogenannten sozialen Medien im Internet und treten über diese in Kontakt mit Jugendlichen in der ganzen Welt.

Sie sind eine Brückenbauerin – in mehrfacher Hinsicht. Sie bauen Brücken zwischen den Kulturen und Religionen. Damit machen Sie sich stark gegen Intoleranz und Fanatismus, wo immer sie zum Vorschein kommen, und werben für einen respektvollen Umgang, für Offenheit und Dialog. Sie bauen Brücken zwischen Menschen. Damit gehen Sie auf andere zu und werben dafür, dass viele Ihrem Beispiel folgen. Sie bauen Brücken für Menschen, die ihren Weg zum Erfolg suchen. Mit Ihrem Engagement für Bildung schaffen Sie für viele Jungen und vor allem auch für viele Mädchen bessere Startbedingungen. Sie bauen Brücken zwischen Tradition und Moderne. So verbinden Sie das Bewusstsein für alte, überlieferte Werte mit den Werten eines liberalen Menschenbildes des 21. Jahrhunderts.

Für all dies genießen Sie große Hochachtung. Daher darf ich Ihnen gleich – nach der Musik – den Walther-Rathenau-Preis überreichen. Herzlichen Glückwunsch von ganzem Herzen und von uns allen.