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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Verleihung der Goldenen Victoria für Integration an Miroslav Klose am 11. September 2014

Datum:
11. September 2014
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrter Herr Fürstner,
liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten,
liebe Staatsministerinnen Özoğuz und Böhmer,
meine Damen und Herren
und – vor allem – lieber Miroslav Klose,

Sie haben schon viele Pokale in der Hand gehalten. Der, den Sie nach dem WM-Finale in den Abendhimmel Brasiliens streckten, sticht gewiss besonders hervor. Es war, wie wir heute wissen, der krönende Abschluss einer außergewöhnlich langen und erfolgreichen Karriere in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Noch einmal: Herzlichen Glückwunsch von uns allen.

Es wird Sie nicht verwundern: Heute erhalten Sie einen etwas anderen Pokal. Auch ihn haben Sie sich mehr als verdient – auch durch Fußball, aber nicht allein. Sie werden mit der Goldenen Victoria für Integration ausgezeichnet. Um diese Auszeichnung zu bekommen, zählen nicht nur sagenhafte Tore. Da zählt, wie Sie den Wechsel von Polen nach Deutschland gemeistert haben.

Als Sie mit Ihrer Familie nach Deutschland kamen, waren Sie in etwa so alt, wie es heute Ihre Zwillingssöhne sind. Der Umzug veränderte vieles in Ihrem Leben. Der Anfang war wahrlich nicht leicht. Zunächst waren Sie – wir haben es auch gerade im Einspieler gesehen – in einem Heim für Spätaussiedler untergebracht. Sie mussten Sprachprobleme und anfängliche Schwierigkeiten in der Schule überwinden. Das war für ein Kind gewiss eine schwierige Situation. Doch Sie haben es geschafft. Sie fanden schnell Anschluss. Dabei half Ihnen im Allgemeinen – wir haben die Ausnahme gesehen – sicherlich auch und gerade der Fußball.

Ich bin davon überzeugt, dass Sie auch als gelernter Zimmermann Ihren Weg gemacht hätten. Aber was wäre das für ein Verlust für den deutschen Fußball gewesen? Schließlich haben Sie als Fußballer Ihr Handwerk ganz offensichtlich gut verstanden. Sie haben die meisten Tore in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft geschossen. Damit haben Sie Gerd Müller überholt, den Sie, wie ich weiß, sehr verehren. Sie sind WM-Rekordtorschütze. Und damit haben Sie den Brasilianer Ronaldo überholt. Es kommt nicht von ungefähr, dass am 15. Juli ein Teamkollege von Ihnen auf der Berliner Fanmeile eigens ein Liedchen auf Sie anstimmte und zigtausende Fußballfreunde mit einstimmten.

Sie leben vor, wie wichtig es ist, als Team zu gewinnen. Sie haben mit der Mannschaft und für die Mannschaft hart gearbeitet. Sie sind keiner, der darauf wartet, dass es die Mitspieler für Sie richten, sondern Sie gehen selbst voran. Neben Teamgeist ist für Sie auch Fairness nicht nur irgendein Schlagwort. Davon zeugt der eine oder andere Fair-Play-Preis.

Für Ihr Verantwortungsbewusstsein genießen Sie hohe Wertschätzung – bei Mitspielern, Trainern, Fans und Journalisten. Sie sind ein großartiger Sportler, ein starker Sympathieträger und ein wunderbares Vorbild für den Fußball wie auch für ein gutes Miteinander im alltäglichen Leben. Sie vermitteln, dass Deutschland Ihre Heimat ist und Sie gleichzeitig stolz auch auf Ihre polnischen Wurzeln sind. Ich vermute – eigentlich weiß ich es –, dass Sie sich auch in Italien wohlfühlen. Sie zeigen, wie bereichernd es ist, in mehreren Kulturen und Sprachen zu Hause zu sein.

Die Deutschlandstiftung Integration verleiht Ihnen dafür die Goldene Victoria. Warum die Wahl auf Sie fiel, begründet sie mit den Worten: „Als Repräsentant einer bunten und vielfältigen Nationalmannschaft steht er für ein weltoffenes und tolerantes Deutschlandbild.“

Lieber Miroslav Klose, Ihre Lebensgeschichte erzählt etwas über unser Land. Die ganze Nationalmannschaft – gerade auch mit ihren Spielern, die nicht alle in Deutschland geboren sind – erzählt etwas über unser Land. Sie erzählen von einer Weltoffenheit unseres Landes, das große Chancen für jeden bereithält. Ihr Team, mit dem Sie den Weltmeistertitel geholt haben, ist eine der besten Visitenkarten Deutschlands. Ihre Zeit in der Nationalmannschaft mag nun hinter Ihnen liegen. Sie haben aber einen bleibenden Eindruck hinterlassen und Maßstäbe gesetzt. Junge Spieler werden Ihnen nacheifern. Auch sie werden ihre persönlichen Lebensgeschichten und Erfahrungen einbringen.

An dieser Stelle danke ich ausdrücklich dem Deutschen Fußball-Bund als langjährigem Fürsprecher und Förderer der Vielfalt im Fußball. Dieses Engagement strahlt auf die gesamte Gesellschaft aus. Es lässt Vielfalt als Bereicherung, als gewinnbringend für unser ganzes Land erkennen. Das erleichtert Integration. Denn sie ist, wie wir wissen, kein Selbstläufer. Sie erfordert immer wieder Mut, Eigeninitiative, die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen; und zwar von denen, die immer schon hier leben, genauso wie von denen, die zuwandern – also von beiden Seiten.

Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger hat 2008 die Deutschlandstiftung Integration gegründet, um Mut zur Integration zu machen, um Vielfalt in unserem Land zu stärken und Erfolgsgeschichten herauszustellen und zu würdigen. In diesen wenigen Jahren ist es gelungen, mit außergewöhnlichen Initiativen eine breite Aufmerksamkeit für diese Themen zu gewinnen. Als Schirmherrin unterstütze ich das Wirken der Deutschlandstiftung und wünsche allen Beteiligten weiterhin kreative Ideen und viel Erfolg.

Liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten, ich kann Sie gemeinsam mit der Deutschlandstiftung nur ermuntern: Gehen Sie Ihren Weg. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn es einmal nicht so läuft, wie vielleicht erhofft. Sie haben viele, die Ihnen zur Seite stehen.

Lieber Miroslav Klose, kämen Sie heute erstmals nach Deutschland, wer weiß, vielleicht wären Sie dann auch Stipendiat der Deutschlandstiftung. Sie haben es allerdings auch so geschafft und sich ins Herz der Nation gespielt. Sie sind Vorbild für viele. Ich freue mich, Ihnen dafür jetzt den Preis übergeben zu dürfen.