Frau Bundeskanzlerin,
Sie eröffnen am 14.09.

die Internationale Automobilausstellung
in Frankfurt am Main.

Mit welchen Gedanken
reisen Sie diesmal dorthin

– angesichts der vielen Negativschlagzeilen, die die
Autoindustrie in der letzten Zeit verursacht hat?

Ja, ich freue mich erst einmal, dass ich wieder bei
der Internationalen Automobilausstellung dabei bin.

Aber es ist schon eine sehr besondere
Ausstellung, denn wir haben erlebt,

dass ein großer Vertrauensverlust im Blick
auf die Automobilindustrie eingetreten ist.

Und gleichzeitig wissen wir natürlich,
dass die Automobilindustrie

eine wichtige Säule unseres
wirtschaftlichen Erfolgs ist,

auch unseres Rufs als Exportnation und
des Qualitätssiegels “Made in Germany“.

Wir wissen auch, dass die Automobilindustrie
sich in einem starken Umbruch befindet.

Das heißt, wir haben auf der einen Seite
den Verlust von Vertrauen

im Blick auf Dieselantriebstechnologie, aber wir
werden natürlich auch sehr viele neue Entwicklungen

auf der Internationalen Automobilausstellung sehen.
Und deshalb werde ich deutlich machen,

dass Fehler, die passiert sind, natürlich
wieder gut gemacht werden müssen;

da haben wir noch erheblich zu tun.
Aber, dass wir auf der anderen Seite

– auch im Blick auf die über 800.000
Beschäftigten in der Automobilindustrie –

eine gute Zukunft für diese Branche wollen.

Auf der Homepage der IAA wird von den
beiden Megatrends Elektromobilität

und urbanen Mobilitätskonzepten gesprochen.
Mit dem Hintergrund des „Dieselskandals“

und dem einst so ambitionierten Ziel von einer
Million Elektrofahrzeugen 2020 sollte man doch meinen,

dass diese beiden Themen schon lange
auf der Straße angekommen sein müssten.

Wenn ich jetzt aber in der Innenstadt
unterwegs bin, sehe ich kaum Elektroautos.

Vielmehr sehe ich immer
mehr große SUVs rumfahren.

Da stelle ich mir dir Frage: Nimmt die
Bundesregierung diese beiden Themen

– „Elektromobilität“ und
„urbane Mobilitätskonzepte“ – wirklich ernst,

beziehungsweise werden hier
vielleicht die falschen Anreize geschaffen?

Wir nehmen diese Themen sehr ernst.

Wir haben ja im vergangen Jahr extra
eine Kaufprämie für Elektroautos eingeführt,

die von den Unternehmen und von der
Bundesregierung gemeinsam getragen wird.

Wir sehen allerdings, dass natürlich immer
noch nicht so ein breites Angebot da ist.

Und auf der anderen Seite, dass auch die
Lade-Infrastruktur in den Städten noch nicht so ist,

dass die Käufer auch
wirklich Vertrauen haben.

Trotzdem glaube ich, dass wir in beiden Bereichen
jetzt in der nächsten Zeit besser werden.

Wir werden ja hier auch
keinen linearen Anstieg haben,

sondern wenn, dann wird das
eher ein exponentieller Anstieg sein,

so wie wir das auch aus
anderen Technologien

– wenn ich mal an die
Solarenergie denke – erlebt haben.

Aber der Anfang gestaltet sich schwierig
und langsam, das würde ich auch sagen.

Was alternative Antriebstechnologien anbelangt,
möchte ich noch darauf hinweisen,

dass wir auf Technologieoffenheit setzen.

Das heißt, wir fokussieren uns nicht ausschließlich
auf die Elektromobilität, sondern wir warten,

ob auch vielleicht die Brennstoffzelle oder
synthetische Kraftstoffe eine Rolle spielen werden.

Und wenn Sie über intelligente
Stadtmobilitätskonzepte sprechen,

dann glaube ich,
ist schon viel im Gang.

Wir haben jetzt ja
die Diskussion mit den Kommunen,

in denen die NOx-Grenzwerte
überschritten werden.

Und hier müssen ja Pläne,
Luftreinhaltungspläne gemacht werden,

und da spielen natürlich intelligente
Verkehrskonzepte auch eine zentrale Rolle.

Alle kommunal Verantwortlichen wissen,

dass heute 30 Prozent des Verkehrs
im Grunde Parkplatzsuche ist.

Hier arbeitet man an
intelligenteren Konzepten.

Es gibt für den innerstädtischen Verkehr auch
immer mehr Autos, die man sich ausleihen kann,

die auf Elektromobilität zurückgreifen.

Man überlegt sich, wie man
die Ladeinfrastruktur verbessern kann.

Also, ich glaube, hier ist die Sensibilität gestiegen
und deshalb bin ich nicht so pessimistisch,

sondern glaube, dass wir hier – gerade auch
durch die Diskussion über die Luftreinhaltung –

nochmal einen Schub erreichen werden.

Stichwort „autonomes Fahren“. Dieses Thema
rückt ja immer mehr in den Vordergrund.

Nun ergeben sich damit
aber enorme neue Probleme.

Allerdings sind diese weniger technischer Natur,
vielmehr sind es ethische und rechtliche Probleme.

Wie geht die Bundesregierung
jetzt schon damit um?

Und könnten Sie sich selbst vorstellen,
diese Technologie im Alltag zu nutzen?

Um die zweite Frage zu beantworten:
Ja, ich könnte mir das vorstellen.

Ich glaube, dass das autonome Fahren
große Chancen birgt und mit sich bringt.

Wir haben ja heute schon
zunehmend Assistenzsysteme.

Das wird also auch keine
Veränderung von 0 auf 100 sein,

sondern es wird in bestimmen Verkehrssituationen
zuerst das assistenzgestützte Fahren geben,

bis das sich immer mehr in Richtung
autonomen Fahrens insgesamt entwickelt.

Das wird den Verkehrsfluss in den Städten
sehr viel besser machen und letztlich,

wenn wir es klug anstellen, auch die
Unfallgefährdung noch einmal herunterbringen.

Der Bundesverkehrsminister
hat viel Vorsorge getroffen.

Wir haben international die
Definition des Automobils geändert.

Es hängt nicht mehr davon ab, dass ein
Mensch hinter einem Steuerrad sitzt,

um ein Gefährt als
Auto zu bezeichnen.

Wir haben Veränderungen in der
Straßenverkehrsordnung vorgenommen.

Und der Bundesverkehrsminister – ganz wichtig –
hat eine Ethik-Kommission eingesetzt,

die sich genau mit diesen
ethischen Fragen befasst hat.

Und diese Kommission ist
zu dem Ergebnis gekommen,

dass wir sogar den technischen Fortschritt
einsetzen sollen, dass es also geboten ist,

das autonome Fahren wirklich nach vorne zu bringen.
Und das fand ich ein sehr interessantes Ergebnis.

Damit sind längst nicht alle Fragen geklärt,
wir haben hier noch einen langen Weg vor uns.

Aber, wir sollten uns diesen technologischen
Möglichkeiten gegenüber sehr offen zeigen.

Im Ingenieurbereich kommen die größten Anteile
der Forschungsgelder aus der Industrie.

Aber Forschung für die Industrie bedeutet ja
auch immer Forschung für spezielle Interessen.

Nun scheint die „Cash Cow“
Dieselantrieb noch nicht leer zu sein

und wir investieren zu viel Forschungsenergie
in die klassischen Antriebstechniken

anstatt in die alternativen.
Kann es dadurch sein,

dass wir hier den technologischen Anschluss verlieren
bzw. andere Länder uns damit den Rang ablaufen?

Und wenn ja,
wie steuern Sie dagegen?

Was die Forschungsausgaben anbelangt,
ist die Automobilindustrie

eine der forschungsintensivsten Industrien,
die wir in Deutschland haben.

Und wir sind ja auch froh, dass wir – in einer Teilung
von zwei Drittel Kosten aus der Wirtschaft

oder Aufwendungen aus der Wirtschaft,
ein Drittel Forschungsgelder aus der Politik,

aus den staatlichen Geldern – im Grunde
jetzt das Drei-Prozent-Ziel erreichen.

Wir können der Wirtschaft natürlich – und auch
nicht der Automobilindustrie – schwer vorschreiben,

wo sie nun genau forschen sollen. Aber wir
können schon von unserer Seite Prioritäten setzen.

Und hier sind die modernen Antriebstechnologien
natürlich für uns auch ein bevorzugtes Gebiet,

in dem wir Forschung unterstützen.
Und ich kann nur hoffen, dass

– auch gerade auch im Blick auf die
asiatischen Märke, insbesondere auf China,

wo wir jetzt schon eine sehr große
Diskussion über alternative Antriebstechnologien,

Elektromobilität haben, gerade wegen
der Verschmutzung in den großen Städten –

die deutsche Automobilindustrie
den Anschluss nicht verliert.

Und ich denke, die Diskussionen der Vergangenheit
haben dies auch deutlich gemacht,

dass man hier Schwerpunkte setzen muss.
Auf der anderen Seite müssen wir wissen,

dass wir auch noch auf Jahre und Jahrzehnte
auf den klassischen Verbrennungsmotor

– sei es Diesel-, sei es Otto-Motor –
angewiesen sein werden.

Und deshalb kann man auch die Forschung
in diesen Bereichen nicht völlig einstellen.

Aber das richtige Maß und
die richtige Mitte zu finden,

das wird eine der herausragenden
Aufgaben der Automobilindustrie sein.

Und die Entwicklungen werden
sich ja auch gegenseitig befruchten,

also die Möglichkeiten des autonomen Fahrens

werden die alternativen
Antriebstechnologien noch einmal forcieren;

und damit auch die Digitalisierung
voran bringen. Das heißt also:

Die Automobilindustrie steht hier schon vor einem
großen Umbruchprozess in den nächsten Jahrzehnten.