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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum Tag der Heimat am 30. August 2014

Datum:
30. August 2014
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Erika Steinbach,
sehr geehrter Herr Parlamentspräsident,
Exzellenzen,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten,
meine Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung zum Tag der Heimat. Ganz besonders möchte ich mich beim Präsidium des Bundes der Vertriebenen für die Ehrenplakette bedanken, die Sie mir verliehen haben, und bei Ihnen, liebe Frau Steinbach, für Ihre freundlichen Worte.

Ich fühle mich durch die Auszeichnung geehrt, zumal wenn ich die Liste derjenigen bedenke, die die Ehrenplakette bereits erhalten haben. Erster Preisträger war 1962 der Schlesier Paul Löbe, der ehemalige Reichstagspräsident und Alterspräsident des ersten Deutschen Bundestages. Auch viele weitere Preisträger waren selber Opfer von Vertreibung. Ich nenne nur zwei aus jüngerer Zeit: Peter Glotz, in Eger geboren, der sich gemeinsam mit Erika Steinbach für ein Dokumentationszentrum zu Flucht und Vertreibung stark gemacht hat, und den ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, der einer donauschwäbischen Familie entstammt.

Aber es gibt auch viele Preisträger, die keine Vertriebene waren. Das ist gut und richtig. Denn es zeigt, dass der Einsatz für die Sache der Vertriebenen nicht allein Aufgabe der Vertriebenen ist. So war Konrad Adenauer, einer der ersten Preisträger, nicht persönlich von Flucht oder Vertreibung betroffen. Er verstand es aber als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diejenigen zu unterstützten, die wie die Flüchtlinge und Vertriebenen in besonderem Maße unter den Kriegsfolgen gelitten haben. Bereits die erste von ihm geführte Bundesregierung brachte daher Gesetze zur Eingliederung von Flüchtlingen und Vertriebenen wie zum Beispiel das bekannte Lastenausgleichsgesetz auf den Weg. Auch weitere Preisträger wie Helmut Kohl, Barbara Stamm oder Otto Schily waren nicht persönlich von Flucht oder Vertreibung betroffen. Aber auch sie verstanden es als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich für Anliegen der Vertriebenen einzusetzen und die Erinnerung an ihr Schicksal wachzuhalten.

Diese Aufgabe besteht fort. Sie, die Vertriebenen und ihre Nachkommen, die Landsmannschaften und Landesverbände des Bundes der Vertriebenen, leisten sehr viel, um diese Aufgabe zu erfüllen. Aber Sie können und Sie sollen diese Aufgabe nicht allein erfüllen. Wir alle, die wir in der Gesellschaft, in Kirchen, Medien und Politik Verantwortung tragen, können unseren Teil dazu beitragen.

Auch die Bundesregierung steht zu ihrer Verantwortung für die Vertriebenen. Für alle von mir geführten Bundesregierungen kann ich das jedenfalls sagen. Und ich freue mich, dass Bernd Neumann, der viel zu den Projekten beigetragen hat, heute anwesend ist. Die mir verliehene Ehrenplakette nehme ich daher auch und vor allem als Ansporn für die Zukunft an.

Meine Damen und Herren, fast auf den Tag genau vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Unweit von hier hielt Hitler am 1. September 1939 vor dem gleichgeschalteten Reichstag in der Kroll-Oper seine berüchtigte Rede aus Anlass des deutschen Überfalls auf Polen. Der von Deutschland entfesselte Krieg und die Verbrechen des Nationalsozialismus waren die Ursache für Millionen von Toten und für unermessliches Leid vieler Völker. Sechs Millionen Juden und viele andere Menschen starben in Ghettos und Vernichtungslagern oder wurden nahe ihrer Heimatorte ermordet. Das werden wir Deutsche niemals vergessen. Das ist Deutschlands immer währende geschichtliche Verantwortung. Zu dieser Verantwortung bekennen wir uns.

Im Bewusstsein dieser Verantwortung erinnern wir auch an das Leid, das viele Deutsche gerade zum Ende des Zweiten Weltkriegs erfahren mussten. Rund 14 Millionen Deutsche wurden aus ihrer Heimat vertrieben oder mussten fliehen. Wir, die wir Vergleichbares nicht erleben mussten, können die Schrecken nicht nachfühlen, die die Opfer von Flucht und Vertreibung erlebt haben. Wir sind es ihnen aber schuldig, ihrer Schicksale zu gedenken und die Erinnerung in dreierlei Hinsicht wachzuhalten.

Wir erinnern erstens an die Schrecken von Flucht und Vertreibung. Rund 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene – das sind 14 Millionen einzelne Schicksale. Menschen verloren Haus und Hof, Hab und Gut. Die Allermeisten sahen ihre Heimat nie wieder. Familien wurden auf der Flucht getrennt. Viele Flüchtlinge wurden misshandelt. Frauen wurden vergewaltigt. Viele Menschen wurden verschleppt oder umgebracht oder verloren auf der Flucht unter grausamen Umständen ihr Leben. Diese Erlebnisse und das Gefühl des Heimatverlustes begleiteten und begleiten die Vertriebenen ihr Leben lang.

Katharina Elliger, die als junges Mädchen aus Schlesien vertrieben wurde, schrieb fast 60 Jahre später – ich zitiere sie: „In dieser langen Zeit begleitete mich das mir selbst kaum eingestandene Gefühl, fremd und anders zu sein als andere. Zwar verlief mein Leben ‚normal‘ in einer kleinen Familie, mit guten Freunden und vielen geistigen Interessen. Dennoch blieb mein Vertrauen in die Welt und in das Leben erschüttert. Die Erfahrung menschlicher Abgründe hat mich geprägt und es mir schwer gemacht, mich zugehörig zu fühlen.“ – Ende des Zitats.

Es ist wichtig, dass es diese und viele andere Zeugnisse gibt. Es ist wichtig, dass wir denjenigen zuhören, die Flucht und Vertreibung selber erlebt haben. Wir müssen daran erinnern, welche Schrecken Vertreibung auslöst. Die Schicksale der Vertriebenen sind uns Mahnung, dass Vertreibung unter keinen Umständen zu rechtfertigen ist und niemals Mittel der Politik sein darf.

Wir erinnern zweitens an die Heimat, die die Vertriebenen verlassen mussten. Erinnerung an die Heimat – das bedeutet Erinnerung an über 700 Jahre Siedlungsgeschichte Deutscher in Schlesien, in Ostpreußen und Pommern, Erinnerung daran, dass jahrhundertelang Deutsche auch außerhalb des deutschen Staatsgebiets in Ost- und Südosteuropa gesiedelt und die Kultur dieser Staaten mit geprägt haben.

Auch Deutsche, die keine familiären Wurzeln östlich der Oder haben, sollten wissen, dass Breslau, Königsberg und Stettin einmal deutsche Städte waren, dass die Ostpreußen Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant und Käthe Kollwitz das deutsche Kultur- und Geistesleben ebenso geprägt haben wie der Schlesier Gerhart Hauptmann oder der in Prag geborene Rainer Maria Rilke und dass die Siebenbürger Sachsen oder die Russlanddeutschen ihre eigene Kultur und ihr eigenes Brauchtum haben wie die Bayern, Sachsen oder Württemberger. Dieses Erbe ist nicht wegzudenken. Es ist ein Teil unserer kulturellen Identität in Deutschland und darüber hinaus in ganz Europa.

Seit dem friedlichen Umbruch in Europa vor 25 Jahren wird unser kulturelles Erbe auch in den östlichen Partnerländern wieder neu entdeckt. Es ist ein völkerverbindendes Erbe von europäischem Rang geworden, das wir diesseits und jenseits unserer Grenzen partnerschaftlich pflegen.

Dazu wird die Bundesregierung die Kulturarbeit des Bundes mit Bedacht und Augenmaß weiterentwickeln. Wir wollen das Thema Flucht und Vertreibung und das reiche deutsche Erbe in Europa auch in Zukunft und auch für kommende Generationen lebendig halten, für Generationen, die dann keine unmittelbaren Zeitzeugen mehr kennen werden. Vom Bund und von den Ländern geförderte wissenschaftliche Institute, Museen und Einrichtungen der Kulturvermittlung wirken hierbei zusammen. Sie tragen gemeinsam mit Ihnen, den Vertriebenen, und mit Partnern im gesamten östlichen Europa dafür Sorge, das kulturelle Erbe und die Geschichte der Deutschen im östlichen Europa zu erforschen, zu bewahren und zu vermitteln.

Viele Beispiele zeigen, wie vielfältig, lebendig und zukunftsorientiert auf diesem Feld gehandelt wird. Ich nenne nur die Einrichtung einer Stiftungsprofessur für Geschichte und Kultur der Deutschen in der baltischen Region im estnischen Tallinn, dem alten Reval, und eine gemeinsame deutsch-polnische Ausstellung zum – wie es heißt – „Adel in Schlesien“ in Görlitz, Liegnitz und Breslau. Beide Projekte werden von der Bundesregierung gefördert.

Eine entscheidende Rolle für die Bewahrung kultureller Traditionen haben natürlich diejenigen, die in ihrer Heimat in Ost- und Südosteuropa verblieben sind. Die Bindung an die deutsche Sprache und die dauerhafte Sicherung ihrer kulturellen Identität sind für die Angehörigen der deutschen Minderheiten von essenzieller Bedeutung. Ich möchte mich herzlich bei all denen bedanken, die aus Deutschland heraus helfend die Hand reichen, um dies zu ermöglichen. Auch die Bunderegierung wird ihre Hilfen fortsetzen. Sie wird weiterhin Maßnahmen zur Wahrung und Stärkung ihrer Identität und zur Verbesserung ihrer Lebensperspektiven fördern.

Ich sagte es schon: Viele engagieren sich ehrenamtlich. Sie unterstützen zum Beispiel den Aufbau von Begegnungsstätten und Bibliotheken, die Restaurierung von Kirchen in den Heimatgemeinden, sie organisieren Ausstellungen, Symposien, Studienfahrten und fördern so die Begegnungen mit den in der Heimat Verbliebenen ebenso wie mit unseren europäischen Nachbarn. Für dieses Engagement können wir gar nicht dankbar genug sein.

Meine Damen und Herren, wir erinnern uns drittens an die Ankunft und die Integration der Vertriebenen in Deutschland. Der Neuanfang war schwer und wurde den Vertriebenen von vielen Alteingesessenen oft nicht leicht gemacht. Sie waren zwar Deutsche wie diese und sprachen dieselbe Sprache, aber sie sprachen andere Dialekte, kannten die regionale Kultur nicht und gehörten auch oft einer anderen Konfession an. Die Bereitschaft, diese Unterschiede anzunehmen und vielleicht sogar als bereichernd anzusehen, war bei der alteingesessenen Bevölkerung – damals ja unter schwierigen Umständen – häufig gering.

Noch geringer war das Interesse, von den Vertriebenen etwas über ihr Schicksal und die erlebten Schrecken zu erfahren. Das lag zum einen an der eigenen materiellen Not. Denn auch die Alteingesessenen hatten natürlich die Schrecken des Krieges erlebt und litten unter den Kriegsfolgen. Zum anderen war es leider aber auch so, dass häufig das Verständnis für das Schicksal der Vertriebenen fehlte.

Noch schwerer war es für die Vertriebenen in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR, die dort beschönigend „Umsiedler“ genannt wurden. Sie hatten über ihr Schicksal zu schweigen. Erst seit dem Mauerfall vor 25 Jahren können sie offen über ihr Schicksal sprechen.

Die Vertriebenen fühlten sich anfangs ausgegrenzt und diskriminiert. Dazu kam der wirtschaftliche Abstieg: Sie hatten Hab und Gut verloren. Sie hatten zunächst keine eigene Wohnung und auch keinen Arbeitsplatz. Die wirtschaftliche Situation der Vertriebenen blieb auf Jahre hinaus schlechter als die des Bevölkerungsdurchschnitts.

Dass die Integration der Vertriebenen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dennoch so gut gelungen ist, ist eine Leistung, auf die wir stolz sein können. Das ist trotz aller Unterstützung seitens des Staates wie auch vieler Privater in erster Linie den Vertriebenen zu verdanken. Herzlichen Dank dafür.

Mit harter Arbeit, großem Fleiß und großer Disziplin gelang es ihnen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Sie gründeten ihre eigenen Verbände und traten für ihre Rechte ein. Dabei betonten sie die Bereitschaft zur Versöhnung und zum Aufbau eines geeinten Europas. Auf ihren Beitrag zum wirtschaftlichen und politischen Aufbau Deutschlands können die Vertriebenen wahrhaft stolz sein.

Die Aufgabe, Deutsche aus der Heimat bei uns zu integrieren, ist übrigens keineswegs abgeschlossen. Denn seit den 50er Jahren sind fast 4,5 Millionen Aussiedler und Spätaussiedler einschließlich ihrer Familienangehörigen nach Deutschland gekommen. Die Bundesregierung bekennt sich weiter zu ihrer Verantwortung für die Angehörigen der deutschen Minderheiten in Osteuropa. Sie lässt ihnen auch weiterhin die Möglichkeit, ihre Zukunft in ihrer Heimat zu gestalten oder aber im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen nach Deutschland auszusiedeln.

Es freut mich sehr, dass wir diese gesetzlichen Bestimmungen im vergangenen Jahr verbessern konnten. Durch die Novelle des Bundesvertriebenengesetzes konnten wir erreichen, dass die Zusammenführung bislang getrennter Spätaussiedlerfamilien in grundlegender Weise erleichtert wird. Damit haben wir der besonderen Bedeutung des Familienzusammenhalts der Spätaussiedlerfamilien und dem Umstand Rechnung getragen, dass der Verlust der deutschen Sprachkenntnisse zum Kriegsfolgenschicksal der Russlanddeutschen gehört. Darüber hinaus haben wir mit der Gesetzesnovelle Erleichterungen für die Aufnahme von Spätaussiedlern geschaffen, die noch in den Aussiedlungsgebieten verblieben sind.

Heute leben in Deutschland viele Millionen Deutsche, die Heimatvertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler sind oder von ihnen abstammen. Dies alles zeigt, wie treffend das Leitwort des heutigen Tages der Heimat ist. Es lautet: „Deutschland geht nicht ohne uns“. In ihrer Erklärung zu diesem Leitwort hat Erika Steinbach einige genannt, die Deutschland als Politiker und Unternehmer, als Künstler und Sportler geprägt haben und weiter prägen. Es ist eine beeindruckende Liste geworden, die sich fast beliebig verlängern ließe.

Meine Damen und Herren, es ist wichtig, an all dies zu erinnern: an die Schrecken von Flucht und Vertreibung, an die Heimat, an die Integration der Vertriebenen. Aber diese Erinnerung darf nicht nur am Tag der Heimat und im Kreis der Vertriebenen stattfinden. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich über die Kultur und das Schicksal der Vertriebenen zu informieren. Die vom Bund und von den Ländern geförderten Landesmuseen zur Geschichte und Kultur der ehemaligen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete im östlichen Europa gehören dazu, ebenso Wanderausstellungen wie „Die Gerufenen“, „Erzwungene Wege“ und „Angekommen“.

Es muss aber noch mehr als bisher gelingen, die Erinnerung an das Schicksal und die Kultur der Vertriebenen in die Gesellschaft zu tragen, auch zu denjenigen, die sich nicht aus eigenem Erleben oder familiärem Hintergrund für das Thema interessieren. Deshalb freue ich mich sehr, dass wir vor gut einem Jahr den Baubeginn der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung feiern konnten.

Das von Ihnen, den deutschen Heimatvertriebenen, eingeforderte sichtbare Zeichen gegen Flucht und Vertreibung wird nun hier, im Herzen Berlins, im nahegelegenen Deutschlandhaus Zug um Zug deutlicher erkennbar. Hier wird mit Empathie an das millionenfache Leid der Deutschen aus den ehemaligen Ost- und Siedlungsgebieten erinnert werden. Zugleich gibt es Anstoß und Raum, um der zahllosen Opfer aller Altersgruppen zu gedenken. Für mich ist dies auch ein Gebot der Menschlichkeit. Ich bin Ihnen, liebe Frau Steinbach, dankbar, dass Sie diese wichtige erinnerungspolitische Aufgabe über viele Jahre beharrlich und oft gegen heftigen Widerstand angemahnt haben.

Mit der einvernehmlich verabschiedeten Konzeption für ihre zukünftige Arbeit und den Leitlinien für die geplante Dauerausstellung hat die Stiftung bereits im Sommer 2012 einen ganz wichtigen Meilenstein erreicht. Jetzt warten wir alle voller Ungeduld darauf, dass die Stiftung, sobald es der Baufortschritt ermöglicht, ihre Türen öffnen kann. Deshalb werden wir dafür Sorge tragen, dass das Tempo bei der Fertigstellung des Ausstellungs-, Dokumentations- und Informationszentrums nicht nachlässt.

Auch den im Koalitionsvertrag vereinbarten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung haben wir in dieser Woche im Kabinett beschlossen. Am 20. Juni jedes Jahres werden wir in besonderer Weise unserer Vertriebenen und der weltweiten Opfer von Flucht und Vertreibung gedenken. Ich bin sicher, dieser Gedenktag wird dazu beitragen, Schicksal und Kultur der deutschen Heimatvertriebenen vielen Deutschen in Erinnerung zu rufen, denen dieses Thema nicht oder nicht mehr bekannt ist.

Eines ist mir dabei besonders wichtig. Es betrifft sowohl die Konzeption der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung als auch die Konzeption des Gedenktages. Das Gedenken wird über das erlittene Unrecht der deutschen Vertriebenen am Ende des Zweiten Weltkriegs hinausgehen. Denn nicht nur Deutsche sind Opfer von Flucht und Vertreibung geworden. Flucht und Vertreibung – wir erleben es in diesen Tagen – sind leider immer noch allgegenwärtig.

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Der Historiker Michael Schwartz hat ihn in Fortführung eines Gedankens von George F. Kennan bezeichnet als – ich zitiere: „Urkatastrophe der Radikalisierung und Ausbreitung ethnischer ‚Säuberungen‘ in weiten Teilen Europas“ – Ende des Zitats. Es kam bereits am Ende des Ersten Weltkriegs und danach zu einer Vielzahl von Vertreibungen und erzwungenen Umsiedlungen. Eine Ursache dieser Vertreibungen war die radikal übersteigerte Vorstellung eines ethnisch homogenen Nationalstaats. Menschen verloren ihre Heimat und oft ihr Leben, weil sie in einer bestimmten ethnischen Gruppe eben nicht zu Hause waren und ihr nicht zugerechnet werden konnten, nämlich der Mehrheitsgruppe.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts teilten und bis heute teilen Millionen von Menschen ihr Schicksal. In den 30er Jahren fanden Massenvertreibungen ethnischer Minderheiten innerhalb der Sowjetunion statt. Im Zweiten Weltkrieg wurden Polen von Deutschen aus Westpreußen, dem Posener Gebiet, und am Ende des Zweiten Weltkriegs aus den polnischen Ostprovinzen vertrieben, die der Sowjetunion angeschlossen wurden. Deutsche wiederum wurden aus ihren Siedlungsgebieten östlich der Oder vertrieben. Die Ermordungen und Vertreibungen im zerfallenden Jugoslawien der 90er Jahre sind den meisten von uns noch in schrecklicher und lebhafter Erinnerung. Ganz aktuell schockieren uns die Bilder von syrischen Flüchtlingen und die Berichte fliehender Jesiden und Christen im Irak. Die Brutalität, mit der gegen sie vorgegangen wird, verschlägt uns die Sprache.

Allein 2013 flohen weltweit 51 Millionen Menschen vor kriegerischen und gewalttätigen Auseinandersetzungen oder waren wegen politischer, ethnischer oder religiöser Verfolgung gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Wir müssen deshalb unsere Stimme gegen die Vertreibungen von heute erheben. Vertreibungen sind immer Unrecht. Sie sind durch nichts zu rechtfertigen, erst recht nicht durch den Verweis auf eine andere Sprache, Nationalität, Ethnie oder Religion, der die Vertriebenen angehören. Wir müssen Verständnis und Empathie für die Flüchtlinge und Vertriebenen der heutigen Zeit haben. Unsere eigenen geschichtlichen Erfahrungen können uns dabei helfen.

Das Gedenken an Flucht und Vertreibung soll immer auch zukunftsgerichtet sein. Wir wissen, dass die Antwort auf Flucht und Vertreibung nicht Rache oder Vergeltung sein kann. Die Geschichte mahnt uns vielmehr, dass der Weg der Aussöhnung in Europa und das Friedenswerk der Europäischen Union ohne vernünftige Alternative sind. Nur auf diesem Weg können wir verhindern, dass sich Schrecken wie die des 20. Jahrhunderts auch in Europa wiederholen.

Die deutschen Vertriebenen sind den Weg der Versöhnung seit vielen Jahrzehnten gegangen. Ich weiß, dass viele von Ihnen sich schon frühzeitig durch grenzüberschreitende Initiativen und den Aufbau freundschaftlicher Kontakte in die Heimat besonders um Verständigung und Versöhnung verdient gemacht haben. Sie haben neue Brücken zu unseren Nachbarn geschlagen und damit das geeinte Europa mitgeprägt. Hierfür ebenso wie für Ihr gesamtes, meist ehrenamtliches Engagement danke ich Ihnen sehr.

Ich danke auch den hauptamtlichen Mitarbeitern und dem Präsidium des Bundes der Vertriebenen für die Tätigkeit. Mein besonderer Dank gilt in diesem Jahr aber Ihnen, liebe Erika Steinbach. 16 Jahre lang waren Sie Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Sie waren in diesen Jahren die wichtigste und vernehmbarste Stimme der deutschen Heimatvertriebenen. Sie haben sich immer selbstbewusst und mit klaren Worten für die Rechte und Anliegen der Vertriebenen eingesetzt. Das hat Ihnen Anerkennung, aber auch viel Kritik und viele persönliche Anfeindungen eingebracht. Sie haben sich davon nicht beirren lassen.

Auch wenn nicht alle Forderungen des Bundes der Vertriebenen erfüllt sind, glaube ich, dass Sie das wichtigste Ziel in Ihrem Einsatz für die Vertriebenen erreicht haben: Das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen ist in der Bundesrepublik Deutschland nicht vergessen, im Gegenteil. Die Bedeutung der Heimatvertriebenen und ihrer Nachkommen ist und bleibt anerkannt, und zwar ganz dem Leitspruch dieses Tages entsprechend: „Deutschland geht nicht ohne uns“.

Ohne Ihren beständigen persönlichen Einsatz stünde die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wohl bis heute noch immer nur auf dem Papier. Der beeindruckende Ort der Information und der Begegnung, der im Deutschlandhaus in Berlin entsteht, ist Ihr großes, auch sehr persönliches Verdienst. Auch für einen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung haben Sie sich beharrlich eingesetzt. Das Gedenken an das Schicksal der deutschen Vertriebenen im Geist der Versöhnung ist damit fester in dieser Gesellschaft verankert, als es ohne Ihr Wirken der Fall wäre.

Kurzum: Zwar habe ich heute die Ehrenplakette des Bundes der Vertriebenen erhalten. Ich glaube aber, dass sich niemand in den letzten Jahren so sehr um die Vertriebenen verdient gemacht hat wie Sie, liebe Frau Steinbach. Dafür danke ich Ihnen im Namen aller Anwesenden.

Auch wenn das neue Präsidium des Bundes der Vertriebenen noch nicht gewählt ist, sichere ich Ihnen bereits heute zu, dass die Bundesregierung und ich ganz persönlich dem Bund der Vertriebenen und der Sache der Vertriebenen weiterhin verbunden bleiben werden.

Herzlichen Dank und alles Gute für die Zukunft!